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Cheers!

Thema des Tages: Reinheitsgebot Cheers!

Am Sonnabend, 23. April, wird das deutsche Reinheitsgebot 500 Jahre alt. Es gilt als das älteste Verbraucherschutzgesetz der Welt. Nach allerlei Bier-Mischgetränken sind heute wieder purer Bier­genuss und Brauerei-Handwerk gefragt.
Der neue Trend heißt Craft-Beer.

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Elmar Deden und Martina Roewer betreiben das Craft-Beer-Geschäft „Bottles“ an der Langen-Geismar-Straße in Göttingen.

Quelle: Hinzmann

Das Bockbier wurde in Einbeck erfunden. Dort wird seit dem Mittelalter Bier gebraut – heute natürlich nach dem deutschen Reinheitsgebot. Ulrich Meiser von der Einbecker Brauhaus AG erklärt, warum Bier wieder im Trend liegt.

Am 23. April wird das deutsche Reinheitsgebot 500 Jahre alt. Gleichzeitig findet das traditionelle Hoffest der Einbecker Brauhaus AG statt. Das heißt, Sie haben gleich zwei Gründe zu feiern?
Ja, es ist absolut ein Volltreffer, dass wir diese beiden Ereignisse am selben Tag feiern können. Zugegebenermaßen haben wir dafür unser jährliches Hoffest um ein Wochenende vorverlegt. Schon die Eröffnung ist etwas Besonderes, denn Ministerpräsident Stephan Weil sticht das erste Fass an. 

 
Welche Zutaten sind eigentlich gemäß Reinheitsgebot im Bier erlaubt?

Fest

Das Bierfest der Einbecker Brauhaus AG beginnt am Sonnabend, 23. April, um 12.30 Uhr mit dem Mai-Bock-Umzug. Um 13 Uhr sticht Stephan Weil das Fass an. Das Bühnenprogramm mit Bands und DJ läuft bis 0.30 Uhr auf dem Hof der Brauerei, Papenstraße 5-7.

Damals, als die bayrischen Herzogtümer zusammengeführt wurden, legten der bayrische Herzog Wilhelm IV. und sein Bruder Herzog Ludwig X. fest, dass nur drei natürliche Zutaten zum Bierbrauen genutzt werden dürfen: Wasser, Malz und Hopfen. Was sie damals nicht wussten: dass Hefe immens wichtig für den Gärungsprozess ist. Sie kam damals als zufällig in der Luft schwebender Bestandteil ins Bier – meist durch benachbarte Backstuben. Heute wird zum Bierbrauen Hefe aus Reinkultur verwendet.

 
In Einbeck wird bereits seit 1378 Bier gebraut. Ihre Tradition ist also älter als das Reinheitsgebot. Was war drin, im ersten mittelalterlichen Bier aus Einbeck?
Seit Beginn des Brauens in Einbeck werden nur die Zutaten genutzt, die im Reinheitsgebot verankert sind. Doch natürlich haben sich die Herstellungsverfahren im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. So gibt es heute Kühlanlagen, die ein ganzjähriges Brauen ermöglichen, Filteranlagen sind technisch ausgereift, es wird nur sauberes Wasser verwendet. Man darf nicht vergessen, dass vor Hunderten von Jahren die Flüsse viele Keime weitertrugen. Ein Grund übrigens, warum Bier als gesundes Lebensmittel galt. Denn dafür wurde das Wasser ja so erhitzt, dass diese unschädlich wurden. 

 
Mehr als 600 Jahre Brautradition, da hat sich einiges verändert. Welche Wandlungen gab es in den vergangenen Jahrhunderten auf dem Biermarkt?
Hopfen und Gerste werden kultiviert, neue Sorten gezüchtet, neue Anbaugebiete erschlossen, Hefe wird in Reinkultur gezüchtet. Ursprünglich haben die Biere wohl ziemlich herb geschmeckt, weil ihnen sehr viel Hopfen zugesetzt wurde. Das war nötig, um das Bier haltbar zu machen um es zum Beispiel in andere Städte zu verkaufen. Als Ende des 19. Jahrhunderts schließlich die Kühlung erfunden wurde, konnte der Hopfenanteil reduziert werden – neue Geschmacksrichtungen waren möglich. Es wurde und wird viel probiert: Bierbrauer in Ländern, in denen das Reinheitsgebot nicht gilt, nutzen andere Getreidearten, setzen Farb-, Aromastoffe und Zucker hinzu. Diese Biere waren vor Jahren in Mode gekommen. Heute geht  der Trend wieder zu einheimischem Bier. 

