Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -4 ° wolkig

Navigation:
Ein Nazi-Täter aus Göttingen

Gestapo-Mann Friedrich Schmidt Ein Nazi-Täter aus Göttingen

Verurteilt wurden einige wenige Haupttäter, getragen wurde das Nazi-Regime jedoch von vielen Menschen: Einer von ihnen war der Göttinger Friedrich Schmidt, der als Abteilungsleiter der Gestapo im besetzten Luxemburg an Mord und Folter beteiligt war und dafür nie juristisch belangt wurde. Durch private Forschungen von Hobby-Historikern wurde jetzt Einblick in sein Leben erlangt – und in das eines anderen berühmten Göttingers.

Voriger Artikel
„Very urgent job waiting south of Göttingen“
Nächster Artikel
Fünf Tage Sporthauptstadt

Gestapo-Sitz und Schmidts Arbeitsplatz: Die Villa Pauly in Luxemburg.

Quelle: Katrin Raabe

Nennig an der deutsch-luxemburgischen Grenze, nur wenige Kilometer nördlich von Schengen – der Stadt, die einmal zum Symbol für die europäische Einigung werden sollte. Am 9. September 1944 ist davon noch nichts zu spüren, der Krieg wütet auf dem Kontinent. An diesem Spätsommertag lässt ein Kommando der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) den örtlichen Friedhof räumen, es soll keine Zeugen geben. Es ist eine Sache von wenigen Minuten, fast schon Routine: Als die Schüsse verhallen, liegen die drei Widerstandskämpfer Germaine Causier, Georges Claudon und Emile Deiskes tot am Boden. Hingerichtet von drei Gestapo-Männern – einer von ihnen der Göttinger Friedrich Schmidt.

Berüchtigtes Kommando

1902 in Göttingen geboren, trat Schmidt 1924 als Polizeianwärter der Schutzpolizei bei. Nach einjähriger Ausbildung an der Polizeischule in Hann. Münden war er bis 1936 in Erfurt tätig. Schmidt, der schon früh, am 1. Mai 1933 der NSDAP beigetreten ist, wechselte im Jahr 1936 zur Gestapo nach Trier, die nach der Besetzung Luxemburgs 1940 auch für die Bekämpfung des Widerstandes im Großherzogtum zuständig war. Schmidt machte dort und in der Außenstelle im luxemburgischen Esch-sur-Alzette im Sinne der Nazis schnell Karriere. 1942 ist er der SS beigetreten und wurde Oberscharführer, bei der Gestapo erlangte er den Rang eines Kriminalsekretärs. Außerdem war er Teil eines berüchtigten „Vernehmungskommandos“ im KZ Hinzert, das für Folterungen von Gefangenen bekannt war. Spätestens 1944 war Schmidt, das belegen Gestapo-Akten, als Abteilungsleiter für die Verfolgung von Kommunisten und Widerstandskämpfern verantwortlich. Im Februar 1944 war Schmidt an der Auswahl von 23 Gefangenen, die erschossen wurden, beteiligt. Ende August und Anfang September, kurz vor der Befreiung Luxemburgs durch die US-Armee, befahl er schließlich die Hinrichtung von mehreren Widerstandskämpfern auf den Friedhöfen in Nennig und Palzem.

Flucht aus Gefangenlagern

Kurze Zeit später war der Krieg für Schmidt beendet. Er wurde festgenommen und kam im März 1945 ins Kriegsgefangenenlager Recklinghausen, aus dem ihm aber im September die Flucht gelang. Er tauchte ab und versteckte sich in seiner Geburtsstadt Göttingen. 1946 wurde er erneut verhaftet und ins Kriegsgefangenenlager Staumühle gebracht, von wo er ebenfalls fliehen konnte. Vermutlich wusste man weder in Recklinghausen noch in Staumühle, mit wem man es zu tun hatte. In Luxemburg hingegen, erinnerte man sich an Schmidt. Die Behörden nahmen schnell die Fahndung auf und schickten bereits im September 1946 die beiden Ermittler Michel Bernard und Paul Rippinger nach Göttingen – sie sollten Schmidt finden und der britischen Feldsicherheitspolizei übergeben. Die Ermittlungen blieben ohne Erfolg.

 
In Abwesenheit fällte das französische Tribunal Général in Rastatt wegen der Hinrichtung auf dem Nenniger Friedhof ein Todesurteil gegen Schmidt. Anlass für Schmidt erneut abzutauchen.

