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Vizehausmeisterin Kunkel kümmert sich

50 Jahre Wohnquartier Holtenser Berg Vizehausmeisterin Kunkel kümmert sich

Am Anfang schick, dann verrufen, heute „wie auf dem Dorf“: Der Stadtteil Holtenser Berg wird 50 Jahre alt. Ingeborg Kunkel lebt dort seit 42 Jahren – und aus voller Überzeugung.

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Wohnt gerne auf dem Holtenser Berg: Ingeborg Kunkel

Quelle: Niklas Richter

Göttingen. Vor 50 Jahren, im Jahr 1967, wurde in Göttingen damit begonnen, das neue Wohngebiet Holtenser Berg zu erschließen. Seit 42 Jahren wohnt Ingeborg Kunkel dort. „Ich wohne gerne hier und ziehe hier nicht weg”, sagt die 83-Jährige.

„Am Anfang, zu Beginn der 70er-Jahre galt es als schick, auf dem Holtenser Berg zu ziehen, sagt die Rentnerin. „Wir wohnten vorher an der Geismar Landstraße, in einem alten Fachwerkhaus”, erinnert sie sich. Zunächst zog Ingeborg mit ihrem Mann an die Europaallee 36. „Es war ein Erstbezug, alles war schön und nagelneu”, sagt sie. Ihr Mann starb früh, mit 43. Zwei Kinder brachte Kunkel zur Welt, sie wuchsen von Anbeginn auf dem Holtenser Berg auf. Sie kennt ihren Berg und vor allem ihren Wohnblock wie kaum eine andere. Denn: Kunkel ist heute Vize-Hausmeisterin für die Städtische Wohnungsbau in ihrem Haus.

„In meinem Block leben 17 Parteien, sieben davon sind deutscher Herkunft, die anderen kommen aus aller Welt”, sagt sie. Ihre Nachbarn stammen aus Polen, Rumänien, Kasachstan. Richtigen Ärger hatte sie nie, die Polizei musste sie allerdings schon mal rufen. Einmal, weil Jugendliche, die nicht im Haus wohnten, im Keller eine kleine Party feierten. Einmal, weil ein Blechkasten auf dem Rasen vor dem Haus lag. „Da trauten sich nicht mal die starken Männer ran, weil sie dachten, der könnte explodieren”, sagt Kunkel. Wenn einmal der Aufzug oder die Klingel ausfällt, kümmert sich die Rentnerin. Nicht nur in ihrem Haus ist sie engagiert, Kunkel trägt auch den Gemeindebrief für ihre Kirche aus. Dort, so erzählt sie, „gibt es tolle Angebote für Senioren, aber auch für junge Familien”.

Woanders zu wohnen, käme für Kinkel nie in Frage. Sie ist überzeugte Bewohnerin des Holtenser Berges. „Schauen Sie doch mal, dieser Ausblick”, sagt sie. Von ihrem Balkon im fünften Stock sieht sie den Sonnenaufgang, aus dem Schlafzimmerfenster den Sonnenuntergang. Bis nach Northeim reicht der Blick über das Leinetal.

„In den 70er- und 80er-Jahren hatte der Holtenser Berg einen schlechten Ruf”, erinnert sie sich. Die Polizei war damals häufig dort. „Aber das waren Jugendliche aus der ganzen Stadt, die sich hier trafen und Ärger machten”, sagt sie. Heute sei das ganz anders. „Es ist ein bisschen wie auf einem Dorf”, sagt sie. Und sonntags „wie in einem Kurbad”.

Die drei Männer, die draußen auf einer Bank sitzen, sehen das anders als Kunkel. „Die Polizei kommt doch fast jeden Tag hier hoch”, sagt einer der Rentner. Aber was solle man machen. Sie tragen Jogginghose, Adiletten, sprechen mit Akzent und erfüllen damit die Vorstellung, die heute noch viele Göttinger vom Holtenser Berg haben. Mehr reden mögen die Männer nicht.

