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„Entscheidene Veränderungen kommen immer von unten“

Thema des Tages: Weltfrauentag „Entscheidene Veränderungen kommen immer von unten“

Im Jahr 1911 ist auf Initiative sozialdemokratischer und sozialistischer Organisationen der erste internationale Frauentag begangen worden – zentrales Thema damals: Die Forderung des Frauenwahlrechts. Das Wahlrecht ist längst Realität, genug Kämpfe hatte die Frauenbewegung dennoch weiterhin auszufechten. Setzte sich beispielsweise Politikern Rita Süssmuth für eine Liberalisierung des Abtreibungsparagrafen und eine modernere Familienpolitik ein, stehen die Feministinnen heutzutage schon wieder vor ganz neuen Herausforderungen. So werden auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Veranstaltungen und Demonstrationen am 8. März, dem Weltfrauentag, organisiert. Die Forderung: gleiche Rechte für Frauen.

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„Mich hat das zu einer Kämpferin für die Rechte der Frauen gemacht“: Rita Süssmuth über ihre politische Arbeit.

Quelle: Jochen Lübke (dpa)

Göttingen. Als Bundesfamilienministerin und Bundestagspräsidentin war die ehemalige Göttinger Bundestagsabgeordnete Rita Süssmuth (CDU) eine der prägenden Figuren der deutschen Politik.

Im Tageblatt-Interview spricht sie über die Frauenbewegung, Feminismus in der CDU und die Gefahr des Rückschritts.

Sie waren eine der wenigen einflussreichen Frauen in der männerdominierten „Bonner Republik“ - Auf welche Widerstände sind Sie als Frau in ihrer Karriere gestoßen?

Am stärksten gestört hat mich die Defizitbeschreibung der Frauen. Frauen seien zu gefühlig und nicht fähig politische Entscheidungen zu treffen. Außerdem störten mich die fehlenden Rechte. Als ich 1987 in den Bundestag eingezogen bin, war der Frauenanteil dort nur wenige Prozent höher als im Jahr 1918 als das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Ich habe mich daher immer für die Beteiligung der Frauen am Erwerbs- und Bildungsleben eingesetzt. Gerade in der CDU herrschte eine einseitige Sicht auf die Rolle der Mutter.

Rita Süssmuth

Rita Süssmuth war von 1987 bis 2002 Mitglied des Bundestages. Ihr Wahlkreis: Göttingen. Sie war Ministerin für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit und setzte sich frühzeitig für eine Frauenquote innerhalb der CDU ein. Auch in Publikationen hat sie sich mit der Chancengleichheit für Frauen auseinandergesetzt. us

In der Debatte um die Abtreibung waren Sie nicht auf Parteilinie, in einem Interview bezeichneten Sie sich als Feministin - ist die CDU nicht eigentlich die falsche Adresse für Sie?

Nein, das war genau die richtige Adresse, weil es da enormen Aufholbedarf gab. Für konservativ denkende waren Frauenrechte immer gleichbedeutend mit dem Untergang der Gesellschaft. Mich hat das zu einer Anwältin der Frauen, einer Kämpferin für die Rechte der Frauen gemacht.

Wie hat sich die Gesellschaft durch die Frauenbewegung spürbar gewandelt?

Man schaut heute mehr auf die Stärken der Frauen. Außerdem sind heute knapp 73 Prozent der Frauen erwerbstätig, im Bundestag sind knapp ein Drittel der Abgeordneten Frauen. In manchen Fraktionen sogar mehr. Und die Kanzlerin oder der Kanzler würde heute unter Verteidigungsdruck stehen, würde er ein Kabinett ohne Frauen aufstellen wollen. Was bleibt, ist aber immer die Gefahr des Rückschritts. Die Erwartung, dass die Rückkehr der Frauen in alte Rollen die Gesellschaft gesünder machen würde.

Aktionen zum Weltfrauentag

Göttingen. Eine ganze Reihe von Aktionen anlässlich des Weltfrauentags werden am Dienstag, 8. März, in Göttingen organisiert. Eine Auswahl: Den Auftakt macht um 17 Uhr am Markt der Aktionstag des feministischen Bündnisses „8er März“, das unter anderem vom AStA der Universität Göttingen und der Grünen Jugend Göttingen unterstützt wird.

Um 18 Uhr startet dort eine Kundgebung des Bündnisses. Ebenfalls um 18 Uhr beginnt im Bullerjahn am Gänseliesel die zentrale Veranstaltung des städtischen Frauenforums „Oberbürgermeister trifft Frauenforum“. Um 19 Uhr startet schließlich am Gänseliesel die „Frauenkampftags-Demonstration“ der Antifa-Jugend Göttingen. bk

Bei der hessischen Kommunalwahl vergangenen Sonntag hat die AfD hohe Gewinne eingefahren. Denken Sie, dass das konservative Frauenbild dieser Partei Grund für ihren aktuellen Erfolg ist?

Nennen Sie es Sehnsucht nach alten Mustern. Aber das sind Gesellschaftsmuster, die eine Rolle rückwärts darstellen: Gegen Ausländer und für eine homogene nationale Gesellschaft, die es so aber eigentlich nie gegeben hat. Die Rückkehr zu etwas, was nicht rückholbar ist.

Was muss die Frauenbewegung heute noch erreichen?

