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Der Führerschein für Kutscher kommt

Kutschenführerschein Der Führerschein für Kutscher kommt

Ab Juni 2017 wird der Kutschenführerschein eingeführt. Das hat der Beirat der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) als Dachverband im Reit- und Fahrsport beschlossen, um Ausbildungs- und Sicherheitsstandards zu verbessern. Dazu äußern sich nun Berufs- und Hobbyfahrer sowie Trainer in der Region.

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Göttingen. „Ausbildung ist immer sinnvoll. Niemand sollte ganz blauäugig mit vierbeinigen Kraftpaketen vor dem Wagen in den Straßenverkehr gehen“, empfiehlt Rainer Harte vom Reit- und Fahrsportverein Rhumehof in Gieboldehausen. Harte hat eine Trainer-A-Lizenz im Fahrsport. Als Ausbilder kennt er auch die Fehler und Unsicherheiten von Fahranfängern. Allerdings glaubt er nicht, dass sich durch den neuen Kutschenführerschein die Ausbildung verbessern würde. „Es hängt eher davon ab, wie ausgebildet wird. Wenn man in einem einwöchigen Crashkurs das Fahren lernen soll, hat man vielleicht einen Schein, aber man ist noch kein sicherer Fahrer.“ Ansonsten sieht er bei den Schwerpunkten des Führerscheins kaum Unterschiede zur bisherigen Ausbildung in Form der Fahrabzeichen der FN. „Die Ausbildungsthemen Sicherheit und Straßenverkehr sind auch in den Abzeichenlehrgängen erhalten, das ist nichts neues“, sagt Harte. Allerdings begrüßt er mehr Informationen für andere Verkehrsteilnehmer.

Dem schließt sich auch der Seulinger Christian Rink an. Er fährt in der Freizeit mit seinen Shire-Horses und hat das Fahrabzeichen Klasse IV (heute FA 5). „Wenn ich eine Hochzeit fahre, und die Gäste rasen freudig hupend an mir vorbei, ist das einfach Unwissenheit“, so seine Erfahrung.

Auch Rink hält Ausbildung für wichtig, weiß aber: „Sicherheit kommt nur mit Routine.“ Zudem beruft er sich auf seinen Ausbilder Martin Peters, Inhaber der Trainerlizenz A Fahren des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Auf seiner Facebookseite meint Peters: „ Vor ca. 25 Jahren wurde mit der Argumentation, Fahrer auch außerhalb des Turniersports anzusprechen, dem damaligen Bronzenen Fahrabzeichen das Kleine Fahrabzeichen DFA IV vorgeschaltet, dann kam noch der Fahrerpass hinzu und letztendlich sollte ja auch das jetzige Fahrabzeichen 5 nichts anderes sein.“ Er habe beobachtet, dass heute viele Ausbilder auf dem Fahrplatz trainieren und die Praxis im Straßenverkehr fehle. Er prognostiziert, dass sich auch nach der Einführung des Kutschenführerscheins nicht viel ändern werde.

Berufsfahrer mit Trainer-A-Lizenz und Turnierrichter Frank Bitzmann sieht eine Gefahr bei Pferdehaltern und Fahrern, die ganz nach dem Motto „Kann ja nicht so schwer sein“ sowohl auf die eigene Ausbildung, als auch auf die des Pferdes verzichten. Bitzmann arbeitet hauptberuflich für den Fahrbetrieb „Thüringer Kutschenromantik“ am Sonnenstein, wo er auch sechsspännige Post- und Hochzeitskutschen fährt. Er plädiert für eine gründlichere Ausbildung von Fahrern. Dennoch hält die bisherigen Abzeichen für ausreichend. Allerdings räumt er ein: „Eventuell müssen sie für gewerbliche Fahrer um Lektionen, die bisher im Gespannführerschein enthalten waren, ergänzt werden.“

FN fordert Standards

„In den vergangenen sechs Jahren hat es bundesweit mehr als 280 Unfälle mit Kutschen gegeben“, sagt Thomas Ungruhe, Leiter der FN-Abteilung Breitensport in Warendorf. Auch im Landkreis Osterode hat sich im vergangen Jahr ein tödlicher Kutsch-Unfall ereignet. Dabei liegt es oft nicht am Kutscher, sondern an äußeren Einflüssen, die die Pferde erschrecken und durchgehen lassen. Ein erfahrener Kutscher bekommt ein verunsichertes Pferd meistens schnell wieder in den Griff.

