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"Lichtenberg aber fängt sie alle"

Thema des Tages "Lichtenberg aber fängt sie alle"

275 Jahre Lichtenberg: Göttingen feiert seinen „Stadtheiligen“ und den „Oheim der deutschen Satire“. Kernstück der festivalgleichen Veranstaltungsserie ist die Ausstellung „Lichtenberg Reloaded“, die am Freitag, 9. Juni, um 18 Uhr im Alten Rathaus in Göttingen eröffnet wird. Ersonnen, konzipiert und realisiert hat diese Schau, an der  sich mehr als 40 Künstler beteiligen, WP Fahrenberg . Insgesamt hat er sechs Jahre Arbeit in Ausstellung und Veranstaltungsserie aufgewendet. Im Tageblatt-Interview erklärt Fahrenberg, was Lichtenbergs Faszination heute noch ausmacht, was die Besucher der Bilderschau erwartet und welche Veranstaltung das Publikum auf gar keinen Fall verpassen darf.

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WP Fahrenberg will auf gar keinen Fall größer erscheinen als der Göttinger Stadtheilige Lichtenberg.

Quelle: Oppermann

Göttingen. Kleiner Mann ganz groß. Was macht Lichtenberg denn so groß und großartig?

Wenn Sie so fragen: seine Bescheidenheit. Wer über eine Milchstraße an Einfällen verfügt, über ebenso sprühenden wie mitfühlenden Humor, über alterslose Einsicht und Weisheit, und wer dadurch auch nach Jahrhunderten kluge, neugierige Menschen in Herz und Hirn berührt, ist etwas überaus Besonderes – und wird es bleiben.
 

Was bedeutet er Ihnen ganz persönlich?

Beim Erstkontakt – noch zu Schulzeiten – fand ich ihn nicht sonderlich spannend; viele seiner Gedanken hatte ich von anderen, wenn auch späteren Autoren schon gehört. Durch die langjährige Betreuung von Horst Janssens Lichtenberg-Zyklus (zusammen mit dem Göttinger Verleger Tete Böttger zeigten wir diese Arbeiten vielfach national und international) begann ich allmählich, tiefer zu schürfen – und verfiel dem weisen und witzigen Gnom auf ganzer Linie. Und wer sich einmal den Lichtenberg zugezogen hat, der kommt nie wieder von ihm los!
 

Die Ausstellung „Lichtenberg Reloaded“ wird Freitagabend im Alten Rathaus eröffnet – was gibt es dort genau zu sehen?

Was dieser Lichtenberg noch immer bei wachen Künstlerköpfen bewirkt hat und hervorzurufen imstande ist: von der zeitgenössisch aufgepeppten Illustration der Aphorismen und Notate über tiefschürfende Interpretationen unsterblichen Gedankenguts bis zum schwindelerregenden Weiterdenken moralischer und ethischer Parameter. Keinem Goethe, keinem Schiller ist dergleichen je in solchem Ausmaß widerfahren. Lichtenberg aber fängt sie alle; und lässt sie von der Strichzeichnung bis zum großformatigen Ölschinken, von der (Grab)Raum-Installation bis zum Multimedia-Projekt in seinen zierlichen Fußstapfen wandern, die Janssens und Gernhardts und Ehrts und Hoppmanns und Loriots und Glücks und Hurzlmeiers …
 

Woher stammen die Exponate?

In vielen Fällen direkt von den Künstlern beziehungsweise den Erben und von privaten Leihgebern. Sehr hilfreich waren wiederum Tete Böttger, das Museum für Komische Kunst Frankfurt, das Wilhelm-Busch-Museum Hannover …

 

Können Sie den Titel der Ausstellung erklären?

Wieso, gefällt er Ihnen nicht? 1992 machte ich in Göttingen die Schau „Lichtenberg Connection“; durch sie kamen zum Beispiel Robert Gernhardt, Rainer Ehrt und Hans Traxler auf den feinen L-Geschmack, großartige Zyklen entstanden. Bei der Fortsetzung „Reloaded“ passiert zur Zeit ähnliches.
 

