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Angora-Kaninchen brauchen viel Pflege

Volle Wolle Angora-Kaninchen brauchen viel Pflege

Angorakaninchen waren früher in Deutschland verbreitet – auch ihrer begehrten Wolle wegen. Heute sind es nur noch wenige Züchter, die diese Tiere halten. 

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Quelle: Heller

Hettensen. Angora steht für kuschelig-weiche Pullover, Schals oder Wäsche. Die Wolle für diese Kleidung stammt von Kaninchen. Angorakaninchen waren in noch in den 70er und 80er Jahren in deutschen Ställen verbreitet. Heute sind sie selten geworden. Rüdiger Klinge ist der einzige Züchter dieser Rasse im Landkreis Northeim, im Landkreis Göttingen gibt es einen weiteren, in Duderstadt, Heinz Ohnesorge.

Rund 40 Tiere hält Klinge. Öffnet er eine Käfigtür, recken die Nager neugierig ihre Nasen heraus. Aber (noch) nicht alle. In einem Stall liegt ein Haufen Heu mit Wolle. Darin bewegt sich  etwas – sieben Babyhasen, die Augen noch geschlossen. „Maximal zwei Würfe haben meine Häsinnen im Jahr“, erklärt der Züchter. Diese sind Minikaninchen gearde einige Tage alt. Einen wesentlichen Grund für den Rückgang am Interesse für die Zucht der Tiere sieht Klinge in der Wollproduktion China. Vor dort wurde der Markt mit billigem Angora überschwemmt, für deutsche Züchter lohnte sich die aufwendige Wollproduktion nicht mehr.

Zum anderen haben Videos, beispielsweise von der Tierschutzorganisation Peta veröffentlicht, dazu geführt, dass große Modemarken Angora aus dem Programm genommen haben – zu brutal sind diese chinesischen Methoden. Das Image der Angorawolle hat darunter stark gelitten. Den Tieren wird in dem Schock-Video  die Wolle bei lebendigem Leib herausgerissen. Klinge hingegen schert seine Tiere, so wie die anderen deutschen Züchter auch. Mit einem ganz normalen Haarschneider, den auch Frisöre benutzen.

Die Wolle ist es längst nicht mehr, die Klinge und co. Angorakaninchen züchten lässt. Sondern: der Spaß am Tier, der Wettstreit um den schönsten Rammler auf Ausstellungen, die Freude über besonders schönen Nachwuchs. Stolz ist er auf seine blauäugigen Tiere. „Wir sind bundesweit nur drei Züchter, die diese Rasse halten“, sagt er.

„Man muss als Kaninchenzüchter schon eine Macke haben, als Angora-Züchter sogar eine doppelte“,  gibt Klinge zu und lacht. Bei dem 57-Jährigen liegt das Hobby in den Genen. „Mein Vater hatte schon Angorakaninchen“, sagt er. „Ich bin damit groß geworden“. Nach einer längeren Pause kamen die Angoras wiederum eher zufällig zu ihm. „Ich habe immer gesagt, wenn ich mal Renner bin, dann fange ich wieder mit der Zucht an“. Das war vor drei Jahren. Der damalige Dransfelder Züchter Bodo Schild konnte sich krankheitsbedingt nicht mehr um seine Tiere kümmern, Klinge übernahm sie – und blieb dabei. Und das, obwohl die Angoras viel  mehr Pflege brauchen, mehr als die meisten anderen Kaninchenrassen.

Das lange Fell der Tiere muss etwa vier Mal pro Jahr geschoren werden.  „Ich schere von hinten nach vorne“, erklärt er. Eine Rasur dauert bei ihm rund 20 Minuten.

Hase Nummer 22 hat das gerade hinter sich. Namen gibt Klinge seinen 40 Tieren nicht. Neugierig schaut Nummer 22 aus seinem Käfig und sieht ein wenig aus wie ein frisch geschorener Pudel. Kollege 45 ist etwa doppelt so dick. Allerdings liegt das daran, der er die Schur noch vor sich hat, vorher soll er mit vollem Fell noch auf der Landesschau gezeigt werden. „400 bis 450 Gramm Wolle hat er dann daruf“, sagt Klinge.

Die Angorakaninchen in Klinges Ställen sind ganz schön lebhaft. Vielleicht auch, weil es gleich Zeit fürs Abendfutter ist.  Das wissen sie ziemlich genau. „Kaninchen sind Dämmerungsfresser,“ erläutert der Hobby-Züchter.  Täglich Wasser, Futter, Stall säubern, nach dem Rechten sehen. Klinge arbeitet in der Steuerberatungsbranche.  Und wann ist Urlaub? „Gar nicht“, sagt Klinge und lacht. Er fährt höchstens einmal für ein paar Tag weg, dann übernimmt die Verwandtschaft die Tierbetreuung. Denn: „Für mich ist Urlaub, wenn ich hier im Stall bin."

Nur ein Unternehmen in Deutschland

Lörrach/ Berlin. Für fast alles in Deutschland gibt es ein Siegel, dass schonende Herstellung ausweist. Für „Angorawolle gibt es kein einheitliches bundesweites oder internationales Zertifikat“, sagt Hartmut Spiesecke. Pressesprecher des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie in Berlin. Einzelne Anbieter, wie beispielsweise der Edelhaarhändler Michael Dal Grande aus Lörrach arbeiten allerdings damit. Sein „Caregrora“-Siegel ist nach strengen Kriterien erstellt worden.

„Soweit uns bekannt ist, sind wir die einzigen, die eine zertifizierte Angorafaser anbieten“, so der Unternehmer. Und weiter: „Leider gibt es schon seit langem mehr keine gewerblichen Zuchten von Angorakaninchen in Deutschland mehr“. Die Gründe dafür seinen vielfältig. Dal Grandes Firma allerdings kauft Fasern von Hobbyzüchtern über einen Sammler in Ostdeutschland. „Die Preise dafür sind rein wirtschaftlich gesehen aber nicht auskömmlich“, so Dal Grande.
Generell, so erklärt Spieseke, macht Angorawolle nur einen minimalen Teil der in Deutschland verwendeten Textilfasern aus. Nur fünf Prozent der bundesweit gehandelten Kleidung bestehe aus Wolle, darunter wiederum fallen nur zwei Prozent auf Angora. In der medizinischen Wäsche allerdings spiele dieses Tierhaar noch eine größere Rolle. 

Die Tierschutzorganisation PETA hatte vor einigen Jahren ein Video veröffentlicht, das ein brutal behandeltes Kaninchen in China zeigt. „Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass es sich hier um ein verbreitetes Vorgehen handelt“, sagt Spieseke.  Da schlecht behandelte Tiere auch Haare von schlechter Qualität haben, hätten die Züchter ein Eigeninteresse daran, die Tiere gut zu behandeln.

Dennoch führt Peta eine lange Liste von Modeunternehmen auf, die nach der Veöffentlichung des Videos erklärt hätten, keine Angoraprodukte mehr anbieten zu wollen. Darunter viele der großen internationalen Anbieter.

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