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Gesundheitsregion Göttingen

Ein Forum für die Zukunft Gesundheitsregion Göttingen

Der 4. Dezember 2015 markiert ein besonderes Datum für die Gesundheitsregion Göttingen: Mit der 1. Regionalen Gesundheitskonferenz in Bad Lauterberg beginnt eine Veranstaltungsreihe, die Fachleute, Netzwerker und interessierte Bürger aus drei Landkreisen und der Stadt Göttingen zusammenbringen soll.

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Zeitleiste der Gesundheitsregion Göttingen.

Quelle: EF

Göttingen. Heyo Kroemer und Armin Asselmeyer über aktuelle Herausforderungen des Gesundheitswesens

Der 4. Dezember 2015 markiert ein besonderes Datum für die Gesundheitsregion Göttingen: Mit der 1. Regionalen Gesundheitskonferenz in Bad Lauterberg beginnt eine neue Veranstaltungsreihe, die Fachleute, Netzwerker und interessierte Bürger aus drei Landkreisen und der Stadt Göttingen zusammenbringen soll. Um die regionalen Herausforderungen des Gesundheitswesens meistern zu können, halten die Initiatoren eine optimale Vernetzung für zwingend erforderlich. Im Gespräch: Prof. Dr. Heyo Kroemer und Armin Asselmeyer, die beiden Vorsitzenden des Vorstandes der Gesundheitsregion Göttingen e.V., sowie Bianca Dietrich, Netzwerkmanagerin des Vereins.

Herr Kroemer, Herr Asselmeyer, Sie überschreiben die 1. Regionale Gesundheitskonferenz in Bad Lauterberg mit „ZukunftsForum Gesundheit in Südniedersachsen“. Was genau steckt hinter dieser Idee der Gesundheitsregion Göttingen?

Kroemer: Wir gehen davon aus, dass die Region Südniedersachsen – genauso wie die Bundesrepublik generell – im Gesundheitswesen vor erheblichen Herausforderungen steht. Diese sind zurückzuführen auf den demografischen Wandel, die alternde Bevölkerung, die Kombination mit dem medizinischen Fortschritt, und das Ganze wiederum in Kombination mit verfügbaren Ressourcen. Vor dem Hintergrund, dass es in der Region Südniedersachsen eine ungewöhnliche Dichte an Kompetenz und Leistungsanbietern gibt, macht es Sinn, ein regionales Forum zu schaffen, was im ersten Schritt Diskussionen ermöglicht, im zweiten Schritt dann konkrete Kooperationen und im dritten Schritt auch Lösungsmöglichkeiten für Probleme der Region anbietet.

Asselmeyer: Es geht auch um die Frage, wie Leistungserbringer, aber auch Gestalter des Gesundheitswesens gemeinsam das Thema nach vorne bringen können. Es wird um Fachkräfte gehen, um die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum und auch um das Thema Pflege.

 

Sie haben Fachpublikum und Netzwerker aus Stadt und Landkreis Göttingen sowie aus den Landkreisen Northeim und Osterode eingeladen, aber auch „interessierte Bürgerinnen und Bürger“. Sind Sie mit der Resonanz zufrieden?

 

Kroemer: Wenn rund 130 Anmeldungen aus der ganzen Region für eine Veranstaltung an einem Freitagnachmittag in Bad Lauterberg vorliegen, dann ist das schon eine relativ erstaunliche Resonanz.

Dietrich: Unter den Anmeldern haben wir viele Netzwerker, aber auch Vertreter aus dem produzierenden Gewerbe, die mit Gesundheit primär nichts zu tun haben, die sich aber gleichwohl für das Thema „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ interessieren. Etwa zehn Prozent der Anmeldungen kommen von interessierten Bürgerinnen und Bürgern, die ohne Institutionsbezug an der Konferenz teilnehmen möchten.

Kroemer: Wenn Sie die Probleme angehen wollen, dann müssen Sie im Grunde ein Dreieck bespielen – einmal aus den Leuten, die in irgendeiner Form Experten sind, also Leistungserbringer oder Innovatoren. Dann aus denjenigen, die die Rahmenbedingungen bestimmen, also Politik – hier vertreten durch die Sozialministerin. Und dann die Bürgerinnen und Bürger, also die Adressaten der Leistungen. Durch das Forum sollte es gelingen, Menschen aus diesen Bereichen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Vor uns steht die „1. Regionale Gesundheitskonferenz“ – vermutlich also auch nicht die letzte? Ist da eine gewisse Regelmäßigkeit vorgesehen?

