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Aufgeben, Durchhalten oder unabhängig sein

Landwirte ringen mit dem Milchpreis Aufgeben, Durchhalten oder unabhängig sein

Die Milchpreise im Keller, die Bauern in ihrer Existenz bedroht. Ab 1.November erhalten die Milchbauern, die an die Großmolkerei DMK liefern, zwar 30 statt 21 Cent - das ist aber noch nicht genug. Während konventionelle Landwirte ihrem Ärger Luft machen, wirtschaften andere völlig unabhängig vom Milchmarkt.

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Auf der Weide: Die Kühe der Füllgrabes

Quelle: Hinzmann

Aus Überzeugung unabhängig

Diemarden. Russlandembargo, der Milchmarkt in China, Preisdruck der Discounter: Der niedrige Milchpreis hat viele Ursachen. Einfluss darauf haben die Landwirte kaum. Völlig unabhängig von derartigen Faktoren wirtschaften Christina und Marco Füllgrabe. Die Betreiber des Naturmilchhofs Gartetal vertreiben Biomilch, -joghurt und -käse. Sie bringen das, was sie in ihrem Betrieb produzieren, direkt zu ihren Kunden. Mit vier Fahrzeugen liefern sie ihre Biomilchprodukte aus. Ein Erfolgsmodell seit mehr als 20 Jahren. Den Preis für ihre Milch legen sie selber fest.

Die Füllgrabes tun das, was sie tun, aus tiefer Überzeugung. Als sie 1994 den landwirtschaftlichen Betrieb von Marcos Eltern auf Bio umstellten, seien sie belächelt worden, erinnert sich Christina. Sie ist gelernte Bankkauffrau. Heute kann sie sich keinen anderen Job als die Milchwirtschaft mehr vorstellen. Rund um die Uhr sind sie für ihre 95 Milchkühe und die Kälber da, eine Woche Urlaub macht das Paar im Jahr. „Wir haben doch täglich Urlaub auf dem Bauernhof“, sagt sie und lacht. Bei aller harter Arbeit: „Das hier ist genau das, was ich machen will“, sagt die Bäuerin. Einen Euro kostet der Liter Biomilch ab Hof, 1,20 Euro frei Haus geliefert. Das, was die Füllgrabes an Überschuss erwirtschaften, wird in den Betrieb investiert. Die Nachfrage sei über die Jahre kontinuierlich gestiegen, sagt Marco Füllgrabe. Bundesweit sind sie einer der ganz wenigen Betriebe, der die strengen Auflagen dafür erfüllt, Vorzugsmilch in Bioqualität anzubieten.

"Die Agrarindustrie 
ist der Feind der 
Landwirtschaft" - Marco Füllgrabe, 
Milchbauer

Den Füllgrabes ist es wichtig, unabhängig vom internationalen Markt zu sein. „Die Agrarindustrie ist der Feind der Landwirtschaft“, sagt Marco Füllgrabe. Denn die Wertschöpfung bleibe, wie bei den Milchpreisen, bei den großen industriellen Unternehmen wie den Molkereien, Chemiefirmen Schlachtgroßbetrieben oder Maschinenproduzenten hängen. „In den vergangenen 50 Jahren sind 80 Prozent der Jobs in der Landwirtschaft weggefallen“, sagt Füllgrabe. Die Milchmenge pro Kuh habe sich in den letzten 40 Jahren hingegen verdoppelt. In der Berufsschule habe man ihm noch eingetrichtert, man müsse „wachsen oder weichen“. Ein Weg, den er nie gehen wollte und bis heute nicht geht. „Der Ausweg heißt bio und regional“, ist er sich sicher. Die Füllgrabes arbeiten an weiteren Zukunftsprojekten. Zuletzt an einer Öko-Gasanlage. Aus der Gülle ihrer Kühe gewinnen sie jetzt mehr als genug Strom für den Betrieb. Das nächste Projekt: „Wir beschäftigen einen behinderten Mitarbeiter,“ sagt Christina. Auch in diesem Bereich wollen Füllgrabes künftig investieren.

