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Erdogan hat „ein gutes Herz“

Göttinger zum Putschversuch in der Türkei Erdogan hat „ein gutes Herz“

Der gescheiterte Putsch in der Türkei bewegt auch türkisch-stämmige Südniedersachsen. Angst und  Verunsicherung ist ihnen anzumerken – öffentlich zu den Vorfällen äußern möchten sich viele nicht, andere nur anonym.

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Der gescheiterte Putschversuch in der Türkei beschäftigt auch Menschen in der Region.

Quelle: dpa

Göttingen / Duderstadt. „Natürlich habe ich Familienangehörige dort. Ich habe angerufen und nachgefragt, wie die Lage ist“, erzählt ein Handwerker aus Göttingen. Er will anonym bleiben. „Es ist unübersichtlich“, fährt er fort. Sein erstes Bauchgefühl sei gewesen: „Erdogan, das hast du wieder super hinbekommen“. Er sei nicht pro Erdogan, aber man dürfe ihn nicht unterschätzen. Dass die Regierung vor dem Putsch nichts von dem Vorhaben mitbekommen hat, das glaube er nicht. Jedoch müsse man anerkennen, dass die Leute Erdogan mögen. Für ihn seien die Leute auf die Straße gegangen, sagt der Handwerker.

„Das Volk liebt und glaubt an Erdogan"

Hayati Gürcan sagt, „das Volk liebt und glaubt an Erdogan. Das kann man nicht mit Geld kaufen“, so der Inhaber eines Lebensmittelgeschäftes. Er sei entsetzt über die Geschehnisse. „Es tut uns weh, dass so viele Menschen gestorben sind“, sagt Gürcan. Für ihn stehe das Menschenleben an erster Stelle, egal auf welcher Seite man steht. „Keiner hat das Recht Menschen umzubringen“, sagt er. Die Putschisten seien Terroristen und er hoffe, dass alles wieder gut wird. Die festgenommenen Richter und Staatsanwälte „waren beteiligt“, daran besteht für Gürcan kein Zweifel.

Mustafa Karaselik arbeitet in Göttingen in einem Kiosk und kann die Vorfälle nicht begreifen. Wäre der Putsch gelungen, hätte es „zu 100 Prozent einen Bürgerkrieg“ gegeben. Dass Erdogan nun eine Diktatur durchsetzt, das glaubt er nicht. Die Säuberungsaktionen müsse der türkische Präsident ausführen, um erst einmal zu untersuchen, wer tatsächlich beteiligt war.

Sabri Kahraman

Sabri Kahraman

Quelle: r

Sabri Kahraman aus Duderstadt verfolgt die Geschehnisse ebenfalls aufmerksam – und hat deshalb „die ganze Nacht“ vor dem Fernseher verbracht. „Ich habe zuerst gedacht, das sind Nachrichten von früher“. Als dann Panzer auf der erst kürzlich fertiggestellten Bosporus-Brücke zu sehen waren, sei klar gewesen: „Das ist jetzt“. Ihn habe das überrascht: „Die meisten in der Türkei sind zufrieden“. Auch wenn er sich nicht als Anhänger von Präsident Erdogan sehe, habe er wenig Verständnis für die Putschisten: Die wirtschaftliche Situation sei dank des Präsidenten „sehr gut“.

Eine Einschätzung, die auch sein Freund Cihat teilt:  „Durch Erdogan ist die Türkei besser geworden“ – wovon er trotz seiner kurdischen Wurzeln überzeugt sei. Dass der von Erdogan beschuldigte Fetullah Gülen für den Putsch verantwortlich ist, glauben auch die beiden. Cihat ärgern Verschwörungstheorien über eine Putschinszenierung durch Erdogan: „Sowas wie die Bild-Schlagzeile finde ich nicht in Ordnung.“ „Ich denke das ist eine Strategie, so gewinnt er alle Stimmen“, sagt hingegen ein Verkäufer aus Göttingen, der anonym bleiben möchte. Sein Urteil stützt er auf den Vertrag von Lausanne, der 1923 geschlossen wurde. Der Vertrag, der auf 100 Jahre ausgelegt wurde und im Jahr 2023 endet, regelte auch die Aufteilung verschiedener Territorien zwischen der Türkei und Griechenland. „Es geht um viel Geld und viel Macht“, betont der Mann. „Man weiß nicht, was Erdogan vor hat“, sagt er.

