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Dauerarbeiter gegen Armut und Kriegsfolgen

Thema des Tages Dauerarbeiter gegen Armut und Kriegsfolgen

Angefangen hat es gewissermaßen 1978. Drei Jahre nach Ende des Vietnamkriegs landeten die ersten Boatpeople, Vietnamesen, die aus ihrem Land per Schiff geflüchtet waren, in Deutschland, genauer: auf dem Flughafen Hannover-Langenhagen. Als Helfer vor Ort: der Göttinger Mediziner Xuan-Trang Nguyen.

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Dr. Xuan-Trang Nguyen in seiner Praxis. Hier hat das Deutsch-Vietnamesische Komitee seinen Sitz

Quelle: Mischke

Göttingen. „Ich war damals im Uniklinikum Göttingen der einzige vietnamesische Arzt und wurde gebeten, die Flüchtlinge zu betreuen“, erinnert sich Nguyen. 300 bis 400 Vietnamesen, so schätzt er, sind als Flüchtlinge nach Göttingen gekommen. 1995 gründete er dann, unterstützt vom Göttinger Harald Noack (CDU) und dem Chemiker Professor Lutz Tietze, das Internationale Deutsch-Vietnamesische Komitee für Demokratie und Humanität. Im selben Jahr demonstrierte er mit fast 3.000 Vietnamesen in Berlin für Demokratie und Freiheit in Vietnam. „Die Kommunisten in Vietnam haben davon einen Film gedreht und mir über einen meiner Mitarbeiter mit den Hinweis zugespielt, ich solle mit meinem Engagement aufhören.“
Nguyen machte das Gegenteil. „Es ist ihm zu verdanken, dass der Verein so viele Mitglieder hat“, sagt Tietze, heute zweiter stellvertretender Vorsitzender. „Er hat eine hohe Überzeugungskraft.“ Mit der gelang es Nguyen damals auch, Tietze und Noack selbst zum Mitmachen zu bewegen. Zwischen 3.000 und 4.000 Mitglieder hat der Verein heute. „Der Schwerpunkt hat sich von der zunächst politischen Tätigkeit hin zur Unterstützung von Schülern in Vietnam verschoben“, sagt Noack, erster stellvertretender Vorsitzender.

Spenden

IDVK (Internationales Deutsch-Vietnamesisches Komitee)
IBAN :  DE 4326 0500 0100 0108 8228
BIC : NOLADE21GOE

2015 konnte der Verein über 20.000 Euro einsammeln, dieses Jahr werden es voraussichtlich um die 14.000 Euro sein, so Nguyen. Seine in Vietnam verbliebene Schwester, die damals für das Vietnamesische Rote Kreuz arbeitete, überbrachte das erste Spendengeld. Erst 2001 wagte es Nguyen, selbst wieder nach Vietnam zu fliegen – zusammen mit Tietze und Noack. Repressalien gab es keine, dafür aber „haben wir festgestellt, dass das Komitee einen immens guten Ruf hat. Fähnchenschwenkende Schüler und Lehrerkomitees haben uns in den Schulen begrüßt, das war fast wie ein Staatsbesuch“, erinnert sich Noack.

Übergabe der Spenden an vietnamesische Kinder

Übergabe der Spenden an vietnamesische Kinder

Quelle: r

Seitdem bringt Xuan-Trang Nguyen jedes Jahr das Geld persönlich nach Vietnam, verteilt wird es unter Aufsicht des Vietnamesischen Roten Kreuzes. Obwohl sich die jährlich gespendete Summe vergleichsweise klein anhört, können damit jährlich zwischen 1.500 und 3.000 Schüler in Nguyens Heimatprovinz im Mekong-Delta unterstützt werden. Nominell herrschte zwar Schulpflicht und Kinderarbeit sei verboten, dennoch müssten rund zehn Prozent der Kinder arbeiten, so der Arzt. Mit den Spenden werden arme Familien direkt über Lebensmittel und Unterrichtsmaterial unterstützt sowie das Schulgeld übernommen, so dass die Kinder eine Schule besuchen können. „Allein schon mit zehn Euro im Jahr pro Kind kann man Erstaunliches bewirken“, stellt Noack fest.

