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Die Plakate der Kandidaten im Profi-Check

Kommunalwahl 2016 Die Plakate der Kandidaten im Profi-Check

An fast jedem Ortseingang sind sie zu sehen: Die Kandidaten, die sich um das Landrats-Amt bewerben. Wirken deren Plakate? Und wenn ja, wie? Für das Tageblatt haben drei Göttinger Profis die Poster begutachtet: Julia Bleckmann vom Institut für Demokratieforschung, Manuel Vicente von der Agentur für Kommunikation amaretis und Daniel Gerlach von der Werbeagentur blackbit.

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Julia Bleckmann vom Institut für Demokratieforschung und Manuel Vicente von der Agentur für Kommunikation amaretis.

Quelle: CH

Göttingen . „Der Vorteil der Wahlplakate ist, im Gegensatz zum Internet – eine breite Ansprache der Bürger“, sagt Bleckmann. „Die finale Wirkung von Wahlplakaten auf Wähler ist aber umstritten“. In einer Studie hätten 100 Prozent der Befragten angegeben, noch nie eine Partei aufgrund eines Wahlplakats gewählt zu haben.

„Zuerst informieren die Wahlplakate also über die anstehende Wahl an sich.“ Parteien, Kandidaten und politische Statements transportierten sich sekundär, so die Expertin. Besser als einzeln würden Plakate auf gemeinsamen Stellwänden wahrgenommen. Zu der klassischen Signalwirkung der Wahlplakate, nämlich „Achtung Wahlkampf“ komme dann ein „Wir treten gegeneinander an, vergleicht uns“, hinzu. Blecker: „Wer hier plakatiert ist legitimiert am Wahlkampf teilzunehmen und stellt dies sichtbar zur Schau.“

Daniel Gerlach, Geschäftsführer der Werbeagentur blackbit.

Quelle: R

„Beim Vergleich der aktuellen Wahlplakate erkennt man deutliche Qualitätsunterschiede – besonders hinsichtlich der Fotografie“, sagt Gerlach. Es sei ersichtlich, welche Kandidaten bei der Gestaltung in Profis investiert haben. Inhaltlich, so der Fachmann,  konzentrierten sich die Plakate stark darauf, Gesichter bekannt zu machen – ohne dabei die vertretenen Werte zu transportieren. Zeitgemäße Wahlwerbung sollte sich aber nicht allein auf Plakate und Flyer beschränken. Anstatt Passanten bei Einkauf zu überfallen und Briefkästen mit Werbeblättern zu fluten, sollten Politiker auch an eine Online-Marketing-Strategien denken. „Die sozialen Medien werden bisher kaum zielgerichtet genutzt.“

Laut Bleckmann lasse sich die zunehmende Personalisierung der Politik aufgrund der Gesichts- und Namensfokussierung in den Wahlplakaten nachzeichnen. „Subjektiv empfundene Personen-Sympathie beeinflusst die Wahlentscheidung, anstatt das Parteiprogramm.“  Dass nur eine Frau als Kandidatin antrete,  decke sich mit dem Stand der Forschung: „Nur jedes zehnte Rathaus in Deutschland von einer Bürgermeisterin regiert“, so Bleckmann.

Bernhard Reuter, SPD

  • Vicente: Da stimmt einfach alles, auch die Frisur. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen, die Inszenierung ist perfekt. Natürlicher Hintergrund, ein gewinnendes Lächeln und die schiefe Brille, die für den Sympathiefaktor sorgt. Rot und Grün wirken komplementär im Hintergrund und umspielen den Kandidaten mit dem blühenden Leben, der blaue Himmel fängt sich in seiner Krawatte. Den naturverbundenen Menschen nimmt man Herrn Reuter sofort ab.
  • Für eine hohe Aufmerksamkeit und Plakativität sorgt die Hausschrift der SPD. Der Fokus liegt auf der Person. Die Botschaft ist knackig und reduziert: Der Landrat selber. Das Plakat wird in der Öffentlichkeit sicherlich hervorragend wahrgenommen, weil es durch seinen klaren Aufbau, die überschaubare Message und das harmonische Bildkonzept funktioniert.
  • Gerlach: Hier gibt es nix zu meckern. Handwerklich perfekt umgesetzt. Jedoch: keine weiteren Informationen im Netz?
  • Bleckmann: Insgesamt ein stimmiges, klares Plakat mit einem souverän bis freundlich wirkendem Kandidaten Zu bemerken ist der detailbewusst gewählte Hintergrund mit ebenfalls SPD-roten Blüten.

Das Plakat der Göttinger SPD mit Landratskandidat Berhard Reuter.

Quelle: R

Ludwig Theuvsen, CDU

  • Vicente: Rein optisch wenig Licht, viel Schatten. Zwar stimmt hier die Gesamtidee, den Kandidaten sympathisch zu inszenieren. Allerdings kämpft Prof. Dr. Theuvsen auf diesem Plakat nicht gegen seine Mitkandidaten sondern in erster Linie gegen die Gestaltung. Der Gesamteindruck leidet an handwerklichen Unachtsamkeiten. Der dunkle und undefinierbare Hintergrund hebt den unzureichend ausgeleuchteten Kandidaten zu wenig hervor. Dadurch bleibt er ausgerechnet rechtsseitig ein Schatten seiner selbst. Der Kandidat sucht den direkten Blickkontakt zum Betrachter, findet ihn aber nicht mehr.  Allerdings steht die Schrift – insbesondere im Zusammenspiel mit dem schwarzen Hintergrund – im Gegensatz zu der auf die Zukunft gerichteten Botschaft. Das wirkt wie ein Schritt vor, aber zwei zurück!
  • Gerlach: Eigentlich ein gutes Plakat. Slogan gut, Hinweis auf die Website und ein sympathisches Foto. Schade, dass es so dunkel ist.
  • Bleckmann: Das Plakat wirkt dunkel bis düster. Der Kandidat wirkt durch Fokus und Bildausschnitt nah, und direkt. Die fehlende Krawatte entspannt das Portrait und nimmt mit dem Hintergrund etwas des düsteren Gesamtbilds.
  • Der Wahlplakat der CDU mit Landratskandidat Ludwig Theuvsen.

