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Exil Göttingen feiert 13. Geburtstag

Der letzte? Exil Göttingen feiert 13. Geburtstag

Erst kam das Kairo, dann das Exil: Im Club an der Prinzenstraße 13 wird seit 1987 – aber nur noch bis September gerockt.  Dann ist dort Schluss mit lustig. Die schwarz-weißen Bodenfliesen haben schon hunderte Partys und Konzerte überstanden.  Ein Keller voller Erinnerungen. 

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Liveclub, Partylocation, Bar: Das Exil im Keller an der Prinzenstraße ist Anlaufpunkt für alle, die Rock, Pop, Blues oder  mögen.

Quelle: EF

Seit 13 Jahren existiert das Exil, der Liveclub für Rockmusik an der Prinzenstraße. Der 13. Geburtstag wird am Sonnabend, 13. Februar, mit einer Party gefeiert. Es ist der letzte Geburtstag an diesem Ort. Im September ist dort Schluss.
Mitinhaberin Bea Roth und der künstlerische Leiter, Karl Schrader, aber wollen weitermachen. „Wir sind auf der Suche nach neuen Räumen“, sagt Roth. In der Stadt sollen sie sein und geeignet für Konzerte. Kein leichtes Unterfangen. Noch haben die beiden keine neue Stätte gefunden. Aber: „Wir sind fest entschlossen, weiter zu machen.“ Warum? „Weil wir nichts anders können“, sagt Roth und lacht.

Das Betreiben eines Liveclubs in Göttingen ist ein hartes Brot. „Die jungen Leute, die nach der Schule zum Studium nach Göttingen kommen, haben  kein so großes Interesse mehr als Rock- und Livemusik wie früher“, sagt Schrader. Dennoch habe das Exil-Team die „Schlagzahl an Konzerten erhöht“.  Im vergangenen Jahr waren es 57 Konzerte.  Schrader ist seit 35 Jahren im Geschäft, Roth seit etwa 20. „Das Gefühl, wenn die Gäste am frühen Morgen mit glücklichen Gesichtern an mir vorbei gehen und sich für den tollen Abend bedanken“, das entschädigt für vieles“, sagt Roth. Schrader arbeitet die Hälfte der Woche tagsüber, die andere Hälfte nachts für den Club. „Ich liebe es, Veranstaltungen mit den Bands auf die Beine zu stellen“, sagt er.   Auch  nach all den Jahren hat er die Leidenschaft fürs Geschäft nicht verloren. „Ich brenne dafür“, sagt der 60-Jährige.

Feuer und Flamme für Musik  waren die beiden bereits in der Outpost, dem ehemaligen Konzertklub an der Königsallee. 2003 war dort Schluss, Roth und Schrader zogen ins Exil. Einen Monat später öffnete die gleichnamige Location in der Innenstadt ihre Türen. Schon in der Outpost traten Künstler wie Rammstein, Seed, Björk oder Black Sabbath auf. Diese Tradition führten Roth und Schrader im Exil fort, wenn  auch platzbedingt in kleinerer Dimension. Unzählige Bands und Künstler aller möglichen Genres haben dort auf der Bühne gestanden. Ob Gunter Gabriel, Fehlfarben oder die Band of Friends. Deren Auftritt war einer der persönlichen Favoriten Schraders. Die Band, die einst Rory Gallagher begleitete, hat ihn besonders beeindruckt. „Bitunes und Keith Caputo“ nennt Roth als zwei Konzerte, die ihr in besonders schöner Erinnerung geblieben sind. Mehrfach, so Schrader, habe auch Doro Pesch in Göttingen gespielt. Auch der kürzlich gestorbene, legendäre Motörhead-Sänger Lemmy habe in Göttingen gespielt. „Gemeinsam mit Ronnie James Dio – in einem Schlupf-Zelt auf dem Schützenplatz“, so Schrader. Das Zelt war eigentlich für eine Kinderveranstaltung aufgebaut worden.

