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„Wir machen das selbst“

Die Dahlenröder sanieren ihr Dorf selbst „Wir machen das selbst“

„Wir nehmen die Dinge gern selbst in die Hand“, sagt der Dahlenröder Ortsbürgermeister Manfred Schrickel. Das tut das Dorf immer öfter: Nach dem Freibad und dem Dorfgemeinschaftshaus erstrahlt jetzt auch die Kirche in neuem Glanz.

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Quelle: Richter

Dahlenrode. Das kleine Gotteshaus war jahrzehntelang vernachlässigt worden. Vor einigen Jahren kam die Idee auf, die Kirche zu renovieren, aber: Die Landeskirche habe sich zunächst geziert, sagt Schrickel. Dann aber habe sie 2015 wenigstens einen Gutachter geschickt. Doch das Ergebnis fiel nicht gerade nach dem Geschmack der Dahlenröder – und wohl auch nicht nach dem Gusto der Landeskirche – aus: Um die 180000 Euro, schätzte der Fachmann, würde die Sanierung wohl kosten.

An sein Antwort damals erinnert sich Schrickel noch: „Wir wollen doch nur, dass die Kirche wieder schön aussieht.“ Ihm sei klar gewesen: „Mit der Landeskirche kriegen wir das nicht hin.“ Stattdessen gingen die Dahlenröder das Problem nach ihrer Art an. Motto: „Wir machen das selbst.“ Die Methode: sehr viel Eigenarbeit, kreatives Werben um Spenden und sehr viel Hartnäckigkeit.

Der Erfolg zeigte sich bereits ein Jahr später: Die kleine Dorfkirche ist von innen und außen renoviert, neu verputzt, innen behutsam neugestaltet und vielfältiger nutzbar als je zuvor. Und das für 10000 statt für 180000 Euro, sagt Schrickel mit bescheiden vorgetragenem Stolz.

Spaß und Kreativität

Wie kreativ die Dahlenröder das Projekt vorantrieben, zeigt sich unter anderem daran, dass ein im Gerümpel unterm Dach gefundenes altes und schahaftes Uhrwerk übers Internet zu Bargeld gemacht wurde. Ein Liebhaber bot 500 Euro dafür, der Erlös ging in die Sanierung. Die schönen großen Kerzenleuchter vom Boden, laut Inschrift aus dem Jahr 1773, blieben allerdings und schmücken jetzt den kleinen Altar. Und zum krönenden Abschluss zeigte sich die Landeskirche derart beeindruckt durch das private Engagement, dass sie 7000 Euro dazugab.

Mit solchen Aktionen haben die Bewohner Dahlenrodes bereits Erfahrung. 1974 wünschten sich die Besucher des Freibades ein Wassertretbecken. Die Gemeinde wollte in die kleine Badeanlage am westlichen Ortsrand nicht mehr viel investieren, also wurde das Becken in Eigenleistung fertiggestellt, sagt Klaus Brandenburg, Chef der Dahlenröder Jahgdgenossenschaft und der Feldmarksgenossenschaft. Das Bad selbst war gut 20 Jahre zuvor ebenfalls weitgehend in Eigenleistung aus der ehemaligen Flachsrotte und späteren Schweinebucht entstanden.

1980 drohte das Aus für das marode Dorfgemeinschaftshaus, gleich neben dem Freibad gelegen. Statt sich damit abzufinden, ließen sich die Einwohner gerne wieder mobilisieren. Statt dem Ende des DGH wurde es umgebaut und erhielt einen neuen Anbau. Für das Projekt DGH mussten 20000 Euro aufgewendet werden. 1600 kamen aus Dahlenrode, 2000 aus Atzenhausen, der Rest über alle möglichen Spenden und 2600 Stunden Eigenarbeit. Das Nachbardorf profitiert von den Angeboten in Dahlenrode und hilft gerne mit, sagt Bürgermeister Schrickel. Das DGH-Modell, meint Friedel Kahlmeier, Vorsitzender des Gesangsvereins, werde jetzt in anderen Dörfern im Umkris kopiert.

Eigenarbeit mit Tradition

1987 wollte die Gemeinde Rosdorf das eigentlich beliebte, aber ziemlich kleine Freibad wegen zu hoher Kosten und wegen neuer EU-Vorgaben, die zu noch mehr Kosten führten, schließen, und senkte in einem ersten Schritt die Zuschüsse von 30000 auf 10000 Euro. Wieder machte das Dorf nicht mit. Stattdessen wird es bis heute unter der Trägerschaft des Sportvereins Atzenhausen weitergeführt

Allerdings kann der Betrieb des Freibads manchmal kritisch werden. So im Jahr 2015, als ein Hochwasser die Pumpen beschädigte. „Da kamen wir an unsere Grenzen“, sagt Bärbel Salmen, stellvertretende Ortsbürgermeisterin und die gute Seele des Bades. Mit Spenden und viel Kreativität wurde jedoch auch diese Krise überstanden: Das Bad läuft wieder. Am 3. Juni wird das Bad gereinigt und aufgefrischt, natürlich in Eigenarbeit. Am 17. Juni soll Saisoneröffnung sein.

Dass Dahlenrode erfolgreich versucht, Freizeit- und andere Angebote des Dorfes zu erhalten, zahle sich aus, meint Salmen. Anders als in vielen anderen Dörfern, sagt die stellvertretende Ortsbürgermeisterin, sei Leerstand im vergleichsweise abgelegenen Ort kaum ein Problem.

