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Strengste Geheimhaltung

Bevorstehende Documenta in Kassel Strengste Geheimhaltung

Die Weltkunstausstellung Documenta wirft ihre Schatten voraus - allerdings welche mit unscharfen Konturen. Ein Ausblick

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Bislang immer zentraler Ort aller Documentas: das Fridericianum in Kassel.

Quelle: r

Kassel. Die Documenta zählt zu den bedeutendsten Kunstausstellungen. Das wird auch bei der 14. Ausgabe so sein - auch wenn sie sich teilt. Bereits am Sonnabend, 8. April, wird die Schau unter dem Titel „Von Athen lernen“ in Athen eröffnet, am Sonnabend, 10. Juni, dann an ihrem ursprünglichen Standort Kassel.

Die Documenta müsse auch über sich als Institution nachdenken, sagte Chefkurator Adam Szymczyk. Kulturelle Produktion solle Eigentum von jedermann sein. Sie gehöre vielen Menschen jenseits der nationalen Grenzen. Daher sei die Überlegung entstanden „die Ausstellung von Kassel nach Athen und wieder zurück“ zu führen. Die Athener Documenta läuft bis Sonntag, 16. Juli, die Kasseler bis Sonntag, 17. September. Übersichtlicher wird das Programm durch die Teilung sicher nicht.

Bekannt ist bislang wenig über das Programm und die eingeladenen Künstler. Die Teilnehmerliste der verschiedenen Documentas unterlag schon immer strengster Geheimhaltung. Ein Beispiel dafür: Auf dem Königsplatz, ein zentraler Ort in der Innenstadt Kassels, soll zur Documenta ein 14 Meter hoher Obelisk aufgestellt werden. Documenta-Sprecherin Maxie Fischer gab dazu lediglich bekannt, dass es sich um eine künstlerische Arbeit handele. Szymczyk bekannte, er sei kein Freund solcher Listen. Sie erzeugten Erwartungshaltungen. Eine Ausstellung solle „eine Erfahrung ohne programmierte Erwartungen sein“.

Im Vorfeld gab es in Athen einige Projekte wie „noosphärische Meditationsübung“ und „Die Eurozone stricken“ mit Click Ngwere, einer feministische Aktivistin und Strickkünstlerin. Und ein Meditationslehrer brachte im Auftrag eines Künstlers 30 Besuchern Atem- und Meditationstechniken bei. Ein weiteres Projekt wurde bekannt gegeben: einen 100 Tage dauernden Ritt von Athen nach Kassel. Ross Birrell hat dieses Vorhaben konzipiert. Vier Menschen sollen mit ihren Pferden am 9. April in Athen aufbrechen und sich auf der 3000 Kilometer langen, sogenannten Landstreicher-Route fortbewegen. In Kassel angekommen, werden sie im Fridericianum am 230 Kunstwerke stoßen, die aus Athener Museen stammen. Autonom sollen beide Ausstellungen sein, doch sich inhaltlich beeinflussen.

Für die Documenta 14 gebe es einen Finanzrahmen von 34 Millionen Euro, erklärte die Geschäftsführerin der Documenta-GmbH, Annette Kulenkampff. Rund die Hälfte des Geldes kommt vom Land Hessen, der Stadt Kassel und der Kulturstiftung des Bundes. Die andere Hälfte von rund 17 Millionen Euro müsse die Documenta selbst erwirtschaften. „Im Verhältnis zur Finanzierung von Theatern ist die Documenta durch die öffentliche Hand unterfinanziert“, sagte Kulenkampff.

Seit der ersten Documenta 1955 stand das Fridericianum auf dem Friedrichsplatz im Zentrum der Weltkunstausstellung. Das soll nach dem Willen Szymczyks diesmal anders werden. In einem Interview hatte er erklärt, dass die Ausstellung in fast allen öffentlichen Museen wie der Grimm-Welt oder dem Ballhaus stattfinden. Und: Eine ehemalige Post in Kassels Nordstadt, die heute ein Fitnessstudio beherberge werde einer der Hauptschauplätze.

In demselben Gespräch hatte Szymczyk sich zu den künstlerischen Genres geäußert: „Ich mag Malerei! Ich schätze, wir werden ziemlich viel Malerei aus allen Teilen der Welt sehen - nur nicht unbedingt das, was man erwartet. Aber Malerei ist nur eine von vielen künstlerischen Ausdrucksweisen. Wir verfolgen einen mehr ganzheitlichen und interdisziplinären Ansatz.“

Adam Szymczyk

Adam Szymczyk

Quelle: dpa

Adam Szymczyk, Leiter der Documenta 14, wurde 1970 in Polen geboren. Er zählte Mitte der 90er-Jahre zu den Gründern der Foksal Gallery Foundation in Warschau. Hier kuratierte er zwischen 1997 und 2003 zahlreiche Ausstellungen. Anschließend wurde er zum Direktor und Chefkurator der Kunsthalle Basel, die er heute noch leitet. Szymczyk ist Mitglied des Vorstandes des Museums für Moderne Kunst in Warschau und wurde 2011 mit dem Walter-Hopps-Preis für seine Arbeit an der Menil Foundation in Houston ausgezeichnet.