Kroemer: Ja, denn diese Konferenzen sind auch Teil der Förderauflagen.

Dietrich: Mit der Anerkennung als Gesundheitsregion in dem Projekt „Gesundheitsregionen in Niedersachsen“, gefördert vom Sozialministerium, ist auch die Auflage verbunden, jährlich eine Gesundheitskonferenz durchzuführen.

Die Teilnahme an der Konferenz ist kostenlos. Wie finanzieren Sie so eine Veranstaltung?

Kroemer: Ein Teil ist Förderung durch das Land Niedersachsen, der andere Teil finanziert sich aus Mitteln der Gesundheitsregion Göttingen, also aus Mitgliedsbeiträgen. Wichtig ist in dem Zusammenhang auch, dass hier ja eine relativ große Fläche abgedeckt wird, dadurch dass es gelungen ist, vier Gebietskörperschaften unter einen Hut zu bringen. Wir können somit ein ziemlich großes Spektrum abdecken – und übrigens auch einen Resonanzkörper erzeugen, der deutlich größer ist, als er das in einer einzelnen Stadt oder einem einzelnen Landkreis sein könnte. Das ist schon eine Besonderheit.

Kann man sagen, dass Sie mit der Konferenz ein Stück weit auch der Landkreis-Fusion Göttingen-Osterode im Gesundheitsbereich vorgreifen?

Asselmeyer: Wir greifen nicht nur vor, sondern wir haben das, was politisch aus Hannover gewollt ist, nämlich einen Großraum Südniedersachsen zu schaffen, im Gesundheitsbereich geschafft. Das ist erledigt, und das kann man auch durchaus mit Stolz sagen.

Dietrich: Eigentlich müsste es doch dann „Gesundheitsregion Südniedersachsen“ heißen.

Asselmeyer: So war auch der ursprüngliche Titel. Bei der Gründung stand dieser Begriff tatsächlich schon im Raum. Die Entscheidung, warum das dann zu Göttingen wurde, ist einfach, dass der Begriff Göttingen überregional und auch europäisch eine ganz andere Strahlkraft hat.

 

Dr. Thomas Gans, Bürgermeister der gastgebenden Stadt Bad Lauterberg, verspricht sich von Gesundheitskonferenzen wie dieser, „die Gesundheitsförderung und -Prävention auf eine breite gesellschaftliche Grundlage zu stellen, an der sich viele verschiedene Einrichtungen und Institutionen beteiligen können und sollen.“ Im Umkehrschluss: Sind wichtige Gesundheitsthemen in der Gesellschaft also noch nicht ausreichend präsent?

Kroemer: Man kann schon mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass Themen aus dem Gesundheitsbereich in der alternden Population eine größere Rolle spielen als in der Vergangenheit. Das ist ein logischer Faktor. Wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie das Ganze überhaupt angehen wollen, dann ist es der Präventionsaspekt, der dazu führen kann, dass man im Gesundheitssystem geringere Leistungen abfragen muss, weil durch mehr Prävention weniger Leute krank werden. Das ist einer der ganz zentralen Punkte, die man in die Population reinbringen müsste und reinbringen sollte. Und das ist auch einer der zentralen Aktivitäten der Gesundheitsregion, etwa im Bereich beruflicher Prävention, nämlich in kleinen und mittleren Unternehmen aktiv tätig zu sein und konkrete Maßnahmen durchzuführen.

Asselmeyer: Alt werden ist mit Angst verbunden. Und krank werden ist mit Angst verbunden. Das Thema Angst zu bearbeiten, ist an dieser Stelle nicht einfach. Aber man kann natürlich durch mehr Aufklärung und mehr Bewusstseinsschaffung Ängste reduzieren oder mehr Mut machen im Hinblick auf das, was auf einen zukommt. Das ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, die mit dem Thema Prävention auch im Hintergrund verbunden ist. Dass man also aufklärt: Was passiert eigentlich mit Dir als Mensch im fortschreitenden Alter, und welche Möglichkeiten hast Du heute, an gewissen Stellschrauben zu drehen, um vielleicht den Ausschlag nicht ganz so stark zu spüren? Dafür ein Bewusstsein zu entwickeln, ist eine der größten Aufgaben in der Prävention.

Wie werden denn die bisherigen Veranstaltungen der Gesundheitsregion Göttingen angenommen, gerade im Hinblick auf Prävention?

