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Die emanzipierte Herrin der Domäne

Portrait zum Frauentag Die emanzipierte Herrin der Domäne

Am 8. März ist ­Internationaler Frauentag – seit mehr als einem Jahrhundert Kampftag für die Gleichberechtigung und Emanzipation von Frauen. Auch im Raum Göttingen waren starke Frauen aktiv: Elisabeth Selbert gilt als eine der „Mütter des Grundgesetzes“. Heide Bruns führte über Jahrzehnte die Domäne Reinhausen.

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Heide Bruns mit Enkelin Nina und einem Arbeiter auf der Domäne.

Quelle: R

Göttingen/Reinhausen. Klaus Peter Bruns war jahrzehntelang ein Urgestein der SPD. Den ehemaligen Minister kennen viele, seine Frau Heide hingegen war deutlich weniger bekannt. Die Frau des SPD-Politikers und niedersächsischen Landwirtschaftsministers Bruns führte und prägte Jahrzehntelang die Domäne Reinhausen, die sie mit ihrem Mann von 1960 bis 1994 gepachtet hatte. Ihre Töchter erinnern sich an die selbständige Frau auf ihrem Trecker.

Die heute 68-jährige Tochter Christine Bruns erzählt: „Meine Mutter war damals schon anders, als meine Mitschüler das von ihren Müttern kannten. Sie war sehr selbstständig und emanzipiert.“ Früh am Morgen war die dreifache Mutter bereits im Stall. Sie versorgte die Tiere, schmiss den Haushalt und kochte. Sie arbeitete mit auf dem Feld, fuhr Trecker und leitete den landwirtschaftlichen Betrieb mit acht Arbeitern, Erntehelfern und Praktikanten. Dabei suchte sie ständig nach neuen Methoden und Möglichkeiten, erklärte die älteste Tochter Annemarie Oppermann. Anfang 1946 hatte Klaus Peter Bruns die Domäne als Verwalter übernommen. Dort arbeiteten nach dem Krieg mehr als 100 Flüchtlinge und Bruns suchte zur Unterstützung eine Hauswirtschafterin. Es bewarb sich seine spätere Frau Heide.

Heide und Klaus Peter Bruns

Heide und Klaus Peter Bruns

Quelle: R

20 Jahre war sie alt, als sie nach ihrer Flucht aus dem pommerschen Wartenberg das niedersächsische Reinhausen erreichte. „Dann hat es zwischen den beiden gefunkt“, erklärt Annemarie Oppermann. Im Sommer 1946 gaben sie beim Erntefest ihre Verlobung bekannt und heirateten im November. Das junge Paar bekam drei Töchtern innerhalb von drei Jahren - und jede Menge Arbeit. Vor allem ab 1963, als sich Klaus Peter Bruns in der Landespolitik in Hannover engagierte und erst spät abends nach Göttingen zurückkehrte.

Doch Heide Bruns ließ sich von der Arbeit nicht kleinkriegen. „Sie war eine enorm kenntnisreiche Landwirtin“, sagt Schwiegersohn Rainer Oppermann. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung in der Landwirtschaft. Heide Bruns interessierte sich immer für Veränderungen auf diesem Gebiet, las Fachzeitschriften und besuchte Vorträge. „Sie hat konventionell gewirtschaftet, gehörte aber zu denen, die auf schonende Bearbeitung der Böden und vielgliedrige Fruchtfolgen sowie den Anbau von Untersaaten und Zwischenfrüchten viel Wert gelegt hat“, erklärt der Schwiegersohn.

Belange der Landwirte hat Heide Bruns gerne vertreten. Manfred Kuhlmann (SPD), Gemeindebürgermeister der Gemeinde Gleichen, erinnert sich gut an die engagierte Frau: „Sie war immer sehr interessiert an der Politik und dem Dorfgeschehen. Und sie hat ihrem Mann wirklich den Rücken freigehalten.“

Neues fand sie spannend und ging gerne auch unkonventionelle Wege. Bei der Umstellung auf eine Melkanlage verbrachte sie mit Unterstützung vom Schwiegersohn unzählige Stunden im Kuhstall. Und wenn ein Fohlen auf die Welt kam, schlief Heide Bruns nächtelang im Stall. Vor allem Pferde hatten es der leidenschaftlichen Reiterin angetan.

