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Veganismus als Tattoo

Ernährungspsychologe Thomas Ellrott im Interview Veganismus als Tattoo

Laktoseintoleranz als Religionsersatz, teures Fleisch als Lifestylesymbol, vegane Lebensweise statt Sportverein: Essen ist heute weit mehr als nur essen. Über solche Trends sprach Britta Bielefeld mit PD. Dr. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie der Universität Göttingen.

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"Es existiert kein Superfood", sagt Ernährungspsychologe Thomas Ellrott.

Quelle: CH

Was halten Sie von der Paläo-Diät?

Nun, die Menschen in der Steinzeit haben nicht lange gelebt. Was damals gegessen wurde hatte den Zweck, sie solange durchs Leben zu bringen, bis sie sich fortgepflanzt hatten. Entscheidend war, dass sie 20 bis 30 Jahre alt wurden. Das ist heute kein allzu attraktives Ziel. Und es fehlen die Studien, die zeigen, dass ein solcher Ernährungsstil die versprochenen Wirkungen erzielt.

Chia-Samen, Gojibeeren: Superfoods sind ja sehr angesagt. Können diese Superfoods etwas, was kein anderes Nahrungmittel kann?

Nein, das gibt es in der Tat nicht. Es existiert kein Superfood, das einen lebensnotwendigen Nährstoff exklusiv enthält. Alles das, was in Superfoods steckt, gibt es auch in anderen Lebensmitteln.

Und das dann für einen Bruchteil des Preises?

Sicher. Aber es ist natürlich nicht so cool, wie ein angesagtes Superfood zu kaufen und damit vermeintlich alles richtig zu machen. Aber das ist ein Trugschluss. Die komplette Ernährung entscheidet über die Gesundheit, nicht ein einzelnes Lebensmittel.

Gibt es keine instinktiv richtige Ernährung mehr bei uns, muss man immer planen?

Es mag einige Menschen geben, die können sich auf ihre innere Stimme, auf ihre Innenreize von Hunger und Sättigung verlassen. Das hängt möglicherweise von den Verhaltensweisen ab, die man als Kind erlernt hat.

Es gibt diese Menschen wirklich, die nicht darüber nachdenken müssen, was sie essen und nicht zunehmen?

Ja, die haben in doppelter Hinsicht Glück. Sie haben die richtigen Gene und können sich auf ihr intuitives Entscheidungssystem verlassen. Bei den meisten funktioniert das aber nicht. Die Kollegen in der Adipositas-Ambulanz sehen beispielsweise Männer, die sich nie Gedanken darüber gemacht haben, was und wie viel sie essen. Sie kommen erstmalig, wenn der Bodymaßindex über 40 ist, was bei einem 1,80 Meter großen Mann etwa 130 Kilo sind. Das zeigt, dass die innere Stimme unter den heutigen Bedingungen oft nicht funktioniert.

Und die anderen?

Beim willentlichen Gegensteuern kann man auch viele Fehler machen. Dann stolpert man von Diät zu Diät oder von Essanfall zu Essanfall.

Das klingt, als wäre Ernährung ein Kampf?

Wenn Sie die Patienten, deren starkes Übergewicht erfolgreich behandelt wurde und die 25 Kilo abgenommen haben nach einigen Jahren befragen, sagen viele, dass sie immer noch bewusst kontrollieren müssen. Es gibt wenige, bei denen es klick gemacht hat und die neue schlanke Gewohnheiten komplett etabliert haben. Je länger man allerdings das Gewicht hält, desto einfacher wird es.

Essgewohnheiten loswerden ist also das Schwierigste?

50-Jährige haben in ihrem Leben etwa 50 000 Ess-Entscheidungen getroffen. Da ist es schwer, einen Fuß in die Tür zu bekommen und über jede gewohnheitsmäßige Ess-Entscheidung bewusst nachzudenken. Hinzu kommt: Ein Großteil meiner Rechenleistung im Gehirn wird in Anspruch genommen, wenn ich Entscheidungen stattdessen rational abwäge.

Über was muss ich denn entscheiden? Menge, Produkt?

Dazu kommen Preis, Nährwerte, Mindesthaltbarkeit, fairer Handel, Klimaschonung, Bonuspunkte, Tierschutz. Das ist sehr komplex. Es ist heute selten, dass wir es uns leisten können, viel Denkleistung dafür zu benutzen.

Weil wir ständig etwas anderes um die Ohren haben?

So ist es. Im Alltag ist das schwierig. Es ist das ständige Denken an das Smartphone, an alles andere, was parallel erledigt werden muss. Das absorbiert so viel Rechenleistung, dass Ess-Entscheidungen meist intuitiv getroffen werden.

Das macht nicht gerade Mut.

Das soll nur zeigen, dass es nicht leicht ist, Essgewohnheiten abzulegen. Das Smartphone ist dabei Risiko und Chance zugleich. Es gibt auch Apps, die können helfen.

Sind diese Apps wirklich erfolgreich?