 
Einbeck steht ja auch für Bockbier. Seit wann gibt es diese Sorte und wodurch unterscheidet es sich vom Pils?
Wir in Einbeck haben schon von Anfang an Bock-Bier gebraut und sind nachgewiesenermaßen der Erfinder des Bock-Bieres. Es hat einen höheren Stammwürzegehalt – also Eiweiße, Vitamine, Mineralien, Aromastoffe oder Malzzucker – nämlich mindestens 16 Prozent. Damit ist der Anteil an gelösten Stoffen im Biersud gemeint, bevor er vergoren wird. Dieser zeichnet sich durch einen höheren Malzanteil aus. Wie unterschiedlich das schmecken kann, zeigen unsere fünf Sorten Mai Ur-Bock, Ur-Bock Dunkel, Ur-Bock Hell, Winter-Bock und das Ainpöckisch Bier. Allen gemeinsam ist, dass sie eine längere Zeit zum Reifen brauchen. Beim Pils dagegen ist der höhere Hopfengehalt entscheidend. 

 
Seit einigen Jahren sind ja – vor allem bei jüngeren Konsumenten – auch Bier-Mixgetränke beliebt. Kommt das Reinheitsgebot aus der Mode?
Ganz im Gegenteil: es kommt immer mehr in Mode. Denn immer mehr Menschen wollen Lebensmittel, die möglichst keine künstlichen Zusatzstoffe haben. 85 Prozent der deutschen Verbraucher sprechen sich für den Erhalt des Reinheitsgebots aus, 77 Prozent wünschen sich eine solche Qualitätsvorgabe auch für andere Lebensmittel. Klar ist dennoch, die Mischgetränke sind nicht mehr wegzudenken. Und sie müssen in immer kürzeren Zyklen neu erfunden werden, um immer wieder hip und aufregend zu sein. Wir setzen auf bewährte Trends: Radler das Einbecker Lemon.

 
So genanntes Craft-Beer ist ja ebenfalls ein Trend. Was ist das?
Craft-Beer ist nichts anderes als handwerklich gebrautes Bier, das oft hopfen- sowie malzbetont ist und ein volles Aroma hat. Daher gehören auch unsere Einbecker Sorten zur Gattung Craft-Beer. Der Begriff s ist aus Amerika zu uns herübergeschwappt. Dort wurde in den 70er Jahren ein Gesetz erlassen, das erstmals so genanntes Homebrewing erlaubte, also eine Produktion unabhängig von den großen Konzernen und in nur einer kleinen Menge – wobei wir da von bis zu sechs  Millionen US-Barrel sprechen, also einem Gesamtausstoß, den die meisten deutschen Brauereien nicht annähernd erreichen. Wir haben hier in Deutschland sehr viele regionale  Brauereien, die das alte Handwerk traditionsgemäß betreiben und dadurch per se Craft-Beer brauen. 

 
Welches Bier ist über alle Moden hinweg das beliebteste?
Das ist immer noch das Pils mit über 50 Prozent Marktanteil – allerdings über das Jahr gesehen. Die Bock-Biere jedoch haben ihre traditionellen Spitzenmonate: im Mai und in der kalten Jahreszeit.  

 
Wie schafft man es, in einem hart umkämpften Markt erfolgreich zu bleiben – und wo geht der Trend hin?
Erfolg hat man nur, wenn man seiner Überzeugung treu bleibt. Und dazu gehören für uns der gute Geschmack, die handwerkliche Brau-Tradition, die Verwendung natürlicher Zutaten und die regionale Verbundenheit. Wir haben unsere Eigenständigkeit immer bewahrt und sind stolz darauf. Zugegebenermaßen ist der Markt kein einfacher, aber die langfristige Entwicklung gibt uns recht. Der Trend macht ja gerade eine Wende: vom Massenprodukt wieder zurück zur individuellen Braukunst. Dieses neue Bewusstsein hat dafür gesorgt, dass nicht mehr nur der Wein, sondern auch das Bier passend zum Essen gewählt wird. Die Menschen trinken es mit Genuss, schmecken die Unterschiede, schätzen die Vielfalt und – lassen sich von Bier-Sommeliers beraten. Für uns heißt das jedoch nicht, jeden Tag eine neue Sorte zu erfinden, um in Mode zu bleiben, sondern auf bewährtes zu setzen und das zu tun, was wir am besten können: ein Bier zu brauen, das über die Jahrhunderte hinweg für Qualität und Genuss steht.

