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Jeder dritte Gift-Fall mit einem Kind

20 Jahre Giftinformationszentrum Nord Jeder dritte Gift-Fall mit einem Kind

Von Aronstab bis Zyankali: Wenn irgendwo zwischen Flensburg und Friedland ein Mensch vergiftet wird, ist es ziemlich wahrscheinlich, dass sich Göttinger Experten darum kümmern. Denn das Giftinformationszentrum Nord (Giz) mit Sitz am Uniklinikum ist für die vier Nord-Bundesländer zuständig. Im Mai feiert das Giz 20. Geburtstag.

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Das Giftinformationszentrum Nord beantwortet Fragen zu zahlreichen Giftstoffen.

Quelle: CH

Göttingen. Mit sieben Mitarbeitern und 15.000 Anrufen im Jahr hat alles begonnen: „Wir haben uns damals in Göttingen gegen die medizinische Hochschule Hannover durchgesetzt“, sagt Martin Ebbecke. Der promovierte Internist und Toxikologe, der heute gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas Schaper das Giz leitet, ist von Beginn an dabei. „Heute sind es rund 36.000 Anrufe pro Jahr“, sagt Schaper. Er ist Chirurg, Intensivmediziner und Toxikologe.

Täglich gehen also 100 bis 150 Anfragen bei den Fachleuten ein. Das Giz ist rund um die Uhr besetzt, rund 20 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. „Die Hälfte der Anrufer sind Bürger, die andere Hälfte Kollegen, beispielsweise aus Krankenhäusern“, sagt Schaper. Machmal auch Veterinäre. „Ich hatte auch schon einen Fall, da haben Kinder ihren kranken Hunde zum Tierarzt gebracht. Das Tier hatte die Herztabletten des Herrchen gefressen.“ Mit Hilfe des Giz überlebte der Vierbeiner unbeschadet. Etwa 600 mal im Jahr beraten die Experten vom Giz auch Veterinäre.

Ebbecke und Schaper leiten das Giz gemeinsam seit 2014. Wie Ebbecke ist auch Schaper seit langem als Mediziner und Wissenschaftler im Giz beschäftigt. Über Gift wissen die beiden Männer fast alles.

Ihre Beobachtungen aus den vergangenen 20 Jahren sind, dass es einige Vergiftungen gibt, die Jahr für Jahr immer wieder vorkommen. In der Bärlauch-Saison beispielsweise werden immer wieder Patienten mit Maiglöckchen- oder Herbstzeitlosen-Vergiftungen behandelt. Auch um Vergiftungen mit dem Knollenblätterpilz, der dem Champignon ähnelt, müssen sich die Fachleute in jedem Herbst aufs neue kümmern.

Generell sei ein Drittel aller Giftnotrufe Fälle, bei denen Kinder mit Giften in Kontakt geraten sind. „Bei jedem dritten Fall davon sind wiederum Pflanzen Ursache einer Vergiftung, ein Drittel Medikamente, ein Drittel fällt auf Stoffe aus dem Haushalt“, so Schaper. Immer wieder komme es vor, dass Haushalts-Giftstoffe beispielsweise in Getränkeflaschen umgefüllt und darin gelagert werden. Oft ist das verlockend für Kinder. Ähnliches gilt für Chemikalien, die lecker duften, wie beispielsweise Lampenöle mit Fruchtaromen oder auch Duschgele oder Seifen mit Vanille oder Aprikosenduft. Das zweite Drittel aller Giz-Fälle sind Anfragen zu Suiziden bei Erwachsenen, das letzte Drittel benennen Ebbecke und Schaper als „gemischt“.

Dieses Spektrum habe sich laut der Fachleute in den vergangenen 20 Jahren nur wenig verändert. Was sich verändert hat, sind die Fälle, bei denen Drogen eine Rolle spielen. „Früher hatten wir es mit Cannabis, Heroin und Kokain zu tun“, sagt Ebbecke. In den vergangenen Jahren kamen mehr und mehr synthetische Drogen, Chrystal Meth  oder auch bislang noch legale Substanzen wie so genanntes Badesalz hinzu. „Vor allem an den Wochenenden halten uns die Dorgenfälle auf Trab“, so die Experten.

Wenn beispielsweise ein Jugendlicher mit Krämpfen ins Krankenhaus gebracht wird und nicht mehr ansprechbar ist, kommt zusätzlich zur Beratung auch das Labor ins Spiel. Auch das PTD, das pharmakologisch-toxikologische Servicezentrum im Uniklinikum, wird vom Giz geführt. Es gilt als eines der führenden toxikologischen Labors in Norddeutschland. Wenn es schnell gehen muss, so Ebbecke, werden Blutproben auch schon mal nachts mit dem Taxi vorbei gebracht – und das im gesamten Gebiet zwischen Hamburg und Göttingen. Zwei Stunden später liege das Ergebnis in der Regel vor.

