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Eine märchenhafte Entwicklung

Thema des Tages Eine märchenhafte Entwicklung

Am 8. Mai startet das Ensemble der Waldbühne Bremke in seine neue Saison. Mit „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ steht ein Märchen-Klassiker auf dem Spielplan. Die vergangenen Wochen waren für das Team außergewöhnlich spannend – nicht nur, weil mit jeder Probe die Premiere näher rückte.

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Quelle: Riese

Bremke. Sondern auch, weil im Umfeld plötzlich sehr viel in Bewegung geriet.

Eine traurige Nachricht erreichte den neuen ersten Vorsitzenden des Vereins Waldbühne Bremke e.V. vor wenigen Wochen: Sein Vorgänger Eberhard Junge erlag in der Nacht zum 14. April im Alter von 70 Jahren einer schweren Krankheit. Junge hatte von 2001 bis 2015 das Zepter in der Hand. Ausgerechnet kurz vor der Premiere der neuen Spielzeit auf „seiner“ Waldbühne verlor er einen monatelangen Kampf.

Es gab Zeiten, da wären die Macher auf der Waldbühne möglicherweise in Schockstarre oder tiefe Lethargie verfallen.  Denn die Waldbühne hatte schon so manchen Schicksalsschlag zu verkraften: Immer wieder stand und steht die Finanzierung auf der Kippe, und als im Herbst 2012 das Göttinger Volkstheater sein Ensemble abzog, drohte gar das endgültige Aus für die alljährlichen Märchenaufführungen auf jener Bühne, die von den Dorfbewohnern 1948/49 gebaut und seither Jahr für Jahr bespielt wurde – zunächst durch die „Märchenfreunde Bremke“, dann fast ein halbes Jahrhundert lang vom Göttinger Volkstheater, das im Winter jeweils in die Göttinger Stadthalle wechselte.

Dem beachtlichen Einsatz vieler Ehrenamtlicher – zu denen lange Zeit auch Eberhard Junge zählte – war es zu verdanken, dass die „Märchenfestspiele“ in der südniedersächsischen Idylle nach 2012 aber doch weitergeführt werden konnten. Der markanteste Unterschied:  Von 2013 an wirkten ausschließlich Laiendarsteller unter ehrenamtlicher Anleitung auf der Waldbühne Bremke. Rapunzel, Aschenputtel und Rumpelstilzchen waren seither schon zu sehen, in diesem Jahr erobern Schneewittchen und die sieben Zwerge das idyllische Gleichener Kleinod.

Als Autoren und Regisseure fungierten zunächst Leonie Duell und Sarah Tuczynski; inzwischen haben Christian Sander und Juliana Schmidt diese Aufgaben übernommen – einschließlich der künstlerischen und organisatorischen Leitung. Gelernt haben die beiden das alles nicht; umso bemerkenswerter, dass sich das Schauspieler-Ensemble von Jahr zu Jahr merklich zu verbessern scheint. Einige der jungen Darstellerinnen und Darsteller sind bereits seit mehreren Jahren dabei – manche von ihnen haben in dieser Zeit deutlich sichtbare Fortschritte gemacht.

Christian Sander etwa kam 2013 durch ein von der Anzeigenzeitung Blick regelmäßig veranstaltetes Schauspieler-Casting im Göttinger „Kauf Park“ zur Crew. Zunächst als Schauspieler, später übernahm er dann weitere Aufgaben. So kümmert er sich mittlerweile auch um die Homepage, die Technik oder sogar eigene DVD-Produktionen.Sichtbare Fortschritte gab es zuletzt auch in baulicher Hinsicht – zumeist ermöglicht durch Spenden und ehrenamtlichen Arbeitseinsatz. Der gesamte Backstage-Bereich, das Toiletten- und Umkleidehaus, neue Sitzschalen, neue Zäune, ein eigenes Regiehäuschen am Rande der Zuschauertribüne: All diese Errungenschaften wurden durch Spenden ermöglicht, auf die der Betreiberverein auch künftig massiv angewiesen sein wird. Glücklicherweise finden sich regelmäßig Gönner, die immer wieder den Fortbestand der schmucken Bühne sicherstellen.

Der Cast der Waldbühne ist ebenfalls ständig in Bewegung; die Castings des Blick sind zu einem wichtigen Bestandteil der Nachwuchsgewinnung geworden. Die jährliche Fluktuation bedingt aber auch, dass immer wieder neue, unerfahrene Talente zum Team stoßen. Sie zu integrieren, ist eine der vielen herausfordernden Aufgaben für  die Ehrenamtlichen Sander und Schmidt.

Beide dürfen sich mittlerweile aber über qualifizierte Hilfe von außen freuen: Da wäre zum einen der Medienpartner Blick, der in diesem Jahr erstmals auch für das Design der Waldbühne-Flyer und -Plakate verantwortlich zeichnet und darüber hinaus gemeinsam mit einem Busunternehmen Tagesausflüge zu ausgewählten Vorstellungen organisiert. Einem Aufruf im Blick war es auch zu verdanken, dass sich – eher unverhofft – ein professioneller Schauspieler bei Juliana Schmidt meldete: Daniel von Trausnitz, bekannt als „Ritter Isenbard“ vom Schloss Berlepsch. Er übernahm spontan die Rolle des Königs im neuen Stück. Und brachte gleich noch jemanden mit, nämlich seinen guten Bekannten Sven Schreivogel.

