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Geld für die „älteste Großfamilie der Welt“

Geld für die „älteste Großfamilie der Welt“

Sie lagen über Jahrtausende verborgen im Gestein des Harzer Vorlands, jetzt sorgen die Knochen aus der Lichtensteinhöhle bei Förste für einen Geldsegen im Norden des neuen Landkreises. Mit Fördergeld aus dem Leader-Programm sollen weitere Grabungsfunde ausgewertet und präsentiertwerden.

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Die Ausstellung im Höhlenerlebniszentrum zeigt auch die Rekonstruktion der Menschen aus der Lichtensteinhöhle.

Quelle: Mark Haertl

Bad Grund. Seit der Entdeckung von menschlichen Überresten im Jahr 1980 und dem Beginn der wissenschaftlichen Auswertung 1992 gilt die Höhle nicht nur bei Archäologen als Sensation. Mittlerweile hat man durch gut erhaltene DNA 60 Menschen aus fünf Generationen identifizieren und zuordnen können. „Das ist die älteste nachgewiesene Großfamilie der Welt. Darum beneidet man unseren Landkreis“, sagte Kreisarchäologe Stefan Flindt während der Übergabe des symbolischen Schecks über 100 000 Euro am Dienstagabend.

Er hat gemeinsam mit der Göttinger Anthropologin Susanne Hummel vom Johann-Friedrich-Blumenbach-Institut die bisherigen Erkenntnisse über die Toten aus der Höhle vor zwei Jahren publiziert. Seit Freilegung des ursprünglichen Höhleneingangs 2009 halten die Wissenschaftler die 40 Quadratmeter große Höhle für eine Begräbnisstätte. Die ursprüngliche These, die Knochenfunde gehörten zu einer Opferstelle, gilt als widerlegt. Nichts deute auf einen gewaltsamen Tod hin.

Die Projektbausteine umfassen erstens Archäozoologische Untersuchungen (Tierknochen), zweitens Paläoethnobotanische Untersuchungen (Pflanzenreste), drittens naturwissenschaftliche Analysen (Analyse stabiler Isotopen in Menschenknochen). Dazu sagt Kreisrätin Christel Wemheuer: „Das ist ein hoch spannendes Projekt, das mit der EU-Förderung umgesetzt werden kann. Mein Dank gilt Dr. Stefan Flindt und seinem Team für die professionelle und engagierte Arbeit bei dem Projekt.“

Zudem fanden die Anthropologen bei DNA-Analysen von rund 300 Menschen aus der näheren Umgebung der Höhle 50 mögliche direkte Nachfahren der Lichtensteiner. So entstand ein Stammbaum, der über 3000 Jahre und 120 Generationen zurückreicht. Die „positiv“ Getesteten kommen seither alljährlich zum Familientreffen zusammen. Allerdings nicht in der Höhle der Ahnen. Die ist auch für Angehörige verschlossen.

Seit 2008 sind Ergebnisse und Fundstücke der „Untersuchungen zur Lichtensteinhöhle“, so der offizielle Titel des Leader-Projekts, im Höhlenerlebniszentrum (HEZ) Iberger Tropfsteinhöhle ausgestellt. Jährlich ziehe das Museum rund 70 000 Besucher nach Bad Grund. Um diese Außenwirkung zu erhalten, müsse das Innenleben regelmäßig erneuert werden, sagte Harald Dietzmann, Bürgermeister der kleinen Harzgemeinde.

Durch das Fördergeld soll das jetzt möglich werden. Die Ausstellung werde um neue Erkenntnisse erweitert, erklärte Flindt. Die Auswertungen von 12 000 Tierknochen, 17 000 Pflanzenresten und einer Isotopenanalyse der Menschenknochen sollen das Lebensumfeld der bronzezeitlichen Vorfahren nachvollziehbar werden.

