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Ein Stück Hollywood im Harz

Patrick Vollraths Kurzfilm „Alles wird gut“ ist für den Oscar nominiert Ein Stück Hollywood im Harz

„Jetzt wissen alle, was ich mache.“ Im vergangenen Dezember während einer Matinee wirkte Patrick Vollrath noch einigermaßen nervös bei dem Gedanken daran, dass Freunde und Familie, Nachbarn und Bekannte nun seine Arbeiten sehen sollten – Zehn Kurzfilme zeigte er damals im Herzberger Kino und überraschte das Publikum in zwei restlos ausverkauften Sälen mit einem breiten Themenspektrum, einer spürbaren Weiterentwicklung in den vergangenen Jahren und dem, was seine Arbeit wohl am meisten auszeichnet: mit fast schon schmerzvoll ungefilterten Einblicken in emotionale Ausnahmesituationen von Menschen.

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Patrick Vollrath

Quelle: EF

Das eindrucksvollste Beispiel dieser Arbeit ist „Alles wird gut“. Der 30-Minuten-Film schildert die Geschichte einer Verzweiflungstat: Michael Baumgartner, gespielt von „Tatort“-Darsteller Simon Schwarz, holt – wie an jedem zweiten Wochenende seine Tochter von seiner Ex-Frau ab, um mit ihr das Wochenende zu verbringen. Doch schnell wird klar: Irgendetwas ist anders an diesem Tag. Michael beschenkt seine Tochter mit Spielzeug, geht mit ihr in den Burgerladen, verspricht ihr ein Abenteuer. Dann lässt er ihr einen Notpass ausstellen. Er bereitet ihre Entführung ins Ausland vor.

Der Ausweglosigkeit Ausdruck verliehen

Vollrath gibt der vermeintlichen Ausweglosigkeit des Vaters einen Ausdruck, hinterlässt moralische Fragen, verwischt die Grenzen zwischen Gut und Böse. Der Zuschauer gerät ins Schwanken, weil er ahnt, was passieren wird, weil er mit dem Vater mitfühlt, so verbrecherisch sein Vorhaben auch sein mag, weil er versteht und doch nicht begreifen kann.

Dabei verzichtet Vollrath vollends auf jeden Schnörkel. Die Handkamera, die schonungslos jedes Detail, jede Schweißperle auf der Stirn des Vaters und jedes Fragezeichen im Blick der Tochter aufzeichnet, lässt dabei den Eindruck des Dokumentarischen des Dargestellten entstehen.

Gerade weil diese filmischen Mittel dem Hollywood-Stil so sehr entgegenstehen, zeigte sich Vollrath überrascht über die Oscar-Nominierung. Eigentlich sei „Alles wird gut“ zu langsam, zu realistisch, zu europäisch, sagt er.

„Die haben extra den Filmtitel eingestickt“

Entsprechend mache er sich auch keine Gedanken über einen Gewinn des Oscars, sondern betrachte bereits die Nominierung als größten Erfolg für sein Team, erklärt Vollrath. Für „Alles wird gut“ hat er bereits den Studenten-Oscar und  alle wichtigen Nachwuchs-Filmpreise in Deutschland abgeräumt. Jetzt also die Oscar-Nominierung – und die dazugehörigen Partys mit den Stars aus Hollywood. Er wolle es auf die zukommen lasse, wie der Abend verlaufe, sagt Vollrath,  der sich bereits seit einigen Tagen mit seinen Kollegen in Hollywood Hills aufhält – und sich dort über das tolle Haus, die Gratis-Playstation und den gesponsorten Smoking eines Hamburger Modelabels freut. „Die haben einen wahnsinnig schönen Anzug gemacht und innen extra den Filmtitel eingestickt.“

Ambitionen, in Hollywood zu bleiben, habe er derzeit nicht, sagt Vollrath. Er genieße die Freiheiten des Filmemachens in Europa, wo er zwischen Österreich und Deutschland pendele. Die meiste Zeit verbringt der 31-Jährige in Wien, wo er an der Filmakademie Regie studierte. „Die einzige Filmhochschule, die mich genommen hat“, sagt er und lacht. Am Ende sei die Aufnahme dort das Beste gewesen, das ihm habe passieren können.

Mit der Handkamera in den Wald

An der Filmakademie entstanden unter anderem „Die Jacke“, „Sleeping Perv is world-famous for 5 minutes“ und „Ketchup Kid“, Filme, mit denen er bereits auf verschiedenen Festivals vertreten war. Dort schloss Vollrath im vergangenen Jahr auch sein Studium ab, mit „Alles wird gut“. Und mit Auszeichnung.

