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„Nicht mal mehr ein Keller frei“

Wissenschaftler suchen Platz für Labore und Büros „Nicht mal mehr ein Keller frei“

Erst im Oktober 2015 wurde der vierte Abschnitt des Göttinger Science-Parks fertiggestellt. Im Dezember 2015 bezog die Evotec AG ihr etwa 1600 Quadratmeter großes Forschungszentrum. Zwölf Monate später ist der Bedarf an zusätzlichen Labor- und Bürofläche bereits wieder groß.

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Bis auf den letzten Park belegt: Der Science-Park stößt an seine Grenzen

Quelle: Heller

Göttingen. Die Biotechnologie-Branche befindet sich nach einer fast zehnjährigen Flaute aktuell im Aufwind. Vier Ausgründungen aus Universität und Max-Planck-Instituten stehen  in den Startlöchern und haben Kontakt zur Gesellschaft für Wirtschaft und Stadtentwicklung Göttingen (GWG) aufgenommen. Die hatte 1992 mit dem Institut für Bioanalytik (IBA) die Keimzelle für den Göttinger Science-Park an der Rudolf-Wissel-Straße gebaut – im Auftrag der Stadt, mit einem Darlehen des Landes Niedersachsen und an der Seite des Wissenschaftlers und Biotech-Unternehmers Herbert Stadler.

Dessen Name steht bis heute mit vielen Unternehmungen im Science-Park in Verbindung, zwei Immobilien haben er und die IBA GmbH nach Ablauf der 15-jährigen Zweckbindung von der GWG erworben. Ihm ist es ein persönliches Anliegen, innovativen Wissenschaftler in Göttingen einen guten Start zu ermöglichen. „Aber im Augenblick ist nicht mal mehr ein Keller frei“, sagt Stadler. Und die Anfragen häufen sich. Das bestätigt auch GWG-Geschäftsführerin Ursula Haufe: „Es besteht Handlungsbedarf. Wenn wir die klugen Köpfe in Göttingen halten wollen, brauchen wir Platz.“ Einer, der eigentlich gerne in Göttingen bleiben möchte, ist Professor Wolfram-Hubertus Zimmermann. Dem Pharmakologen und seinem Team an der Universitätsmedizin (UMG) ist es gelungen, künstliches Herzgewebe aus menschlichen Stammzellen zu züchten und zum Schlagen zu bringen. Zwei Unternehmen sollen diese Idee an den Markt bringen: Mit Myriamed arbeitet er daran, die gezüchteten Organsysteme für die Arzneimittelentwicklung nutzbar zu machen. Repairon entwickelt Herzpflaster, die am Organ implantiert krankes Gewebe in seiner Funktion unterstützen. Jeweils 100 Quadratmeter Laborfläche, darunter auch Reinraumbereiche, plus Büros wären die Minimallösung. Zimmermann schildert das Problem: „Jeder Investor fragt erstmal, wo wollt ihr das denn machen.“ Ohne Raum kein Geld.

Er sei seit zwei Jahren auf der Suche. Den Gedanken, Göttingen zu verlassen, habe er dabei nie konkret verfolgt. Es gebe aber durchaus Städte, die man sich ansehen könnte, sagt Zimmermann. Grundsätzlich sei man Göttingen verbunden. Aber: „Wenn wenn der Investor kommt, muss man reagieren. Schließlich sind wir weltweit nicht die einzigen, die in diesem Bereich forschen.“ Für Mitte 2017 planen die Professoren Stefan Luther, Ulrich Parlitz, sowie Dirk Kautz und Matthias Guth vom Max-Planck-Institut (MPI) für Dynamik und Selbstorganisation die Gründung des medizintechnischen Unternehmens Cardioleap. Sie entwickeln einen implantierbaren Defibrillator zur Behandlung von Herzrhythmusstörungen. Während der ersten drei Jahre, die vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung gefördert werden, sollen bis zu zehn Mitarbeiter beschäftigt werden. „Einige davon werden vom MPI in das Start-Up wechseln“, erklärt Kautz, Leiter der Unternehmensentwicklung. Im Wesentlichen benötige man Büroräume und eine Elektronikwerkstatt, der Platzbedarf werde sich auf etwa 200 Quadratmeter addieren. Eine Option auf Erweiterung wäre wünschenwert. Die Nähe zum MPI und zur UMG ist dabei ebenso vorteilhaft wie die Nachbarschaft zu Firmen aus der Medizintrechnik, sagt Kautz.