Marco Füllgrabe füllt Milch ab

Marco Füllgrabe füllt Milch ab

Quelle:

Jürgen Huppers gibt auf

Vor zwei Jahren waren es noch 132 Milchkühe, heute ist der Stall leer: „Am Montag sind die letzten beiden Kühe und die letzten Kälber verkauft worden“, sagt Jürgen Huppers, Landwirt aus Jühnde. Der Milchbauer hat die Milchwirtschaft aufgegeben. Der Hauptgrund: die Milchpreise. Grund Nummer zwei: Die Nachfolgegeneration auf Huppers Hof will künftig nur noch Grün- und Ackerland bewirtschaften, aber nicht mehr als Milchbauern arbeiten. „Im Jahr 2014 hatten wir noch die Idee, zu investieren“, sagt Huppers. Dann brachen die Milchpreise ein. „Ich werde demnächst 56 Jahre alt, wir haben über die Anschaffung eines Milchroboters und den Bau moderner Silos nachgedacht“, sagt der Ex-Milchbauer. Eine Investition in Höhe von mehreren 100 000 Euro wäre für die Modernisierung nötig gewesen. „In den vergangenen zwei Jahren konnten wir durch die tiefen Milchpreise kein Eigenkapital bilden - im Gegenteil, wir haben draufgelegt“. Denn die Milchpreise, so sagt er, waren so tief wie über Generationen nicht mehr. „Hätten wir Kapital schaffen können, hätten wir investiert.“

Plus-Minus-Null-Geschäft

Dransfeld. Leichte Entspannung auf dem Milchmarkt: Seit 1. November zahlt die Molkerei jetzt 30 Cent pro Liter Milch an die Bauern in der Region. „Der Milchpreis, den wir bekommen, ist schlechter als bei den anderen Molkereien“, sagt Rainer Grünewald, Milchbauer aus Dransfeld. Die Grünewalds verkaufen ihre rund 3000 Liter Milch, die sie täglich produzieren, an eine Molkerei der DMK-Gruppe (Deutsches Milchkontor). Diese genossenschaftlich organisierte Molkerei ist nach eigenen Angaben die größte in Deutschland. Im Frühling rutschen die Milchpreise auf einen Tiefstwert von 21 Cent pro Liter. Für die Grünewalds bedeutete das, dass sie täglich rund 200 Euro zubuttern mussten. „Mit einem Preis von 30 Cent können wir plus minus null arbeiten“, sagt der Landwirt jetzt. Viele Kollegen, die nicht wie der Dransfelder Familienbetriebe noch Einkünfte durch Ackerbau und Bioenergie haben, kamen in wirtschaftliche Schieflage. Bei einer Versammlung mit der DMK-Firmenleitung machten hunderte Milchbauern in dieser Woche im hessischen Baunatal ihrem Ärger Luft. „Viele von uns mussten mal Dampf ablassen“, sagt Grünewald. Die Unternehmensleitung habe einen personellen Sparkurs auf der Verwaltungsebene angekündigt. Für die Bauern gilt: Seit dem 1. November bekommen sie 30 Cent, der Preis soll mittelfristig weiter steigen, denn die Milchmenge habe sich verknappt, so Grünewald. Die Verluste aufholen, das können die Grünewalds mit diesem Preis längst nicht.

Ein Vorwurf der Bauern, die ihre Milch an das DMK liefern, ist, dass sie den bundesweit niedrigsten Preis für ihre Ware erhalten. „Das ist richtig“, sagt DKM-Sprecher Hermann Cordes. Im Jahresdurchschnitt erhalten die Landwirte 1 bis 1,5 Cent weniger, als die Bauern, die bei anderen Molkereien Verträge abgeschlossen haben. „Wir haben als genossenschaftlich organisierte Molkerei keine Möglichkeit, Geld in guten Jahren für schlechte Zeiten einzulagern“, sagt er. Seit der Fusion zur DMK im Jahr 2011 werde das Unternehmen umstrukturiert. Dazu gehöre auch, dass demnächst 250 Stellen in der Verwaltung abgebaut werden. Im Milchsegment seien 4100 Menschen im DMK beschäftigt. „Wir wollen die Effizienz steigern und auch auf internationalen Märkten erfolgreicher werden“, so der Unternehmenssprecher. Der deutsche Milchmarkt sei besonders „renditearm“. Das Ziel sei es, den DMK-Bauern das gleiche Geld zahlen zu können, wie die Mitbewerber.

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