Seine Arbeit in Basel begann er mit einer Ausstellung des polnischen Künstlers Piotr Uklanski. Aber er zeigte nicht nur Kunst aus Polen, sondern öffnete das Haus für Künstler aus vielen Teilen der Welt – die nach ihrer Schau in Basel häufig international durchstarteten. Man sagt Szymczyk nach, er würde nicht gerne reden, in der Schweiz zeigte er sich eher kantig. Zur Documenta 14 hat er bislang auch noch nicht viel gesagt.

Von 1955 bis heute

Documenta 1

Arnold Bode

Arnold Bode

Quelle:

Die Entwicklung der Kunst war im Zweiten Weltkrieg stehen geblieben. Der Künstler Arnold Bode (kleines Bild) wollte etwas dagegen unternehmen und zeigte 1955 eine Überblicksschau. Er konzentrierte sich auf herausragende Künstlerpersönlichkeiten und Gruppenbewegungen aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Hieran konnten die Künstler in Deutschland anknüpfen.

Documenta 2

Auch die zweite Ausgabe der Documenta 1959 organisierte Bode. Diesmal galt sein Augenmerk der Entwicklung der Kunst nach 1945. Im Fridericianum und in der Ruine der Orangerie stand die zeitgenössische Kunst im Zentrum. Vor allem die neue US-amerikanische Kunst war stark vertreten.

Documenta 3

1964 entwickelte sich die Documenta zum „Museum der 100 Tage“. Spektakulär bei dieser Schau: die Retrospektive von 500 Handzeichnungen von Cézanne und van Gogh bis zu Sonderborg und Vedova.

Documenta 4

Seine letzte Documenta organisierte Bode 1968, einer sehr politisierten Zeit. Bode ließ sich davon nicht beeindrucken und stellte die wenig politische Pop Art und andere Kunst aus den USA in den Vordergrund. Christo stellte sein 85 m hohes „5600 Cubic Meter Package“ in die Karlsaue , das zum Wahrzeichen dieser Documenta wurde.

Documenta 5

Joseph Beuys

Joseph Beuys

Quelle:

Harald Szeemann war 1972 der erste, der als Generalsekretär einer Documenta eingesetzt wurde, das Modell, das bis heute Gültigkeit besitzt. Er steckte einen thematischen Rahmen ab, den er „Befragung der Realität – Bildwelten heute“ nannte. Und Joseph Beuys richtete seine „Organisation für direkte Demokratie und Volksabstimmung“ ein.

Documenta 6

Ab 1977 fanden die Weltkunstausstellungen nur noch alle fünf Jahre statt. Der Ausstellungsmacher Manfred Schneckenburger lotete die Position der Kunst in der Mediengesellschaft aus. Im Gedächtnis und vor allem auch in Kassel blieb der „Vertikale Erdkilometer“ von Walter de Maria.

Documenta 7

Ausstellungsmacher Rudi Fuchs entfernte sich 1982 vom Experiment und konzentrierte sich auf das Klassische: auf Malerei und Skulptur. Diesmal blieben zwei herausragende Werke in Kassel – die riesige Spitzhacke von Claes Oldenburg und die 7000 Eichen mit der gleichen Anzahl an Basaltstelen, die in den folgenden fünf Jahren im Stadtgebiet gepflanzt wurden.

 Documenta 8 1987 wurde wieder Schneckenburger berufen. Er bezog Architektur und Design ein – und wurde auch politisch. Fast knackte er mit der Ausstellung die Marke von einer halben Million Besuchern.

Documenta 9

Jan Hoet

Jan Hoet

Quelle:

Der dynamische Belgier Jan Hoet übernahm 1992 das Ruder. Er feierte den Spaß an der Kunst, vor allem an der Malerei, und nahm Boxen und Baseball ins Programm auf. Sehr farbig und lebensfroh zog die Schau 600.000 Besucher an und bereicherte die Stadt um die Documenta-Halle.

Documenta 10

Die im Vergleich eher spröde Französin Catherine David kreierte 1997 eine intellektuelle Kunstschau. Sie verknüpfte Ästhetik und Politik und arbeitete viel mit neuen Medien – mit rund 600.000 Besuchern wiederum sehr erfolgreich.

 Documenta 11

2002 übernahm mit dem Nigerianer Okwui Enwezor erstmals ein Kurator, der nicht aus Europa kam. Die Documenta wurde damit weltoffener. Er zeigte viele Film- und Videoinstallationen – und die Kunstproduktion außerhalb der üblichen Zentren in Europa und den USA.

Documenta 12

Roger M. Buergel bewegte viel im Vorfeld. Er regte ein weltweites Netzwerk von Zeitschriften, Magazinen und Online-Medien an, das ebenso wie viele Arbeitsgruppen die Themen dieser Documenta diskutierten. Welche das waren, ist allerdings nur bruchstückhaft überliefert. Aber rund 775.000 Besucher wollten das Ergebnis 2007 erleben.

Documenta 13

Carolyn Christov-Bakargiev

Carolyn Christov-Bakargiev

Quelle:

Einen nächsten Besucherrekord stellte Carolyn Christov-Bakargiev mit ihrer Documenta 2012 auf. 860.000 Menschen kamen dafür nach Kassel – und nach Kabul, Kairo, Alexandria oder Banff. Denn erstmals gab es Außenstandorte der Weltkunstschau.

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