Asselmeyer: Wir sind inzwischen so weit, dass wir viele Partner im Gesundheitsbereich gefunden haben, die am Thema Prävention aus rein wirtschaftlicher Sicht und auch aus persönlichem Interesse mitarbeiten wollen. Jetzt kommt die Stufe zwei: Wie kommen wir an die Adressaten heran, wie kommen wir in die Betriebe rein? Das Thema Prävention in der Bevölkerung zu platzieren, ist jetzt der nächste Schritt. Da ist in der Arbeitsgruppe Prävention auch sehr stark für gearbeitet worden. Jetzt gibt es dazu einen Projektantrag beim Land Niedersachsen, für den wir gerade auf Genehmigung warten. Wir wollen exemplarisch in drei Betrieben betriebliches Gesundheitsmanagement nach einer gewissen Struktur einführen, die wir in der Arbeitsgruppe Prävention erarbeitet haben. Da steht Dr. Suermann vorne an.

Kroemer: Wichtig ist zudem, eine kontinuierliche, barrierefreie Behandlung durch verschiedene Institutionen zu gewährleisten, das ist auch ein Langfrist-Ziel einer Verknüpfung. Wir haben heute noch die Situation, dass etwa stationäre Anbieter, Reha-Anbieter oder niedergelassene Ärzte nur bedingt in einem wirklichen Informationsaustausch sind. Das wird man sich in einem Gesundheitssystem der Zukunft nicht mehr leisten können. Wir glauben, dass die Gesundheitsregion hier wesentlich zu Verbesserungen beitragen kann.

Sie haben hochkarätige Referenten, Impulsgeber und Moderatoren für die 1. Regionale Gesundheitskonferenz gewinnen können. War das Zusammenbringen dieser Fachleute für eine solche Konferenz schon ein erster Schritt im Hinblick auf eine bessere Vernetzung im Gesundheitsbereich, insbesondere auch landkreisübergreifend?

 

Kroemer: Ein erster Schritt zu einer Vernetzung ist immer Kommunikation. Dazu muss es Strategien geben, und dazu – und das gibt es nach meinem Dafürhalten bisher viel zu wenig – auch Anreizsysteme für sektorübergreifende Vernetzungen.

Wie könnten die aussehen?

Kroemer: Zum Beispiel könnte man Vergütung davon abhängig machen, ob über Sektorengrenzen hinweg zusammengearbeitet wird. Ob bestimmte Informationen zur Verfügung gestellt werden, an den nächsten, der in der Behandlungskette steht. Da gibt es ganz interessante Beispiele aus dem Ausland, etwa mobile elektronische Patientenakten, die einen auf dem Weg durch die Institutionen begleiten. Bestimmte Informationen sind dann einfach vorhanden. Das steckt in Deutschland völlig in den Kinderschuhen.

Wir haben bisher lediglich die elektronische Gesundheitskarte.

Kroemer: ... bei der nach 15 Jahren immer noch strittig ist, ob die Blutgruppe da drauf sein darf oder nicht. Ansonsten sind da nur der Name und das Geburtsdatum drauf – das ist vollkommen lachhaft.

Das, was Sie gerade beschrieben haben, ist im Grunde das Gegenteil davon.

Kroemer: Es ist die Weiterentwicklung.

Die Konferenz bietet drei kostenlose Dialogforen an. Eines davon beschäftigt sich mit der Zukunft der gesundheitlichen Versorgung im ländlichen Raum. Was ist aus Ihrer Sicht nötig, um diese dauerhaft zu gewährleisten?

 

Asselmeyer: Wir haben da die Kostenträger, die Leistungserbringer und die Patienten. Bei den Leistungserbringern gibt es aus meiner Sicht aufgrund der Eigenverwaltung bei den Ärzten natürlich erst einmal die Aufgabe, die ärztliche Versorgung im ländlichen Bereich sicherzustellen. Da gibt es Statistiken, die besagen, sie ist sichergestellt, und dann gibt es aber auch empirische Untersuchungen, die zu dem Ergebnis kommen, dass es eben doch noch Lücken gibt. Das macht ein großes Problem aus. An dieser Fragestellung muss gearbeitet werden. Das Thema ist immer dann schwierig, wenn es im ländlichen Raum keine Versorger gibt, sondern die Versorgung von außen erfolgen muss und es somit keine gewachsene Versorgungsbeziehung gibt.