Kunkel hingegen lässt auf ihr Quartier nichts kommen. Vielleicht liegt es daran, dass sie schon so vieles erlebt hat, die Erfahrungen vieler Menschen teilen kann. Sie wurde im Krieg geboren, lebte als Scheidungskind in Lübeck und Hamm, hat in einer Konservenfabrik, auf dem Rübenacker, beim Tierarzt und in einer Fahrradteile-Firma gearbeitet. In Göttingen verkaufte sie unter anderem Pralinen bei Cron&Lanz. Nachdem ihr Mann, derentwegen sie an die Leine zog, gestorben war, machte sie eine Ausbildung zur Pflegehelferin und war 20 Jahre lang in der Hautklinik der Universität tätig. „Manchmal erkennen mich noch Menschen, die bei mir Patienten waren”, sagt sie. Auch beim Klinik-Hilfsdienst der „Grünen Damen” engagierte sich die agile Seniorin. Wer im Alter von 58 Jahren mit einem Dreigang-Rad von Hamm nach Göttingen radelt, muss wohl eine besondere Portion Energie haben. Noch zwei weitere Witwen wohnen seit den Anfangstagen in ihrem Haus, die aber gingen kaum noch vor die Tür. Die Vizehausmeisterin schaut ab und zu nach dem Rechten. Egal, ob Birken zu fällen oder eine Gitteranlage zu renovieren ist, Kunkel kümmert sich - nicht nur um ihren Block. Manchmal macht sie auch Urlaub, im nächsten Jahr geht es wieder nach Sylt - in ein Apartmenthaus mit Ausblick aus dem siebten Stock.

Holtenser Berg in Zahlen

Wer über den Holtenser Berg bummelt oder sich in der Ladenzeile tummelt, hört viele Sprachen. Kein Wunder, es ist der Stadtteil mit dem höchsten Ausländeranteil. Einige Zahlen, die das Referat Statistik und Wahlen der Göttinger Stadtverwaltung im Jahr 2016 ermittelt hat:

Quelle: r
  • 45, 7 Prozent der Menschen (1795 Bewohner), die auf dem Holtenser Berg leben, haben einen Migrationshintergrund. Das ist der höchste Wert im Stadtgebiet. Mit 42 Prozent folgt der Bereich Humboldtallee, dann mit 41,2 Prozent Alt-Grone. Zum Vergleich: Den niedrigsten Wert hat Esebeck mit 6,1 Prozent.
  • 528 Bewohner (13,4 Prozent) haben einen ausländischen Pass. Die größte Gruppe darunter kommt aus dem russischen Raum (62 Personen), gefolgt von Syrern (53), Polen (47), Türken (40) und Kroaten (37).
  • 3931 Menschen leben auf dem Holtenser Berg. Die größte Altersgruppe sind die 45 bis 60-Jährigen, nämlich 799 - das sind rund 20 Prozent. 698 Bewohner sind 30 bis 45 Jahre alt. 821 Menschen sind älter als 66 Jahre. Aber auch viele Kinder leben dort: 588 Einwohner des Stadtteils sind unter 15 Jahre alt.
  • 124 Mehrfamilienhäuser und 301 Einfamilienhäuser stehen im Quartier
  • 1367 Mietwohnungen sind geförderte Sozialwohnungen.
  • 127725 Quadratmeter Wohnraum auf 6824 Räume verteilt stehen auf dem Holtenser Berg zur Verfügung. 607 der insgesamt 1777 Wohnungen haben vier Zimmer, 465 drei Zimmer und 361 Wohnungen fünf Zimmer.
  • 54,7 Hektar Fläche umfasst das Quartier. Davon sind 81,5 Prozent Siedlungs- und Verkehrsflächen, 18,5 andere - beispielsweise Grünflächen. In der Innenstadt liegt dieser Wert bei unter einem Prozent, in Nikolausberg bei 80.

