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„Paddler sind ein diszipliniertes Volk“

Sind Flüsse rechtsfreie Räume? „Paddler sind ein diszipliniertes Volk“

„Paddler sind ein diszipliniertes Volk. Der Großteil hält sich an die Regeln“, sagt Alexander Lorch, Sprecher der Wasserschutzpolizei Kassel. Das klingt andernorts anders: „Der Fluss als letzter rechtsfreier Raum“, urteilten Kollegen auch schon einmal über Bootsrabauken auf der Lahn.

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Nass aber glücklich: Gerd Wintermeyer nach Bootstour auf der Fulda durch den Regen.

Quelle: Gückel

Hann. Münden. Im Vergleich zu maritimen Sauftouren, wie sie auf touristisch massiv beworbenen Flüssen nicht selten sind, sind die Flüsse der Region entweder reglementierte Bundeswasserstraßen (Werra, Fulda, Weser) oder kleine Flüsschen für eher erfahrene Paddler (Rhume, Leine). Die polizeiliche Überwachung obliegt dem Wasserpolizeiposten Kassel, der laut einem Staatsvertrag auch für etwa 40 Kilometer niedersächsischen Flussverlauf zuständig ist. Insgesamt sind es 242 Kilometer (Fulda ab Morschen, Werra ab Heldra, Weser bis Bad Karlshafen).

Drei Boote, eines in Kassel, eines in Karlshafen und ein mobiles Boot auf Trailer, stehen den Wasserpolizisten zur Verfügung. Die Boote begleiten große Veranstaltungen wie Regatten, Lichterfeste, das Opern-Flair-Festival Eschwege oder die seltenen Schwertransporte zu Wasser. Sie werden auch eingesetzt, wenn es doch einmal einen Bootsunfall gibt. Die sind selten: 2014 gab es zuletzt einen Tod im Boot, kein Unfall, sondern ein Herzinfarkt auf der Weser. 2015 musste ein Paddler in Münden aus einem Seitenarm gerettet werden, der in den falschen Werraarm gefahren und dessen Boot am Nadelwehr hängengeblieben war.

Ärger mit Paddlern gibt es allenfalls wegen Alkohol - vier, fünf Fälle im Jahr. Auf dem Wasser gilt die Promillegrenze von 0,5, und das für „die Besatzung“. Das sind alle, die paddeln oder rudern, nicht aber die Fahrgäste. Häufiger sind Ordnungswidrigkeiten im Zusammenhang mit nicht gekennzeichneten Booten. Auf Bundeswasserstraßen braucht jedes Boot, auch Kajaks, einen Namen, schon um bei Unfällen treibende Boote zuordnen zu können. Ein Verstoß gegen die Kennzeichnungspflicht kostet 35 Euro.Kontrolliert werden auch die Leihboote. Es gebe 1300 Boote von 90 Verleihern an Werra, Weser und Fulda. Die oft kleinen Ich-AGs vermieten zuweilen Boote, die nicht der Mietboot-Verordnung entsprechen.

Wasserschutzpolizisten beim Mündener Bootsverleih: Alexander Lorch (rechts) und Ralph Herbold. Foto: gückel

Wasserschutzpolizisten beim Mündener Bootsverleih: Alexander Lorch (rechts) und Ralph Herbold. Foto: gückel

Quelle:

Immer wieder würden Verleiher auch zu vollständigen Belehrungen der Gäste zu Schwimmweste, Schifffahrtzeichen und Verhalten auf dem Wasser ermahnt. Denn es gibt Gefahren: die Wehre, wo oft sehr unterschiedliche Strömungen und Wasserwalzen bei verschiedenen Wasserständen entstehen, die vielen Gierseilfähren der Weser, von denen oft nicht genug Abstand gehalten wird, Fahrten zur Nachtzeit, bei denen die vorgeschriebene Beleuchtung fehlt, und die Selbstüberschätzung von Kanu-Anfängern. Strömungen, die Auswirkungen praller Sonne auf die Wasserwanderer, die Anstrengung von Gegenströmung oder Gefahr durch Motorboote - das alles wird manchmal falsch eingeschätzt.

Was sich aber positiv entwickelt habe: Wild gecampt werde kaum noch, es gibt genügend Campingplätze. Und auch Rastplätze hinterlasse der Paddler in der Regel unter Mitnahme seines Mülls. „Wasserwanderer wissen, was sie an der Natur haben."

