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Wo sind die weißen Flecken

Breitbandausbau Wo sind die weißen Flecken

50 Mbit/s – diese Verbindungsgeschwindigkeit sollte in Göttingen flächendeckend verfügbar sein, die Telekom hat alle Kabelverzweiger mit Glasfaser ausgerüstet. Eine Unternehmensbefragung zeigt jedoch, dass dies möglicherweise nicht überall so ist. Nun sollen diese weißen Flecken eingegrenzt werden.

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Göttingen. Beispiel Rudolf-Wissel-Straße 28: Der Standort mit mehreren technologieorientierten Unternehmen liegt 733 Kupferkabel-Meter vom nächsten Kabelverzweiger mit Glasfaserkabeln entfernt. Rechnerisch sollten laut Telekom im Gebäude 54 Mbit/s möglich sein, einer der Firmen dort sei ein Tarif für 50 Mbit/s angeboten worden, die Telekom garantiere jedoch nur einen Wert von 27 Mbit/s im Download und 2,7 Mbit/s im Upload, so einer der Unternehmens-Mitarbeiter. Das sei „schlimm“.

Dass die tatsächlichen Verbindungswerte deutlich von den theoretisch berechneten Angaben der Telekom abweichen, scheint häufiger der Fall zu sein. Das kann jedoch verschiedene Ursachen haben: Kabelquerschnitte, Alter der Kabel, Zahl der Verbindungsstellen, Länge der Kupferkabel und damit die Entfernung zum Glasfaseranschluss. In manchen Fällen ist es schwierig herauszufinden, wie Kabel überhaupt verlaufen und welcher Verteilerkasten welches Gebäude versorgt. „Die ersten Kabel, die die Telekom vor 20, 25 Jahren verlegt hat, sind teilweise nicht dokumentiert worden“, diese Erfahrung machte Detlev Barth, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Göttingen.  

Oft wissen Unternehmen aber auch gar nicht, dass andere technische Möglichkeiten über Großkundentarife bestehen – mitunter auch, weil man einfach nicht den richtigen Ansprechpartner bei der Telekom findet. Die Telekom ist in Göttingen der maßgebliche Netzbetreiber. Diese Tarife sind dann allerdings bedeutend teurer, bieten dafür aber auch verlässlich hohe Datenübertragungsraten.

„Wir brauchen die Aussage der Unternehmen, wie die tatsächlichen Datenverbindungen aussehen und ob geringe Bandbreiten an der Verkabelung liegen oder daran, dass kein besserer Vertrag abgeschlossen wurde“, sagt Ursula Haufe, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung und Stadtentwicklung Göttingen (GWG). Liegt die tatsächliche Downloadrate unter 30 Mbit/s, ist es der Stadt erlaubt, öffentliche Gelder für den Ausbau einzusetzen.

In Göttingen hat die GWG durch eine erste Unternehmensabfrage fünf Straßen identifiziert, in denen solche „weiße Flecken“ liegen könnten (siehe Karte). Nun soll gezielt auf die dort ansässigen Unternehmen zugegangen werden, um die Situation kleinteilig zu erfassen. Denn der Aufklärungsbedarf vor Ort ist groß, wie betroffene Unternehmer deutlich machen.

Während Göttingen und die Mittelzentren bereits gut versorgt sind, gilt für den Landkreis insgesamt das Ziel, dass bis Ende 2018 95 Prozent der Anschlüsse mindestens 30 und 85 Prozent aller Anschlüsse mindestens 50 Mbit/s haben.

factbox

Laut Breitband Kompetenz Zentrum Niedersachsen gibt es beim derzeitigen Stand der Technik verschiedene Möglichkeiten der Internetverbindung:

❱ Kupfer: Leitungslängen bis 300 Meter erlauben bis 100 Mbit/s, das hängt praktisch aber von verschiedenen Faktoren ab; Probleme im ländlichen Bereich.
❱ Glasfaser bis ins Haus/Wohnung: mehr als 1 Gbit/s.
❱ Satellit: bis 150 Mbit/s, aber hohe Verzögerungszeiten.
❱ TV-Kabelnetz: bis 400 Mbit/s, aber geringer Upload, kaum gewerblich verfügbar.
❱ Richtfunk: bis 100 Mbit/s, aber abhängig vom Anbieter.
❱ Mobilfunk/LTE: bis 100 Mbit/s, geteiltes Netz, für Gewerbe kaum nutzbar.

Für die Ausbaustufen des Glasfasernetzes haben sich folgende Abkürzungen etabliert:
❱ FTTC (Fibre To The Curb): Glasfaser bis zum Kabelverteiler
❱ FTTB (Fibre To The Basement): Glasfaserkabel bis ins Gebäude
❱ FTTH (Fibre To The Home): Glasfaserkabel bis in die Wohnung

Aktueller Stand oder Ziel ist FTTC. Schrittweise soll jedoch FTTH realisiert werden.

