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Der Überlebende

Interview mit Benjamin von Stuckrad-Barre Der Überlebende

Benjamin von Stuckrad-Barre war ganz jung ganz oben. Dann kamen die Drogen und die Bulimie. Mit radikaler Schonungslosigkeit erzählt der Popliterat in seinem Buch „Panikherz“, wie er das Erwachsenwerden fast nicht überlebte. Ein Gespräch über die Faszination am Rausch, Freundschaft und prägende Jahre in Göttingen.

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Benjamin von Stuckrad-Barre liest am 8. April im Jungen Theater aus seinem neuen Buch "Panikherz".

Quelle: Julia Zimmermann

Göttingen. Herr von Stuckrad-Barre, lange Zeit war es still um Sie, jetzt reden alle von Ihrem großen Comeback. Wie geht es Ihnen damit?

Comeback ist so ein großes Wort. Und „alle“ ja noch viel größer. Mir eigentlich alles zu groß. Ich komme doch aus Göttingen! Da hat man es gern eine Nummer kleiner. Jetzt habe ich Ihre Frage vergessen, aber das ist meine Antwort. Nein, ähm – wie es mir damit geht, fragten sie. Aber das ist Therapiestuhlkreisdeutsch, da mag ich jetzt nicht mitmachen, das habe ich hinter mir. In Kliniken wird man das mehrfach pro Tag gefragt: Wie geht es Ihnen damit? Und wir sind ja hier nicht in der Klinik, wir sind ja im „GT“. Ansonsten geht es mir ganz gut, danke.

Sie haben mit Ihren 41 Jahren mehr erlebt als die meisten in ihrem ganzen Leben.

Glaube ich nicht.

Warum dieses Buch, gerade jetzt?

Weil es fertig geworden ist. Ich wollte schon lange über die Jahre meiner Suchterkrankungen schreiben, weil das existenzielle Erfahrungen waren, und weil das nun einmal mein Beruf ist: aus existenziellen Erfahrungen Texte zu machen. Ich habe lange überlegt, wie ich diese Geschichte erzählen kann, wie der Ton sein muss. Die äußeren Daten stimmen zwar mit meinem Leben überein, aber das Schreiben erzeugt ja, wenn es kein Intimbekenntnismüll ist, automatisch eine erzählerische Fiktionalisierung. Aber eigentlich habe ich auch nur das getan, was ich seit ungefähr 20 Jahren mache: das aufschreiben, von dem ich denke, dass ich es aufschreiben muss.

Bei Panikherz taucht der Leser tief in Ihre Gedankenwelt ab. Was war für Sie die Arbeit an „Panikherz“ – eher Befreiung oder Schmerz?

Darum darf es nicht gehen. Das fände ich selbst als Leser anstrengend und als Schreibhaltung sowieso falsch, dass ich „mal was loswerden will“, oder ich mir „was von der Seele schreibe“. Grauenhaft. Das ist ja kurz vor Therapie. Das soll und das darf es auch gar nicht sein, Schreiben.

Worum geht es dann?

Darum, anhand von Erfahrungen Geschichten zu erzählen. Davon zu erzählen, wie das ist, ein Mensch zu sein. Schreiben ist ja kein objektiver Vorgang. In der Kunst, im Film und in der Literatur geht es immer um eine bestimmte Perspektive auf die Welt. Das ist Schreiben. Eine Stimme, ein Ton, eine Sichtweise auf die Dinge, eine Variante. Darum geht es, und nicht darum, dass ich unbedingt mal erzählen müsste, dass ich mit 29 in einer Klinik war und mit 31 auch – das interessiert ja zurecht niemanden. Oder allenfalls meine Krankenkasse.

Wie ist die Geschichte in Ihrem Fall?

In meinem Fall ist erstmal die gute Nachricht, dass ich überlebt habe. Das war lange eher unwahrscheinlich. Die Geschichte selbst hat mir dann irgendwann gesagt, wie ich sie erzählen kann. Udo Lindenberg hat mir hinterher erklärt, was da passiert ist: durch die Wirklichkeit hindurch, vieles weglassen, dadurch zur Wahrheit vordringen.

Wie kann man sich das genau vorstellen?

Wenn ich versuche, mich als einen 12-Jährigen zu beschreiben, wie ich zum ersten Mal Udo Lindenberg höre, oder als 18-Jährigen, wie ich durch Göttingen laufe und Plakate klebe –  das war gewiss nicht genau so, wie es im Buch steht. Ich hatte nicht den Anspruch, alles im Detail so zu erzählen, wie es war, es ist ja kein Tagebuch, sondern dann eher ein Roman. Die Geschichte entwickelt sich dann durch Gewichtungen gewisser Episoden und Figuren. Als ein Leitthema ergaben sich: Lehrer außerhalb der Schule, die man sucht oder findet in seinem Leben. Leute, die einem die wirklich wichtigen Sachen beibringen: Musik, Literatur, wie spricht man eine Frau an und so weiter.