Mit ihm schloss sich gewissermaßen ein Kreis, denn der gelernte Schauspieler Schreivogel war früher selbst  Ensemble-Mitglied des Göttinger Volkstheaters und zwischen 1993 und 1995 unter der Regie von Winfried Kratz auch auf der Waldbühne Bremke aktiv. Um nun in der aktuellen Spielzeit als dritter Regisseur einzusteigen, war die Zeit zu knapp, also fungiert Schreivogel zunächst als Projektberater. Und auch als solcher hat er innerhalb kürzester Zeit bereits einiges bewirkt (mehr dazu im Text „Vom größten König bis zum kleinsten Zwerg“).

Beispielsweise konnte er Jan Reinartz, Schauspieler am Jungen Theater Göttingen, für einen intensiven Übungsabend gewinnen, bei dem die jungen Hobbyschauspieler professionelle Atem- und Sprechtechniken kennenlernen durften.

Viele Zahnrädchen greifen auf der Waldbühne Bremke also gerade ineinander. Vom Resultat all dieser Bemühungen können sich Besucher ab dem 8. Mai wöchentlich überzeugen. Eines dürfte schon jetzt feststehen: Eberhard Junge wäre ohne Zweifel stolz auf seine Truppe.

Vom größten König bis zum kleinsten Zwerg

Jan Reinartz (Junges Theater Göttingen), Christian Sander, Juliana Schmidt (Regie) und Sven Schreivogel (Projektberatung, v.l.).

Quelle: Siebrecht

„Das Publikum ist wichtig. Sonst niemand.“ Unter diesem Credo will Sven Schreivogel, der neue Projektberater der Waldbühne Bremke, das Wir-Gefühl im Ensemble stärken. Kaum zwei Wochen nach seinem  eher zufälligen Einstieg scheint bereits ein „Ruck“ durch das Team gegangen zu sein. Der gelernte Schauspieler, der sich vor allem als Hörspiel-Produzent einen Namen gemacht und schon mit vielen bekannten Schauspielern und Sychronsprechern gearbeitet hat, fand nach einer ersten Bestandsaufnahme viele lobende Worte: „Alle sind unglaublich engagiert. Das ist eine tolle Truppe“, war ihm schnell klar. Den ehrenamtlichen Regisseuren attestierte er, „gute Arbeit geleistet“ zu haben.

Trotzdem sah sein geschultes Auge auch die Notwendigkeit zu einigen Sofortmaßnahmen. Zwei intensive Regie-Coachings und eine motivierende Ansprache an das gesamte Ensemble gehörten dazu, ebenso immer wieder kleine Ratschläge an einzelne Darsteller – etwa was Atmung, Stimmkraft und Sprechrichtung anbelangt. Schreivogel legt dabei viel Wert darauf, dass niemand im Team wichtiger ist als andere – was einer grundsätzlich nötigen Hierarchie im Übrigen nicht widerspreche. Respekt sei untereinander ebenso wichtig wie jener vor dem zahlenden Publikum. Bei den Proben verlangt der Profi deshalb eine gewisse Ernsthaftigkeit, Ruhe und Konzentration. Handys bleiben neuerdings während der Übungsabende aus.

Am Ende stehe die Aufgabe, den Zuschauern einen schönen Nachmittag zu bescheren. „Dafür zahlen sie Eintritt“, begründet Schreivogel. Letztlich gehe es auch darum, ein historisches Erbe zu würdigen – das Erbe einer legendären Freilichtbühne. „Dafür braucht es hier einfach jeden, der sich einbringt: Vom größten König bis zum kleinsten Zwerg, vom Komparsen bis zum Kulissenbauer, vom Tontechniker bis zur Kassiererin.“

Sie alle wissen den Einsatz Schreivogels zu schätzen – wohl auch, weil sie von seiner jahrzehntelangen Erfahrung profitieren wollen. Auch die Arbeit mit jungen Darstellern ist für den früheren Filmemacher nämlich nicht neu. So hat er beispielsweise ein Seminar für Kitas und Grundschulen entwickelt, bei dem Kindern die Entstehung eines Hörspiels näher gebracht wird. Zuletzt arbeitete er zusammen mit dem Weender Tonstudio-Inhaber Thomas Körber an der Tonproduktion für das winterliche Rollschuh-Musical „Die Schneekönigin“ des 1. Rollkunstlauf-Clubs Göttingen.
Und was hat den 44-Jährigen nun bewogen, erneut „Ja“ zur Waldbühne zu sagen? „Ganz ehrlich: Für mich geht es hier natürlich auch um einen gewissen Nostalgiefaktor. Mein Engagement hier ist über 20 Jahre her. Es fühlt sich gut an, jetzt wieder  in anderer Funktion mitwirken zu können.“ mr

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