Ehrung des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht für seinen Einsatz für die vietnamesischen Boatpeople

Ehrung des ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht für seinen Einsatz für die vietnamesischen Boatpeople

Quelle: r

Die Hilfe über das Komitee hat für Tietze zudem den besonderen Vorteil, dass „Trang selbst Vietnamese ist und das Geld vor Ort ausgezahlt werden kann. Bei den großen Spendenorganisationen sieht man nicht direkt, was damit passiert. Hier schon. Nächstes Jahr will ich auch wieder selbst nach Vietnam fliegen.“
Inzwischen unterstützt der Verein auch 200 bis 300 Kinder, die durch das Entlaubungsmittel Agent Orange, das im Vietnamkrieg von den USA versprüht wurde, missgebildet sind. „Ich habe die Entlaubung damals selbst gesehen und es hätte auch mich treffen können“, sagt Nguyen. In Vietnam selbst gibt es so gut wie keine Unterstützung für die Betroffenen.

Pressekonferenz in Hanoi zur Sammlung von Unterschriften für Agent Orange Geschädigte

Pressekonferenz in Hanoi zur Sammlung von Unterschriften für Agent Orange Geschädigte

Quelle: r

In Nguyens Büro, einem umfunktionierten Behandlungsraum in seiner Praxis, stapelt sich der Papierkram. Von hier aus leitet er „nebenbei“ das Komitee und er will noch ein paar Jahre weitermachen. Es ist beileibe nicht seine einzige Aktivität. Vor einigen Jahren gründete er einen vietnamesischen Flüchtlingsverein, um die Vietnamesen in Göttingen stärker zusammenzubringen. Nguyen blieb als Berater dabei,  doch „der Verein hat nur ein oder zwei Jahre gelebt“. Auch eine Internationale Gesellschaft zur Bekämpfung chronischer Schmerzbeschwerden rief er ins Leben. Und daneben widmet er auch noch viel Zeit seinem politischen Engagement: Briefe an die UNO und Staatschefs zu zahlreichen Krisensituationen hat er verfasst; nächstes Jahr soll es zudem wieder um Agent Orange gehen. Dann soll eine Unterschriftenliste an deutsche Chemiekonzerne übergeben werden, um auf die noch lange nicht überwundenen Spätfolgen des Chemikalieneinsatzes hinzuweisen. „Es gibt etwa 400.000 missgebildete Kinder“, so Nguyen. Und weitere werden jedes Jahr geboren, weil beispielsweise Geld für die Abtragung verseuchten Bodens in Vietnam fehlt.

Vom Mekong-Delta an den Friedländer Weg

„Mein Vater war ein armer Bauer im Mekong-Delta mit nur vier Hektar Land für Kokos- und Bananenpflanzen. Außerhalb der Schule musste ich jeden Tag bis fast Mitternacht arbeiten, damit wir Geld für die Schule verdienen konnten. Mein Bruder und ich mussten dann nicht selten morgens mit dem Fahrrad in die Stadt fahren, Lebensmittel verkaufen und konnten dann erst in die Schule gehen.

Nguyen unterstützt das Vietnamesische Rote Kreuz.

Nguyen unterstützt das Vietnamesische Rote Kreuz.

Quelle: r

Mein Vater hat mir damals gesagt: Trang, du musst fleißig lernen, ich möchte nicht, dass du auch Bauer wirst. So schlimm, wie ich jetzt arbeite, sollst du nicht arbeiten. Da muss ich immer noch dran denken. In meiner Kindheit hatte ich weder Urlaub noch Freizeit. Aber diese alte Gewohnheit, von morgens bis abends zu arbeiten, habe ich auch heute noch. Ende der 60er Jahren bin ich nach Deutschland zum Studium gekommen. Ich hatte Glück, eines von den Stipendien zu bekommen, die Deutschland aufgrund des Kriegs Vietnamesen angeboten hat. Ich habe dann in Deutschland ein Jahr die Sprache gelernt, zuletzt in Göttingen. Hier habe ich dann auch Medizin studiert, habe im Klinikum gearbeitet und mich später mit einer Praxis im Friedländer Weg selbstständig gemacht.“ sg

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