Frauen gehörten nicht dazu? Die kommen in „Panikherz“ so gut wie gar nicht vor.

Ja, weil sich das nicht gehört. Ich möchte nicht ausschließen, dass ich irgendwann vielleicht schon mal eine Frau geküsst habe, das kommt aber nicht in dem Buch vor. Die Radikalität des Erzählerischen in der Selbstbetrachtung ist nur möglich, indem man sie ausschließlich auf sich anwendet, nicht aber auf andere Menschen aus meinem Umfeld, die ja nichts dafür können, dass das Schreiben mein Beruf ist.

Worum geht es in Ihrem Buch dann?

Es geht darum, wie die Nacht und der Rausch ein romantisches Gedankengebäude wurden, in das ich hinein wollte. Ein Gedankengebäude, das ich dann niedergebrannt habe und schließlich überwinden musste, um zu überleben. Es geht um Freundschaften und Helden – und um das Erwachsenwerden. Darum, was während dieses Weges aus einem wird. Was aus den Träumen und aus den Helden wird. Es sind Reflexionen, die logischerweise immer ausgehen von mir, weil ich es ja erzähle, und in denen sich idealerweise aber andere auch erkennen können. Ich empfinde es als meine Aufgabe, als meinen Platz in der Welt, dass ich mein Leben so lebe, dass ich anderen davon erzählen kann.

Was viele nicht wissen: Sie haben Göttingen am Max-Planck-Gymnasium Ihr Abitur gemacht. Wo haben Sie in Göttingen am liebsten Ihre Zeit verbracht?

Das war ganz klar das Café Kadenz, das es heute leider nicht mehr gibt. Das Kadenz war für mich früher der Inbegriff eines Kaffeehauses. Da gab es so einen tollen Deckenventilator, die Kellner hatten elegante Schürzen, und hinten im Gürtel steckten große Kellnerportmonees. Als Schüler konnte ich mir das natürlich nur ab und zu leisten, ein Kakao kostete 3 Mark 50, aber es lag ein Schokomikadostab auf der Sahne, das war gut. Und dann habe ich da wahnsinnig wichtig vor meinem 3,50-Kakao rumgesessen, dazu eine Zeitung in so einem Holzspanner als Requisit, möglichst fremdsprachig, „Le Monde“ oder so, um weltmännisch zu wirken. Und dann habe ich gehofft, dass mich eine hübsche Studentin anspricht. Das war für mich das Idealbild eines glücklichen Lebens. Nur hat mich leider nie eine angesprochen.

Im Café Kadenz haben Sie auch Ihren späteren Mentor Christoph Reisner kennengelernt.

Christoph Reisner...

...war Gründer und langjähriger Leiter des Göttinger Literaturherbstes. 1992 gegründet entwickelte sich die Veranstaltung in den Folgejahren zu einer der erfolgreichsten Literaturveranstaltungen in Deutschland. Als Leiter des Festivals organisierte er mehr als 600 Lesungen in Göttingen. 2014 starb Reisner im Alter von nur 48 Jahren an einer chronischen Erkrankung der Hirngefäße im westfälischen Hamm, seiner Heimat.

Christoph Reisner gab damals das Stadtmagazin „Nighlife“ heraus und hat praktisch im Café Kadenz gewohnt. Der ist immer spät zu Bett gegangen, hat dann mittags im Café erst einmal eine Schachtel Gauloises geraucht, Kaffee getrunken und von dort aus den Tag geplant. Christoph war mein Vorbild. Er war zehn Jahre älter als ich, und ich wollte alles genau so machen wie er: Jackets tragen und Bücher und Platten nach Hause geschickt bekommen und den ganzen Tag telefonieren, lesen, Musik hören und schreiben. So wollte ich leben.

Was hat Sie am meisten an Christoph Reisner beeindruckt?

Christoph hat den Göttinger Literaturherbst erfunden und veranstaltet, eine damals neuartige Literatur-Festival-Form. Zuvor waren Lesungen in Deutschland immer furchtbare Veranstaltungen gewesen, zu denen vielleicht 30 Leute in eine Buchhandlung kamen, grauenhafteste Hüstelkultur. Christoph hat das wie Rock‘n‘Roll organisiert: Tolle Autoren eingeladen und sie an Orten lesen lassen, wo man selbst auch freiwillig hingeht, Unihörsäle oder Konzerthallen. Für mein Leben war Christoph eine extrem wichtige Figur. Er hat mir das Lesen wieder beigebracht, das die Schule mir vergraust hatte, auch das Schreiben, und er hat mir gezeigt, wie man Plattenfirmen dazu bringt, einem umsonst CDs zu schicken. Oder wie man sich gratis in Konzerte reinschlawinert. Vor drei Jahren ist er leider gestorben.

