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„Besser als erwartet“

Milch-Tankstelle gut angelaufen „Besser als erwartet“

Die Milchpreise sind im Keller, die Bauern in der Region verdienen mit Milch kein Geld mehr. Einer, der vor gut zwei Monaten ein alternatives Vermarktungsmodell auf den Weg gebracht hat, ist Milchbauer Jens Timmermann. Seine Milchtankstelle läuft „deutlich besser als erwartet“.

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Die Tradition wird fortgesetzt

Zum ersten Mal an der Milchtankstelle: Kunde Torben Meyer möchte die unbehandelte Milch für seine ayurvedische Ernährung nutzen.Fotos: Bielefeld

Güntersen. Ein Kleintransporter fährt vor, zwei Männer lehnen sich aus dem Fenster, einer springt heraus. Milch für die Maler: Daniel Rothenberg von der gleichnamigen Adelebser Handwerksfirma zapft einen Liter frische Milch und weiter gehts. „Immer, wenn wir hier in der Gegend zu tun haben, hole ich mir hier Milch“, sagt der Maler.

„Wir haben viele Stammkunden“, erklärt Timmermann. Auf der Weide vor seinem Stall grasen die Kühe, die am Morgen gemolken wurden. Die Milchtankstelle steht direkt davor. Das muss so sein. Denn: „Die Auflage für den Betrieb einer Milchtankstelle ist, dass sie direkt am Stall stehen muss“, so der Landwirt. „Unsere steht auf dem gleichen Flurstück wie der Stall.“

Frischer geht es also nicht, das wissen die Kunden zu schätzen. Timmermann hatte gehofft, dass täglich 30 Liter gezapft werden, „damit es sich rechnet“. Es seien aber deutlich mehr. „Am Wochenende werden manchmal mehr als 100 Liter gezapft“, sagt er. Mehr als 1000 Abfüllflaschen habe er bereits verkauft. Wenn Milch übrig bleibt, bekommen die seine Kälber.

Milchtankstelle: Timmermann zeigt Marie Niederleithinger wie es geht.

Milchtankstelle: Timmermann zeigt Marie Niederleithinger wie es geht.

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Dann stoppt ein Golf an der Milchtankstelle: Torben Meyer hat sie heute fest in seine Route eingeplant. Wenn er nicht gerade von einem Auswärtstermin kommt, liege Güntersen aber „etwas ab vom Schuss“, sagt der junge Physiotherapeut aus Hardegsen.

Er habe von einer Patientin von einer Frischmilch-Quelle in der Region erfahren und sich dann im Internet auf die Suche gemacht. Er habe sich schon länger nach „komplett unangetasteter Milch“ umgesehen. Denn: „Meine ayurvedische Ernährung ist mit homogenisierter Milch nicht zu vereinbaren.“ Rohmilch werde in der Lehre als „sattvisches“ Lebensmittel unter anderem mit geistiger Klarheit assoziiert. Sogar eine verjüngende Wirkung werde ihr zugeschrieben.

Meyer findet, „den Preis nicht einmal teuer. „So etwas sollte es an jeder Ecke geben.“ Ob er trotz der Entfernung ein Stammkunde wird, werde sich zeigen. Erst einmal will er die erste selbst gezapfte Milch probieren.

Timmermanns Kühe geben rund 3000 Liter Milch pro Tag, der größte Teil wird also an die Molkerei verkauft - für 20 Cent pro Liter. An der Tankstelle kostet sie einen Euro. „Viele Kunden kommen gezielt, um uns zu unterstützen“, sagt Timmermann.

Und weil das Projekt so gut angelaufen ist, denkt er darüber nach, wie und wo man es vielleicht ausbauen kann. An einem Standort, der nicht auf dem Geländes des Kuhstalls liegt, dürfe er aber nur pasteurisierte und keine Vorzugsmilch anbieten. Dennoch: „Ich bin froh, dass wir diesen Schritt gegangen sind.“