Die Fulda: Idyllische Fahrten

Wer auf der Fulda fährt, kann vom leichten Wildwasser mit ganz flachen Treidelstellen bis hin zur Bundeswasserstraße mit Automatikschleusen und Kanurutsche alles erleben. Und er paddelt durch idyllische Landschaften, aber auch mitten durch eine Großstadt. Siegfried Bollmus aus Friedland verleiht seine Boote oft an Gruppen, die schon in Rotenburg oder Melsungen einsetzen und bis zum Weserstein paddeln. Besonders attraktiv die riesigen Schleifen vor Guxhagen und die bei Fuldabrück. In Kassel gibt es etliche Kanuvereine, bei denen man zelten und von wo aus man die Großstadt erleben kann. Nach Kassel ist man schon bald im Landkreis Göttingen (ab Spiekershausen), jedenfalls auf der rechten Seite der Fulda. Die Landesgrenze verläuft mitten im Fluss. Obwohl dieser hier schon Bundeswasserstraße ist, ist dieser Abschnitt landschaftlich besonders schön - etwa die Schleife um Gut Kragenhof oder die Engstellen zwischen dicht bewaldeten Bergen. Trotz der Staus für die Schiffahrt ist die Strömung gut. Ab Kassel gibt es auch entweder automatische Schleusen oder sogar selbst bedienbare Bootsrutschen. Vorher (Rotenburg bis Kassel) muss man die Schleusen selbst bedienen oder umtragen. Für Fulda-Paddler endet die Fahrt am Campingplatz und Bootsverleih Hann. Münden (Busch Freizeit und Touristik GmbH, Telefon 05541 12257) oder man lässt die Boote von Kanu Touristik Mitte (Friedland, 05504/949335) abholen.

Die Weser: Wandern zur Einstimmung

Die Weser ist für die meisten Kanu-Neulinge der Fluss zur Einstimmung: flotte Strömung, manchmal sogar spritzig, bei fast immer gleichem Wasserstand, flache Ufer, weite Blicke in bewaldete Landschaft, ausreichend viele Anlegestellen mit Gastronomie und Campingplätzen. Das alles auf 200 Kilometern Strom ohne jede Schleuse oder Umtragestelle und bei sehr geringem Motorbootverkehr. Wer in Münden am Campingplatz einbootet, müsste erst in Hameln wieder aus dem Kanu – theoretisch. Aber dazu gibt es zu viele sehenswerte Fachwerkdörfer direkt am Ufer, das Fähr-Gasthaus in Hemeln, das Kloster in Bursfelde, Kneipen in Gieselwerder, Oedelsheim, Bodenfelde oder Bad Karlshafen, touristische Attraktionen in Fürstenberg, Höxter (Schloss Corvey), Holzminden, Polle oder Bodenwerder, die alle zu besuchen sich lohnt. Die Göttinger fahren am liebsten Tagestouren von Münden bis Bursfelde. Aber auch bis Bodenfelde wagen es einige, wenn auch die 33 Flusskilometer bei einer Strömung von vier bis sechs Stundenkilometern eine anstrengende Tagesetappe bleiben. Der Grund sind oft die Bahnanschlüsse. Wer etwa sein Auto in Witzenhausen lässt, kann in zwei Tagesetappen bis Bodenfelde paddeln und den Wagen dann per Bahn wieder abholen. Boote samt Rückholung für die Weser-Befahrung gibt es außer beim Campingplatz Busch in Münden und bei Kanu Tourist Mitte in Friedland auch bei Kanu-Schumacher in Bad Karlshafen (05675 725905) oder bei Krome Kanu in Höxter (05271/694 68 66). Wer mit eigenen Booten auf der Weser unterwegs ist, muss beachten, dass die Boote gekennzeichnet sein müssen. Die Weser ist Bundeswasserstraße.     

