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IHK: Fußgängerzonen „deutlich zu groß“

Thema des Tages: Fachwerk-Fünfeck-Städte im Vergleich IHK: Fußgängerzonen „deutlich zu groß“

Viele Fachwerkgebäude in den historischen Altstädten – das vereint Duderstadt, Einbeck, Hann. Münden, Northeim und Osterode, die sich zum Städteverbund Fachwerk-Fünfeck zusammengeschlossen haben. Doch was aus touristischer Sicht zur Attraktivität der Städte beiträgt, erweist sich aus wirtschaftlicher Sicht eher als negativ, meint die Industrie- und Handelskammer (IHK) Hannover. Immer mehr Läden stehen leer, die Attraktivität sinkt, weitere Kunden bleiben aus. Eine Abwärtsspirale, die die Städte auf ganz unterschiedliche Weise zu stoppen versuchen. Ein Vergleich der Fußgängerzonen der Fachwerk-Fünfeck-Städte von Britta Eichner-Ramm.

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Oben: Tag der Niedersachsen in Duderstadt 2012 – bei großen Veranstaltungen ist die Fußgängerzone nicht nur hier voller Menschen. Links: Fußgängerzone in Northeim. Mitte: Stilleben in der Fußgängerzone in Osterode am Sonnabend. Rechts: Eisenbarth doktert in Münden. Unten: Für Einbeck ist die Freigabe der Fußgängerzone für den Verkehr derzeit kein Thema.

Quelle: Pförtner/Eichner-Ramm/EF

Beim Bummel durch die Fußgängerzonen fällt vor allem in Northeim, Osterode und Hann. Münden auf, dass viele Geschäfte geschlossen haben. „Zu vermieten“-Schilder wechseln sich mit Hinweisen auf bevorstehende Geschäftsaufgabe in den Schaufenstern ab. Auch Einbeck und Duderstadt sind davon betroffen, wenn auch nicht ganz so augenfällig. Alle fünf Mittelzentren sehen Handlungsbedarf, um die Attraktivität ihrer Fußgängerzonen langfristig zu sichern.

 
Die Gründe für das schleichende Ladensterben sind vielschichtig. „Hier läuft gar nichts“, sagt etwa Wissam Almokdad, Ladeninhaber in Osterode. Er schließt in Kürze sein Modegeschäft, weil die Kundschaft ausbleibe. In seiner direkten Nachbarschaft hätten in den vergangenen Monaten vier weitere Läden geschlossen, „weil es sich nicht mehr lohnt“, meint Almokdad. Auch im Einzelhandelsfachgeschäft von Werner und Elisabeth Schieche in Northeim wird nach 96 Jahren noch in diesem Jahr Schluss sein. Zum einen aus Altersgründen, wie die 80-jährige Firmenchefin sagt. Aber auch, weil inzwischen die meisten Kunden Messer, Scheren oder Kochgeschirr „in den Märkten rund um die Innenstadt herum“ kaufen. Oder sie ließen sich in ihrem Laden beraten und kauften dann im Internet, ärgert sich Schieche und wundert sich nicht, dass sich unter diesen Voraussetzungen kein Nachfolger finde.

 
Laut Einschätzung der IHK Hannover sind die Fußgängerzonen der fünf südniedersächsischen Fachwerkstädte „im Prinzip durchgängig deutlich zu groß dimensioniert“, wobei in Duderstadt „das mit Abstand geringste Problem“ gesehen wird. Allen fünf Städten sei gemein, so Hans-Hermann Buhr, einer der Handelsexperten der Kammer, „dass die Kundenfrequenz eher schwach ausgeprägt ist“. Ausnahme seien regelmäßige Veranstaltungen in Verbindung mit verkaufsoffenen Sonntagen.

 
„Die Leerstandsthematik in den Städten, vielfach gering profilierte Angebote mit wenig Ausstrahlung und deutlich abnehmende Kundenfrequenzen in der Regel an den Rändern der Fußgängerzonen“ sind aus Sicht der IHK klare Indizien dafür, „dass in den Städten die Diskussion über eine ,Re-Dimensionierung‘ und Teilöffnung dringend geführt werden muss“.

 
In Northeim und Duderstadt wurde bereits über eine teilweise Öffnung der Fußgängerzonen diskutiert. Allerdings sind Vorstöße der Verwaltungen in diese Richtung bislang nicht durchsetzbar. Aus Sicht der IHK Hannover ist die Öffnung der Fußgängerzonen aber auch „kein Allheilmittel und kann die vorhandenen Probleme sicher nicht allein lösen“, so Buhr weiter.