Zumindest unterbrechen sie automatisierte Verhaltensweisen. Wenn ich eintippe, was ich esse, denke ich darüber nach.

Also ein digitales Ernährungstagebuch?

Exakt. Das gedruckte Tagebuch ist quasi die Mutter moderner Ernährungsapps.

Einerseits gibt es heute viele Lebensmittel in Mini-Größen, andererseits in XXXL. Wohin geht der Trend?

Die Deutschen kaufen gerne nach Value for Money, das heißt, viel Inhalt für möglichst wenig Geld. Es gibt heute, anders als in meiner Kindheit, beispielsweise keine 75-Gramm-Tüten Gummibärchen mehr. Heute haben wir 200- bis 500-Gramm-Tüten. Die Tüten sind immer größer geworden, weil der Druck auf den Preis gestiegen ist. Kleine Einheiten sind aufwändiger in Produktion und Verpackung und damit teurer. Das hat zu den Großpackungen geführt. Die Kehrseite des Wohlstandsgewinns für den Verbraucher ist, dass wir so insgesamt mehr essen. Das Stoppsignal ist die leere Packung.

Essen wir denn nicht nach einer großen Portion Gummibärchen automatisch weniger?

Nein. Es bleiben am Ende zehn bis 20 Prozent mehr Kalorien, weil man nicht alles bei den Folgemahlzeiten einspart. Das gilt auch für Fastfood, wenn dort XL-Menüs bestellt werden.

Ist der Minitrend eine Gegenbewegung?

Nein, bei den ganz kleinen Einheiten, beispielsweise bei einzeln verpackten Pralines, geht es mehr um das Schöne und um das Präsentieren. Dann ist der Preis sekundär. Das ist aber nicht der Massenmarkt. Es gibt mittlerweile jedoch auch Schokoriegel mit 20 bis 30 statt 50 bis 60 Gramm. Der Preis pro 100 Gramm ist zwar etwas höher, aber das Stoppsignal kommt bereits nach der halben Kalorienzahl. Kleinere Portionen sind ohne Frage hilfreich.

Kommen die Hersteller dem nach?

Ja, sie denken zunehmend auch aus gesundheitlicher Sicht. Zum Beispiel ist die Größe des Magnum-Eis geringfügig geschrumpft.

Aber dann wird es zum gleichen Preis verkauft?

Muss nicht sein, ist aber oft so. Ich spare zwar 10-20 Prozent Kalorien, zahle aber in etwa das gleiche. Kleinere Einheiten sind teurer, helfen aber dennoch die Kalorienzahl zu begrenzen.

Vegan, vegetarisch, Paläodiät, laktosefrei: Ernährung ist ja heute für manche Menschen eine Ersatzreligion geworden?

Tatsächlich. Warum essen so viele gluten- oder laktosefrei, obwohl sie gar keine Intoleranz haben? Für unser Leben sind Werte- und Ordnungssysteme als Orientierung essentiell - und soziale Einbettung. Die klassischen Einbettungssysteme Religion und Familie verlieren heute tendenziell an Bedeutung. Es gibt also ein gewisses Struktur- und Orientierungsdefizit.

Gluten fungiert quasi als Ersatzfamilie?

Haltlos können wir nicht leben. Wir brauchen verlässliche Leitplanken, etwas, woran wir uns orientieren können. Eine neue Art von Halt bieten beispielsweise digitale soziale Netzwerke, aber diese Bindungen sind nicht so tragfähig wie echte Vor-Ort-Bindungen. Wir sind auf der Suche nach allem was Halt, Ordnung und Struktur gibt.

Aber welchen Halt gibt mir denn eine nicht vorhandene Gluten-Intoleranz oder eine vegane Ernährung?

Wenn ich für mich beschließe, vegan zu essen, dann gibt das zunächst keinen Halt. Allerdings wird die Komplexität der Auswahl beim Einkaufen drastisch reduziert, vegan ist richtig, alles andere ungeeignet. Das ist der Ad-hoc-Effekt. Die soziale Einbettung wird erst sekundär wirksam. Dann, wenn ich meinen Ernährungsstil nach außen kommuniziere. Das ist oft mit enorm viel Zuwendung von anderen Befürwortern verbunden – wenn man sich beispielsweise in einem Vegan-Forum anmeldet.

Das ist ein erheblicher sozialer Mehrwert. Tierschutz ist zwar oft der Auslöser, der soziale Zusatznutzen dürfte aber für den Trend fast noch wichtiger sein. Wenn ich meinen Ernährungsstil wie ein Tattoo nach außen zeige, gewinne ich quasi eine neue Familie. Das ist es, was diese Ernährungsstile für viele so attraktiv macht.

Ist das nicht eine Art, sich über andere zu stellen, als besserer Menschen?

Ja, es ist sicher auch ein Stück Status und Distinktion dabei, die Abgrenzung und moralische Höherstellung gegenüber anderen. Mein über digitale Tattoos nach außen kommunizierter Ernährungsstil ist eine Art Emblem, was Gruppenzugehörigkeit und Einordnung signalisiert.