Mit dem Pferd ritt sie manchmal auch nach Göttingen und besuchte das Theater und Konzerte. „Klassische Musik und Jazz hat sie geliebt“, erklärt Tochter Annemarie. Auch beim Nähen konnte die dreifache Mutter entspannen und verwandelte alte Stoffe zu schönen Kleidern, Röcken und Anoraks für ihre Mädchen. Doch meistens musste alles schnell gehen, vor allem mittags. Die Töchter erinnern sich an ihr Lieblingsessen: Makkaroni mit roter Soße. Doch wenn sie Zeit hatte, verwöhnte Heide Bruns ihre Familie mit raffinierten Gerichten: „Sie war eine sehr gute Köchin“, sagt Annemarie. Die Mädchen waren früh auf sich allein gestellt. Das sei in der Anfangszeit gerade für die jüngeren Schwestern Christine und Marianne nicht immer einfach gewesen, sagt Annemarie. Doch die frühe Selbstständigkeit machte den Töchtern auch Mut: „Ich bin mit 14 allein mit dem Zug nach Paris gefahren“, erklärt Annemarie Oppermann.

Auch Heide Bruns war ein riesiger Frankreich-Fan. Nach der Arbeit auf dem Hof war sie nie zu müde, um noch an der Volkshochschule Französisch zu lernen. Ihre Enkel besuchte sie noch im hohen Alter oft in Frankreich, liebte die Wärme und das Meer.

Das Familienleben spielte im Hause Bruns immer eine große Rolle. Auch wenn Klaus Peter meistens nicht Zuhause war, hielt er engen Kontakt zu seiner Frau. „Er hat sie ständig angerufen und Briefe geschrieben“, sagt Annemarie Oppermann. Die Töchter wohnten auch nach der Kindheit mit eigenen Familien mit den Eltern teilweise unter einem Dach. Christine Bruns erinnert sich: „Es war immer eine sehr schöne Hausgemeinschaft mit meinen Eltern. Mit Respekt vor dem anderen und ohne sich einzumischen.“

Respekt prägte auch den kollegialen Führungsstil, für den Heide Bruns bekannt war. Als Chefin machte sie zwar klare Ansagen und führte den Betrieb straff, doch sie hatte immer einen guten Draht zu den Arbeitern. Auf dem Hof gab es eine Linde, unter der sich morgens alle an einer Bank versammelten. Dort verteilte Heide Bruns morgens die Arbeit und abends den Lohn. „Sie hat sich immer sehr für andere eingesetzt“, sagt Annemarie Oppermann. Heide Bruns starb 2011 im Alter von 86 Jahren plötzlich an einer Krankheit, drei Monate vor ihrem Mann.

Von Katrin Westphal

Frauentag

Programm zum Frauentag

„Zurück zu den Wurzeln“, beschreibt die Göttinger Gleichstellungsbeauftragte Christine Müller das zentrale Anliegen des diesjährigen internationalen Frauentag. Um „Antifeminismus: in der Mitte angekommen“ geht es am Donnerstag, 9. März, von 18 bis 20 Uhr im Göttinger Kreishaus, Reinhäuser Landstraße 4. Eine Anmeldung ist per E-Mail an kruse@landkreisgoettingen.de erforderlich. Am Sonnabend, 11. März, kann ein Aktions- und Informationsstand zum Thema „Armut ist weiblich“ besucht werden. Von 10 bis 14 Uhr können sich Interessierte beim Verdi-Ortsfrauenrat am Markt informieren. „Gegen den permanenten Verfassungsbruch“ geht es am Mittwoch, 15. März, um 19 Uhr. Darüber informiert das Göttinger Frauenforum im Holbornschen Haus, Rote Straße 34. Teilnehmer sollen sich vorab per E-Mail an frauenbuero@goettingen.de anmelden. „Wir brauchen den Frieden“ heißt es am Dienstag, 28. März, von 17.30 bis 20 Uhr im fünften Stock des DGB-Saals, Weender Landstraße 6. Anmeldungen sind per E-Mail an goettingen@bw-verdi.de und unter Telefon 05?51?/?4?71?88 möglich. In einer Aktionsreihe zeigen Grünen-Politikerinnen Portraits von Frauen, die in und für Göttingen gewirkt haben und es ihrer Meinung nach verdient hätten, ein Denkmal gesetzt zu bekommen. „Daher geben wir ihnen ein Gesicht – da, wo die Männer stehen und das weibliche Pendant fehlt“, erklärt Initiatorin Katharina Jacobi. wes