 
Grundsätzlich sei die Kundenfrequenz „das Lebenselixier einer Fußgängerzone“. Fachwerkstädte als städtebauliche Kleinode können laut IHK „allerdings nur dann echte Strahlkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus entfalten“, wenn das Angebot – in erster Linie das Einzelhandelsangebot – attraktiv ist. Buhr: „Nur dann werden auch die benötigten Frequenzen der Fußgängerzone Leben einhauchen.“ Sei das Angebot hingegen zu schwach, die Fußgängerzone zu lang oder zu unübersichtlich, der öffentliche Raum wenig einladend gestaltet, oder gibt es etwa bei der verkehrlichen Anbindung Schwachpunkte, so könne sich nach Auffassung der IHK der Vorteil schnell in einen Nachteil verwandeln. „Schwache, problembehaftete Fußgängerzonen können den Ruf eines ganzen Handelsstandortes ruinieren“, betont Buhr.

 
Einzelhandelskonzepte geben nicht nur über die aktuelle wirtschaftliche Bedeutung Auskunft, sondern zeigen den Kommunen auch Handlungsbedarfe auf. Vier der fünf Fachwerk-Fünfeck-Städte haben ein solches Konzept. Osterode und Einbeck ließen es jüngst neu aufstellen, Duderstadt und Northeim aktualisieren ihre Konzepte derzeit und in Hann. Münden ist gerade erstmals ein Einzelhandelskonzept in Arbeit.

Steckbrief der Fünf Fußgängerzonen

(Eigenangaben der Städte)

Duderstadt Einwohner : ca. 21 500
Gesamtlänge Fußgängerzone : rund 450 Meter
Gesamtzahl der Geschäfte : ca. 210
Leerstände : kaum vorhanden, und wenn, dann vorübergehend
Struktur der Geschäfte : guter Mix, alles vor Ort
Was fehlt : ein gutes Café
Infrastruktur : 1500 Parkplätze, davon 700 kostenpflichtig (bis zu 60 Cent pro Stunde), WLAN in der gesamten Fußgängerzone, zwei öffentliche WCs im Zentrum, Sitzbänke und einige Schaukelpferde, größtenteils Barrierefreiheit
Positiv : Außengastronomie, gute Atmosphäre, viele Bäume, Wasserlauf der Brehme, Bänke und Spielgeräte, Brunnenlandschaft, viele Möglichkeiten zum Abstellen von Fahrrädern
Negativ : an manchen Stellen zu breit, zu wenig nahe Parkplätze
Einbeck Einwohner : 33 449 (am 1.2.2016)
Gesamtlänge Fußgängerzone : etwa 620 Meter
Gesamtzahl der Geschäfte : etwa 88, davon etwa 38 inhabergeführte Einzelhandelsbetriebe
Leerstände : zurzeit acht vermietbare Geschäfte, außerdem Langzeit-Leerstände. Die„Sch(l)aufenster“-Initiative gestaltet leere Schaufenster mit örtlichen Themen
Struktur der Geschäfte : umfangreicher Branchenmix
Was fehlt : Ansiedlung weiterer Fachgeschäfte wünschenswert
Infrastruktur : etwa 1429 Parkplätze (20 Minuten kostenfrei, danach 30 Minuten 50 Cent, maximale Parkdauer zwei Stunden für zwei Euro), 22 Bänke, öffentliche WCs, flächendeckende WLAN-Versorgung derzeit im Aufbau
Positiv : Fachwerkstadt mit einmaligen Einzeldenkmälern, guter Mix aus Handel und Gastronomie, gute Erreichbarkeit, hohe Aufenthaltsqualität auf dem Marktplatz
Negativ : Magnetbetrieb fehlt
Hann. Münden Einwohner : 23 728 (30.6.2015)
Gesamtlänge Fußgängerzone :  1713 Meter
Gesamtzahl der Geschäfte : aktuell ca. 100 Einzelhandelsgeschäfte und 47 Gastronomiebetriebe und Dienstleister
Leerstände : im offiziellen Register momentan zwölf Leerstände
Struktur der Geschäfte : vor allem inhabergeführte Geschäfte, dazu Ketten vor allem im Bekleidungsbereich
Was fehlt : das wird gerade im Rahmen des Einzelhandelsgutachtens geklärt
Infrastruktur : ca. 1400 kostenpflichtige Parkplätze im erweiterten Innenstadtbereich (kostenfrei auf dem Tanzwerder, kostenfrei für 30 Minuten in der Burgstraße), eine fast flächendeckende Abdeckung durch Freifunk, öffentliches WC auf dem Tanzwerder, in der Innenstadt „Nette Toilette in Gaststätten
Positiv : Verweilmöglichkeiten an den neu gestalteten Werra- und Fuldafronten, Wasserspiele als Attraktion für Kinder
Negativ : sehr uneinheitliche Öffnungszeiten
Northeim Einwohner : 28 739 (3.3.2016)
Gesamtlänge Fußgängerzone : keine Angabe
Gesamtzahl der Geschäfte : laut Fortschreibung Zentrenkonzept 133 Geschäfte (September 2015)
Leerstände : 38 (2015)
Struktur der Geschäfte : überdachtes Einkaufszentrum „City Center“ mit hohem Filialisierungsgrad, in der Fußgängerzone mehr inhabergeführter Einzelhandel
Was fehlt : Lebensmittelanbieter
Infrastruktur : kostenloses WLAN ab Frühjahr 2016, rund 700 Parkplätze in Parkhäusern, rund um die Fußgängerzone weitere 700, davon 540 kostenpflichtig (sonnabends und 30 Minuten frei)
Positiv : gutes Angebot im Textilbereich, Magnetbetriebe, überdachtes Einkaufszentrum als Alleinstellungsmerkmal in der Region, hohe Aufenthaltsqualität, sehr gute Anbindung, kompaktes Zentrum mit kurzen Wegen
Negativ : funktionaler und städtebaulicher Sanierungsbedarf, zunehmende Leerstände
Osterode (Harz) Einwohner : rund 22 000* (2015)
Gesamtlänge Fußgängerzone :  815 Meter**
Gesamtzahl der Geschäfte : 104*
Leerstände : 29* in der Innenstadt
Struktur der Geschäfte : eher kleinteilig strukturierte Verkaufsflächen* zentrenrelevante Branchen sind in der Fußgängerzone überdurchschnittlich stark und in durchschnittlichem Branchenmix  vertreten** es gibt zwei als Magneten einzustufende Betriebe**
Was fehlt : Laut Passantenbefragung* fehlen Angebote für Bekleidung/Wäsche sowie Haushaltswaren, Glas/Keramik gewünscht wird zudem mehr Auswahl
Infrastruktur : zahlreiche Baudenkmale in der historischen Altstadt erhöhen den Aufenthaltswert für Touristen und Einzelhandelskunden, gute Erreichbarkeit für Pkw-Kunden**
Positiv : Altstadtbild und Ambiente, Wochenmarkt*
Negativ : geringe Vielfalt und Leerstände*