 
 Interview: Britta Bielefeld

BRLO Pale Ale, 6 %: „Ein ungefiltertes Bier, super frisch und fruchtig. Ein absolutes Sommerbier.“

Quelle: Hinzmann

Mal etwas Neues probieren?

Gerstenmalz, Hefe, Hopfen und Wasser – es sind die immer gleichen vier Zutaten, mit denen seit Jahrhunderten Bier gebraut wird. Nun wird der Markt von neuen Bieren aufgemischt. Trotz der üblichen Zutaten wird eine bisher unbekannte Geschmacksvielfalt möglich – die Rede ist von Craft-Beer.

Trappistes Rochefort, 9,2 %: „Relativ kräftig, aber unheimlich rund, voll­mundig und aromatisch. Ein echtes Feierabendbier. Wir nennen es immer Ledersesselbier.“

Quelle: Hinzmann

„Das Stichwort ist Handwerk“, erklärt Elmar Deden. Und der muss es wissen. Deden ist Bier-Sommelier und betreibt gemeinsam mit seiner Kollegin Martina Roewer das Craft-Beer-Geschäft „Bottles“ in der Langen-Geismar-Straße. „Es muss handwerklich gebraut sein, es müssen echte Zutaten sein, also kein Malzexktrakt oder ähnliches und es darf keine Zusatzstoffe enthalten.“ Und alle Craftbiere eine eines: Der unverwechselbare Geschmack. Craft-Beer kann beispielsweise eine Citrusnote haben oder nach Kräutern schmecken. „Total spannend“, findet Deden. Der ungewöhnliche Geschmack komme dabei über den Hopfen.

Samuel Smith Oatmeal Stout, 5 %: „Dunkles Bier mit Hafer verbraut. Es hat eine milde Süße und ist sehr ölig. Traumhaft!“

Quelle: Hinzmann

„Industriebiere schmecken oftmals gleich“, meint auch Roewer, ebenfalls Bier-Sommelier. Obwohl es über 200 verschiedene Hopfensorten gibt, setze die Industrie immer auf die gleichen Sorten, erklärt sie. „Wie soll dabei Vielfalt ins Glas kommen?“
In anderen Ländern, wie zum Beispiel den USA, ist Craft-Beer seit Jahrzehnten ein Thema, hierzulande hat man lange eher konservativ Bier getrunken. „Jetzt kommen viele, die im Urlaub Craft-Beer kennengelernt haben und das auch Zuhause ausprobieren wollen“, erzählt Roewer. Und mittlerweile gibt es auch in Deutschland eine Reihe von kleinen Brauereien, die Craft-Beer herstellen. „Vor fünf Jahren wäre es sicherlich nicht möglich gewesen so einen Laden zu eröffnen“, ist sich Roewer sicher. „Wir wollten etwas verkaufen, wo wir voll und ganz dahinterstehen“, meint sie. Und das bedeutete zuallerstert: Die Ausbildung zum Bier-Sommelier. „In Deutschland ist die Bezeichnung nicht geschützt, wir wollten aber, dass da auch etwas dran ist.“ 

Brewdog Punk IPA, 5,6 %:„Sehr hopfen­betont, eine leichte Malz­note und sehr fruchtig. Ein spekatuläres Bier!“

Quelle: Hinzmann

Also ging es nach Österreich. Bei den Nachbarn wird die Ausbildung zum Bier-Sommelier nämlich offiziell vom Brauer-Verband abgenommen. In der Ausbildung lernen die Aspiranten das Brauen, Verköstigen und allerhand Informationen rund um das Produkt.
Eine anstrengende Zeit, wie Roewer berichtet. „Das ist der Abschluss, auf den ich mit Abstand am meisten stolz bin“, lacht die gelernte Diplom-Soziologin. bk

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