Kroemer: Auch im ländlichen Raum braucht man eine intakte Behandlungskette. Die Frage ist: Wie stelle ich die zur Verfügung? Aus meiner Sicht ist es zweifelsfrei, dass es einen bestimmten Basisbedarf an stationärer Versorgung auch im ländlichen Raum geben muss. Leider hat sich die Politik völlig daraus zurückgezogen. Wie man sowas organisiert, sieht man zum Beispiel gerade in Hannoversch Münden. Dann muss klar sein, dass es ärztliche und fachärztliche Präsenz in der Fläche geben muss. Aus meiner Sicht ist es vollkommen klar, dass das nicht mehr über das herkömmliche Hausarzt-Modell funktionieren kann, sondern dass es möglicherweise Angestellte von Kliniken sind, die dann so eine Art Poliklinik im ländlichen Raum betreiben, die aber nicht mehr das eigene wirtschaftliche Risiko tragen müssten. Das würde sich in ganz anderen Rechts- und Organisationsformen darstellen als heute. Es ist und bleibt wichtig, dass man die gesamte Behandlungskette zuverlässig im ländlichen Raum abbilden kann. Und ich glaube, das kann man schon sagen: Das können wir derzeit nicht. Und es wird zunehmend schwieriger. Wenn es keine Ärzte mehr gibt, gibt es irgendwann auch keine Apotheke mehr...

Asselmeyer: ... und auch keine Physiotherapeuten, keine Ergotherapeuten... Es gibt einfach kein Angebot mehr, wenn kein Verordner vor Ort ist. Also muss der Leistungserbringer aus dem Oberzentrum zum Patienten auf das Land fahren. Es wird aufgrund der schlechten, unzumutbaren  Vergütung von Hausbesuchen  unattraktiv und unwirtschaftlich im ländlichen Raum aktiv zu werden. Und damit ist der Patient dort verloren. Das ist ein Problem, das zunehmend größer wird.    

Kroemer: Und umgekehrt wird die individuelle Mobilität ja mit der älter werdenden Bevölkerung auch zunehmend deutlich eingeschränkt, solange wir noch keine selbstfahrenden Autos haben – sodass das System von beiden Seiten aus nicht funktioniert. Nicht von der Patientenseite, nicht von der Anbieterseite. Es erscheint mir sehr zweifelhaft, ob man das mit Marktansätzen regeln kann. Sondern es bedarf eines staatlichen Planungsansatzes, die Versorgung auf dem Lande zu gewährleisten.

Asselmeyer: Dazu muss man auch sehen: Die Gesundheitsregion hört ja nicht an der Kreisgrenze auf. In der Nachbarschaft gibt es dann eben eine andere Gesundheitsregion. Und wenn zwei benachbarte Gesundheitsregionen unterschiedliche Wege bauen oder unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie Gesundheit in der Fläche stattfinden soll, kommt es zu Interessen- oder Planungskonflikten. Deshalb muss es natürlich eine übergeordnete Organisation oder Planung geben. Wenn das nicht staatlich angefasst wird, gibt es Chaos. Aber wahrscheinlich brauchen wir genau das erst, bevor der Staat sagt: Jetzt müssen wir regulieren.

Sie können bei der Gesundheitskonferenz im Grunde also nur den Ist-Zustand darstellen; Entscheidungen müssen an anderen Stellen getroffen werden.

Kroemer: Wir können durchaus auch Vorschläge und Lösungsansätze entwickeln, etwa in den Dialog-Foren, wie so etwas in Zukunft aussehen kann. Wenn wir uns etwa das Quartiersmanagement anschauen, dann wissen wir, dass Göttingen einen Prozentsatz von Single-Haushalten hat, die man sonst nur in Großstädten findet. Wie man solche Quartiere managt, wenn die Leute, die darin wohnen, sehr alt werden, das ist schon eine sehr interessante Frage. Sich jetzt damit auseinanderzusetzen, zehn oder 15 Jahre, bevor das Problem akut eintritt, ist schon eine wichtige Angelegenheit.

Ein anderes Forum heißt „Betriebliches Gesundheitsmanagement vor dem Hintergrund des Präventionsgesetzes 2016“. Das Gesetz sieht unter anderem vor, dass die Kranken- und Pflegekassen künftig mehr als 500 Millionen Euro jährlich für Gesundheitsförderung und Prävention investieren. Schwerpunktmäßig sollen Kitas, Schulen, Kommunen, Pflegeeinrichtungen und eben auch Betriebe davon profitieren. Das klingt zunächst mal sehr abstrakt. Wie kann die Förderung konkret aussehen?

