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Sophie, Paul, Pain – wo ist die Schmerzgrenze?

Thema des Tages Sophie, Paul, Pain – wo ist die Schmerzgrenze?

Viel kreativer Freiraum für den Elternwunsch und die Grenze da, wo das Kindeswohl anfängt. In der Namenswahl gehen Traditionsnamen mit Fernsehserien-Vorbildern Hand in Hand.

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Bei der Namenswahl für Kinder herrscht Freiheit.

Quelle: GT

Jeder trägt ihn mit sich herum – und keiner kann etwas dafür. Manche Eltern gehen offen mit ihrer Entscheidung um, andere machen ein großes Geheimnis daraus, um sich Diskussionen zu ersparen: An Vornamen können sich hervorragend die Geister scheiden.
Früher war die Namenswahl deutlich eingeschränkter, man musste beispielsweise das weibliche Geschlecht erkennen und es durften keine Nachnamen als Vornamen gewählt werden. Eine Reihe von Gerichtsurteilen hat diese Regeln aber aufgeweicht. Heute ist fast alles erlaubt – „es muss sich nur irgendwie nach einem Namen anhören“, sagt Anja Keuffel aus dem Standesamt Göttingen (siehe Interview). Und der Name darf dem Kindeswohl nicht schaden. Würde das Kind „Klappstuhl“ oder „Steißbein“ heißen, ist die Hänselei quasi vorprogrammiert.

Eltern sind meistens einsichtig

Wenn es zu abenteuerlich wird, kann das Standesamt immer noch die Beurkundung ablehnen. Dann muss im Zweifel das Personenstandsgericht darüber entscheiden, wie das Kindeswohl ausgelegt wird. Meistens seien die Eltern jedoch einsichtig, so Keuffel. Das ist auch die Erfahrung der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS). Der Verein berät Eltern und erstellt Gutachten über die Eintragungsfähigkeit von Namen. 2014 gingen etwa 450 Anfragen ein, rund 70 davon wurden nicht bestätigt, darunter Holunder, Pain, Danger und Superman – das Fernsehen sei für Eltern durchaus eine „Inspirationsquelle“ für Namen, beobachtet Keuffel.
Andrea-Eva Ewels, Geschäftsführerin der GfdS, hat für Eltern ein paar Tipps: „Viele Eltern wollen ihren Kindern besondere Vornamen geben. Nur: Kinder wollen sich nicht abheben, sondern so sein, wie die anderen.“ Daher sollten Eltern ihren Kindern ganz normale Vornamen geben, die das Kind nicht lächerlich machen, die zum Nachnamen passen und das Geschlecht erkennen lassen.

Die beliebtesten Namen

Die GfdS fragt jedes Jahr die Namen aller Standesämter ab und veröffentlicht eine Liste der beliebtesten Namen. 2014 wurden die Namen von über 90 Prozent aller in Deutschland geborenen Kinder erfasst, über 56000 unterschiedliche Namen wurden registriert. Bei den Mädchen lagen auf den Plätzen eins bis fünf: Sophie/Sofie, Marie, Sophia/Sofia, Maria und Emma. Bei den Jungen waren es Maximilian, Alexander, Paul, Elias und Luis/Louis.
Schaut man sich die Namen an, die in Südniedersachsen vergeben wurden, dann ähneln diese dem Bundestrend vor allem bei den Mädchennamen. Und doch gibt es regional einige Unterschiede und auch über die Jahre deutliche Veränderungen. Das GT hat in Fünfjahresschritten die seit 1990 vergebenen Top 5 Namen aus der Region – Herzberg/Osterode, Heiligenstadt, Duderstadt, Hann. Münden, Göttingen – abgefragt. Die Wort-Wolken zeigen diese unterschiedlichen Namen, die Größe des Namens zeigt seine Häufigkeit an.

„Der typische Göttinger ist eher konservativ“

Anja Keuffel vom Göttinger Standesamt über Kuriositäten, beliebte Namen und Angela Merkel.

Anja Keuffel vom Göttinger Standesamt über Kuriositäten, beliebte Namen und Angela Merkel.

Quelle: Wenzel

Es gibt Eltern, die ihre Kinder Waldmeister, Sheriff oder Ikea nennen wollen. Was gab es in Göttingen schon für Kuriositäten?
Mit Kuriositäten können wir hier nicht wirklich dienen. Zum einen kommen solch ausgefallene Namen kaum vor, zum anderen wird im Gespräch mit Eltern schon darauf hingewiesen, dass sie sich genau überlegen sollen, mit was für einem Namen ihre Kinder später herumlaufen.

Gibt es manchmal Namen, bei denen die Standesbeamten ins Schmunzeln kommen?
Klar, Namen sind Geschmackssache. Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob jeder Paul oder jede Sophie im späteren Leben so zufrieden mit ihren Namen sind. Das ist auch immer eine Gefühlssache, wie man den Namen dann lebt oder mit dem Namen lebt. Aber der Kevin ist tatsächlich etwas weniger geworden.

Gibt es Trends?
Bei den Mädchen kommen Sophie oder Marie seit Jahren immer mal wieder. Bei den Jungen variiert es mehr. Da ist dann mal der Paul, mal der Tim präsenter. Aber es sind nach wie vor die klassischen deutschen Namen, die überwiegen. Der typische Göttinger ist bei der Namenswahl eher konservativ. So richtig wilde Namen gibt es nicht.

Kann man am Namenswunsch so etwas wie die soziale Herkunft der Eltern ableiten?
Bis 2009 wurden die Berufe der Eltern mit aufgenommen, das ließ eine Zuordnung zum Bildungshintergrund zu. Jetzt bliebe nur noch die Adresse der Eltern, aber das Kriterium ist nicht mehr wirklich aussagekräftig. 

Was passiert, wenn das Standesamt einen Namen ablehnt, weil dieser nicht dem Kindeswohl förderlich ist?
Wir würden die Beurkundung ablehnen und dann könnte uns nur noch das Gericht anweisen, die Beurkundung vorzunehmen. 

Kürzlich wurde der Fall einer Frau bekannt, die nach Deutschland geflohen ist und ihr Kind nach Angela Merkel benennen wollte – geht das überhaupt?
Nein. Wenn sie jetzt nur Angela heißen würde, wäre das kein Problem. Aber in dem Komplex Angela Merkel würde das in das Persönlichkeitsrecht der anderen Person eingreifen. 

Wie oft kommt es vor, dass jemand im Erwachsenenalter seinen Vornamen ändern möchte?
Der Elternwille ist gesetzlich in Stein gemeißelt. Die einzige Möglichkeit zur Namensänderung ist, wenn der Name verunglimpfend ist oder die Kinder damit gehänselt werden. Aber der deutsche Staatsbürger ist im Wesentlichen an seinen Namen gebunden. 

Was sind denn Ihre Lieblingsnamen?
Natürlich die meiner Kinder – Robin und Ronja.

 

 Interview: Benjamin Köster

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