Direktvertrieb

Seit 21 Jahren unabhängig vom Milchmarkt arbeitet der Betrieb Füllgrabe in Diemarden. Der Bio-Landwirt vermarktet seine Bio-Milch selbst, liefert sie an seine Kunden im Umkreis von 25 Kilometern aus. „Unser Absatz ist stabil geblieben“, sagt Marco Füllgrabe. 1995 hat er sein Unternehmen gestartet. „Damals haben uns viele belächelt und schon totgesagt“, so der Bio-Landwirt. Doch sein Konzept ging auf. „Unser Angebot wurde gut angenommen, wir sind Stück für Stück gewachsen.“ Heute stellt der landwirtschaftliche Betrieb auch Käse und verschiedene Joghurts her. Rund 1500 Liter Bio-Milch produzieren seine Kühe täglich und die werden auch abgesetzt. „Die Nachfrage ist fast ein wenig größer als das Angebot“, sagt Füllgrabe. Jeden Morgen starten in Diemarden drei Fahrzeuge um die Produkte an die Kunden zu liefern. Kunden können zwei Mal wöchentlich beliefert werden. Und wenn, wie in den Sommerferien, die Milch nicht komplett ausgeliefert wird, dann wird sie zu Käse verarbeitet.  Füllgrabe sieht noch Potenzial in der Direktvermarktung. „Es gibt noch Nischen, die man besetzen kann.“

Milchproduktion ist „ein Zusatzgeschäft“

Hoffen auf höhere Milchpreise: Rainer (l.) und Daniel Grünewald.

Hoffen auf höhere Milchpreise: Rainer (l.) und Daniel Grünewald.

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Rund 230 Tiere stehen im Stall der Grünewalds. Rainer und sein Sohn Daniel sind Milchbauern. Derzeit erhalten sie 20 Cent pro Liter Milch, viel zu wenig, um kostendeckend zu arbeiten. Schon im Mai erklärten die Landwirte, dass sie rund 200 Euro pro Tag drauflegen, um den Milchbetrieb am Laufen zu halten.

„Daran hat sich nichts geändert“, sagt Rainer Grünewald. „Die Milchproduktion ist weiter ein Zusatzgeschäft“. Nur weil ihr landwirtschaftliches Unternehmen zudem Biogas und Getreide produziert, halten die Grünewalds durch. Die EU hat finanzielle Nothilfe in Millionenhöhe in Aussicht gestellt. Die Grünewalds sind davon unbeeindruckt. „Den Betrieben, die mit dem Rücken zur Wand stehen, hilft das auch nicht“, sagt Daniel. Noch stehe nicht fest, wie viel Geld an die Bauern fließe, aber 1500 Euro, das sei „zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel“.  Wem diese Nothilfe helfen soll, erschließe sich den Landwirten nicht.

Die beiden Männer sind sich einig, auf dem Weltmarkt gibt es zu viel Milch. Durch das Russland-Embargo sei ein Absatzmarkt weggebrochen, besetzt haben ihn andere Nationen. „Holland und Irland haben bei den Milchmengen draufgelegt“, sagt Daniel Grünewald.

So werde die Reduzierung der Milchmenge innerhalb Deutschlands „durch die Hintertür reguliert“. Denn: Investitionen, die lohnten sich erst ab etwa 200 Kühen. „Die Auflagen und Standards aber sind bei uns hoch, egal ob in Sachen Tier- oder Umweltschutz“, so Rainer Grünewald. Wer da nicht mithalten könne, der habe ein Problem.

„Wir können das nur überstehen, weil wir ein Familienbetrieb und breit aufgestellt sind“, sagen die Bauern. Doch es gibt ein wenig Hoffnung, die Grünewalds sehen in kleines Licht am Horizont, und das sind nicht die Hilfsgelder. Bei jüngsten Gesprächen mit den Molkereien habe sich abgezeichnet, dass es im nächsten Jahr vielleicht doch ein ein paar Cent höherer Milchpreis gezahlt werde.

Die Grünewalds sind überzeugt, dass eine Vermarktung über regionale Molkereien ein Erfolg sein könnte. Vater Grünewald erinnert sich noch an Milchhöfe in Dransfeld, Scheden oder Göttingen. Heute stehen die nächsten in Erfurt oder Rimbach. „Molkereien mit lokalen Produkten, das würde laufen.“

EU-Hilfen lächerlich

Die EU hatte kürzlich 500 Millionen Euro zur Unterstützung der Milchbauern angekündigt. „Dieses Steuergeld könnte sinnvoller verwendet werden“, sagte die niedersächsische Landesvorsitzende des Bundes der Deutschen Milchviehhalter, Johanna Böse-Hartje. Zwar sei die Milchproduktion leicht rückläufig, dies sei aber auf die massiv gestiegenen Zahl der Betriebsaufgaben zurückzuführen. Sie verwies auf Schätzungen, wonach durch das EU-Paket 800 Euro pro Milchviehbetrieb und Jahr entfallen. „Das ist lächerlich. Wir machen pro Kuh und Jahr 1000 Euro Verlust. Die Zahl der Milchkühe ist in Niedersachsen von Mai 2015 bis Mai 2016 dennoch um zwei Prozent auf rund 869 000 gestiegen.

Von Britta Bielefeld und

Maria Niederleithinger

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