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Abschied aus dem Ortsrat

Kommunalwahlen in Niedersachsen Abschied aus dem Ortsrat

Am 11. September sind in Niedersachsen Kommunalwahlen. Auch die Ortsräte werden neu gewählt. Einige Mitglieder treten nicht wieder zur Wahl an. Sie alle haben durch ihre teils langährige Arbeit einiges erreicht.

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Wollenweber mit ihrem neuesten Projekt: Freilandhühner aus dem rollenden Hühnerstall.   

Quelle: CR

Annette Wollenweber - CDU, Lichtenhagen

Herzensprojekt? „Dass wir überhaupt einen Ortsrat hinbekommen haben.“ Damit hatte die promovierte Agrarwissenschaftlerin schon zu Beginn das wichtigste Ziel erricht. „Mir ging es darum, dass nicht einer im Ort und eine Clique bestimmen, sondern ein gewähltes Gremium.“ Bei der letzten Kommunalwahl vor fünf Jahren war das geschafft. Lichtenhagen hatte nicht mehr nur eine Ortsvorsteherin, sondern ein Gremium, das die örtlichen Geschicke bestimmt.

Denn ein Ortsvorsteher sei „ja nur der Erfüllungsgehilfe der Verwaltung“, sagt Wollenweber, die im ersten Ortsrat Lichtenhagens stellvertretende Ortsbürgermeisterin wurde.

„Je mehr Personen mitentscheiden, umso mehr Interessen sind bedacht.“ Allerdings weiß Wollenweber, dass ein Ortsrat selbst nicht viel erreicht. Es bedarf einer starken Vertretung eines Ortes im Gemeinderat - womit sie schon beim Scheitern ist. Im Rat, wo sie CDU-Fraktionsvorsitzende war, hat sie sich beim Thema Jugendräume nicht durchsetzen können. Seit der Rat vor einigen Jahren Alkohol rigoros aus den Jugendräumen verbannte, ist dort kaum noch Betrieb, auch in Lichtenhagen nicht. Die jungen Leute verkröchen sich hinter dem Computer.

Wollenweber hätte es gern etwas liberaler gehabt. „Die Leute vergessen, dass sie selbst in Jugendräumen groß geworden sind.“ Was sie nicht sagt: ...mit ersten Alkoholerfahrungen. Das Motiv, sich zu beteiligen, bringt die 53-Jährige auf den Punkt: „Wer hier wohnt, hat sich zu engagieren! Das ist für mich so.“    

Friedrich-Wilhelm Brandt von Lindau - SPD, Lemshausen

Friedrich-Wilhelm Brandt von Lindau

Quelle: Archiv

Die ersten politischen Erfolge hatte Friedrich-Wilhelm Brandt von Lindau bereits als beratendes Mitglied im Feuerwehrausschuss des Rosdorfer Rates. Damals als Ortsbrandmeister und nicht nicht als Politker. Von 1981 bis 86 hatte er diese Aufgabe, die Anschaffung eines neuen Feuerwehrfarzeuges war einer der ersten Erfolge. Weitere sollten folgen. Seit 1991 ist Brandt von Lindau Mitglied der SPR und des Gemeinderates, sein Engagement im Ortsrat begann 1996. Bis heute ist der langjährige Ortsbürgermeister politisch aktiv, wieder antreten möchte er „aus verschiedenen Gründen“ aber nicht wieder.

Dass man auch im Ortsrat einiges für seine Heimat erreichen kann, dafür ist Brandt von Lindau ein Paradebeispiel. Denn: Ohne ihn gäbe es das Dorfgemeinschaftshaus (DGH) vermutlich nicht. Es war marode, sollte geschlossen werden. Auch Mitglieder der eigenen Partei waren der Meinung, die Lemshäuser könnten das DGH in Mengerhausen nutzen. Der SPD-Mann ließ nicht locker, organisierte Fördermittel und

Zustimmung von Gemeinderatsmitgliedern der CDU und der Grünen. 2009 wurde es eröffnet, das neue DGH. Sogar einen Anbau konnte er noch organisieren.
Natürlich gab es auch Projekte, an denen der Lokalpolitiker scheiterter. Eines davon: „Der Hochwasserschutz“. Das und die Realisierung eines zweiten Neubaugebietes, hätte Brandt von Lindau gerne in einem Streich umgesetzt – und scheiterte am Widerstand einiger Mitbürger. „Das hat mich schon enorm geärgert“, räumt er ein.

Rainer Hartmann - FWG, Emmenhausen

Rainer Hartmann.

Quelle: R

Die örtlichen Vereine zu unterstützen und sich für die Partnerschaft mit Emmenhausen im Allgäu einzusetzen – das nennt Rainer Hartmann aus dem Bovender Ortsteil Emmenhausen auf die Frage nach seinem Herzensprojekt während seiner Amtszeit als Ortsrat. 2011 zog er mit 53,42 Prozent der Stimmen für die Freie Wählergemeinschaft in das Gremium ein.