Längst kein Brennpunkt mehr

Die Städtische Wohnungsbau hat anlässlich des 50. Geburtstags einige geschichtliche Daten über den Holtenser Berg gesammelt. Die Gesellschaft besitzt dort mehr als 1000 Wohnungen.

Quelle: r

Am 11. Juli 1967 begann das 40 Hektar große „Demonstrativbauvorhaben“ mit der Grundsteinlegung für 1300 Mietwohnungen, 280 Eigenheime, ein Ladenzentrum, zwei Kirchen und Kindergärten. Rund 100 Millionen Mark investierten Bund, Land und Stadt damals, um der Nachkriegs-Wohnungsnot entgegenzuwirken. Das Quartier wurde bis in die 80er Jahre ausgebaut.

Steigende Arbeitslosigkeit

In diesem Jahrzehnt galt der Holtenser Berg dann als sozialer Brennpunkt. „Die Arbeitslosigkeit nahm zu. Es gab Probleme mit Jugendlichen – Prügeleien und Drogenkonsum waren an der Tagesordnung”, so steht es in der Chronik. Die Stadt errichtete ein Jugendhaus, etwas später eröffnete das Kinderhaus Abraxas – mit einem kostenlosen Betreuungsangebot. Anfang der 90er Jahre gab es eine erneute Phase der Wohnungsnot. So folgten den großen Wohnblocks zahlreiche Einfamilienhäuser und Seniorenwohnungen, die von der Wohnungsgenossenschaft auf der Nordseite des Holtenser Bergs gebaut wurden. Diese Erweiterung habe den Stadtteil positiv verändert, weil sich die Bevölkerungsstruktur durchmischte. „Der Holtenser Berg hat sich im Laufe der Jahre zu einem familienfreundlichen, attraktiven Wohngebiet in einer grünen Oase entwickelt”, so die Städtische Wohnungsbau.

Einsatzzahlen

Die Veränderung im Stadtteil spiegeln auch die Einsatzzahlen der Polizei wider. Waren es im Jahr 2006 noch 1188 polizeiliche Einsätze im Bereich Holtenser Berg (darunter 128 Straftaten), so sank die Zahl im Jahr 2010 auf 417, 2016 waren es 470 Einsätze. 2017 wurde die Polizei bislang zu 253 pol. Einsätzen gerufen. Das, so sagt Polizeisprecherin Jasmin Kaatz, zeige, dass es sich beim Holtenser Berg nicht um einen „polizeilichen Brennpunkt“ handle. “Er ist stattdessen ein Ort, an dem sich gut leben lässt”, so Polizeihauptkommissar Guido Schwarze.

Fest am Sonnabend

Ein Jubiläumsfest zum 50-jährigen Bestehen des Holtenser Berges wird am Sonnabend, 19. August, gefeiert. Das Nachbarschaftszentrum organisiert von 12 bis 18 Uhr im Bereich der Ladenzeile ein buntes Bühnenprogramm. Um 12 Uhr eröffnet der Posaunenchor das Fest, anschließend begrüßt Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler die Gäste. Um 13 Uhr gibt es Flamenco mit der Musa. Es folgen Rollatorentanz und die russische Gruppe „Lopotuschi“. Außerdem tanzt die Gruppe „Nuestra America“. Weiter geht es um 15 Uhr mit den „Swinging Amatörs“ und den „Power Drums“. Es folgen um 16 Uhr Auftritte der „Music-House-Allstars“ und der Hip-Hop-Gruppe der Tanzschule Rynkar. Ab 17 Uhr gibt es Gesang der deutsch-russischen Gesellschaft, und um 17.15 Uhr beginnt die große Zaubershow mit „Gerhardo“. Zudem gibt es Hüpfburg, Lichtpunktschießen, Kinderschminken, die Puppenbühne “Rubinblau” mit dem Stück „Malina und die Drachenkämpfer“ (10 und 16 Uhr im Gemeindezentrum, die Aufführung um 16 Uhr ist bilingual auf Deutsch und Arabisch geplant). Das Tageblatt ist mit vor Ort.

Von Britta Bielefeld

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