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Die Jagd im Visier

Leben und leben lassen als Jäger Die Jagd im Visier

Wer beim Jagen nur ans Schießen denkt, ist auf dem Holzweg. Tiere zu beobachten, macht Jägern wie Maiken und Christian Ropeter-Nolte mehr Freude, als sie tatsächlich zu erlegen. Und wer ein wenig Glück hat, dem gelingen vom Hochsitz aus seltene Beobachtungen - Wie die eines weißen Rehbocks.

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Maiken Ropeter-Nolte bei der Jagd.

Quelle: HW

Göttingen. Göttingen. Kurz hinter der südniedersächsischen Grenze gehen die beiden Göttinger Maiken und Christian Ropeter-Nolte zur Jagd. In dem Revier, das Christians Vater gepachtet hat, lebt ein ganz besonders Tier.

Auf Tour mit  Maiken, der Jungjägerin. Ende vergangenen  Jahres  hat das Tageblatt über einen Kurs der Jägerschaft Göttingen berichtet, im Frühling hat die Teilnehmerin ihren Jagdschein bestanden. Nun geht es mit ihr hinaus, schauen, was die Mutter eines elfjährigen Sohnes an der Jagd so fasziniert. „Geschossen habe ich noch nichts“, erzählt sie. Für einen Schuss muss alles passen“. Licht, das Stück Wild, wie und wo es steht.“ Und das ist selten.

Aber Frau weiß ja nie, wann alles passt, Jagdglück ist nicht planbar. Also das Gewehr geschultert, eine Thermoskanne (in Form einer großen Schrotpatrone) voller Tee und Ohrschutz in Pink in den Rucksack gepackt. Die Kopfhörer sind nicht nur Gehörschutz, sie haben auch ein Mikrofon, das die Außengeräusche verstärkt. Das knacken der Äste, wenn die Rehe durchs Gehölz  staksen, wird dadurch verstärkt; ebenso der Regen, der einsetzt, als wir in der Kanzel am Rad eines großen Ackers Platz nehmen. Mit den Kopfhörern klingt es, als stünde man unter einer Regenwalddusche.

Zunächst ist nur das Knacken der Rehe zu hören, sehen lassen sie sich nicht. Noch eine Stunde bis zur Dämmerung. „Ab eineinhalb Stunden vor Sonnauf- und bis eineinhalb Stunden nach Sonnenuntergang  dürfen wir schießen“, sagt die Jägerin. Nur Schwarzwild, das darf auch nachts, beispielsweise bei Vollmond erlegt werden. Außer Rehen und Wildschweinen gibt es im Revier noch so genanntes Raubwild, dazu zählen beispielsweise Füchse, Waschbären und Dachse. „Als erstes Tier möchte ich ein Stücke Raubwild schießen“, sagt Maiken, und das nur dann, wenn Christian dabei.

Statt auf Tiere schießt die Novizin fleißig im Schießkino, auf Scheiben oder Tontauben – zum Training. „Ein Schuss muss einfach sitzen“, sagt sie. Jedes Training wird in eine Art Bonusheft eingetragen – für den Schießkundenachweis. Der ist in Niedersachsen zwar noch nicht Pflicht, die Landesforsten beispielsweise verlangen vom Jäger aber diese Qualifikation. „Ich war kürzlich im Harz jagen, dort musste ich ihn vorlegen“, erzählt Christian.

Die geschlossene Kanzel am Feldrand mit Blick auf die entfernte Autobahn schützt vor Wind und Regen, der Blick schweift eine Stunde lang über frischen, zarten,  grünen Winterweizen. Der scheint zu schmecken: Ein Hase hoppelt aus dem Wald und beginnt zu mümmeln. Immerhin, der Wald lebt.

Hasen beobachten, leise plaudern, abwarten, Tee trinken. Herrlich. Das Warten wird belohnt. Bei Einbruch der Dämmerung treten erst zwei, später noch ein drittes Reh aus dem Wald auf das Feld hinaus und beginnen zu äsen. „Die haben nichts auf, das sind Ricken“, sagt die Jägerin und meint damit, dass die Tiere kein Gehörn tragen. Maiken legt ihre Kipplaufbüchse an, zielt durch das Fernrohr. „Sie stehen gut“, sagt sie. Aber Reh Nummer zwei und drei, das sind die fast schon ausgewachsenen Kitze der Ricke. „Die würde ich nicht schießen“, sagt Maiken, „so als Mutter“.

