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Die Letzten ihrer Art

Kürschner in Niedersachsen Die Letzten ihrer Art

Pelze: Einst die Insignie der mondänen Dame. In den 80-er Jahren begann die Krise, Kunden beugten sich den Protesten militanter Tierschützer. Der Todesstoß für ein traditionelles Handwerk. In ganz Südniedersachsen haben nur zwei Kürschner überlebt. Wilhelm Dittert gibt in Northeim sein Geschäft nun auf, Erich Fütterer macht in Göttingen weiter.

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Der letzte Kürschner-Meister: Wilhelm Dittert gibt sein Geschäft in der Northeimer City auf.

Quelle: Hinzmann

Northeim. Es ist ein aussterbender Beruf: Wilhelm Dittert ist Kürschnermeister, der letzte in der Innung Südniedersachsen. Sein Geschäft in der Northeimer  Innenstadt schließt der 65-Jährige demnächst.
Pelze. In den Wirtschaftswunderjahren der Inbegriff von Luxus. Marilyn Monroe oder Sophia Loren posierten darin. Dittert begann 1966 seine Lehre. Damals florierten überall Kürschner und Pelzgeschäfte.

In den 80-er Jahren dann begann die große Zeit der Tier- und Umweltschutzbewegungen. Anfang der 90-er Jahre posierten  Supermodels wie Naomi Campbell (die heute wieder Pelz trägt)  nackt, um gegen Pelze zu demonstrieren. Harte Zeiten für Kürschner.

Dittert hat sein Handwerk nicht nur von der Pike auf gelernt, sondern auch im Blut. Schon der Vater und der Großvater waren Kürschner, im Geschäft in der Breiten Straße zeugen Fotos und ein alter Zylinder von der Familientradition. Der Vater war auch Mützenmacher.

Dittert absolvierte seine Lehre im Göttinger Modehaus Schlüter am Markt, das damals im Obergeschoss eine Pelzabteilung führte. In Kiel, Braunschweig und Frankfurt sammelte der Geselle dann nach seiner Prüfung wertvolle Erfahrungen im Kürschnerhandwerk. „Als ich alles konnte, habe ich die Meisterprüfung abgelegt“, erzählt er. Das Meisterstück: ein Nerzmantel. Aus den Fellen der weiblichen Tiere. „Die sind schöner, weicher, seidiger“, sagt der Kürschner. Und sie hatten ihren Preis. 16 000 Mark kostete das Meisterstück, das später eine Northeimerin kaufte und viele Jahre trug. „Das Material hat mir mein Vater gestellt“, sagt Dittert.

In seiner Werkstatt in Northeim hängt auch heute noch Material: Füchse, Nerze und andere Felle. „Wir machen aus Fellen Pelz“, erklärt der Kürschner.  Nun sind beispielsweise Nerze nicht besonders groß. Für einen  Mantel aus Nerz oder eine Decke aus Fuchspfoten-Fellen, wie sie bei Dittert hängt, braucht der Meister schon mal hunderte Pfoten. Nähte sind weder im Nerzmantel noch unter der Decke zu erkennen. In der Verarbeitung der Felle liegt das Geheimnis des Kürschnerhandwerks verborgen.

Mit dem Kürschnermesser, einem halbmondförmigen Gerät, in das der Meister halbiert Rasierklingen spannt, werden beispielsweise Nerzfelle in einer zackigen Schnittführung zertrennt und mit Versatz wieder zusammengenäht.  „Das Kürschnermesser ist das Wichtigste“, sagt der Fachmann und gleitet mit dem Werkzeug durch die Häute auf seinem Arbeitstisch. „Geschnitten wird immer auf der Lederseite“, sagt Dittert. Um ein Fell auszulassen, also zu verlängern, zeichnet er erst den Grotzen an, also die Fellmitte. Nach dem V-förmigen Schnitt folgt die Naht, am Ende ist die aber nicht zu spüren und das Fell fast doppelt so lang. „Fell ist flexibel“, erklärt der Kürschner. Vor allem, wenn es vor der Verarbeitung angefeuchtet wird. So kann es der Kürschner in Form bringen, trocknet die Haut, behält sie die neue Form bei. Mit Stoff wären solchen Verfahren nicht möglich.