So sieht es im Landkreis aus

Peter Pawlowski, POS Kresin Design GmbH aus Rosdorf
„In unserer Branche geht gar nichts mehr ohne vernünftige Datenverbindungen. Wenn wir zum Beispiel Druckdateien für überformatige Drucke auf unseren Server hochladen, sind die gerne mal ein Gigabyte groß. Auch wenn wir mit Film arbeiten, frisst das sehr viel Speicher. Das wird nicht weniger, im Gegenteil, unsere Arbeit wird immer dezentraler,  man arbeitet mit Kollegen aus der ganzen Welt zusammen und schiebt Daten hin und her. Wir arbeiten sehr viel in Clouds. Inzwischen sind wir in Rosdorf auch mit 100 Mbit/s angebunden und haben jetzt das Gefühl, wieder mit dem Rest der Welt verbunden zu sein. Bis vor nicht allzulanger Zeit war das noch anders.“

Ralph von Dincklage, R + D Sachverständige aus Adelebsen
„Bessere Verbindungen wären erstrebenswert, im Moment ist das mangelhaft und es gibt keine vernünftigen Verbindungen, so mein Eindruck. In unserer Branche ist ein schnelles Internet essentiell, weil wir für unsere Verhältnisse große Datenmengen wie Planungsdateien oder CAD-Zeichnungen bewegen. Und der Bedarf nimmt zu. Mit dem Ist-Zustand kann man arbeiten, aber auch, weil wir ohnehin viel bei den Kunden vor Ort sind. Es ist allerdings eine Tatsache, dass das Netz unterwegs schneller ist als im Büro. Wenn ich mit dem Wagen nach Göttingen fahre, kann ich die Daten schneller übertragen, was natürlich unsinnig ist.“

Martina Stietenroth, Geries Ingenieure Büro für Standorterkundung GmbH, Reinhausen
„Es ist noch nicht das, was wir uns erhoffen. Eine Zeitlang hatten wir eine  2 Mbit/s Standleitung, die aber relativ kostenintensiv ist, sich nicht rechnete und auch nicht das Schnellste ist. Jetzt haben wir eine Verbindung mit 60 Mbit/s, aber sobald mehrere Nutzer dranhängen, ist das langsam. Der Bedarf nach schnelleren Verbindungen wird weiter zunehmen – wir haben Außenstellen, mit denen wir uns abgleichen, der zentrale Mailserver steht bei uns im Haus. Unsere Verbindung ist ein Nadelöhr. Wir erstellen zum Beispiel viele größere PDF-Karten von um die 15 Megabyte und die lassen sich nicht eben mal schnell verschicken, das dauert bis zu zehn Minuten.“ sg

Kein Internet – Neubaugebiet tot

Interview mit Detlev Barth, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Göttingen (WRG). Die WRG koordiniert für den Landkreis Göttingen den Breitbandausbau.
Wie akut sind die Defizite beim Thema Internetverbindung?
Eine Handvoll Unternehmen ist massiv betroffen, da muss man sich wirklich etwas einfallen lassen und gegebenenfalls auch unkonventionelle Wege  gehen. Ich telefoniere aber auch mit Privatpersonen – Abitur ohne Internet ist heute kaum möglich. Manche Unternehmen haben aber die Möglichkeit, sich bei Telekommunikationsanbietern hohe Bandbreiten zu Gewerbetarifen einzukaufen. Wenn die mir sagen, dass sie das erst einmal prüfen müssen und ich nach drei Monaten immer noch nichts gehört habe, dann ist das ein Indiz dafür, dass sie doch nicht den Bedarf an höheren Bandbreiten haben. Viele fordern das Netz zum Nulltarif, aber wenn es etwas kostet, merkt man sehr schnell, dass die Not dann doch nicht so groß ist.

Detlev Barth, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Göttingen (WRG). Die WRG koordiniert für den Landkreis Göttingen den Breitbandausbau.

Quelle:

Die Telekom übernimmt für Glasfaseranschlüsse am Unternehmen die Kosten bis zu 30 000 Euro. Wird es teurer, zahlt das Unternehmen alles …
Es gibt aber  auch Fälle, in denen sich Unternehmen zusammentun. Dadurch sinken die Gesamtkosten für den Einzelnen deutlich. Es kann sich daher wirklich lohnen, den Nachbarn zu fragen, ob er nicht dasselbe Problem hat.

Wie sieht denn die Situation in Neubaugebieten aus?
Eigentlich nicht so schlecht, aber noch vor fünf Jahren hat sich noch nicht jeder über die Internetanbindung Gedanken gemacht. Heute ist jedoch ein Neubaugebiet ohne vernünftigen Internetzugang tot. Daher wird das inzwischen immer mitgedacht.

 
Wo sehen Sie das Thema Breitband in fünf bis zehn Jahren?
Es ist klar, dass der jetzt geplante Ausbau auf 30 beziehungsweise 50 Mbit/s nur ein Zwischenschritt ist. 2015 machte ein Fraunhofer-Professor deutlich, dass 50 Mbit/s eine Diskussion aus der Steinzeit ist. Wenn man ernsthaft in der Zukunft wettbewerbsfähig sein will, müsse man über Gigabit oder Terabit diskutieren.  Interview: sg

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