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Erst zuhören, dann fragen

Bundesweiter Vorlesetag in Göttingen Erst zuhören, dann fragen

Vorlesen ist eine schöne Tradition – in vielen Familien, aber auch an Schulen oder Kitas. Die fantastische Welt der Bücher wird dann lebendig. Das war auch am Freitag so – beim zehnten bundesweiten Vorlesetag. Zahlreiche Einrichtungen in Göttingen beteiligten sich daran.

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Gemeinsam mit der 4 a und der Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler (CDU) in der Erich-Kästner-Schule Göttingen in Grone.

Quelle: Harald Wenzel

Göttingen. Mit 130.000 Vorlesern stellte der 13. Bundesweite Vorlesetag am Freitag einen neuen Rekord auf. Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich in diesem Jahr mehr als 1000 Politiker und Prominente an der Initiative. „Dank an über 130.000 Vorleserinnen und Vorleser, die sich beim Bundesweiten Vorlesetag engagieren. Dies ist ein wichtiges Signal und zeigt, dass das Vorlesen ein fester Bestandteil im Alltag eines jeden Kindes sein sollte, am besten mindestens 15 Minuten am Tag“, teilte der Geschäftsführer der Stiftung Lesen, Jörg Maas, mit. Der Göttinger Bundestagsabgeordnete Fritz Güntzler (CDU), der am Freitag an einer Groner Grundschule vorlas, sieht es ähnlich: „Ich finde das Lesen wichtig. Viele Kinder kennen gar kein Buch mehr.“

Eine Schrift- und Wissensgesellschaft

Interview mit Prof. Christoph Bräuer. Er leitet die Abteilung Fachdidaktik Deutsch an der Georg-August-Universität.

Wie wichtig ist das Lesen?

Wir leben in einer Schrift- und Wissensgesellschaft. Es ist eigentlich nicht denkbar, dass wir heute ohne lesen und schreiben zu können überhaupt durch das Leben kommen. Eine Unterscheidung zwischen Lesen und literarischem Lesen ist wichtig. Ich könnte mir vorstellen, dass viele bei Lesen automatisch an Belletristik denken und es dann schnell heißt, dass Kinder und Jugendliche heute eher weniger lesen. Die Medienvielfalt, in der man lesen lernen kann, ist heute aber wesentlich größer als das früher der Fall war. Es ist sicherlich so, dass das Lesen insgesamt zugenommen hat. Man kann durch das Lesen auch eine ganze Menge über sich, über die eigene Identität lernen. Es ist eine Möglichkeit, neue Weltzugänge und eine Phantasie zu entwickeln wie die Welt alternativ aussehen könnte.

Gibt es qualitative Unterschiede zwischen dem Lesen auf digitalen Geräten und dem Lesen in einem Buch?

 Das ist schwierig im Moment einzuschätzen. Es gibt einiges, was dafür spricht. Natürlich holt man sich im Internet schneller Informationen, als wenn man ein Buch liest. Im Netz liest man im Prinzip immer mehrere Texte gleichzeitig. Wir haben noch nicht die nötigen didaktischen Konzepte, um mit dem Wissen aus dem Netz umzugehen. Weniger aber intensiver: Das ist für das Lesen sicherlich ein gutes Konzept.

Sollten Eltern bewusst Einfluss auf das Leseverhalten ihrer Kinder nehmen?

Es gibt nach wie vor Elternhäuser, die das als sehr wichtig ansehen. Natürlich gibt es auch Elternhäuser in denen Bildung, in denen Bücher, keine so große Rolle spielen. Die Art und Weise wie man damit umgeht ist entscheidend. Wichtig ist, dass man die Kinder nicht alleine damit lässt, und dass das Vorlesen einen Gesprächs- und Entdeckungscharakter hat. Das wissen wir auch aus Studien, dass dort, wo das nicht passiert – wo das Kind nur passiv zuhören soll – das Vorlesen nicht produktiv ist für die Lesemotivation der Kinder. Im Übrigen ist es immer wichtig, wenn die Eltern selber lesen.

Was fehlt einem Kind, wenn es nicht liest?

Wahrscheinlich würde das Kind sagen: Nichts. Weil es vielleicht nicht weiß, was ihm fehlt. Die Schrift hat natürlich auch immer ein Stück weit die Möglichkeit, sich von sich selbst zu distanzieren, um aufzuzeigen: So könnte Leben auch sein, so könnte sich Leben auch anfühlen. Damit kann man eigene Lebensentwürfe auch ein Stück weit hinterfragen und weiterentwickeln. Die Literatur bietet für genau so etwas einen wunderbaren Erfahrungsraum. Die Flucht aus der Gegenwart heraus, das ist heute anders zu bewerten. Es ist auch ein tolles Angebot, sich mit sich selbst beschäftigen zu können. Auch die Ruhe auszuhalten und sich nicht von außen durch Impulse berieseln zu lassen.

Ist es heutzutage schwieriger diese Ruhe zu finden?

 Ganz bestimmt. Nicht umsonst ist Entschleunigung heute ein geläufiges Wort, denn dieser Beschleunigung können wir uns kaum Entziehen. Die Smartphones führen dazu, dass man immer und an jeder Stelle erreichbar ist für jeden, sich schlecht herausnehmen kann. Insofern glaube ich unbedingt, dass das etwas ganz wichtiges ist, um eine Balance herzustellen und sich dem Trubel der Welt zu stellen.

„Tro di wat, snack Platt!“

Im Zuge des Vorlesetages wurde in diesem Jahr jedoch nicht nur auf die Wichtigkeit des Lesens, sondern auch auf regionale Besonderheiten aufmerksam gemacht. Unter dem Motto „Platt is cool – tro di war, snack Platt“ wurde an 17 Schulen in Südniedersachsen eine Lesestafette auf Plattdeutsch organisiert. Dafür wurden unter anderem Texte von Astrid Lindgren, Auszüge von Harry Potter und eine Kurzgeschichte von Siegfried Lenz in ostfälischem Platt vorgelesen. Per Telefon wurde die Plattdeutsch?/?Saterfriesische Lesestafette von Schule zu Schule weitergegeben. Mitgemacht haben alle Schulformen, von der Grundschule bis zum Gymnasium. Der Bundesweite Vorlesetag ist eine gemeinsame Initiative der Wochenzeitung „Die Zeit“, der Stiftung Lesen und der Deutsche Bahn Stiftung und soll „langfristig die Lesekompetenz fördern und Bildungschancen eröffnen“, so die Organisatoren. Vorgelesen wird dabei außer in Schulen in Kindergärten, Seniorenheimen, Mehrgenerationenhäusern, Bibliotheken und weiteren Einrichtungen. yah

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