Es gibt eine Szene in dem Buch, in der Sie beschreiben, wie Sie mitbekommen, dass die Mauer gefallen ist. Am Mülleimer vor Karstadt hängt nämlich die – nicht mehr ganz aktuelle – Titelseite des Göttinger Tageblatts.

Ich weiß nicht, ob das wirklich so war. Ist auch vollkommen wurscht. Aber so funktioniert Erinnerung: in Bildern. Es ist ja nicht so, dass man das als 14-Jähriger wirklich begreift und denkt: „Ah, der Kalte Krieg ist vorbei, Wiedervereinigung ist eine gute Sache, auch für Europa.“ Nein, man geht zu „Karstadt Sport und Hobby“ und will diesen bunten Pullunder haben, den damals Boris Becker trug, und dann kriegt man das Weltgeschehen eher so am Rande mit. Diese Beiläufigkeit, die ist wahr. So passiert einem das Leben. Und so erinnern wir uns.

Am 8. April lesen Sie im Jungen Theater. Freuen Sie sich schon auf Ihren Besuch in der alten Heimat?

Absolut. Für mich war Göttingen damals die Rettung. Zuvor wohnten wir in Rotenburg an der Wümme, das war für mich ein grauenhafter, geistesfeindlicher Ort. Göttingen hingegen war und ist einfach eine super Stadt, um dort aufzuwachsen. Es hat genau die richtige Größe, es gibt verschiedene Kinos, Theater, ganz viele Buchläden, einfach ein vitales studentisches Leben und ganz viel Geist. Und in dieser Schwammkopfphase der Vierzehnjährigkeit, in der ich nach Göttingen kam, war es sehr wichtig, nicht in einer stumpfen Provinz zu wohnen. Ich habe meine Zeit in Göttingen in wirklich bester Erinnerung, für mich ging es hier richtig los: das Leben.

Was haben Sie sich für Ihre Lesung in Göttingen vorgenommen?

Ich werde natürlich eisenhart jede Göttingen-Stelle aus dem Buch lesen. Da müssen wir durch, das Publikum und ich. Jedoch macht es mich sehr traurig, dass Christoph nicht mehr miterlebt, dass ich dieses Buch fertig gekriegt habe. Ich habe zehn Jahre dafür gebraucht und, als er noch lebte, viel mit ihm darüber gesprochen. Ich vermisse ihn sehr.

Wie haben Sie Ihre erste Lesung mit Christoph Reisner in Erinnerung?

Fiebrig, ich war natürlich wahnsinnig aufgeregt. Zwei Jahre zuvor hatte ich noch für seine Lesungen Plakate geklebt, und dann hatte ich plötzlich meine erste Lesung im Alten Rathaus. Christoph stand ironisch lächelnd am Rand und hat mich nicht richtig ernst genommen. Und das war genau richtig, mich nicht ernst zu nehmen. Damit fühle ich mich komplett wohl.

Dann weckt die anstehende Lesung bestimmt einige Erinnerungen bei Ihnen.

Ja, an meine schönen Jugendjahre dort – und vor allem an Christoph. Hätte ich ihn damals nicht getroffen, wäre mein Leben ganz anders und ganz bestimmt viel schlechter verlaufen. Die Weichenstellungen im Denken, die er mir vermittelt hat, waren für mich extrem prägend. Es ist wahnsinnig schade, dass er nicht mehr lebt.

Über den Autor:

Benjamin von Stuckrad-Barre wurde 1975 in Bremen geboren und wuchs als jüngstes von vier Kindern einer Pastorenfamilie in Rotenburg an der Wümme auf. 1990 zog er mit seiner Familie nach Göttingen, wo er am Max-Planck-Gymnasium sein Abitur absolvierte. Seinen bundesweiten Durchbruch hatte Stuckrad-Barre mit seinem ersten Roman „Soloalbum“ (1998), der 2003 mit Nora Tschirner und Matthias Schweighöfer in den Hauptrollen verfilmt wurde.  Zu den bekannten Werken des Autors gehören unter anderem „Remix“ (2004) sowie „Auch Deutsche unter den Opfern“ (2008).  Im TV war Stuckrad-Barre unter anderem mit dem Polit-Talk „Stuckrad Late Night“ (ZDFneo) und der TV-Serie „Stuckrads Homestory“ zu sehen (rbb).

Interview: Lucia Dettmer

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