    Quelle: R

Eckhard Fascher, Die Linke

  • Gestalterisch noch Luft nach oben. Im Grunde entsprechen die Elemente den  goldenen Regeln der Plakatgestaltung: starke Farbe, pointierte Botschaft, direkter Blickkontakt, klarer Absender – viel richtig gemacht, aber nicht alles. Das Plakat schwächelt in der Harmonie. Zwar funktioniert das Rot im Hintergrund als Signalfarbe, wirkt aber in der Fläche zu aggressiv. Unklar bleibt, welcher Botschaft die Aufmerksamkeit geschenkt werden soll: Der Titelzeilen, dem Konterfei oder der politischen Botschaft? Das zu geringe Kontrastverhältnis der schwarzen Schrift auf dem roten sowie der hellen Schrift vor dem changierenden Hintergrund ist ungünstig gewählt: Aus dem Fahrrad- oder dem Autositz heraus sind diese Bereiche kaum zu entziffern. Die eigentliche Botschaft bleibt auf der Strecke.
  • Gerlach: Unvorteilhaftes Foto. Logo und Name gut lesbar. Wirkt wenig seriös.
  • Bleckmann: Rot als Signalfarbe dominiert dieses Wahlplakat. Wenngleich Fokus und Bildausschnitt des Kandidaten dem Betrachter zugewandt sind, so wirkt sein Gesichtsausdruck kritisch. Der Verzicht auf den klassischen Anzug lässt den Kandidaten alltagsnah und tendenziell gelassen wirken.
  • Die Linke und Landratskandidat Eckhard Fascher.

    Quelle: R

Felicitas Oldenburg, FDP

  • Vicente: Plakat mit Knalleffekt! Kraftvoll und gestalterisch mutig? Oder doch eher laut, grell und zuweilen schrill? Fest steht: Mit einem Design, das um jeden Preis auffallen möchte, zieht die FDP in den Wahlkampf. Aufgrund der Andersartigkeit ein guter Ansatz, allerdings ist der Betrachter im öffentlichen Raum enorm vielen Reizen ausgesetzt. Daher sollten Farben und Akzente bewusst und im Einklang mit der Kernbotschaft eingesetzt werden. Die ist nicht klar erkennbar, weil alle Elemente miteinander konkurrieren. Das Foto von Oldenburg kommt in freigestellter Form zum Einsatz. Dabei ist die Freistellung technisch durchschnittlich, die Ausleuchtung und Retusche kommt nicht einmal da heran.  Das Plakat vermittelt den Eindruck des Selbstgebastelten und  lässt die Kandidatin farblos wirken.
  • Gerlach: Ist das bunt hier. An das neue Farbschema der FDP muss sich der Wähler noch gewöhnen. Die Kandidatin wirkt dadurch etwas blass. Auch hier kein Hinweis auf einen Kandidatenseite im Netz.
  • Bleckmann: Die einzige weibliche Kandidatin wirkt dank der Farbumgebung frisch und lebhaft. Ihre Kleiderwahl ist stimmig und setzt somit parallel den Fokus auf ihr Gesicht.

    Die FDP und Landratskandidatin Felicitas Oldenburg.

    Quelle: R

Michael Täuber, ALFA

  • Vicente: Täuber vs. Layout 1:0. Die Sonne geht auf! Als erstes fällt die Lichtkomposition im Fotostudio auf, die so gewählt wurde, dass der Kandidat als freundlicher Frühaufsteher verstanden werden soll (Sonne tief von rechts). Im klassischen Anzug fotografiert macht er eine akkurate Figur und unterstreicht sein Selbstbewusstsein durch „Ihr Landrat“. Wenn es die Situation erfordert, wäre er sofort bereit, die Ärmel hochzukrempeln und anzupacken. Die Vielzahl der Schriften, die grafische Überlastung durch Ecken, Kanten und Rundungen und die verschiedenen Erdtöne lassen das Plakat konzeptlos wirken. Die ALFA bindet als einzige Partei prominent einen QR-Code ein, der direkt auf die Startseite führt. Aufgrund der unausgegorenen Gestaltung bleibt am Ende Herrn Täubers bejahendes Lächeln, das positive Assoziationen weckt.
  • Gerlach: ALFA. Wer ist das? Die Alternative zur Alternative? Unaufgeräumte Gestaltung.
  • Bleckmann: Ein eher unvorteilhaftes Plakat - der Kandidat wirkt durch den Bildausschnitt entfernt. Wenngleich durch den Aufbau mehr Raum für Informationen, wie Webseite und QR-Code gegeben ist, lassen die Kombination aus hellem Orange und Blau, Transparenzen, Schatten und Schriftschnitten das Plakat unübersichtlich wirken.

    ALFA und Landratskandidat Michael Täuber.

    Quelle: R
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