Sich bei den Angelegenheiten des Dorfes nicht auf andere verlassen zu wollen, ist in Dahlenrode keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Brandenburg, der sich intensiv mit der Geschichte des kleinen Dorfes befasst, hat kürzlich herausgefunden, dass die kleine Kirche, die 2016 vor allem durch Eigenarbeit wieder zum Schmuckstück geworden ist, um 1723 errichtet worden sein muss – „und zwar primär in Eigenleistung“, erklärt Brandenburg.

"Engagierte Menschen können viel bewegen"

Sören Steinberg

Sören Steinberg

Quelle:

In der Gemeinde Rosdorf blickt man gern nach Dahlenrode: Gemeindebürgermeister Sören Steinberg (SPD) hält das mittlerweile als "Dahlenröder Modell" bekanntgewordene ehrenamtliche Engagement der Bürger für vorbildlich - ein Interview.

Tageblatt: Das Dorf Dahlenrode kümmert sich um das Freibad, das Dorfgemeinschaftshaus und jetzt auch die Kirche eigenverantwortlich. Wie bewerten Sie als Rosdorfer Bürgermeister dieses Modell?

Steinberg: Die Arbeit und das Engagement der Dahlenröderinnen und Dahlenröder ist beispielhaft. Hier zeigt es sich, dass viele engagierte Menschen eine Menge bewegen können.

Sind andere Dörfer in der Gemeinde Rosdorf dem Dahlenroder Modell gefolgt und haben ebenfalls Einrichtungen in Eigenregie übernommen?

Ja, in Obernjesa und Settmarshausen werden die Sporthallen beziehungsweise die Dorfgemeinschafrshäuser von örtlichen Sportvereinen treuhänderisch getragen. Ebenfalls kümmert sich der Sportverein in Settmarshausen um das dortige Freibad. Zukünftig soll das Settmarhäuser DGH treuhänderisch verwaltet werden. In Klein Wiershausen gibt es die Interessengemeinschaft (IG) Klein Wieshausen, die dort ehrenamtlich den Dorftreff, das DGH, restauriert hat und ihn betreibt.

Fallen Ihnen weitere Bereiche ein, in denen ein derartiges Engagement nützlich oder wünschenswert wäre?

Das ehrenamtliche Engagement in der gesamte Gemeinde ist schon jetzt mehr als beachtlich. Ohne die vielen Ehrenamtlichen hätten wir jetzt schon in einigen Bereichen Schwierigkeiten, alle Angebote aufrechtzuhalten. Dies gilt insbesondere für die beiden Freibäder in Dahlenrode und Settmarshausen. Zukünftig könnte ich mir auch einen Förderverein für das Freibad Rosdorf oder das Familienzentrum Rosdorf gut vorstellen.

Interview: Matthias Heinzel

„Da vergeht einem die Lust am Ehrenamt“

Wie in jedem Jahr wollen die Dahlenroder auch 2017 in den Mai feiern und wie immer in Bartrams Scheune in der Ortsmitte. Doch für die weit über das Dorf hinaus beliebte Tanzveranstaltung benötigen die Initiatoren mittlerweile eine Baugenehmigung.

„Das ist kein Witz“ sagt Bärbel Salmen. 16 Jahre lang sei alles gut gegangen, meint die stellvertretende Ortsbürgermeisterin von Dahlenrode – anmelden, vorbereiten, fertig. Dann aber, vor drei Jahren, meldete sich die Göttinger Kreisverwaltung un verlangte eine Baugenehmigung. Begründung: Beim Tanz in den Mai handele es sich um eine Nutzungsänderung der Scheune, dafür sei eine Baugenehmigung nötig.

Die aber konnte nicht ohne Weiteres erteilt werden. Ein Architekt musste anrücken und eine professionelle Bauzeichnung anfertigen – und das in dreifacher Ausfertigung. Außerdem verlangte die Verwaltung ein Brandschutz-Gutachten. Und natürlich musste für die Baugenehmigung ein eigener Antrag eingereicht werden. „Was soll das“, fragt Ortsbürgermeister Manfred Schrickel. „Ich will doch gar nicht bauen. Die Scheune ist doch längst fertig.“

Für das Ganze seien etwa 750 Euro fällig geworden, erinnert sich Salmen – keine Kleinigkeit für das Dorf mit seinen beschränkten finanziellen Ressourcen. Außerdem muss der Antrag in jedem Jahr neu gestellt werden. Zwar sind die Bauzeichnungen aus dem Jahr 2014 weiterhin gültig, aber für die Prozedur kostet die Veranstalter immer noch pro Jahr um die 250 Euro. Salmen: „Da vergeht einem die Lust am Ehrenamt .“

Die Göttinger Kreisverwaltung bewertet die Angelegenheit naturgemäß anders. „Die zuständige Behörde“, erläutert deren Sprecherin Andrea Riedel-Elsner, „hat zu prüfen, ob die Räumlichkeiten geeignet sind, dass Menschen hier gefahrlos feiern können.“ Und das könne „im Rahmen eines Baugenehmigungsverfahrens“, geprüft werden. „unter anderem mit von einem Architekten erstellten Unterlagen“. Das werde beispielsweise notwendig, wenn wie im vorliegenden Fall ein Gebäude nicht für eine Baugenehmigung für Veranstaltungen verfüge.

Zumindest sei „ für eine Einzelnutzung angesichts der zu erwartenden Besucherzahl zumindest die Zulassung einer Einmalveranstaltung nach der Versammlungsstättenverordnung zu beantragen. Auf der Grundlage von Unterlagen wird hierbei geprüft, ob Ausnahmen von an sich bestehenden gesetzlichen Anforderungen zugelassen werden können. Grundvoraussetzung ist aber immer, dass der Brandschutz und die Sicherheit der Besucher und der Mitwirkenden gewährleistet ist. Aus diesem Grund wird oftmals eine Brandsicherheitswache angeordnet.“

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