Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Erste Liebe starb an Überdosis

Ex-Junkie Wolfgang Sosnowski Erste Liebe starb an Überdosis

Göttinger Ex-Junkie Wolfgang Sosnowski engagiert sich seit Jahren in der Suchtprävention – jetzt hat er sein Buch „Toximan“ veröffentlicht, in dem er von seiner Drogensucht erzählt.

Voriger Artikel
Happy Birthday, Landkreis!
Nächster Artikel
Drei Puster für einen freien Weg

Hat es aus der Drogensucht herausgeschafft und engagiert sich heute in der Suchtprävention: Wolfgang Sosnowski.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Beim Yoga schaltet er ab. Besinnt sich auf sich, auf seinen Körper, der auch jetzt noch ständig unter Anspannung ist. „Das Blaulicht ist immer an“, sagt Wolfgang Sosnowski. Das Blaulicht ist Sosnowskis Metapher für sein Suchtgedächtnis. Der 53-Jährige hat rund zehn Jahre lang alles an Drogen in seinen Körper gepumpt, was es eben gab – mit etwa 14 Jahren scheinbar harmlos angefangen mit Alkohol und Gras stieg er schnell auf LSD, Kokain und Heroin um.

Mittlerweile ist er seit 25 Jahren clean, arbeitet seit etwa fünf Jahren in der Suchtprävention – und hat ein Buch namens „Toximan“ über sein Leben als früherer Drogensüchtiger geschrieben. Doch sein Körper vergisst die Zeit als Junkie nicht. „Der Rausch löst Glücksgefühle aus, und das manifestiert sich bei Süchtigen“, sagt er. Es gebe Tabletten gegen Entzugserscheinungen, aber nicht gegen dieses Suchtgedächtnis, das sich bei nur einem Bier, bei einem gerauchten Joint an den Rausch erinnere. „Das wird natürlich weniger, je länger man clean ist. Aber nachdem ich mal ein oder zwei Bier getrunken habe, muss ich aufhören“, sagt Sosnowski.

Buchvorstellungen „Toximan“ in Göttingen

Das Theaterstück „Toximan“, in dem der ehemalige Drogenabhängige Wolfgang Sosnowski sich selbst spielt, wurde bereits im August 2012 mit dem Titel „Projekt des Monats“ durch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung ausgezeichnet. Nun hat Sosnowski, der seit 25 Jahren clean ist und Suchtprävention für Jugendliche betreibt, gemeinsam mit Co-Autorin Kristina Just ein Buch über seine Drogensucht und sein Leben danach veröffentlicht, das den Titel „Toximan – Eine Kinderseele vergisst nie“ trägt. Am Sonnabend, 11. November, präsentiert er das im Selbstverlag erschienene Buch von 11 bis 15 Uhr an der Jakobikirche, Jacobikirchhof 1. Außerdem wird Sosnowski am 8. Dezember um 19.30 Uhr im Literarischen Zentrum, Düstere Straße 20, aus seinem Buch lesen.

Dem Mann, der gerade so entspannt in seinem Kapuzenpullover, mit den braunen, etwas längeren Haaren – ein paar graue Strähnen haben sich schon eingeschlichen – von seiner Drogengeschichte erzählt, sieht man diese Vergangenheit nicht an. Er hat Glück gehabt. Nicht nur einmal.

„Das war ein medizinisches Wunder“, sagt er über einen Autounfall, bei dem drei Menschen starben. Er überlebte, sein ebenfalls drogensüchtiger Freund am Steuer neben ihm nicht. Auch die Drogenkarriere der meisten anderen Freunde seiner damaligen Clique endete tödlich. Seine erste Liebe Andrea sei an einer Überdosis Heroin gestorben. „Wir sind damals Hand in Hand eingeschlafen und wieder aufgewacht“, erzählt er von ihrer gemeinsamen Zeit, von einer großen Verbundenheit trotz der Drogensucht beider.

Drogen lenkten von der zerrütteten Familie ab

Sowieso spricht Sosnowski – nicht nur in seinem Buch, sondern auch bei Projekten vor Schülern und Eltern – nicht nur über die negativen Folgen des Drogenkonsums. Er spricht auch über die anfänglichen schönen Momente, seine „schöne Kifferzeit“, als die Drogen ihn von seiner zerrütteten Familie, in der Alkohol und Gewalt auf der Tagesordnung standen, ablenkten. Dass genau dies die große Gefahr sei, dass Jugendliche aus Überforderung im Alltag beginnen würden, Drogen zu nehmen, versucht er klarzumachen. „Die Drogenwelt ist hart geworden“, sagt Sosnowski, der die heutigen Drogen – vor allem synthetische Modedrogen wie Flex – als extrem gefährlich einschätzt.

Sosnowski ist auch klar, dass er Glück gehabt hat. Der Ausstieg aus der Drogensucht gelingt den Wenigsten. Er schaffte ihn durch einen Aufenthalt in einer forensischen Psychiatrie, weil er zuvor während einer Psychose mit „der Knarre in der Hand“ verschiedene Straftaten begangen hatte. Dass er anschließend seine Vision, Jugendliche von einer Drogenkarriere abzuhalten oder ihnen wieder herauszuhelfen, zur Realität machte, treibt ihn heute an. So hat der Vater eines 23-jährigen Sohnes 2012 bereits ein Theaterstück mit dem Namen „Toximan“ mitentwickelt, mit dem er unter anderem zu Präventionszwecken in Schulen auftritt und das von der Bundesregierung ausgezeichnet wurde. Entstanden sei diese Vision übrigens auf dem Höhepunkt seines Drogenkonsums. „Ich wusste, wenn ich das überlebe, will ich andere davor bewahren“, erzählt Sosnowski über sein 20-jähriges Ich.