Jetzt, nach einer Wahlperiode, tritt der 61 Jahre alte Zimmermann nicht mehr für den Ortsrat sondern für den Gemeinderat an. Für Emmenhausen direkt erreicht habe der Ortsrat nach jahrelangem Drängen, dass nun endlich der Radweg nach Lenglern gebaut werde, meint Hartmann. Als gescheitert sieht er hingegen an, dass „unsere Straße endlich mal saniert wird“. Bisher sei sie immer nur dürftig geflickt worden, ärgert er sich.

Er sei in Emmenhausen groß geworden, war zwölf Jahre Jugendwart und dreizehneinhalb Jahre Ortsbrandmeister gewesen. „Da kann man nicht von lassen“, meint er auf die Frage, warum er sich für seinen Heimatort engagiere.

Brigitte Wagener - SPD, Gelliehausen

Brigitte Wagener.

Quelle: R

„Ich gehöre jetzt selbst zu den Alten und will Platz für die Jüngeren machen“, sagt Brigitte Wagener. Zehn Jahre war die Sozialdemokratin Mitglied im Rat der Gemeinde Gleichen, 20 Jahre im Ortsrat Gelliehausen und davon die letzten fünf auch Ortsbürgermeisterin. Jetzt hört die 62-Jährige mit der Überzeugung auf, dass ihre ehrenamtliche Arbeit auf Ortsratsebene fruchtbar war. „Das zeigt mir das überwiegend positive Feedback.“

Konkrete Ziele hatte sie am Anfang nicht, aber sie wollte als Zugezogene „etwas für den Ort tun, in dem ich mich wohl fühle“. „Ich wollte mit meinen Mitstreitern immer dafür sorgen, dass sich unser Ort weiter entwickelt, lebendig bleibt und die Gemeinschaft zufrieden ist.“ Erst aus diesem übergeordneten Wunsch heraus hätte sich immer wieder konkretere Ziele entwickelt: zum Beispiel Neubaugebiete, die Vermarktung von Leerständen, die Ortsbildpflege. Ob dann etwas gelingt, hänge vor allem von den handelnden Personen ab, von ihren Kontakten und von vielen überzeugenden Gesprächen, sagt Wagener.

Stolz ist sie heute unter anderem auf ein schnelles Internet im Dorf, die Internetseite Gelliehausens, auf neue Spielgeräte für den Spielplatz und erfolgreich eingeworbene Zuschüsse für einen neuen Fußboden im Dorfgemeinschaftshaus. Und sie hat es erreicht, dass mehr Flächen in die Ortsbildpflege aufgenommen wurden. Sie hätte gerne auch erreicht, „dass wir mehr Neubauflächen anbieten können“. Das ist noch nicht geschafft, aber das Verfahren dazu läuft.

Arbeit auf Ortsratsebene funktioniere nur, wenn alle im Dorf und Ortsrat zusammenhalten, bilanziert Wagener nach 20 Jahren Ortsrat. „Und die haben eigentlich immer Spaß gemacht.“

Carsten Stralucke Bernshausen - Bündnis90/Die Grünen

Carsten Stralucke.

Quelle: R

Der Bernshäuser Carsten Stralucke scheidet als Kandidat der Grünen aus dem Gemeinderat in Seeburg aus. „Ich werde mich aber hinter den Kulissen weiterhin engagieren“, erklärt er. Sein Herzensprojekt war „ganz klar der Schutz des Seeburger Sees“. „Zu Beginn meiner Amtszeit, gerade noch rechtzeitig vor Abschluss des örtlichen Flurbereinigungsverfahrens konnte die grüne Fraktion gemeinsam mit der SPD-Fraktion die Bevölkerung und die notwendigen Gremien für notwendige Sedimentfänge sensibilisieren“, erinnert er sich.

Allerdings sei dafür ein langer Atem notwendig. „Zum Ende meiner Zeit im Rat nach fünf Jahren ist lediglich eine der drei beschlossenen Maßnahmen umgesetzt, eine ist gerade im Bau und die wichtigste Maßnahme ist in der Finanzierung immer noch nicht geklärt.“ Wie wichtig das Thema sei, zeige das aktuelle Badeverbot aufgrund einer Blaualgenschwemme.

Ein wichtiges Thema der grünen Politik sei die Transparenz gegenüber den Bürgern und wenn möglich auch deren Einbeziehung abseits der öffentlichen Ratssitzungen, an denen jeder Bürger beiwohnen könne. „Unser stetiges Einfordern von Bürgerbeteilgung hat zumindest zu einer sanften Bewegung bei der Mehrheitsfraktion geführt“, sagt Stralucke. Es gebe aber auch dabei noch viel Entwicklungspotenzial, das aber auch ein Umdenken erfordere.