Erdogan sei „besser als Obama oder Putin“

Einen „großen Präsidenten“ nennt Erdogan hingegen ein Göttinger Ladenbesitzer. Auch er möchte seinen Namen nicht preisgeben. Erdogan sei „besser als Obama oder Putin“, sagt der Mann. Er tue für die Bürger alles, was sie brauchen. „In der türkischen Politik gibt es keine Alternative zu Erdogan.“ Der Präsident habe „ein gutes Herz“. Der Putschversuch sei von einer kleinen Gruppe des Militärs initiiert worden. „Wenn das komplette Militär mitgemacht hätte, hätte Erdogan keine Chance gehabt.“

Von Yannick Höppner und Christoph Höland

Der gescheiterte Putschversuch nützt Erdogan

Der Putschversuch in der Türkei ist derzeit das politische Thema Nummer eins. Dr. Thorsten Hasche lehrt und forscht am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. So schätzt er die Lage ein:

Der Putschversuch in der Türkei ist derzeit das politische Thema Nummer eins. Dr. Thorsten Hasche lehrt und forscht am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. So schätzt er die Lage ein:

Quelle: r

Wem nützt der Putsch in der Türkei, wem schadet er?

Der gescheiterte Putschversuch nützt derzeit Präsident Recep Tayyip Erdogan, dem Ministerpräsident Binali Yıldırım sowie der Regierungspartei AKP. Sie haben von den führenden internationalen Staaten zunächst volle Rückendeckung erhalten und münzen den Putschversuch nun in eine großangelegte Bestrafungs- und Säuberungsaktion um. Auf diese Weise können sie umfassende Kontrolle über die Armee, die Richterschaft und auch die Polizei gewinnen und letzte kritische Stimmen ausschalten. Gewiss sehen sich auch große Teile der türkischen Bevölkerung als moralische Sieger gegen Teile des Militärs und alle Oppositionsparteien haben sich heute hinter die AKP-Regierung gestellt. Mittelfristig wird aber die bereits auf tönernen Füßen stehende institutionelle und rechtliche Gestalt der türkischen Republik weiter ausgehöhlt und großen Schaden nehmen.

Knapp 3000 Richter wurden kurzfristige entlassen oder inhaftiert. War Erdogan auf den Putsch vorbereitet?

Am Montag kamen noch bis zu 8000 Personen aus dem Polizeiapparat dazu. Der Ausdruck jedoch „auf den Putsch vorbereitet“ wäre mir zunächst zu stark in Richtung der kursierenden Gerüchte formuliert, der Putsch sei von der Regierung orchestriert worden. Der Putsch ist – wenn man das so ausdrücken mag – gewissermaßen dilettantisch ausgeführt worden und bietet nun eine Steilvorlage für die Regierung, alle unliebsamen Personen mit einem Schlag aus dem Sicherheits- und Verwaltungsapparat zu entfernen. Die Pläne dafür lagen aber wohl schon vor.

Wie wird sich die Lage in der Türkei verändern?

Ob der derzeitigen Einigkeit aller Parteien im türkischen Parlament könnte die türkische Republik über eine Verfassungsänderung  wohl zeitnah im Sinne eines Präsidialsystems umgestaltet werden und direkt auf die Person Erdogan zugeschnitten werden. Das wird langfristig gesehen jedoch eine plurale Demokratie völlig verstimmen lassen und den Weg in eine Autokratie eröffnen.
Interview: Britta Bielefeld

Ditib: Koranverse für Türkei

Unterschiedlicher könnten die Reaktionen auf den gescheiterten Militärputsch in der Türkei kaum ausfallen. Muslime sprechen in südniedersächsischen Ditib-Gemeinden Koranverse, damit die Soldaten in ihre Kasernen zurückkehren. Vertreter der Aleviten und Jesiden fürchten hingegen den Sieg des türkischen Präsidenten.

„In allen südniedersächsischen Ditib-Gemeinden haben Muslime am Wochenende Koranverse gesprochen“, berichtet Müfit Pürtelas von der türkisch-islamischen Gemeinde in Northeim. Bei ihnen seien es Sonntagabend 50 Menschen gewesen. Viele Mitglieder seien derzeit im Urlaub in der Türkei und hätten die Daheimgebliebenen mit Informationen versorgt. Die Betroffenheit sei groß.