Die Werra: ein wahrer Wanderfluss

Die Werra gilt als wahrer Wanderfluss für die Göttinger Kanuten. Der Oberlauf ist von vielen Wehren versperrt, aber ab Creutzburg erweist sich die Werra als abwechslungsreicher, stets zu befahrendes Kanugewässer, teils in absoluter Abgeschiedenheit, teils mit attraktiven Städtchen wie Falken, Treffurt oder Wanfried am Ufer. Ab Wanfried war die Werra einst schiffbar. Teils noch steile Ufer (bei niedrigem Wasserstand) zeugen davon. In fünf bis sechs Tagesetappen ist die Werra ab Creutzburg oder Herleshausen (Bahnhofnähe) bis zur Wesermündung gut zu befahren. Für Göttinger am attraktivsten ist der Abschnitt von Bad Sooden bis Witzenhausen: flotte Strömung, romantische Landschaft mit Burgen wie Hanstein und Ludwigstein, mit Schleifen bei Lindewerra, dem Viadukt bei Oberrieden und mit einem Schilfdickicht bei Unterrieden. Das alles ohne Umtragestellen. Aber auch der Abschnitt Witzenhausen bis Hann. Münden wird oft befahren. Am Letzten Heller, dem Kraftwerk unter ICE- und Autobahnbrücke, und in Hann. Münden muss man umtragen, ehe man am Wohnmobilstellplatz Tanzwerder ausbootet. Der Schwall bei Hedemünden – auch wenn es hier schon Kenterungen und gar Tote gegeben hat – ist kein Problem, wenn man die Grundregel beim Kanufahren befolgt: Nur wer weiterpaddelt, kann sein Boot steuern. In Hedemünden muss man aufpassen und sich links halten, um den Mühlenarm zu umfahren. Den ganz rechten Werraarm muss man in Hann. Münden fahren, um die Umtragestelle am Aalfang mit Bootswagen zu erreichen. Auch am Wehr Letzter Heller steht ein Bootswagen neben der Schleuse (links) zur Verfügung. Boote verleihen Kanu Touristik Mitte in Friedland (05504/949335). Krumos Aktivreisen in Bad Sooden-Allendorf (06442 / 92 118) und der Campingplatz Werratal in Witzenhausen (05542/1465). Sie organisieren auch den Bootstransport, teils auch die Abholung.   

Die Leine: Nichts für Anfänger

Natürlich ist auch die Leine ein Fluss für Wassersportler, aber nichts für Anfänger. Siegfried Bollmus, Inhaber der Kanu Touristik Mitte in Friedland (Telefon 05504/949335) und einer der größten Kanuverleiher zwischen Nordhessen und Hannover, würde seine Boote für eine Befahrung der Leine nicht vermieten. Nur erfahrene Kanuten in eigenen Booten gehen bei hohem Wasserstand im Frühjahr auf die Leine - und das ist gut auch für Eisvogel und Vegetation. Viele Schwellen, flache Stellen und Wehre machen die Leine unattraktiv. Nördlich von Göttingen bis Northeim wird es besser, aber auch hier nur bei gutem Wasserstand. Ab Hollenstedt bis Salzderhelden ist die Leine für Boote gesperrt. Allerdings gibt es im Frühjahr organisierte Befahrungen der Göttinger Kanuvereine. Und der Sportbund hat zuletzt auch schon Fahrten durch den Leinekanal mitten durch Göttingen organisiert. Dann aber muss eigens Wasser in den Kanal gegeben werden. Unerfahrene Paddler sollten die Leine meiden.

Die Rhume: Ein Dschungel

Die Rhume ist im Frühjahr fast durchgängig befahrbar, weist aber viele Schwellen, Sohlgleiten und Wehre auf. Für Freizeittouren ist sie ab Wachenhausen zu empfehlen. Boote gibt es in Northeim zu mieten – an der Endstation. Denn danach fließt die Rhume nur noch durch das Stadtgebiet und bald in das für Paddler gesperrte Naturschutzgebiet vor dem Rückhaltebecken Salzderhelden. Der eindrucksvollste Abschnitt der Rhume liegt zwischen Elvershausen und dem Northeimer Stadtrand. Dort gleitet man einsam und weitab aller Straßen zwischen dschungelartigem Dickicht über still fließendes Wasser gemächlich stromab. Der Bootsverleih Northeim, Am Rhumekanal, bietet Touren ab vier Personen mit Kajaks (Einer und Zweier) ab Elvershausen (8,6 Kilometer, nur einmal umsetzen), ab Katlenburg (12,5 Kilometer, dreimal umsetzen) und ab Lindau (20 Kilometer, fünfmal umsetzen) an. Die Boote werden an die erwünschte Einsatzstelle gebracht. Telefonische Anmeldungen und Bootsreservierung unter 05551/4380.     

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