Dittert repariert gerade eine Kundendecke aus Fuchsfellen. Seine Werkstatt will er voraussichtlich weiter führen. Änderungen, Umarbeitungen, Reparaturen: Pelze halten lange – wenn auch nicht ewig – und für seine Kunden ist der Meister da. Mit seinem schließt das letzte Pelzgeschäft in Northeim. „Nach dem Krieg gab es hier vier, fünf, Fachgeschäfte“, erinnert er sich, in Göttingen waren es sechs oder sieben. Dittert selbst trägt auch Pelz. „Aber nur nach innen.“

Göttingen. In Mailand, in der bekannten Einkaufsmeile Via Monte Napoloeone, hat Erich Fütterer sein Handwerk gelernt. Das war 1963. Damals ging der junge Mann in die Lehre. Nach der Ausbildung zog es ihn nach Südafrika, 1970 dann zurück nach Deutschland. 52 Jahre nach der Ausbildung arbeitet er noch immer in seinem Beruf – mit Leidenschaft.

Fütterer ist 74 Jahre und fährt jeden Tag mit dem Rad von Eddigehausen in sein Geschäft in der Göttinger Jüdenstraße. „Es hat mir schon immer Spaß gemacht, handwerklich zu arbeiten“, sagt er. Aber: „Die Kürschnerei in Deutschland ist tot“, räumt er ein.

Der letzte Kürschner: Erich Fütterer öffnet weiterhin Geschäft und Werkstatt in Göttingen.

Quelle: Hinzmann

In Ländern wie Italien oder Frankreich sei das völlig anders, dort, vor allem in mondänen Skiorten, werden Pelze nach wie vor mit Stolz getragen. Er nennt es „Doppelmoral“, mit der manche Menschen Pelzmantelträger bewerten.
Für alle anderen verarbeitet Fütterer Nerz, Fuchs oder Luchs zu Mode. Oder mehr und mehr zu Decken. „Pelzdecken sind sehr im Trend“, sagt er.

Viele seiner Kunden kämen mit Pelzmänteln, die sie selbst nicht tragen mögen, und lassen sie zu edlen Decken umarbeiten. Ein weiterer Trend sei es, Fell nur nach innen zu tragen. „Außen Kaschmir, innen Pelz“, schwärmt der Kürschner.  Und solche Arbeiten möchte er noch ein paar Jahre weiter anfertigen. „Ich mache weiter, solange es mir Spaß macht und solange ich kann“, sagt er.

Von 19 auf zwei in 25 Jahren

Der Beruf des Kürschners in Südniedersachsen ist vom Aussterben bedroht:  Eine Handwerks-Innung der Kürschner gibt es schon lange nicht mehr. „Sie ist bereits vor Jahren aufgelöst worden“, sagt Rainer Butter­brod, Abteilungsleiter Handwerksrolle der Handwerkskammer Hildesheim-Südniedersachsen.

Dort werden Handwerker aufgelistet. In dem gesamten Bezirk, also in den fünf Landkreisen Göttingen, Northeim, Osterode, Holzminden und Hildesheim gebe es nur noch zwei aktive Kürscher: nämlich Wilhelm Dittert in Northeim und „die Brüder Fütterer“, also das Geschäft von Erich Fütterer in Göttingen. Das einst florierende Gewerbe mit edlen Pelzen – und vor allem dereren handwerkliche Verarbeitung steht vor dem Aus. „Im Jahr 1990 waren bei uns noch
19 Kürschner verzeichnet“, sagt Butterbrod, bib

Pelz billiger als Kunstfell

Ein kuscheliger Pelzkragen ziert so manchen Parka. Den kann man ja auch als Pelzverweigerer tragen, es handelt sich ja meistens um Kunstpelz. Aber nicht immer. Wie die Stiftung Warentest kürzlich veröffentlichte, ist so mancher vermeintlicher Plüschkragen ein Marderhundkragen.

„Zahlreiche als Kunstfell deklarierte Applikationen an Kleidungsstücken wie etwa Fellkrägen von Kapuzen sind aus echtem Fell hergestellt“, so die Stiftung. Denn: Dieses Fell zu züchten, sei oft günstiger, als Kunstfell zu produzieren. Häufig stamme der Pelz aus China. „Für die Zucht werden viele Tiere in der Volksrepublik unter erbärmlichen Bedingungen gehalten“, so Stiftung Warentest. Von welchem Tier die Felle stammten, konnten die Experten nicht eindeutig klären, denn die Pelze waren stark mit chemischen Mitteln behandelt. bib

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