Um Unfällen besser vorzubeugen, habe die FN in Kooperation mit anderen Institutionen ein Präventionssystem mit verschiedenen Bausteinen auf den Weg gebracht. „Wir werden oft gefragt, warum denn jeder Mofa-Fahrer einen Führerschein vorweisen müsse, aber mit der Kutsche einfach jeder losfahren dürfe“, sagt Ungruhe. Darauf habe die FN nun mit dem Kutschenführerschein reagiert, der zwar nicht gesetzlich verankert sei, aber auch dem Gesetzgeber einen Anstoß geben solle. In den vergangenen Jahrzehnten habe die FN ihre Ausbildungsangebote in puncto Fahren stetig den Zeiten angepasst, aber die bisher gültigen Fahrabzeichen als Ausbildungsnachweis in verschiedenen Klassen seien vor allem für Fahrer mit Turnierambitionen konzipiert worden. Der Kutschenführerschein soll nun um Sicherheitsmodule erweitert werden, die auch Freizeitfahrer ansprechen, „eben diejenigen, die eher im Straßenverkehr als auf Turnierplätzen unterwegs sind“, so Ungruhe. Außerdem soll für jeden Fahrer, unabhängig von einer Vereins- oder Verbandszugehörigkeit, der Erwerb des Kutschenführerscheins möglich sein. Die Inhaber bisheriger Fahrabzeichen (ab Klasse FA 5) könnten zudem ab Juni ohne weitere Leistungsnachweise den Kutschenführerschein bei der FN beantragen, „nur für eine sehr moderate Gebühr“, so Ungruhe. Der Führerschein solle in den Kategorien A für Privatpersonen und B für gewerbliche Fahrer unterschieden werden. Bei B liegen vermehrte Schwerpunkte in Ladungssicherung oder technischen Anforderungen. In Form einer Scheckkarte soll der Führerschein zusammen mit dem Personalausweis mitgeführt werden und bei einem Unfall oder Versicherungsfall die Sachkunde des Fahrers nachweisen.

Neben der Ausbildung von Kutschern stehe aber auch die Schulung der übrigen Verkehrsteilnehmer auf der Agenda, betont Ungruhe. Dazu kooperiere die FN mit den Fahrlehrerverbänden der jeweiligen Bundesländer, mit ADAC, Dekra und TÜV. „Wir sind dabei, einen Lehrfilm zu erstellen, der dann mit weiteren Info-Materialien den Fahrschulen zur Verfügung gestellt werden kann“, sagt Ungruhe. Dabei könne beispielsweise über Sicherheitsabstände zu Gespannen oder das Sichtfeld und Fluchtverhalten eines Pferdes informiert werden.

Ziel der FN sei es, bundesweit einheitliche Qualitätsstandards in der Ausbildung von Kutschenfahrern und in der Aufklärung anderer Verkehrsteilnehmer zu ermöglichen. „Tierschutzorganisationen fordern ein Fahrverbot für Kutschen in Städten und auf öffentlichen Wegen. Um die Pferdegespanne und damit ein uraltes Kulturgut nicht noch weiter aus unserer heutigen Welt zu verdrängen, muss sich unser Sicherheitsdenken weiterentwickeln“, plädiert Ungruhe für den Kutschenführerschein und für Vernetzung mit Institutionen im Verkehrswesen. Bisher kann jedoch jeder weiterhin beliebig Kutsche fahren, solange es keine gesetzliche Grundlage für einen Ausbildungsnachweis gibt.

Landkreis nimmt Kontakt auf

Göttingen. Der Landkreis Göttingen hat inzwischen mit der FN (Deutsche Reiterliche Vereinigung) Kontakt aufgenommen. Wie weit eine Kooperation zum Thema Kutschenführerschein möglich ist, werde sich zeigen, sagt Ulrich Lottmann, Pressesprecher des Landkreises. „Als Behörde begrüßt es der Landkreis prinzipiell, wenn etwas in puncto Sicherheit im Straßenverkehr und in der Personenbeförderung getan wird. Mehr können wir dazu allerdings noch nicht sagen“, so Lottmann.

Pferde und Wagen in Zahlen
  • Um 2000 v. Chr .  - Die ersten Wagen, die von Pferden gezogen werden, sind die Streitwagen der Antike.
  • Um 200 n. Chr . - Die Römer nutzen bereits Reisewagen mit Federung.
  • Um 500 n. Chr . - In China ist das Kumt-Geschirr verbreitet, das es Pferden ermöglicht, schwerere Lasten zu ziehen. Erst 400 Jahre später setzt es sich auch in Europa durch.
  • Um 1200 – Durch die Erfindung der drehbaren Vorderachse werden die Wagen wendiger.
  • Um 1550 – Die Federung der Wagen, die seit der Römerzeit in Vergessenheit geraten ist, wird wiederentdeckt. Das Reisen wird bequemer.
  • Um  1750 – Mit dem Wachsen der Städte kommen die ersten Mietkutschen auf. Die Wagen werden leichter.
  • Um 1820 – Von Pferden gezogene Omnibusse transportieren viele Personen pro Fahrt in den Städten. Für Reisen über Land hat sich die geschlossene Postkutsche durchgesetzt.
  • Um 1880 – In London arbeiten rund 300000 Pferde in Fuhrunternehmen und Fabriken. Sie sind in dieser Zeit die größte wirtschaftliche Energiequelle.
  • 1914 – 1918 – Rund 16 Millionen Pferde werden im Ersten Weltkrieg eingesetzt, fast 2 Millionen allein in Deutschland. Sie werden in der Kavallerie benötigt und zum Lastentransport. Die Hälfte aller Pferde sterben in diesen Jahren.
  • 1939 – 1945 – Im Zweiten Weltkrieg werden auf deutscher Seite 2,7 Millionen Pferde eingesetzt, fast 1,8 Millionen überleben den Krieg nicht.
  • Ab 1950 – Die zunehmende Mechanisierung der Landwirtschaft verdrängt auch die letzten Fuhrwerke. Als Touristenattraktion halten sich in den Städten manche Kutschen, man sieht sie noch auf Hochzeiten, im Freizeitbereich oder auf Turnieren im Fahrsport
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