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„Wir hatten Spaß, durften einfach machen“

GT-Townhall mit den "Arschkrampen" „Wir hatten Spaß, durften einfach machen“

Kabarettist oder Comedian? „Das will man alles nicht sein“, sagt Dietmar Wischmeyer. Gemeinsam mit seinem Kollegen Oliver Kalkofe war er am Dienstag in der Tageblatt-Townhall an der Dransfelder Straße zu Gast. Am Abend stand der Auftritt der „Arschkrampen“ im Deutschen Theater auf dem Programm.

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Kabarettist oder Comedian? „Das will man alles nicht sein“, sagt Dietmar Wischmeyer. Gemeinsam mit seinem Kollegen Oliver Kalkofe war er in der Tageblatt-Townhall zu Gast.

Quelle: Hinzmann

Göttingen. Vorher aber stellten sich die beiden Künstler den Fragen der Tageblatt-Leser und der Redakteure Ulrich Schubert und Christoph Oppermann. Oppermann, stellvertretender Chefredakteur, begrüßte die „Helden“ seiner Jugend. Auch viele Fans im Publikum zählten zu den heute bereits etwas in Jahre gekommenen Hörern des FFN-Frühstyxradios, dem Format, das die beiden Comedians ab 1988 bekannt gemacht hat.

Nach Radioprogrammen wie „Zwischen Hamburg und Haiti“ sei dieses Programm laut Oppermann damals „pure Anarchie“ gewesen. „Wir hatten viel Spaß, wir durften einfach machen“, sagte Kalkofe. Und weiter: „Professionalität wird oft überschätzt.“ Die Frage, ob die Künstler heute auch noch machen können, was sie wollen, beantwortete Wischmeyer klar mit „Nein“.

Heute ist alles "stromlinienförmig"

Heute sei alles „stromlinienförmig“. Selbst in der „Heute Show“, in der er am Freitag wieder auftritt, habe der Humor nur mehr „eine Farbe“. Man müsse eigentlich viel ausprobieren, ergänzte Kalkofe, und das dürfe man heute zumindest bei großen Sendern kaum noch. Deshalb sei er gerne bei einem kleinen Sender unter Vertrag.

Beide Künstler sind regelmäßig im TV zu sehen - Kalkofe unter anderem in seiner „Mattscheibe“ - sie schreiben selbst und treten mit verschiedenen Programmen live auf. „Witzautor“ ist eine Bezeichnung, die Wischmeyer viel lieber hört, als Kabarettist oder Comedian. Kabarettisten, so Kalkofe, seien zwar intellektuell, aber nicht lustig, bei Comedians sei es umgekehrt.

Selber schreiben, selber spielen

Wischmeyer ist es zudem wichtig, über seine Texte die Kontrolle zu haben. In Deutschland stehe meistens ein Anchorman - oder „Frontfresse“ - auf der Bühne, die anderen seien Zulieferer. „Kollege Kalkofe und ich schreiben die Witze und spielen sie selber“, so Wischmeyer. „Eine Namen dafür zu finden ist schwierig“, sagt Kalkofe.

Ob „Kleiner Tierfreund“, „Arschkrampen“ oder „Frieda-und-Anneliese“: Wischmeyer spricht bei seinen Figuren und Formaten von unterschiedlichen „Humorwelten“. Er ist der Meinung: „Der Deutsche lehnt Weiterentwicklung ab.“ Und das mache das Geschäft schwierig. Otto beispielsweise biete immer noch das Gleiche wie vor 40 Jahren. „Wir machen aber ganz unterschiedliche Sachen“, so Wischmeyer.

Nach den prägenden Vorbildern befragt, erzählte er, dass er als kleiner Junge auf Familienfeiern Jürgen von Manger nachgemacht habe. Den Erfinder der Sätze, die im Nichts endeten und der anarchische Umgang mit Sprache der Ruhrpott-Figur Adolf Tegtmeier habe ihn fasziniert. „Das fand ich toll“. Und: „Alle sagen natürlich Monty Pythons“, so Wischmeyer, „deshalb sage ich das nicht mehr“.

Lachen kann Kalkofe heute über drei Sendungen, nämlich die „Heute Show“, „Neo Magazin Royal“ und „Circus Halligalli“. Aber: „Die müssen sich heute viel, viel mehr den Arsch aufreißen als wir damals“, so Wischmeyer. Denn das große „Lagerfeuer“ sei aus, die Zeiten, als 600 000 Hörer vor dem Frühstyxradio hingen, vorbei.

Keine Schmerzgrenze

Auch wenn der Humor der „Arschkrampen“ oft derbe ist, eine Altersbeschränkung gibt es bei den Auftritten nicht. Die Künstler erzählten von einem zwölfjährigen Fan, der mit seinem Vater zum Auftritt anreiste und von einer 91-Jährigen, die ihnen in dieser Woche erst nach der Show dankbar die Hand drückte.