Aber auch in den Harz ziehe es ihn regelmäßig. Dort lebe seine Familie, dort habe er seine Wurzeln, sagt der 31-Jährige. In Osterode besuchte er die Schule, im Harz sammelte er erste Erfahrungen als Drehbuchschreiber und Regisseur – mit Freunden als Darstellern und wackeliger Handkamera, aber bereits mit dem Blick für die Geschichte hinter der Geschichte, der ihn heute noch auszeichnet. Lachend blickt er auf die Zeit zurück: „Was machen Jugendliche, die im Harz einen Film drehen wollen? Sie gehen in den Wald“, sagt er. Das sei die Kulisse gewesen, „die eben da war“.

Den Ausschlag habe „Titanic“ gegeben, sagte Vollrath kürzlich in einem Interview. Mit zwölf Jahren habe er den Katastrophenfilm von James Cameron in einem Harzer Kino gesehen und gewusst: Ich will Filme machen. Nun kann es passieren, dass er im selben Jahr wie „Titanic“-Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio mit einem Goldjungen prämiert wird. Spätestens dann wissen wirklich alle, was Vollrath macht.

Einblick in die Filmografie

Der Erlkönig

2003, mit gerade einmal 18 Jahren, drehte Vollrath mit Hilfe von Freunden, einfachsten Mitteln und in der Kulisse des heimischen Harzes „Der Erlkönig“.  Es entstand ein düsteres Musikvideo zu einer Vertonung des „Erlkönigs“ durch die Band Scarecrow.

„Damals dachte ich noch, man bräuchte einen Künstlernamen“, sagt er lachend. „Patrice v. Ollrath“ nannte sich der Nachwuchsregisseur damals. Der Fünfminüter hat den dritten Pris bei der Visionale in Frankfurt gewonnen.

Sleeping Perv

„Sleeping Perv is world-famous for 5 minutes“ erzählt die Geschichte eines geschiedenen, frustrierten Klischee-Langweilers, zu dessen Alltag Nudeln mit Ketchup und Ameisen-Dokus nach Feierabend ebenso gehören wie das Onanieren zum Dauergestöhne eines Webcam-Girls.

Als er eines Abends dabei gefilmt wird, wie er in einer solchen Situation einschläft, erlangt der Protagonist ungewollte Berühmtheit im Netz – verliert seinen Job und das Sorgerecht und stirbt.

C‘est la Wien

In dem drei Minuten langen, auf  16-Millimeter-Material gedrehten Kurzfilm zeigt Vollrath die Banalitäten des Alltags in Wien – und deren Skurrilität: Hätte der nasebohrende junge Mann am Zeitschriftenkiosk beispielsweise acht Sekunden zuvor bemerkt, dass die hübsche Brünette ihn bemerkt hatte – wahrscheinlich hätte er sich anders verhalten.

Vollrath nimmt das Prinzip „Sinfonie einer Großstadt“ auf: Momentaufnahmen collagiert er zu einem stimmigen Gesamtbild.

This film is...

„This film is a cut-together ...“ überträgt das Prinzip Blair Witch vom Wald in die Luft: Vollrath zeigt Aufnahmen, die suggerieren, während eines Tandem-Fallschirmsprungs mit katastrophalem Ausgang entstanden zu sein. Aus einem nett gemeinten Geschenk an einen jungen Mann wird ein Horror-Trip.

Von der Begeisterung über die Aufregung bis hin zur blanken Panik nimmt die Action-Cam am Springenden jede Gefühlsregung auf – und stoppt, als es zum Absturz kommt.

Ketchup Kid

„Kinder können grausam sein“, klingt nach einer abgegriffenen Floskel. Schaut man sich allerdings Vollraths „Ketchup Kid“ an, bekommt die sprichwörtliche Aussage eine neue Dimension: In 20 Minuten stellt der Kurzfilm stellt Paul und Aleksander vor, die aus unterschiedlichen Gründen gemobbt werden.

Als die Situation eskaliert, greift Aleksander zum Messer – und glaubt, einen Kontrahenten schwer verletzt zu haben. Aus Verzweiflung will er sich das Leben nehmen.

Die Jacke

Es könnte eine normale Liebesgeschichte sein: Mann trifft Frau, sie nähern sich an. Doch da ist auch diese Jacke, die dazu führt, dass die Hoffnungen auf die gemeinsame Zukunft zerschlagen werden. Einen Tag und eine Nacht lang haben Vollrath und sein Team an dem Kurzfilm gearbeitet.

Viele Dialoge seien improvisiert gewesen, erklärt er. Vielleicht ist es die Spontaneität, die den Film so dicht wirken lässt. Vielleicht auch die Kamera, die den Figuren so nahe kommt, dass sie greifbar erscheinen.

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