Es ist wichtig, dass sie aufhört zu sagen, man habe alles erreicht. Und sie muss rebellisch werden. Alle sind entsetzt, wenn die Erzieherinnen streiken, aber entscheidene Veränderungen kamen immer von unten. Der Druck muss erheblich gesteigert werden, um wirkliche Veränderungen durchzusetzen.

Interview: Benjamin Köster

Umfrage

Göttingen. Vor 105 Jahren haben Frauen europaweit zum ersten Mal den „internationalen Frauenkampftag“ ausgerufen. Das Tageblatt hat Göttingerinnen gefragt, was ihnen der Feminismus seitdem gebracht hat.

Lena Frick

Quelle: Höland

„Bestimmt mehr als mir gerade einfällt“, glaubt Lena Frick. Sie hat gerade die Schule abgeschlossen, und zumindest dort seien auch manchmal die Mädchen bevorzugt worden, erzählt sie. Weil „alles so selbstverständlich ist“, muss auch die Studentin Kim Schlösser kurz überlegen, bevor sie sagt: „Uns Frauen hat es eine Menge gebracht“, beispielsweise alles studieren zu dürfen.

Kim Schlösser

Quelle: Höland

Gerade ältere Frauen sehen wie Vera Riepenhoff „wesentliche Fortschritte bei der Gleichberechtigung“. Sie meint damit das „heute selbstverständliche“ Wahlrecht für Frauen, das erst 1918 eingeführt worden ist, und begrüßt, dass heute „Frauen an den Schaltstellen der Macht sitzen“.

Vera Riepenhoff

Quelle: Höland

 Für Ulla Scholten-Schwardmann liegt das auch an vielen kleinen Fortschritten: Das Recht, berufstätig zu sein, gehöre ebenso dazu wie die Strafbarkeit von häuslicher Gewalt. Außerdem nennt sie die „Enttabuisierung weiblicher Sexualität“ und die Legalisierung von Abtreibungen nach der „Mein Bauch gehört mir“-Kampagne in den 70er-Jahren als Beispiele.

Ulla Scholten-Schwardmann

Quelle: Höland


Allerdings sehe sie noch „eine Menge anderer Baustellen“ wie die Aufteilung von häuslicher Arbeit unter den Geschlechtern und die unterschiedliche Bezahlung von Männern und Frauen.

Franziska Möhlenrich

Quelle: Höland

Und auch Franziska Möhlhenrich findet es schade, dass Frauen in Spitzenpositionen nicht so verbreitet sind.

Sieht sich auch als „Netzfeministin“: Amina Yousaf.

Göttingen. Wenn im Internet Debatten über Feminismus toben, ist Amina Yousaf oft mit dabei: Die 26-jährige Göttingerin schreibt über ihre Erfahrungen mit Sexismus und ist Teil einer – meist weiblichen – digitalen Gegenöffentlichkeit, die in den vergangenen Jahren einige Erfolge verbuchen konnte. Im Internet fehlen klassische „Gatekeeper, die feministische Themen nicht in den Vordergrund rücken wollen“, findet Yousaf. Als Beispiel nennt sie die Diskussion über #Aufschrei vor zwei Jahren: Nachdem auf Twitter rund 50 000 Frauen ihre Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus geschildert hatten, bestimmte das Thema tagelang die Diskussion in klassischen Medien und Politik.

Auch Yousaf sieht sich als Feministin „und ein Stück weit auch als Netzfeministin“. „Ich will ein Pony“ steht auf einem halbironischen Aufkleber, der das Smartphone der Sozialwissenschaftsstudentin ziert und auf das während des Gesprächs immer wieder ihr Blick wandern wird: In sozialen Medien wie Twitter und Facebook tauscht sie sich damit über ihre Erfahrungen mit alltäglicher Diskriminierung und Ungleichbehandlung aus. Außerdem bloggt sie, denn „man kann Dinge nur kritisieren, wenn man sie sichtbar macht“.

Amina Yousaf

Quelle: Hinzmann

Sie schreibt über Männer, die in Gesprächen Frauen über den Mund fahren, über Frauen, die ihren Töchtern lieber rosa-farbene als blaue Kleidung anziehen wollen und über unerwünschte Grapschereien, die andere leichtfertig als Kompliment abtun. „Hey, du bist nicht allein“ ist ein Feedback aus der Internet-Community, dass Yousaf dann wichtig ist.

Zugleich erregen ihre Positionen Unmut, besonders Männerrechtler würden im Internet oft mit Beschimpfungen wie „du Feminazi“ und Schlimmerem reagieren. Weil sie auch Vergewaltigungsdrohungen erhalten habe, hat Yousaf mittlerweile ihr eigenes Blog abgeschaltet – ihre dort genannte Postadresse wollte sie lieber nicht im Internet stehen haben.

Zuletzt hat sich Yousaf an der digitalen Kampagne #Ausnahmslos beteiligt, mit der Feministinnen sich gegen die rechte Instrumentalisierung der Silvester-Übergriffe von Köln gewehrt haben. „Für mich ist Feminismus intersektional,“ begründet Yousaf das und meint damit, dass sich heutige Feministinnen auch gegen andere Formen von Diskriminierung wie zum Beispiel gegen den Rassismus aussprechen sollten.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016