 
Unter falschem Namen arbeitete er im Ruhrpott unter Tage, bis er 1954 von einer Amnestieregelung profitierte, die vielen Nazi-Tätern die Rückkehr ins öffentliche Leben ermöglichte. Schmidt kam zurück nach Göttingen, bewarb sich Ende der 50er-Jahre bei der niedersächsischen Polizei und lenkte so erneut das Licht auf seine Verbrechen. Die Staatsanwaltschaft nahm daraufhin die Ermittlungen auf, aber die alten Seilschaften waren stärker – die ehemaligen Täter deckten sich gegenseitig, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren 1962 resigniert ein.

 
Friedrich Schmidt verstarb, geschwächt durch die jahrelange Arbeit im Bergbau, 1964 in Göttingen.

Umbenennung gefordert: Bruno-Jung-Weg.

Quelle: CH

„Kriegsverbrecher Dr. Bruno Jung“

„Bruno Jung – selbst kein Nazi“ heißt es in einem Nebensatz auf der Webseite des Göttinger Stadtarchivs über den ehemaligen Oberbürgermeister. Lange war man davon ausgegangen, dass Jung sich zwar mit dem Regime arrangiert hat, aber ansonsten nicht in die Verbrechen der Nazis verstrickt war. Falsch, wie sich herausstellte. Die Luxemburger Fahnder Bernard und Rippinger suchten im August 1946 in Göttingen nicht nur nach Friedrich Schmidt, sondern auch nach dem „Kriegsverbrecher Dr. Bruno Jung“, wie es in einem Bericht vom 10. Oktober 1946, der im General-Patton-Museum in Luxemburg aufgetaucht ist, geschrieben wurde. Jung war zwischen 1941 und 1944 im besetzten Esch-sur-Alzette als Landrat eingesetzt und verantwortete dort unter anderem die zwangsweise Einziehung junger Menschen in Wehrmacht und Arbeitsdienste. So hieß es zum Beispiel in einer amtlichen Bekanntmachung Jungs, die am 8. September 1942 im Escher Tageblatt veröffentlich wurde: „Wer sich seiner Meldepflicht nicht, oder nicht pünktlich nachkommt, wird unnachsichtlich bestraft. Er hat schwerste Strafe zu gewärtigen“ – gemeint ist die Todesstrafe. Auch war Jung, anders als zunächst angenommen, sehr wohl Mitglied der NSDAP. Im Dezember 1937 beantragte er die Aufnahme in die Partei und ließ das offizielle Aufnahmedatum sogar auf den 1. Mai 1937 vordatieren.
Aufgrund dieser Erkenntnisse hat der Kulturausschuss des Rates der Stadt Göttingen die Umbenennung des Bruno-Jung-Weges gefordert.

Roland Laich

Quelle:

Tipps für Familienforschung

Familienforschung lohnt sich, findet Roland Laich vom Göttinger Verein NS-Familien-Geschichte, der unter anderem auf Friedrich Schmidt gestoßen ist. „Zu Beginn fasst man am Besten biografische Daten zusammen“, erklärt Laich. „Geburtsdaten, Geburtsorte.“ Hilfreich seinen dabei auch Briefe, Tagebücher, Feldpost oder Adressbücher. Hat man diese Daten gesammelt, kann man Archive aufsuchen und nach relevanten Akten forschen. Erste Anlaufstellen könnten da lokale Archive, wie Stadtarchive oder Kirchenarchive sein. Auch das Bundesarchiv oder die Deutsche Dienststelle (WASt), die Akten über Angehörige der Wehrmacht lagert, können laut Laich hilfreich sein. „Das ist auch ein Jedermannsrecht“, weiß der Hobby-Historiker. „30 Jahre nach dem Tod einer Person, oder 110 Jahre nach der Geburt, kann jeder diese Auskünfte anfordern.“ Auch die Ermittlungsergebnisse der alliierten Strafverfolger nach dem Zweiten Weltkrieg seien aufschlussreich. „Die Ermittlungsakten sind oftmals ein guter Abgleich mit alten Familienlegenden.“
Eines dürfe man aber gar nicht zu wenig wertschätzen: Die Recherche vor Ort. „Man kann mit Zeitzeugen sprechen, oft gibt es jemanden im Ort, der historische Forschung betreibt und weiterhelfen kann“, erzählt Laich. „Den Wert der Recherche vor Ort kann man gar nicht oft genug betonen.“ bk

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016