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Banker, IT-Ler und Controller helfen

Ehrenamts-Initiative Neoko Banker, IT-Ler und Controller helfen

Sie organisieren Vorträge, vermitteln rüstigen Ruheständlern Ehrenämter und helfen Menschen, sich am Ende des Berufslebens Perspektiven für die Gestaltung des nächsten Lebensabschnitts zu erarbeiten. Gemeinsam mit Mitstreitern hat Klaus Thornagel 2010 in Göttingen die Initiative Neoko gestartet.

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Klaus Thornagel, Initiator und Vorsitzender der Neoko-Initiative.

Quelle: Niklas Richter

Göttingen. „Vor allem Männer neigen dazu, sich über ihre Arbeit zu definieren“, sagt Thornagel. Einige wollten nicht loslassen. Am letzten Arbeitstag, so erzählt Thornagel, stehen ihnen dann die Tränen in den Augen. Zuhause fallen sie in ein tiefes Loch, können sich zu nichts mehr aufraffen, fühlen sich wertlos, werden depressiv. In solchen Krisen sei sogar manch Ehe schon zerbrochen.

Thornagel kennt diese nicht einfache Übergangszeit aus eigenem Erleben. Er war früher für das Marketing feines großen Göttinger Industrieunternehmens zuständig. Als er im Jahr 2010 in Vorruhestand ging, traf er auf der Straße einen alten Bekannten. Dem Banker Rolf Degener ging es wie ihm. „Was machen wir jetzt?“, fragten sich die beiden Rentner. Degener erzählte von einem Vortrag über die Finanzkrise, den er - als eine seiner letzten Amtshandlungen - vor Kollegen gehalten hatte. „Das interessiert derzeit bestimmt viele“, meinte Marketingmann Thornagel. Und: „Lass uns mal eine Veranstaltung organisieren.“

Einige Zeit später drängten sich 85 Menschen, fast alle älter als 55 Jahre, im Veranstaltungssaal des Göttinger Apex. Am Ende meinten Besucher: „Das müssen sie unbedingt wiederholen.“ Einige wollten dabei mithelfen. So bildete sich ein Kreis von Aktiven, die Keimzelle der Initiative Neoko. Seither organisiert der harte Kern der Gruppe, zu dem neben Thornagel und Degener noch Wolfgang Seebode und Bernd-René Gebhardt gehören, regelmäßig Vorträge im Apex. Es kommen jedes Mal zwischen 20 und 110 Zuhörer.

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Bernd-René Gebhard zählt auch zum „Helferstab“ der Organisation Neoko. „Wir sind ja kein eingetragener Verein, deshalb gibt es bei uns Vorstand“, sagt er. Dennoch zählt der Rentner zu den Gründungsmitgliedern. Er ist pensionierter Sicherheitsingenieur und hat früher in der Göttinger Stadtverwaltung gearbeitet. Klaus Thornagel kennt er seit Studienzeiten, gemeinsam haben sie, als der Ruhestand näher rückte, beschlossen, sich zu engagieren. „Ich helfe überall mit, wo ich gebraucht werde“, sagt er. Beispielsweise an der Kasse, wenn Neoko einen Vortrag im Apex organisiert. Auch Treffen mit Organisationen wie dem Lions-Club habe Neoko mit Unterstützung von Gebhard bereits angeboten.

„Viele bleiben im Anschluss noch beieinander, um sich zu unterhalten“, erzählt Thornagel. Viele Ruheständler suchen nach einer neuen Aufgabe, erfuhren die Neoko-Mitglieder. „Wir entschlossen uns daher 2013, eine Internetbörse einzurichten“, erzählt Thornagel. Interessierte können sich dort mit ihren Kompetenzen vorstellen. Vereine und sozial tätige Organisationen finden so Ehrenamtliche, die ihnen etwa beim Controlling oder bei Problemen mit dem Server helfen. Mindestens 30 Personen haben bisher nach Wissen von Neoko auf diesem Weg eine Aufgabe gefunden.

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Wolfgang Seebode: „Ich war die Testperson“, sagt Wolfgang Seebode. Er hat den Webauftritt der Vermittlungsbörse von Neoko mitgestaltet – und getestet. Der 67-jährige ehemalige Banker bezeichnet sich selbst als „internetaffin“. Deshalb wollte er, dass die Jobbörse, mit der Senioren in neue Beschäftigungen vermittelt werden sollen, eine besonders benutzerfreundliche Oberfläche bekommt. „Jetzt ist es soweit“, sagt Seebode. Seebode kennt Neoko-Initiator Thornagel bereits seit mehr als 30 Jahren. Da das gesamte Projekt aus privaten Mitteln finanziert wird, hilft er gerne. Auch die regelmäßigen Treffen bei Ronny im Café in Bovenden lässt er ungern aus.

Im Herbst vergangenen Jahres bekam Thornagel, der nach einem Programmierer für den neuen Neoko-Internetauftritt suchte, Kontakt zur Göttinger Startup-Szene. Seither vermittelt Neoko auch Kontakte zwischen ehemaligen Führungskräften und Existenzgründern. „Das Wirtschaftsleben verändert sich rasant, aber wir können Jungunternehmern immer noch mit unserer Erfahrung und unseren Kontakten helfen“, freut sich Thornagel. So laufe ein Gespräch mit der Bank ganz anders, wenn neben dem Existenzgründer ein ehemaliger Banker sitze.

Derzeit erschließt sich die Initiative neben den Vorträgen und der Vermittlung von Ehrenämtern ein drittes Tätigkeitsfeld. „Wir wollen Workshops für Menschen am Ende ihres Berufslebens anbieten“, sagt Thornagel. In lockerer Runde sollten sie sich Gedanken über die Zeit danach machen. Arbeitstitel: „Werkstatt“.

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Angelika Specht vom Verein „Bunte Lebenswelten“ in Ludolfshausen lobt die Vermittlungsbörse des Vereins Neoko als „tolle Einrichtung“. Mit Hilfe von Neoko hat sie Klaus Korts, einen Betriebswirt im Ruhestand gefunden, der ihr Tipps und Hilfe beim Controlling und in der Buchhaltung gibt. Korts, Jahrgang 1943, ist 2015 in Rente gegangen. Der ehemalige kaufmännischer Leiter einer Göttinger Firma sagt: „Nachdem ich den Garten klar Schiff gemacht hatte, habe ich mich gefragt, was ich nun Sinnvolles machen soll.“ Dann kam er auf die Idee, die Jobbörse von Neoko zu nutzen. Neoko und Initiator Thornagel kannte er bereits. Drei Initiativen kontaktierte Korts, bei Unicef arbeitet er jetzt in der Firmenkundenbetreuung, bei den „Lebenswelten“ hilft er bei den Finanzen.
Gerade auf dem Land, wo man manchmal Fahrzeiten einkalkulieren muss, sei es nicht ganz leicht, in diesem Bereich jemanden zu finden, der ehrenamtlich sein berufliches Know-how einbringen möchte, meint Specht. „Wir haben mit Korts einen Betriebswirt gefunden, der erfolgreich in der Industrie gearbeitet hat“, sagt Specht. Im März habe diese Kooperation begonnen. „Wir haben viele hilfreiche Tipps für kleine Verbesserungen von ihm bekommen“, sagt Specht. Und weiter: „Wir haben also gute Erfahrungen mit Neoko gemacht“, sagt die Pädagogin.
Der Verein „Bunte Lebenswelten“ wurde nach eigenen Angaben im Juli 2013 gegründet, dort werden Begabungen bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen pädagogisch gefördert.

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