Der Blick durch die Präzisionsoptik holt die Rehe zum Greifen nah, ein roter Punkt zeigt, wo der Schuss treffen würde – ein Blattschuss wäre möglich. Rehe einfach nur durch das Zielfernrohr zu beobachten ist aber auch ganz schön.

Zwei weitere Hasen und ein Habicht tummeln sich im Weizen. Dann knackt er erneut im Gehölz und ein weißer Rehbock sprintet am Ackerrand direkt vor der Kanzel entlang. Die Dämmerung hat bereits eingesetzt, der Himmel ist grau, das Tier aber sticht mit seinem hellen, cremefarbenen Fell gegen den Acker hervor. „Schau, schnell“, sagt Maiken. Schnell die Kamera bereit fummeln. Für ein Foto reicht die Zeit nicht aus, schon ist das seltene Stück Schalenwild wieder an der anderen Seite des Ackers im Wald verschwunden. Mit ihm Hase, Reh und Habicht. Dafür steht jetzt ein Geländewagen am Feldrand. Christians weißer SUV hat den weißen Bock verscheucht.

Der Sohn des Revierinhabers kennt das Tier. „Vor zwei Jahren haben wir ihn zum ersten Mal gesehen“, sagt der Jäger. Ein schönes Tier, welch eine Trophäe, oder? Der Bock, der darf wohl irgendwann an Altersschwäche sterben. Denn eine Legende sagt: „Der Jäger, der ein weißes Reh schießt, stirbt innerhalb eines Jahres.“

"Absoluter Einzelfall"

 Göttingen/Hannover. Ein fast weißer Rehbock in freier Wildbahn zu erleben– das ist ein seltenes Glück. „Ich hab noch nie gehört, dass hier in Südniedersachsen schon einmal solch ein Tier gesehen wurde“, sagt Dieter Hildebrandt, Vorsitzender der Jägerschaft Göttingen. „Dass einmal ein schwarzes Reh auftaucht, ist schon häufiger“, sagt er. Seiner Einschätzung nach handelt es bei diesem Bock um „einen absoluten Einzelfall“, des es so bislang noch nie gab.

Das es ein seltenes Exemplar ist, das bestätigt auch der Landesverband der Jäger in Hannover. „Vereinzelt kommen unterschiedliche Farbausprägungen beim Rehwild vor“, sagt Florian Rölfing, Sprecher der Landesjägerschaft Niedersachsen. Neben echten Albinos (schneeweiß mit roten Augen) kommen auch Farbanomalien oder – variationen vor. „Das sind Mutationen“, erklärt Rölfing. Die Gründe dafür liegen in also den Genen des Rehs. So könne es laut Rölfing durch fehlende Farbpigmente eben auch zu den cremefarbenen bis gelblichen Färbungen kommen, der der beobachtete Rehbock hat. Grundsätzlich sind helle „Varianten“ solcher Anomalien dabei allerdings deutlich seltener als dunkle – also schwarz gefärbtes Rehwild.“ In der Region Südniedersachsen zumindest sind derzeit keine weiteren hellen Böcke bekannt.

Immer mehr Jäger

Göttingen.  Niedersachsen ist das Land der Jäger, dort leben laut deutschem Jagdverband 130 Einwohnern pro Jäger, gefolgt von Schleswig-Holstein mit 134 und Mecklenburg-Vorpommern mit 137 Einwohnern pro Jäger. Im Bundesschnitt kommen auf einen Jäger 216 Einwohner. Zudem waren im vergangenen Jahr bundesweit mit rund 374 100 gelösten Jagdscheinen mehr Deutsche als je zuvor auf der Pirsch.      Auch die   Jägerschaft Göttingen verzeichnet einen Mitglieder-Rekord. Ende des vergangenen Jahres waren es 628 Mitglieder, die dort organisiert sind. Darunter 73 Frauen. Der Anteil der Frauen unter den Jägern steigt stetig an.

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