Quellen: Einzelhandelsgutachten der Stadt* und IHK-Untersuchung**

Zurück in die Zukunft?

Erste offiziell als solche bezeichnete Fußgängerzone war 1953 die Treppenstraße in Kassel. Ebenfalls 1953 wurde laut Wikipedia die Einkaufsstraße Lijnbaan in Rotterdam als erste Straße Europas für den Fahrzeugverkehr gesperrt und vollständig den Fußgängern gewidmet. Ende der 80er-Jahre gerieten die Innenstädte durch zunehmende Konkurrenz auf der grünen Wiese allerdings unter immer stärkeren wirtschaftlichen Druck, wie eine Untersuchung der IHK Hannover zum Erfolg von Fußgängerzonen aus dem Jahr 2009 aufzeigt.
Inzwischen wird in vielen Städten wieder über eine Verkehrsfreigabe nachgedacht. Doch die Kommunen tun sich schwer mit dem Schritt zurück in die Zukunft. Während es in Northeim und Duderstadt zurzeit keine Mehrheiten dafür gibt, hat die Stadt Uslar im vergangenen Jahr im Rat beschlossen, die Lange Straße wieder zu öffnen und einen verkehrsberuhigten Geschäftsbereich einzurichten. Laut einer Bürgerbefragung 2009 herrschte in Uslar noch ein anderes Meinungsbild. 67,2 Prozent der Bürger wollten seinerzeit, dass die Lange Straße Fußgängerzone bleibt. Nun ist seit Oktober die Lange Straße in Uslar verkehrsberuhigter Geschäftsbereich, und wie Wirtschaftsförderer Sven Borchert sagt, „läuft das gut“, wenngleich „noch kein Wirtschaftswunder eingetreten ist“. 

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