Eine Schmerzgrenze in Sachen Humor haben die beiden in ihrem Programm nicht. Und genau das wissen Fans wie Thomas Schwedhelm zu schätzen. Das Bier mit Tsatsiki, dass zum Bühnenprogramm der „Arschkrampen“ gehört, hat er selbst in der Jugend probiert. „War gar nicht so schlimm“, sagte der Tageblatt-Leser.

Ideen findet der „Humorfacharbeiter“ Wischmeyer, der selbst vom Dorf kommt, fast überall. „Zum Arzt muss man irgendwann mal hin, am Straßenverkehr nimmt man auch teil.“ Wenn jemand an der Kasse stehe und seine Pin-Nummer suche - „von Enkelgeburtstag bis Eintritt Polens in den zweiten Weltkrieg“ - das müsse man doch beschreiben. Oft kämen diese Alltagserfahrungen auf ihn zu. Wie diese Mail: „Frühlingsgefühle bei Ihrem Auspuffdiscounter“. Wischmeyer: „Man braucht nicht viel, um ständig genervt zu sein, wenn man ein gewisses Augenmerk darauf legt.“

„Mahatma Schulz“ und Kim Jong-un

Zum Abschluss ist es noch einmal politisch geworden. Oliver Kalkofe und Dietmar Wischmeyer beantworteten in der Schlussrunde Fragen zu Parteien – und zu Personen, denen sie lieber aus dem Weg gehen. Was verbinde er mit Göttingen? „Gar nichts“, so Kalkofe. Schnelle Fragen, knackige Antworten – die Schlussrunde hatte es in sich: Mit wem er gerne noch einmal auf der Bühne stehen würde, fragte Tageblatt-Redakteur Ulrich Schubert Wischmeyer.

Er wolle gar nicht mit vielen Leuten zusammen auftreten, „Kalkofe reicht“, antwortete der Niedersachse. Damit hätte er ja auch schon alles erreicht, scherzte Kalkofe. Wem das somit ironisch selbsternannte Non-Plus-Ultra der leichten Fernsehunterhaltung auf keinen Fall begegnen wolle, wollte Christoph Oppermann, stellvertretender Chefredakteur des Göttinger Tageblattes, wissen. „Es gibt viele, die sind einem so unangenehm, die will man gar nicht kennenlernen“, erklärte Kalkofe, der unter anderem Trump und Erdogan zu diesen Personen zählte. „Kim Jong-un würde ich gerne mal kennenlernen“, entgegnete Kollege Wischmeyer.

Schließlich fragten Oppermann und Schubert die beiden Künstler, was sie von SPD und CDU halten würden. Wischmeyer sagte, er finde es klasse, dass jemand als Erlöser gefeiert werde, der nicht neu in der Politik sei und auch nicht gut aussehe, und spielte damit auf SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz an, den er als „Mahatma Schulz“, der einmal über Wasser gehen kann, aber nicht zurück, bezeichnete. Für Kalkofe sei es indes immer schwieriger, die Parteien inhaltlich auseinanderzuhalten. Über Schulz sagte er: „Er ist eben einer, der lächelt. Man denkt, der lebt ja noch, und das ist ein Gefühl, dass man nicht mehr bei vielen hatte.“ Am Ende seien sie beide froh, keine Politiker geworden zu sein. Ihre Fans werden es ihnen vermutlich danken. yah

Kein Misanthrop

Offengebliebene Fragen hat es seitens der 41 Zuschauer in der GT-Townhall nur wenige gegeben. Dafür hielten die Protagonisten ein Plädoyer für Intellekt. Ob er lieber Misanthrop oder Satiriker genannt werden würde – so sei er einst auf der Internet-Enzyklopädie Wikipedia bezeichnet worden – fragte ein Zuschauer. „Mopedfahrer“, antwortete Dietmar Wischmeyer. Da ein Misanthrop umgangssprachlich als Menschenfeind bezeichnet wird, setzten beide „Arschkrampen“, sowohl Wischmeyer als auch Oliver Kalkofe, nach der flapsigen Spontanantwort zu einem Verteidigungsplädoyer an.

Quelle: Hinzmann

Dass ihre Kunstfiguren mitunter nur wenig mit den Privatpersonen Wischmeyer und Kalkofe gemein haben, sei eine Erkenntnis, die allgemein verlangt werden könne, erklärte Wischmeyer. Kalkofe machte es deutlicher: „Wer bei den „Arschkrampen“ wirklich ernsthaft kommt und sagt, die beiden sind ja homophob oder sonst was, die haben es wirklich nicht verstanden.“ yah

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