In den 2010er Jahren ist das Exil auch mehr und mehr Spielstätte für (junge) Bands aus der Region geworden – Flooot oder Kyles Tolone sind Beispiele dafür.  Erinnerungen gibt es viele, viele Göttinger haben ihre persönlichen Konzerterlebnisse in Keller gesammelt. Austauschen kann man die am 13. Geburtstag.

„Jetzt schlägt‘s 13“ heißt die Party mit Livemusik am Sonnabend, 13. Februar, ab 21 Uhr im Exil, Prinzenstraße 13.

Vor dem Exil war das Kairo

Göttingen. Bevor das Exil in den Keller an der Prinzenstraße 13 zog, war dort das Kairo – Café, Bar und Liveclub seit 1987. Mitinhaberin war die Göttingerin Heidi Schicke. „Das Kairo war einer der ersten Szeneclubs in Göttingen. Wir haben uns in Hamburg und Berlin inspirieren lassen und schon damals Konzeptpartys entwickelt“, sagt sie. Legendär in den späten 80ern und in den 90ern: die Soulfood-und die VollmondPartys, die oft so voll waren, dass der Keller gut als Sauna durchgehen konnte. „„Anfänglich haben wir auch viele Livekonzerte veranstaltet, mit lokalen Bands aber auch Fury in the Slaughterhouse oder die Cultured Pearls sind bei uns aufgereten“, so Schicke. Das Café mit Außenbestuhlung in der Prinzenstraße sei bereits ab 12 Uhr geöffnet gewesen, im Keller traf sich dann bis 5 Uhr morgens die Göttinger Szene. Besonders gerne erinnert sich Schicke, die selbst oft hinter der Theke stand,  an die Vollmondpartys, „weil dort immer ein gemischtes Publikum bis in die Morgenstunden getanzt hat.“

Wohnzimmer und Kinderstube

Göttingen. Das Ende des Exils an der Prinzenstraße ist für Musiker und Musikfreunde ein Verlust. Einige Bands verlieren ihren Heimathafen:

Jan Finkhäuser (Musiker bei Paddys Funeral): „Unsere letzte St.Patricks-Day-Sause findet dort im März statt. Das baldige  Dahinscheiden unseres Lieblingsclubs, der unser Wohnzimmer ist, ist traurig. Die Subkultur in Göttingen braucht eine Heimat.“
Philipp Holländer (Sänger und Posaunist der Band Floot): „Das Exil ist die Kinderstube von Flooot. Es auch heute noch ist immer wieder extrem nett, dort zu spielen, erst vor wenigen Wochen haben wir dort unser Weihnachtskonzert gegeben. Wer weiß, vielleicht können wir ja unsere neue CD, an der wir arbeiten, im Exil vorstellen.“ bib

Hilmar Beck (Kulturamtsleiter in Göttingen):  Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als das EXIL noch nicht im Exil war und die Musiklandschaft der Stadt mit solch großartigen Konzerten wie denen von Tito & Tarantula oder Bernhard Allison in der Outpost bereicherte, oder die Outpost als Bühnenbetreiber des Altstadtfestes auf dem Wochenmarktplatz mit Konzerten von Ezio, Doro  oder Fred Kellners Soulsisters, feat. Anke Engelke zu überzeugen wusste.
Aber auch nach der Schließung der Outpost trug der privatwirtschaftlich betriebene Musikclub im Exil seit nun auch schon wieder 13 Jahren viel zur Attraktivität der City und des Musiklebens in der Stadt  bei. Und das alles mit vergleichsweise geringen öffentlichen Subventionen aus den Live-Musik-Fördermitteln des Rockbüros oder der Stadt.  Dass das nun im September zu Ende gehen soll, wäre gar nicht gut für den Wissenschafts- und Kultur-Standort Göttingen und seine junge Bevölkerung und ist nur schwer zu akzeptieren. Und so bin ich, weil ich die Beharrlichkeit seiner Betreiber Karl und Bea schätze, ein klein wenig hoffnungsfroh, dass das EXIL an anderem Ort seine Verlängerung finden wird.

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