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534 Göttinger spielen Theater

Gedächtnis einer Stadt 534 Göttinger spielen Theater

Auf den Dächern und Balkonen wurde gespielt, gesungen und getrommelt. Polizeiauto, Rettungswagen und Doppeldeckerbus fuhren vor. Am Himmel kreiste ein Hubschrauber. 534 Bürger wirkten am Stück „Gedächtnis einer Stadt“ mit, das am Sonnabend auf dem Göttinger Wochenmarkt aufgeführt wurde.

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Quelle: Kracht

Göttingen. Das hat es in dieser Größe noch nicht gegeben! Einmal wollten das Kommunikations- und Aktionszentrum (KAZ) und das Junge Theater, die sich das Otfried-Müller-Haus am Wochenmarkt teilen, die ganze Bandbreite ihrer Arbeit vorstellen. Als Rahmenhandlung nutzten die Regisseure Vanessa Wilcke und Tobias Sosinka das Stück „Vineta“. Geschrieben hat es der österreichische Marxist Jura Soyfer (1912-1939), der von den Nazis ins Konzentrationslager Buchenwald verschleppt wurde. Dort ist er an Typhus gestorben.

„In einem Wiener Theaterkeller, der nicht der Zensur unterlag, erlebte das Antikriegsstück seine Uraufführung“, berichtete Herbert Arlt von der Jura Soyfer-Gesellschaft dem Tageblatt. Der Autor einer 600-Seiten-Dissertation über Soyfer war eigens für die Aufführung aus Wien angereits. Er habe schon hunderte Inszenierungen von Soyfer-Stücken gesehen, erklärte er hinterher, aber nichts in solcher Größe und Qualität. Regisseur Sosinka werde im November beim nächsten Symposium der Soyfer-Gesellschaft über die Aufführung in Göttingen berichten, so Arlt.

Mit dem schwer verständlichen Geschrei in einer Hafenspelunke begann das Stück. Im Publikum, das dichtgedrängt auf dem Wochenmarkt zwischen zwei Bühnen stand und saß, versuchten sich Seemänner im Friesennerz ohne Mikrofone Gehör zu verschaffen. Für maritime Stimmung sorgte auf dem Balkon der Gaststätte gegenüber der Shanty Chor Göttingen.

Seebär Jonny, das wurde nach und nach klarer, war sturzbetrunken, pleite, aber immer noch durstig. Und er suchte ein Publikum. Ein Mädchen im Arm schlug er alle mit seiner Geschichte in den Bann. Ein gesunkenes Schiff hätten sie einst bergen sollen, dröhnte er. Jonny stand nun im Scheinwerferlicht auf dem Dach des Universitätsgebäudes in der Hospitalstraße. 700 Meter tief auf dem Meeresgrund habe der havarierte Kutter gelegen, erklärte er, während auf der Hauptbühne die KAZ-Gruppe Kreatives Tanzen 50+ das Spiel der Wellen mimte. Dazwischen tummelten sich die KAZ-Akrobaten in lustigen Badeanzügen.

Im Taucheranzug und mit Bleischuhen an den Füßen, so Jonny, habe ihn die Mannschaft zur Erkundung der Lage ins Meer heruntergelassen. Doch je tiefer es hinab gegangen sei, um so mehr habe ihm der Schädel gebrummt. Schließlich habe er Glocken läuten hören. Die hörte auch das Publikum, denn die Kirche spielte mit. Unter wildem Geschrei von zwölf Wikingern der Gruppe Haustaldir erwachte Jonny (nun gespielt von JT-Schauspieler Jan Reinartz).

Querflöten erklangen vom Balkon der Gaststätte. Polizisten wuselten umher, verteilten im Publikum Strafzettel wegen unpassender Kleidung, regelten wirr den Verkehr. Jonny versuchte sich zu orientieren. Aber alle antworteten nur in stereotypen Sätzen, kannten weder den Ort noch die Zeit. Auch zwei Senatoren, gespielt von Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD) und dem Kreistagsabgeordneten Harald Noack (CDU), konnten nicht helfen. Sie feilschten lieber um eine Schiffsladung Weizen.

Gedächtnis einer Stadt - Theaterspektakel von KAZ und JT

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Inmitten von Toten bewegte er sich, realisierte Jonny. Die Hafenstadt sei vor einem halben Jahrtausend im Meer versunken, verriet ihm die Stadtschreiberin, die Jonny einbürgerte. Keiner der Bewohner wolle den eigenen, vorzeitigen Tod wahrhaben, sagte sie. Jonny versuchte sich zu arrangieren, suchte das Leben unter Toten, arbeitete sich zum Senator hoch, heiratete eine – 528 Jahre alte – Schönheit. Er zog in den Krieg. Inmitten einer schwarz vermummten Eliteeinheit philosophierte Jonny (im Rollstuhl: Tobias Wojcik) an der Seite eines alten Mannes in Kampfanzug über das Töten. Im Publikum stellen sich unterdessen Schauspieler mit großen weißen Kreuzen auf. Ein gespenstisches Bild. Jonny kehrte lebend in die Totenstadt zurück. Am Ende seines Lebens, er war der einzige der alterte, erwachte er an Bord des Schiffes. Die Mannschaft hatte den bewusstlosen Taucher gerettet.

Eine großartige Inszenierung ist den Regisseuren gelungen. Der rote Faden ging trotz der vielen mitwirkenden Kulturgruppen, die sich nicht alle aufzählen lassen, nie verloren.

„Wir haben auf dem Balkon des Theaters das Lied Nach dieser Erde gesungen“, erzählt Janosch (9) von der Göttinger Albanischule. „Wir haben zwei Mal geübt, kannten das Lied aber schon“, ergänzt Sara (8). Schon mehrfach seien sie aufgetreten, etwa auf dem Weihnachtsmarkt oder bei Theaterstücken im Max-Planck-Gymnasium.

Die rasante Choreografie für die HipHop- und Breakdance-Gruppe Out of Control, die die Göttinger Dance Company vor einem halben Jahr gegründet hat, erarbeitete Michele Müller. Die beiden Schauspieler, die mit der Gruppe gemeinsam auftraten, übten eine Stunde lang mit den Jugendlichen. Die Breakdancer trainierte Stefano Cettolin.

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