 

Asselmeyer: Es gibt ja jetzt schon Förderung seitens der Krankenkassen. Pro Patient sind das um die 3,70 Euro – und das ist nun verdoppelt worden. Das heißt: Es gibt einen hohen Anteil an Patienten, die diesen Topf nicht abschöpfen. Dadurch bleibt für wenige Patienten im Präventivbereich mehr. Und zum Schluss nutzen das die Krankenkassen natürlich auch als Marketinginstrument. Es gibt aber auch viele Leistungserbringer am Markt, die sich um Prävention kümmern, und die da jetzt natürlich ihre Chancen sehen, jetzt da reinzugehen, mit viel Expertise. Da geht es nicht nur um Bewegung, sondern etwa auch im Psychologie und vieles andere. Das ist ein großer Bauchladen, der da bedient werden kann. Zum Schluss ist das auch ein bisschen Wirtschaftsförderung.

Im zweiten Schritt muss es auch darum gehen, dass die Unternehmen keine Angst davor haben, das Thema Prävention ins Unternehmen reinzubringen. Wenn jemand das in seinem Unternehmen thematisiert, dann kommen natürlich alle Missstände erstmal hoch. Und die werden dann offenkundig. Der Mitarbeiter hat dann noch mehr Rechte, diese Missstände anzuprangern. Wie wollen Sie zum Beispiel einem Maler sagen: Du musst dich jetzt mal um die Gesundheit deiner Mitarbeiter kümmern – wenn der nun seine zwölf Maler da auf dem Gerüst stehen hat, dann wird er ein Thema wie betriebliches Gesundheitsmanagement erstmal gar nicht handeln können. Dann macht der doch erstmal die Klappe zu und sagt: Das fange ich hier gar nicht erst an, weil ich nicht weiß, was da auf mich zukommt. Und deshalb muss betriebliches Gesundheitsmanagement auch in der IHK oder auch in der Kreishandwerkerschaft viel mehr eingebunden sein. Es muss mehr Verständnis dafür aufgebaut werden. Da müssen auch die Selbstverwaltungen mit ran, Gewerkschaften ebenfalls. Alle müssen dieses Thema sehr dosiert und moderat anfassen – auf eine Weise, die es hinterher nicht kollabieren lässt.

Aber diese Gefahr besteht?

Asselmeyer: Ja, natürlich. Das ist ja auch ein großer Kostenfaktor. Angenommen, es würde durchgesetzt werden, dass die Berufsgenossenschaft massive Forderungen stellen würde, dann wäre das mit Kosten verbunden, die sich sicherlich nicht mit den 500 Millionen Euro aus diesem Topf gedeckt werden könnten. Unter dem Aspekt des Fachkräftemangels ist der Unternehmer gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen. Wir sind in einer Phase, wo er diesen Zwang spürt, aber auch nicht weiß, wie er damit umgeht. Die Unternehmen kümmern sich um ihre Fachbereiche, aber noch nicht so sehr um ihre Mitarbeiter. Das heißt zum Beispiel: Unternehmen im Handwerk sind oft sehr kundenorientiert, aber nicht mitarbeiterorientiert. Und dieser Prozess wird jetzt eingeläutet.

Haben Sie konkrete Ziele für die Konferenz formuliert? Und steht schon fest, wann und wo die zweite folgen soll?

Dietrich: Wir werden mit der Gesundheitskonferenz sozusagen auf Tournee gehen. In jedem Landkreis soll sie einmal stattfinden, der Rhythmus wird einmal im Jahr sein, an wechselnden Orten.

Kroemer: Die Konferenz ist ja zunächst mal ein Dialogforum für bestimmte Probleme, die aus unserer Sicht dringlich sind und die wir deshalb dort thematisieren. Letztlich werden wir dort keine Lösungen erzielen, aber es ist ein Schritt in einem langfristigen, außerordentlich komplexen Prozess. Die Ergebnisse, die wir von dort mitbringen, gehen danach wieder in die Arbeit der Arbeitsgruppen der Gesundheitsregion Göttingen ein. Und deshalb ist die Konferenz für uns ein wichtiger Schritt.

Asselmeyer: Wir wollen vor allem auch Menschen gewinnen, die mit uns gemeinsam weiter an den wichtigen Themen arbeiten. Das ist schon ein großes Ziel. Und dazu bietet die Konferenz auch eine Plattform – aufzuzeigen, was wir machen, wie wir arbeiten, wie wir zusammenarbeiten können. Also: Netzwerk im besten Sinne.