Stralucke vermisst für die Gemeinde Seeburg als touristischem Anziehungspunkt ein Konzept und Zielsetzungen zur weiteren touristischen Entwicklung. „Unser Versuch, sich diesem Thema im Rahmen eines Workshops zu nähern, wurde abgelehnt“, bedauert er. Wenn hier kein Einlenken der Mehrheitsfraktion erfolge, werde wohl auch in Zukunft die touristische Entwicklung ohne Zielsetzung erfolgen. Schon jetzt seien die Bevölkerung und auch die Gemeindefinanzen nicht unerheblich belastet ohne das es entsprechende Konzepte zur Verbesserung der Gemeindeeinnahmen gibt.

Stralucke will auch weiter aktiv sein für seine Gemeinde: „Nur wenn jeder einen Teil zum Ganzen beiträgt funktioniert eine Gemeinschaft. Mir fällt hier eine Geschichte ein, wo ein kleiner Vogel versucht, einen Waldbrand mit stetigem Wasserholen zu löschen. Die anderen Tiere verspotten ihn, denn so werde er das Feuer niemals löschen. Der Vogel entgegnet, das das schon sein kann - aber er tue, was er tun kann.“

Burghard Wegener - CDU, Nikolausberg

Burghard Wegener.

Quelle: R

"Die Arbeit im Ortsrat ist schlicht, da werden ganz dicke Bretter mit ganz stumpfen Bohrern bearbeitet", sagt Burghard Wegener. Nach rund 15 Jahren im Ortsrats kandidiert der Rechtsanwalt nun nicht mehr.

In dieser Zeit ist er zu der Erkenntnis gekommen: "Der Ortsrat muss zu den Bürgern und nicht nur mit drei bis fünf Gästen im tristen Sitzungssaal tagen." Veranstaltungen des Ortsrates zu bestimmten Themen etwa zur Max-Planck-Institut-Erweiterung, zum seniorengerechten Wohnen, zur Straßenreinigung oder zur Energienutzung hätten die Wahrnehmbarkeit des Ortsrates verbessert.

Als Erfolge seiner Ortsratsarbeit verbucht Wegener etwa die gegen die Verwaltung erkämpfte bauliche Erweiterung der Kita oder die finanzielle Sicherung des Familienzentrums Baumhaus. Gescheitert sei er immer wieder an großen Themen, die in der Stadt entschieden werden, wie etwa die Erweiterung des MPI mit der damit verbundenen Verringerung des Landschaftsschutzgebietes um Nikolausberg. 

"Im Ortsrat bin ich an politischen Nicklichkeiten und persönlichen Schwächen einiger Kollegen gescheitert, eine Arbeitsgruppe umzusetzen, die gemeinsame überfraktionelle  Ziele zur langfristigen Entwicklung des Ortsteiles erarbeiten und nach Göttingen transportieren sollte. Da habe ich nicht die notwendige Geschmeidigkeit bewiesen", räumt Wegener ein. 

Als sein Herzensprojekt nennt Wegener die Gestaltung der Fläche am Hainholz als Begegnungsstätte für alle Generationen. "Das ist natürlich ein relativ bescheidenes Projekt, aber eine Kernaufgabe des Ortsrates, die auch geleistet werden kann. Vor allem gibt es da keine Politik zu diskutieren." Über den Ortsrat sei der Spielplatz mit einem hochwertigen Spielgerätes und einer weiteren Sitzgruppe verbessert worden.

"Immer nur zusehen aber meckern mag ich nicht", sagt Wegener. Im Ortsrat könne auch mit kleinen Schritten jenseits der politischen, dem Zeitgeist folgenden Entwicklungen etwas für den Ort bewirkt werden. "Mein Ziel war es immer, die Entwicklung des Ortes zur Schlafstatt für Göttingen zu verhindern."  Kommunikation mit allen Vereinen und Verbänden und den Einwohnern sei unverzichtbar. "Zudem muss sich auch jemand um die Sitzbänke in und um Nikolausberg kümmern", sagt Wegener.

Heinz Ganz - CDU, Scheden

Heinz Ganz.

Quelle: HEIN

Als Zugezogener hat sich Heinz Ganz (CDU) in Scheden zunächst in mehreren Vereinen engagiert. „Dadurch fasste ich im Gemeindeleben schnell Fuß“, erzählt er. Der Vorsitz beim Männergesangsverein markiere für ihn seinen kulturellen und politischen Einstieg in Scheden. Als Ortsratsmitglied von 1985 bis 2005 hätten ihm daher besonders Vereins-leben am Herzen gelegen.

Eine wichtige Errungenschaft seiner Amtszeit sei der Fortbestand der Grundschule gewesen. Ganz: „Alleine erreicht man aber gar nichts.“ Schwierig seien mitunter die Finanzen gewesen: „Im Rat ging es fast immer um Haushaltspolitik.“ Er möchte „am Ende seines politischen Wirkens“ auch andere dazu motivieren, Verantwortung zu übernehmen. Für seine Arbeit wurde Ganz 2006 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.  

Zusammengestellt von Britta Bielefeld, Britta Eichner-Ramm, Marie Niederleithinger, Rüdiger Franke, Ulrich Schubert, Michael Brakemeier und Jürgen Gückel

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