Elisabeth Selbert: „Machtbewusste Politikerin“ setzt 
Gleichberechtigung im Grundgesetz durch

Göttingen. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“: Dieser Satz steht im Deutschen Grundgesetz. Dass das so ist, ist maßgeblich einer Frau zu verdanken - Elisabeth Selbert. Sie studierte in Göttingen und gilt als eine der „Mütter des Grundgesetzes“.
Selbert studierte von 1926 bis 1930 Rechts- und Staatswissenschaften in Marburg und Göttingen, wo sie eine von fünf Frauen unter 300 Jura-Studenten war. In Göttingen promovierte sie 1930 über das Thema „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund“. Die Kasselanerin war mit ihren Ideen zur Gleichberechtigung ihrer Zeit weit voraus. Ihre damalige Forderung, bei einer Scheidung statt der Verschuldungs- das Zerrüttungsprinzip anzuerkennen, wurde erst 1977 in Deutschland festgeschrieben.
„Eine selbstlose Heldin war Selbert aber nicht“, sagt Karin Gille-Linne von der VHS-Göttingen-Osterode. Sie hat ihre Doktorarbeit über Selbert geschrieben und referiert am Mittwoch, 8. März, um 19 Uhr im Keller des Deutschen Theaters über die Sozialdemokratin. „Selbert war auch eine machtbewusste Politikerin, die in einem aktiven Netzwerk arbeitete“, sagt Gille-Linne.
Selbert wurde 1896 in Kassel geboren, wo sie 1986 starb. 1920 heiratete sie den Buchdrucker Adam Selbert, einem aktiven Sozialdemokraten - 1918 schloss sie sich der SPD an.

Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel – Nachlass Elisabeth Selbert

Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel – Nachlass Elisabeth Selbert

Quelle: Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel – Nachlass Elisabeth Selbert

Sie war eine der letzten Juristinnen, die noch eine Zulassung als Anwältin erhielten, bevor die Nationalsozialisten 1934 die Zulassung von Frauen in dem Beruf verboten. Bekannt wurde Selbert durch ihren Einsatz für die Deutsche Verfassung. Nach dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft wurde sie 1946 für die SPD in die Verfassungsberatende Landesversammlung und 1948 dann in den Parlamentarischen Rat gewählt. Sie ist eine von vier Frauen unter 65 Abgeordneten. Der Rat hatte die Aufgabe, das Grundgesetz zu erarbeiten. Selbert wollte durchsetzen, dass die alte Formulierung aus Zeiten der Weimarer Republik ersetzt wird. Den Satz „Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ wollte sie durch „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ ersetzen. „Das wurde anfänglich abgelehnt“, sagt Gille-Linne. Mit Mythen wie „Proteststürme“ allerdings will sie in ihrem Vortrag ebenso aufräumen wie sie darüber informieren will, wie komplex politische Vorgänge doch sind. „Es gab weniger als 50 Protestschreiben“, sagt sie. Dennoch: Selbert setzte sich – mit Unterstützung ihres Netzwerkes – durch. Die Gleichberechtigung als Verfassungsgrundsatz hatte zur Folge, dass etliche Gesetze, die diesem Grundsatz widersprachen, umgearbeitet werden mussten. 1957 wurde das Gleichberechtigungsgesetz verabschiedet. Selbert war für die SPD im hessischen Landtag und betrieb ihre Anwaltskanzlei in Kassel bis ins Alter vom 85 Jahren.

Von Britta Bielefeld
Die Veranstaltung „Anspruch trifft Wirklichkeit – Kommunalpolitik trifft Frauenforum“ beginnt am Mittwoch, 8. März, um 19 Uhr im DT-Keller, Theaterplatz 11.

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