„Das ist ein klasse Projekt“, lobte Kreisrätin Christel Wemheuer (Grüne) am Dienstag. Um Fördergelder aus dem Leader-Projekt zu erhalten, müsse man einen langen Atem haben. Und was die benötigten Kofinanzierungen angehe, denke sie, dass Göttingen bestimmt willig sei, auch weiterhin gute Projekte zu unterstützen. Frank Uhlenhaut, Vorsitzender der Lokalen Arbeitsgruppe (LAG) des Leader-Programms beteuerte: „Das Höhlenerlebniszentrum ist ein Leuchtturm, und das Geld ist gut angelegt.“

Die Chronik der Höhle

Im April 1972 entdecken Heimatforscher den Eingang zur Naturhöhle unterhalb der früheren Burg Lichtenstein. Die Höhle erhielt zunächst den Namen Rotkamphöhle, wurde später in Lichtensteinhöhle umbenannt.
❱ Im Februar 1980 dringen Höhlenforscher durch eine bis dahin unpassierbar geltende Gesteinsspalte weiter in die Höhle vor und entdecken fünf weitere Kammern. Auf dem Boden finden sich Menschenknochen und zahlreiche Bronzefunde. Wegen fehlender Gelder für eine reguläre Forschungsgrabung erfolgte zunächst keine wissenschaftliche Untersuchung der Funde.
❱ 1992 brechen Raubgräber die Stahltür zur Höhle auf und stehlen Bronzegegenstände und drei Schädel. Zu einem späteren Zeitpunkt wird das Diebesgut nach einem Aufruf in der Lokalpresse vollständig wieder zurückgegeben.
❱ 1993 beginnt die Kreisarchäologie Osterode in Zusammenarbeit mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege mit den Ausgrabungen und der wissenschaftlichen Untersuchung. Diese dauern in jährlichen Kampagnen bis ins Jahr 2005 an. Trotz des nicht gefundenen bronzezeitlichen Zugangs gilt die Höhle als vollständig erforscht.
❱ 2007 geben 270 Menschen, die in der Umgebung der Höhle leben, eine Speichelprobe ab. Bei elf Personen kann dasselbe genetische Muster wie bei den Toten in der Höhle nachgewiesen werden.
❱ Seit Juni 2008 zeigen Museen an der Iberger Tropfsteinhöhle bei Bad Grund die Forschungsergebnisse aus der Lichtensteinhöhle.
❱ 2009 werden die Untersuchungen fortgesetzt, ein weiterer Kriechgang erweist sich als Teil des ursprünglichen Zugangsschachts, der 2010 freigelegt wurde.
❱ 2011 werden die Untersuchungen in der Höhle abgeschlossen, die Forschungen gehen weiter.

Vier Fragen an Ulrich Lottmann, Sprecher des Landkreises Göttingen.

Wie hoch ist die Zuwendung für das Projekt?

Die EU fördert das Projekt mit 96?205,31 Euro. Das Gesamtvolumen des Leader-Projektes „Untersuchungen zur Lichtensteinhöhle“ beträgt 149?216,95 Euro, der Eigenanteil des Landkreises liegt damit rechnerisch bei 53?011,64 Euro. Der Altkreis Osterode am Harz hatte zur Finanzierung des Eigenanteils jedoch eine Bedarfszuweisung des Landes Niedersachsen erhalten, sodass der Finanzierungsanteil des Landkreises Göttingen faktisch bei fünf Prozent der Gesamtsumme liegt.

Aus welchem Topf fließen die Mittel und für welchen Zeitraum?

Die Gelder stammen aus dem Programm zur Förderung der Entwicklung im ländlichen Raum (PFEIL, Fördermaßnahme LEADER) an dem sich die Europäische Union mit Mitteln des Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) beteiligt. Die Mittel stehen für den Zeitraum vom 11. August 2016 bis zum 1. Oktober 2018 zur Verfügung.

Sind die Mittel an eine Kofinanzierung gekoppelt? Es handelt sich um eine anteilige Förderung in Höhe von rund 70 Prozent des Gesamtvolumens. Der Rest wird durch den Landkreis getragen.

Gibt es einen konkreten Verwendungszweck? Die Gelder werden verwendet für die wissenschaftliche Auswertung von Ausgrabungsfunden aus der Lichtensteinhöhle.

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