Das Gespräch führte Markus Riese

Konferenzen gehen „auf Tournee“

Göttingen. Mit der Anerkennung als Gesundheitsregion im Projekt „Gesundheitsregionen in Niedersachsen“, gefördert vom Sozialministerium, ist auch die Auflage verbunden, jährlich eine Gesundheitskonferenz abzuhalten. Die 1. Regionale Gesundheitskonferenz ist also für Südniedersachsen nur der Anfang.

Bianca Dietrich, Netzwerkmanagerin der Gesundheitsregion Göttingen, skizziert: „Wir werden mit der nun jährlich stattfindenden Gesundheitskonferenz sozusagen auf Tournee gehen“ – durch alle vier beteiligten Kommunen, so der Plan. Dietrich: „Eigentlich müsste es ohnehin Gesundheitsregion Südniedersachsen heißen.“ Dies war, so der zweite Vorsitzende Armin Asselmeyer, auch der ursprüngliche Plan. „Bei der Gründung stand dieser Begriff tatsächlich schon im Raum. Die Entscheidung, warum das dann zu Göttingen wurde, ist einfach, dass der Begriff Göttingen überregional und auch europäisch eine ganz andere Strahlkraft hat.“

Die Teilnahme an der ersten und auch den folgenden  Konferenzen ist kostenlos. Die Veranstaltungen finanzieren sich zum Teil aus der Förderung durch das Land Niedersachsen, aber auch aus Mitteln der Gesundheitsregion Göttingen, also aus Mitgliedsbeiträgen.

Zu den wichtigsten Themen der heutigen Konferenz in Bad Lauterberg gehört das betriebliche Gesundheitsmanagement. Unternehmen im Handwerk etwa seien oft sehr kundenorientiert, aber nicht mitarbeiterorientiert. findet Asselmeyer: „Es muss vor allem darum gehen, dass die Unternehmen keine Angst mehr davor haben. Und deshalb muss betriebliches Gesundheitsmanagement auch in der IHK oder auch in der Kreishandwerkerschaft viel mehr eingebunden sein. Es muss mehr Verständnis dafür aufgebaut werden.“ Auch Selbstverwaltungen und Gewerkschaften sieht er in der Pflicht.

Auch mit diesen will die Gesundheitsregion über die regionalen Konferenzen ins Gespräch kommen. Asselmeyer: „Wir wollen Menschen gewinnen, die mit uns gemeinsam weiter an den wichtigen Themen arbeiten. Das ist schon ein großes Ziel. Und dazu bietet die Konferenz auch eine Plattform – aufzuzeigen, was wir machen, wie wir arbeiten, wie wir zusammenarbeiten können. Also: Netzwerk im besten Sinne.“     mr

Versorgung auf dem Land

Die 1. Regionale Gesundheitskonferenz in Bad Lauterberg setzt auf drei sogenannte „Dialogforen“. Eines davon beschäftigt sich mit der Zukunft der Versorgung im ländlichen Raum. Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Gesundheitsregion Göttingen, hält das bisherige Hausarzt-Modell nicht für zukunftsfähig. Es müsse eher auf Polikliniken hinauslaufen, welche die Versorgung sichern könnten – ohne dass die Ärzte das wirtschaftliche Risiko selbst zu tragen hätten. Wichtig sei, die gesamte Behandlungskette zuverlässig im ländlichen Raum abzubilden: „Das können wir derzeit nicht. Und es wird zunehmend schwieriger.“
Das weiß auch Kroemers Stellverteter Armin Asselmeyer: „Wenn es auf dem Land keine Ärzte mehr gibt, gibt es dort bald auch keine Apotheken mehr, keine Physiotherapeuten, keine Ergotherapeuten... Es gibt einfach kein Angebot mehr, wenn kein Verordner vor Ort ist.“
Zu einer ähnlichen Herausforderung dürfte das sogenannte Quartiersmanagement werden. Kroemer: „Wir wissen, dass Göttingen einen Prozentsatz von Single-Haushalten hat, die man sonst nur in Großstädten findet. Wie man solche Quartiere managt, wenn die Leute, die darin wohnen, sehr alt werden, das ist schon eine sehr interessante Frage.“ Sich jetzt damit auseinanderzusetzen, „zehn oder 15 Jahre, bevor das Problem akut eintritt“, halte er für sehr wichtig.     mr

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