Egal, um welcher Substanz es sich handelt: „Wir kriegen das raus“, sagt Ebbecke. Den perfekten Giftmord, den gibt es also nicht.

Schlagzeilen: Berauschte Heilpraktiker und falsche Pilze

Fast immer wenn in Norddeutschland ein Vergiftungsfall Schlagzeilen macht, ist das Göttinger Giz beteiligt. Meistens aber arbeiten die Experten im Hintergrund. Ein paar Beispiele:

Heilpraktiker im Drogenrausch

September 2015: Eine Massenvergiftung in Norddeutschland hat die Mitarbeiter des Giz im vergangenen Jahr beschäftigt. Heilpraktiker und Homöopathen nehmen auf einen Seminar im Landkreis Harburg die falschen Drogen. Die alarmierten Helfer trafen dort auf rund 30 Männer und Frauen im Alter zwischen 25 und 55 – herum torkelnd und kaum ansprechbar. Sie litten unter Wahnvorstellungen, Krämpfen, Schmerzen, Luftnot und auch Herzrasen. Die Ursache: Eine Vergiftung mit Amphetaminen, die offenbar im Seminar eingesetzt wurden. Die Patienten wurden auf umliegende Krankenhäuser verteilt – deren Ärzte sofort das Göttinger Giz kontaktierten. „Wir haben krampflösende Mittel und eine reguläre medizinische Betreuung empfohlen“, so Giz-Chef Martin Ebbecke.

 

Lebensgefährliches Nano-Spray

März 2006: In den deutschen Supermärkten wird ein gefährliches Haushalts-Reinigungsspray angeboten. Die so genannten Versiegelungssprays mit Nano-Partikeln lösten nach der Anwendung teils schwere Symptome wie Atemnot und Lungenödeme aus. „Schon am ersten Tag hatten wir 30 Fälle“, so Ebbecke. Manche Patienten mussten auf einer Intensivstaion betreut werden. Die Giz-Mitarbeiter haben sofort mit den Supermärkten und dem Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin Kontakt aufgenommen, entsprechende Warnhinweise wurden veröffentlicht. „Das Mittel war schon am nächsten Tag aus den Regalen verschwunden“, sagt Ebbecke. Trotzdem gab es deutlich mehr als 100 Verletzte.

 

Falsche Pilze im Supermarkt

Oktober 2015: Eine Familie aus Hildesheim  bemerkte einen merkwürdigen Gereuch, als sie eine im Supermarkt gekaufte Packung Steinpilze öffnete. Die Familie ging auf Nummer sicher und ließ die Pilze untersuchen. „In der Packung war ein Pilz, der dem Knollenblätterpilz ähnlich ist“, sagt Ebbecke. Auf der Pilzpackung sei zwar „aus Polen“ angegeben gewesen, dort komme dieser Pilz aber gar nicht vor. Die Experten vom Giz vermuten, dass die Pilze aus China stammen. „Die Deklaration weist nur aus, dass die Pilze in Polen verpackt wurden.“

Bilanz 2014

Mehr als 37.000 Anfragen hatten die Mitarbeiter des Giz-Nord im Jahr 2014 behandelt. Ein Drittel davon waren Fälle, bei denen es um eine Vergiftung bei Kindern ging. Das Schlucken von Pflanzen, Medikamenten oder Haushalts-Chemikalien sind die häufigsten Ursachen für dieses Vergiftungen. Darunter auch Fälle, bei denen Kinder Shampoo, Spülmittel  oder duftende Kosmetikartikel zu sich genommen haben. Giz-Leiter Martin Ebbecke rät, bei Kindern auf gar keinen Fall ein Erbrechen auszulösen, wenn sie solche Flüssigkeiten geschluckt haben. Man sollte dem Kind Wasser trinken geben und es – bei nur leichten Symptomen – genau beobachten, im Zweifel den Arzt oder das Giz kontaktieren: Bei schweren Symptomen rät er, den Notarzt unter 112 alarmieren. Shampoo und Duschgel seien meist harmlos. „Rohrreiniger Medikamente oder Backofensprays gehören weggeschlossen“, sagt Ebbecke.  Das Giz ist bei Notfällen erreichbar unter Telefon 0551 / 19240.

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