„Wir hätten nicht gedacht, dass türkische Soldaten noch einmal auf das eigene Volk schießen würden“, sagt Pürtelas. Seine Familie stamme aus Istanbul. Dort seien Kampfjets über die Stadt gedonnert. Die Menschen seien dem Aufruf von Präsidenten Erdogan gefolgt und hätten unter Lebensgefahr auf der Straße gegen den Putsch demonstriert. Sie hätten laut  Pürtelas gewusst, dass bei einem Sieg der Militärs die Demokratie beseitigt worden wäre. Deshalb hätten sich auch Mitglieder der Oppositionsparteien sowie Kurden den Protesten angeschlossen. Auch in Kassel und Hannover hätte es Demos gegeben.

Azad Onal

Azad Onal

Quelle: r

„Ein Militärputsch ist keine Lösung“, bestätigt Azad Onal von der jesidischen Gemeinde in Göttingen. Erdogan allerdings auch nicht. Minderheiten hätten kaum Möglichkeiten, ihre Religion in der Türkei zu praktizieren. Der Streit zwischen Erdogan und dem konservativen Prediger Fetullah Gülen, den der Präsident als Drahtzieher des Putsches verdächtigt, sei persönlicher Natur. Beide strebten eine Islamisierung der Gesellschaft an, nur hinsichtlich der Mittel würden sie sich unterscheiden.

„Die Menschen in der Türkei werden von Jahr zu Jahr religiöser“, beobachtet Ilyas Cangöz vom Alevitischen Kulturverein in Herzberg. In der liberalen Stadt Izmir, wo er zur Zeit ist, hätten nur einige 100 Menschen für Erdogan demonstriert. Der Präsident nutze nun die Gunst der Stunde, um gegen Gegner vorzugehen. Seine Anhänger hätten von langer Hand Listen mit Namen von Personen angefertigt, die nicht hinter Erdogan ständen. Sie würden nun verhaftet. Das treffe nicht nur die Armee, die Bastion der säkularen, nationalistischen Kemalisten, sondern auch die Justiz.

mic

Keine Stornierungen

Eine offizielle Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für die Türkei besteht nicht. Deshalb haben Reisende auch keinen Anspruch auf eine kostenlose Umbuchung. Eine Nachfrage nach Stornierungen hat Joachim Bekedorf vom First-Reisebüro am Wilhelmsplatz in Göttingen allerdings auch nicht verzeichnet. „Gleich am Sonnabend hatten wir Einzelfälle von besorgten Kunden, die sich nach Storno-Möglichkeiten erkundigt haben“, sagt der Reisebüro-Chef. Am Montag hatte sich die erste Aufregung bereits gelegt, die Kunden fliegen in dieser Woche wie geplant in den Sommerurlaub an die türkische Küste.

J. Bekedorf

J. Bekedorf

Quelle: r

„Reiseveranstalter wie die Tui haben sofort reagiert und alle Kunden in ihren Anlagen informiert“, sagt Bekedorf.  Per Email hat sich eine Kundin aus ihrem Urlaubsort Belek gemeldet. „Kurz ein Statusbericht aus Belek vom Wochenende: Außer einer bedrückenden Stimmung spürt man von den Unruhen hier nichts, es kommen immer wieder Urlauber auch an“, schreibt sie. Zwar seien Lufthansa und German Wings-Flüge nach Deutschland bis Sonntag storniert worden; Sun-Express habe aber viele Urlauber mit „nervigen Zwischenstops“ ausgeflogen. Die Göttinger Kundin weiter: „Unabhängig davon haben wir einen schönen Urlaub.“

Spätestens seit den Anschlägen in Istanbul seien die Türkei-Buchungen zurückgegangen. „Die Menschen, die dort vom Tourismus leben,tun mit leid“. Derzeit halten sich keine seiner Reisenden in Istanbul oder Ankara auf, erklärt der Reisebürochef. In den Urlaubsquartieren sei von dem gescheiterten Putsch nur wenig zu spüren gewesen. Aber: „Ich schaue derzeit jeden Morgen NTV um auf dem Laufenden zu bleiben.“

  bib

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