Eine Hommage mit ziemlich viel Anlauf, der vor zwei Jahren im Wilhelm-Busch-Museum begann. Wie viele Vorbereitungen stecken darin, wie viel Zeit hat Sie das alles gekostet?
Insgesamt rund sechs Jahre voller Planungen, Diskussionen, Auseinandersetzungen und jeder Menge Spaß mit grandiosen Künstlern.

 

Georg Christoph Lichtenberg ist offenbar nicht nur der inoffizielle Stadtheilige Göttingens. Sie bezeichnen ihn auch gelegentlich als den Oheim der deutschen Satire. Welchen Einfluss hatte und hat er Ihrer Ansicht nach worauf?

Da schlagen Sie ganz einfach bei praktisch allen großen Humoristen deutscher Sprache nach, die sich zu dem Göttinger Meister geäußert und die jeder auf ihre eigene Art erfolgreich versucht haben, die dunklen Seiten des Lebens zu relativieren und für kurze Momente in das helle Licht der wahren Aufklärung und des befreienden Lachens zu stellen.

 

Mit dem Fachbereich Kultur der Göttinger Stadtverwaltung haben Sie ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung auf die Beine gestellt. Was darf man auf gar keinen Fall verpassen?

Den Herrn Hacke, den Herrn Zippert, und ganz besonders Herrn Polt und die Herren Well!

 

Zum Schluss, lieber Herr Kurator: Können Sie Ihr Lieblingsbild in dieser Ausstellung benennen?

Schwierig – aber da nenne ich die Installation der Hamburger Künstlerin Dagmar Detlefsen, deren Thema auch sonst das Forschen nach Spuren des Existenten im scheinbar Nicht-Existenten ist – so wie Lichtenberg es in dem Satz beschreibt „Ein Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt“. Detlefsen hat fotografisch Orte dokumentiert, an denen „Lichtenberg fehlt“, seine Weitsicht, seine Anregungen, seine spirituelle Präsenz. Zur Installation gehört, dass die Künstlerin signierte Drucke dieser Fotografien in der Ausstellung verschenkt. Wenn der Stapel alle ist, wird nicht nachgelegt; Lichtenberg fehlt! Und – auch eine Art Kunstwerk: der grandiose Nachbau eines Elektrophoren vom Göttinger Physiker-Ehepaar Johanna und Wolfgang Send.

Interview: Christoph Oppermann

Kontakt zum Autor:

E-Mail : c.oppermann@goettinger-tageblatt.de

Twitter: @tooppermann

Flyer:

Die wichtigsten Termine

  • Neben der „Lichtenberg Reloaded“-Ausstellung , die bis zum 13. August dienstags bis donnerstags jeweils von 11 bis 17 Uhr geöffnet ist, bietet das Lichtenberg-Jahr zahlreiche weitere Ausstellungen und Veranstaltungen in Göttingen:
  • Noch bis zum 2. Juli ist die Ausstellungsserie „Kunstsequenzen 2017 – G.C. Lichtenberg“ von Künstlern aus der Region im Künstlerhaus, Gotmarstraße 1, zur Besichtigung geöffnet, dienstags bis freitags von 16 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis 16 Uhr.
  • „Lichtenberg Aphorismen“ werden ab Dienstag, 13. Juni, in Form einer Plakatausstellung an Litfaßsäulen im Stadtgebiet und Umgebung zu sehen sein.
  • Lichtenbergs Rolle für die Wissensgeschichte des 18. Jahrhunderts wird ab dem 30. Juni in der Ausstellung „Lichtenberg Entdeckungen“ in der Paulinerkirche, Papendiek 14, thematisiert. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 11 bis 18 Uhr.

Lichtenberg auf allen Kanälen

  • Auf der Tageblatt-Themenseite gturl.de/lichtenberg werden alle Beiträge zur Reihe „Lichtenberg Reloaded“ gesammelt.
  • Neuigkeiten werden außerdem im kostenlosen WhatsApp-Service des Tageblatts vermeldet: Einfach bei WhatsApp eine Nachricht an die Nummer 01 60 / 90 66 09 11 schicken mit Angabe des eigenen Namens und dem Hinweis „anmelden“.
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Von Redakteur Christoph Oppermann