Bei den klassischen Ernährungsstilen liegt das auf der Hand. Aber gilt das auch für all die modernen teils gefühlten Unverträglichkeiten?

Ja. Das gleiche gilt, wenn ich mich im Laktosefrei-Forum anmelde. Ich bekomme Aufmerksamkeit und Zuwendung, ein Gesicht in der Menge und eine gewisse Individualität. Das gilt für Paläo, vegan oder gefühlte Unverträglichkeiten gleichermaßen.

Sie sprachen mal von einer  Art moderner Vereinszugehörigkeit, wie im Sportverein?

Sportvereine gibt es natürlich immer noch. Sie können ebenso soziale Einbettung generieren. Ich bin als gebürtiger Braunschweiger übrigens immer noch Mitglied bei der Eintracht. 

Veganismus, die neue Eintracht Braunschweig?

Die Identität und soziale Verortung, die früher Sportvereine und weit mehr natürlich Kirchen und Familie geliefert haben, suchen nicht wenige heute an anderer Stelle.

Gluten, Laktose, vegan: sind das nicht einfach nur Trends? Vor 20 Jahren kannte das doch kaum jemand.

Damals galt eine Unverträglichkeit eher als Stigma. Heute ist sie ein positives Tattoo. Echte Diagnosen sind meistens gar nicht gestellt. Manche suchen nach etwas, um das sie sich kümmern können und womit sie Zuwendung bekommen können. Eine Art Haustier 3.0.

Warum sind Defizite plötzlich hip?

Sicher auch, weil sich mediale Vorbilder dazu bekennen. Und weil diejenigen, die wirtschaftlich davon profitieren, den Trend inszenieren. Bei all dem darf man nicht vergessen, dass es auch wirklich Betroffene mit der ärztlich gestellten Diagnose gibt. Das ist allerdings nur ein Bruchteil derer, die laktosefrei oder glutenfrei kaufen.

Bei den veganen Produkten wird ja gerne Mal zu einem Mordspreis Müll verkauft, oder?

Das ist nicht bei allen Produkten so. Gerade bei veganen Fleischnachbauten kann das aber vorkommen. Es ist schon verrückt. Wenn ich kein Fleisch essen möchte, dann brauche ich doch eigentlich kein Ersatzfleisch. Meine Hypothese zur Nachfrage nach solchen Ersatzprodukten ist, dass Gemeinschaft und Geborgenheit historisch mit fleischhaltigen Familienmahlzeiten assoziiert sind. Manche Veganer sehnen sich vielleicht gerade nach diesem Gefühl, das der gemeinsame Sonntagsbraten früher vermittelt hat.

Apropos Fleisch. Auf der anderen Seite boomen ja gerade Edelfleisch und Nobelgrills. Gilt heute, eine Philosophie beim Essen muss sein?

Wie Du isst einfach nur? Kein Paläo, kein Vegan, kein Clean Eating nicht mal Laktoseunverträglichkeit? Ohne irgendeine Philosophie scheint in gewissen Schichten tatsächlich nichts mehr zu gehen. Generell ist zu beobachten, dass die Bereitschaft der Verbraucher, für gutes Essen mehr Geld auszugeben, wächst. Die Wertschätzung von Lebensmitteln steigt tendenziell an. Das ist positiv.

Dient der Trend zum Edel-Food denn ebenso der Identität?

Ja, auch das stiftet Identität, weil edles Essen plötzlich Lebensmittelpunkt ist und ich mich mit anderen gleichgesinnten zusammentue. Das Essen zu Hause wird dann gerne richtig eventisiert. Manche Autoren sprechen bei besonders starker Ausprägung gar von Gastro-Sexualität.

Die Religion Beef scheint ja überwiegend Männer zu befallen?

Absolut. Das ist ein Stück Inszenierung der Männerrolle. Die neue Evolutionsstufe des Grillens ist es, nicht nur einfach Fleisch auf den Grill zu legen, sondern auch, eine ausgefeilte Grilltechnik zu nutzen: der edle Smoker mit der passenden Smartphone-App, die mir sekündlich Rückmeldung zum Zustand des Grillguts gibt …

Warum posten Menschen so gerne Essen?

Auch das generiert Aufmerksamkeit und gestaltet die eigene Identität. Essen ist heute zum digitalen Tattoo geworden. Zwei Vorteile gibt es dabei gegenüber klassischen Statussymbolen: Essen muss man sowieso und es kostet im Vergleich weniger als klassische Statussymbole.

Wo führt das alles hin?

Ernährungsstile werden immer vielfältiger und individueller. Ein alle vereinendes Essverhalten gibt es heute nicht mehr. Es gibt immer weniger Gemeinsamkeit in der Mitte und immer mehr Individualisierung. Essen ist heute vergleichsweise kompliziert geworden, denn damit sind viele gleichzeitige Aussagen verbunden. Eines aber vereint dann doch: der Wunsch nach Mahlzeiten mit anderen als stark gemeinschaftsstiftendes Szenario: egal ob Paläo oder Vegan.

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