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Arme Katholiken für die Anatomie

Vergessener Michaelis-Friedhof Arme Katholiken für die Anatomie

Wo heute das Lernzentrum der Uni steht, wurden im 19. Jahrhundert Katholiken begraben. 151 Skelette sind ausgegraben und wissenschaftlich untersucht. Warum viele der Schädel aufgesägt sind, und was die Knochen noch so alles über die Göttinger von damals erzählen, steht in einem neuen Buch.

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Birgit Großkopf untersucht die Funde vom ehemaligen Michaelis-Friedhof im Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut der Universität.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Der Michaelisfriedhof an der Weender Landstraße in Göttingen war lange in Vergessenheit geraten. Erst als dort 2011 das neue Lern- und Studienzentrum der Universität gebaut wurde, rückte er wieder in die Öffentlichkeit. Auf dem Gelände wurden Gräber und Knochen gefunden. Die archäologischen Funde sind ausgewertet. Jetzt ist ein Buch mit dem Titel „Der vergessene Friedhof“ erschienen, in dem es um die Geschichte des Friedhofes und vor allem um die 151 Leichen geht, die dort gefunden wurden.

Ein aufgesägter Schädel, Gelenke mit Arthrose, verbogene Kinderknochen: Die Funde erzählen viel über die Göttinger, die zwischen 1851 und 1881 beigesetzt wurden. Birgit Großkopf hat die Funde im Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut der Universität untersucht. Die Anthropologin hat einiges herausgefunden. „Auffällig ist erst einmal, dass viele der Skelette offensichtlich vor der Bestattung obduziert wurden“, sagt sie. Etwa 30 Prozent der Leichen waren also medizinisch untersucht worden, 31 von ihnen hatten aufgesägte Schädel. Die Erklärung: „Die Körper wurden in der Anatomie und in der Chirurgie der Universität zu Ausbildungszwecken genutzt“, so Großkopf. Sie ist Herausgeberin und eine von mehreren Autoren des Buches.

„Über dem Michaelisfriedhof ... liegt das Vergessen.“

Göttingens Stadtarchäologin Betty Arndt ist eine weitere. „Am 10. Mai 2011 klingelte das Telefon in meinem Büro“, erinnert sie sich. „Dem Finden von menschlichen Knochen kommt immer eine besondere Brisanz zu.“ Zunächst sei unklar gewesen, warum dort Knochen lagen, von denen niemand etwas wusste. Später stellte sich heraus, dort war einst ein katholischer Friedhof. Da auf dem Gelände erst 1964 das Zentrale Hörsaalgebäude errichtet wurde, fanden sich noch Zeitzeugen. So auch Hans Rummelsberger aus Reyershausen, der sich in dem Buch an gut erhaltene Grabmale, eine Gruft, eine Marienkapelle und schmiedeeiserne Zäune erinnert. „Der Friedhof war, wenn auch ungepflegt, ein Park mit riesigen Kastanienbäumen.“ Das Tageblatt schrieb 1963 : „Über dem Michaelisfriedhof ... liegt das Vergessen.“

Karl Brachts Kapitel in dem Buch beschäftigt sich mit der katholischen Minderheit in Göttingen, die 1851 einen eigenen Friedhof erhielt. „1861 lebten 736 Katholiken in der Stadt“, schreibt er. Grabungsleiterin Katrin Christeleit schreibt von „einigen Überraschungen“, die bei den Ausgrabungen zutage traten. Neben den zahlreichen Anatomieleichen fanden die Archäologen beispielsweise ein Bruchband, zwei Zahnprothesen, Schmuck, Kruzifixe  und allerlei Alltagsgegenstände wie Münzen, Messer oder Püppchen.

"LändlicheUnterschicht" auf dem Seziertisch

Ebenfalls auffällig: „Wir haben herausgefunden, dass dort 83 Männer, 37 Frauen und 31 nicht eindeutig identifizierbare Individuen bestattet wurden“, sagt Großkopf. Dieses Mehr an Männern  erklärt sie so: „Denkbar ist, dass bevorzugt männliche Leichen obduziert wurden, damit die ausschließlich männlichen Medizinstudenten  nicht mit weiblichen Leichen konfrontiert werden.“

Die katholische Michaelisgemeinde hat offenbar eng mit der Universität zusammen gearbeitet. Autor Stefan Droste fand in alten Kirchenbüchern Vermerk  der Gemeinde wie „Der Anatomie übergeben“ oder „der Bedarf der Universitäten ist nicht mehr durch hingerichtete Verbrecher zu decken". Deshalb sei damals wohl jeder Verstorbene, dessen Angehörige mittellos waren oder auch „missliebige Elemente wie Bettler oder Vagabunden“, der Anatomie übergeben. Eine Anweisung der Hannoverschen Regierung war in dieser Sache ziemlich konkret. Arme stellten einen Großteil der Leichen auf dem Seziertisch. Knechte, Tagelöhner, Handarbeiter – „die Liste liest sich wie ein Querschnitt durch die ländliche Unterschicht“, schreibt Droste. Fast alle Leichen stammten aus dem Ernst-August-Hospital in der Geiststraße. Wer dort starb und nach 48 Stunden nicht abgeholt wurden, ging in die Anatomie. Prof. Jakob Henle freute sich beispielsweise einmal über 70 Leichen in einem Winter.

Arthrose im Hüftgelenk, verbogene Oberschenkleknochen

Interessant sind auch die Hinweise auf eine gute medizinische Versorgung einiger der Leichen. „Im Vergleich zu Funden eines ähnlichen Friedhofs in Nordrhein-Westfalen fällt auf, dass die Göttinger Skelette offenbar weniger starken körperlichen Belastungen ausgesetzt waren“, sagt Großkopf. Sie hatten bessere Zähne, trugen bereits Zahnprothesen und Zahnfüllungen aus Gold. „Die Zugehörigkeit zur Universitätsstadt und moderner medizinischer Versorgung spiegelt sich wider.“

Dennoch haben die Menschen damals natürlich unter vielen Krankheiten gelitten. Infektionen sind kaum mehr nachweisbar. Aber: „Es gibt zahlreiche pathologische Veränderungen, vor allem altersdegenerative“, so die Anthropologin.  „79 Prozent der Bestatteten hatten Arthrose, vor allem im Hüftgelenk.“ Bei einem Kinderskelett fanden die Wissenschaftler verbogene Oberschenkelknochen, ein klarer Hinweis auf Rachitis. Rückenwirbel mit Randleisten und arthrotischen Veränderungen fand Großkopf an jedem zweiten Individuum. 82 Prozent der Toten hatten Karies, 85 Prozent Zahnstein. Zahlreiche Grabbeigaben, Insektenspuren oder Kleidungsreste sind Gegenstand anderer Kapitel in dem Buch. Auch sie geben einen spannenden Einblick in die Medizin- und Stadtgeschichte Göttingens im 19. Jahrhundert.

„Der vergessene Friedhof“

Gerade noch rechtzeitig zu  Weihnachten ist es erschienen, das Buch  „Der vergessene Friedhof“, herausgegeben von Dr. Birgit Großkopf. Das Buch, an dem unterschiedliche Autoren mitgearbeitet haben, gibt einen Einblick in die Geschichte der Katholiken in Göttingen und in die Bestattungskultur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.

univerlag.uni-goettingen.de

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