Ganz unbeschadet hat er die Zeit als Junkie aber nicht überstanden: „Ich habe es an Aids und HIV trotz der ganzen Spritzen vorbeigeschafft, aber ich habe wiederkehrende Depressionen und ein Trauma“, erzählt er. Letzteres habe er lange in einer Therapie aufgearbeitet und fühlt sich durch seine Vergangenheit immer weiter dazu angetrieben, junge Menschen vor diesem Leben zu bewahren.

„Mein Ziel ist das Wolfshaus“, sagt der Mann, der seit etwa 23 Jahren – mit Unterbrechung – in und um Göttingen lebt. Seine Drogenzeit verbrachte er vor allem in seiner Geburtsstadt Lauda. Das Wolfshaus solle eine Kriseninterventionsschlafstätte für junge Menschen sein, eine Anlaufstelle für Jugendliche, die von den Eltern rausgeschmissen wurden oder selbst von zu Hause abgehauen sind und drohen, in die Drogensucht abzudriften. „Ein niederschwelliges Angebot, wo man viel abfangen könnte“, so Sosnowski. Das müsse natürlich finanziert werden – und das kann Sosnowski, der von zwei Minijobs lebt, selbst nicht. „Ich arbeite acht Stunden die Woche als Gärtner und zwei Stunden die Woche putze ich in der Kita in Herberhausen“, sagt er. In Therapieeinrichtungen dürfe er trotz seiner Erfahrungen nicht arbeiten, weil er keinen Sozialarbeiterschein besitze. „Dem Rausch wird gehuldigt, aber der Drogenabhängige wird stigmatisiert“, sagt er. Das sei eben auch nach 25 Jahren Drogenfreiheit noch so.

Flex – eine Droge ist aus der Mode

Die Droge hat viele Namen, und sie hat viele Opfer gefordert. In Göttingen wurde Methylendioxypyrovaleron (MDPV) als Flex bekannt, andernorts auch als Cloud Nine, Monkey Dust oder Peevee. Im internen Ranking der Polizei wurde sie bis in das Jahr 2016 an erster Stelle geführt. Heute spielt MDPV kaum noch eine Rolle.

Sie rannten nackt durch die Innenstadt, trugen Affenkostüme, kletterten auf Autodächer und bepöbelten Passanten. Immer wieder gerieten Flex-Konsumenten in den Jahren 2014 bis 2016 in den Fokus der Öffentlichkeit. In einem Fall entriss ein Mann gar einem Polizeibeamten die Waffe und schoss um sich. Ein anderer stürzte sich vom Hochhausdach. Mindestens sechs Tote sollen der Horrordroge in dieser Zeit allein in Göttingen zum Opfer gefallen sein – an einer Überdosis, in der Folge der Wahnvorstellung oder aufgrund des Langzeitkonsums.

Doch wodurch wurde Göttingen zur Flex-Hochburg? Möglicherweise hat die erfolgreiche Arbeit der Göttinger Polizei für die gestiegene Nachfrage nach MDPV gesorgt. 2012 war den Fahndern ein Schlag gegen einen Heroinring gelungen. In der Folge brach der Markt zusammen, die Abhängigen suchten nach Alternativen und fanden sie in der Substanz MDPV. Das war zur damaligen Zeit als Badesalz frei im Internethandel erhältlich und damit ein kostengünstiger Ersatz. Allerdings warnte die Drogenberatungsstelle schon 2015 mit Flugblättern vor den Nebenwirkungen der hochpotenten Droge: Verfolgungswahn, Psychosen und Depressionen, Panikattacken, Schlaflosigkeit und Herzrasen, Aggressivität und in Kombination mit anderen Drogen gar Lebensgefahr durch Kreislaufversagen.

Verzeichnete die Polizeistatistik 2013 nur 34 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz in Verbindung mit MDPV, waren es im Folgejahr schon 120 Fälle. Zum Höhepunkt der Flexzeit 2015 waren es sogar 221 Delikte. Im Februar desselben Jahres richtete die Polizei eine spezielle Ermittlungsgruppe im Zentralen Kriminaldienst ein und löste sie zwölf Monate später nach erfolgreicher Arbeit wieder auf. Zahlreiche Ermittlungsverfahren, richterliche Haftbefehle und die Unterbringung in Entzugskliniken später lagen die Fallzahlen im niedrigen zweistelligen Bereich.

„Heute spielt MDPV nur noch eine untergeordnete Rolle in Göttingen“, sagt Jasmin Kaatz, Sprecherin der Polizeiinspektion Göttingen. Auch gebe es aktuell keine Substanz, die den Ermittlern ähnliche Sorgen mache wie damals Flex. „In der Gesamtbetrachtung hebt sich keine der uns bekannten Drogen besonders als Spitzenreiter hervor“, ergänzt Kaatz. Diese Einschätzung kann Elisabeth Mickler-Kirchhelle vom Drogenberatungszentrum (Drobz) unterstreichen. In der Beratungsstelle laute seit einigen Jahren die Hauptdiagnose Cannabis- und Amphetaminkonsum. MDPV sei auch nicht völlig verschwunden. „Wir haben noch Flex-Konsumenten.“ Aber es ist mittlerweile aus der Mode gekommen.

Von Hannah Scheiwe

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Thema des Tages
Die Bilder der Woche vom 4. bis 10. November 2017