Aber nicht nur von außen wird Platzbedarf angemeldet. Auch die bereits ansässigen Firmen wachsen. Stadler betont, dass man auch mit IBA und Synaptic Systems bei den Laborflächen an seine Grenzen stoße. Zudem gelte es, Firmen wie Juno Therapeutics langfristig am Standort Göttingen zu halten. Der Konkurrenzkampf mit anderen deutschen Städten, wie bespielsweise München - wo Deutschlands größtes Biotechzentrum aufgebaut wurde - sei groß. „Wir brauchen in Göttingen immer ein gutes Argument mehr,“ sagt Stadler und zählt gleich mehrere auf: großartige Wissenschaftler, eine tolle Forschungslandschaft, kurze Wege und günstige Mietpreise. „Wir investieren nämlich lieber in Köpfe als in Immobilien.“ Das entspricht dem Selbstverständnis der GWG. Haufe benutzt dazu die Formulierung „Sie haben die Ideen, wir die Räume“. Momentan allerdings nicht. Die Stadt sei in der Vergangenheit bei der Entwicklung des Biotech-Standortes immer mitgegangen. „Diesen Pfad sollten wir auch weiter verfolgen“, sagt Haufe. Wenn man jetzt bauen würde, könnte man in zwei Jahren Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Wieviel Fläche benötigt wird, beantwortet Stadler: „Man sollte nicht in Gigantomanie verfallen, aber 3000 bis 4000 Quadratmeter sollten es schon sein. Sonst springt man zu kurz.“

Science Park I bis IV

Auf 120 000 Quadratmetern Gewerbefläche im Nordwesten der Stadt Göttingen unmittelbar an der Autobahn wurde 1992 mit dem Insititut für Bio-analytik (IBA) die Voraussetzung für den späteren Science-Park gelegt. Die Umsetzung des durch ein Landesdarlehen ermöglichten Technologiezentrums war die erste Amtshandlung der Göttinger Gesellschaft für Wirtschaft und Stadtentwicklung (GWG). Der 1500 Quadratmeter-Bau hatte ein Investitionsvolumen von 3,5 Millionen D-Mark. 1999 machte das Wachstum in der Biotech-Branche, in Göttingen vor allem der 1997 von Herbert Jäckle, Wolfgang Driever und Herbert Stadler gegündeten Develogen AG einen Ausbau nötig. Der nachträglich in Science-Park II umbenannte Gebäudeteil mit 2200 Quadratmetern kostete sechs Millionen D-Mark. Die Fertigstellung des dritten Abschnitts an der Marie-Curie-Straße (7 Millionen Euro/2500 Quadratmeter) fiel 2004 mitten in die Krise der Branche. Das mit dem Gründerpreis ausgezeichnetete Unternehmen Evontec hatte Göttingen gerade in Richtung München verlassen. Es dauerte bis ins Jahr 2013, bis wieder Platzbedarf entstand. Die Evotec AG, in der 2010 die Develogen aufgegangen ist, baute ihr etwa 1600 Quadratmeter großes Forschungszentrum als Science-Park IV. ms

 

Göttinger Biotech-Unternehmen

Nanotag Biotechnologies

Seit 2015 ist das Unternehmen Nanotag Biotechnologies GmbH in Göttingen ansässig. Hier arbeiten aktuell vier Wissenschaftler (Tendenz steigend) an der Gewinnung von rekombinanten Einzeldomänen-Antikörpern sogenannten Nanobodys aus den Antikörpern der Alpakas.

Myriamed

Das Unternehmen bietet als Dienstleister für die Arzneimittelentwicklung gezüchtete menschliche Organsysteme. Dem Team um Professor Wolfram-Hubertus Zimmermann ist es gelungen, künstliches Herzgewebe aus menschlichen Stammzellen zu züchten. Aktuell werden Räumlichkeiten gesucht.

Repairon

Die zweite Zimmermann-Ausgründung widmet sich der Entwicklung von Therapeutika zur Behandlung von Herzinsuffizienz. Das in der Entwicklung befindliche Herzpflaster dient der Reparatur erkrankter Herzmuskeln. Aktuell werden Räumlichkeiten gesucht.

Cardioleap

Vier Göttinger Wissenschaftler des MPI für Dynamik und Selbstorganisation plant die Gründung des medizintechnischen Unternehmens Cardioleap. Es befasst sich mit der Entwicklung eines implantierbaren Defibrillators zur Behandlung von lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen. Ein zehnköpfiges soll Mitte 2017 starten. Aktuell werden Räumlichkeiten gesucht.

IBA: Institut für Bioanalytik

1992 als gemeinnützige Gesellschaft und eines der ersten Technologiezentren des Landes Niedersachsen gegründet. Umstrukturiert zu GmbH beschäftigt das IBA heute 45 Mitarbeiter bei der Entwicklung und Vertrieb von Reagenzien für Zell- und Proteinreinigung.

Synaptic Systems

Vor zwölf Jahren gegründet entwickelt die Göttinger Spezialfirma mit etwa 20 Mitarbeitern Antikörper für Neurowissenschaft und Zellbiologie. Das Unternehmen beliefert von der Rudolf-Wissell-Straße aus Kunden in der ganzen Welt.

Juno Therapeutics

2005 übernimmt der US-amerikanische Krebsimmuntherapie-Spezialist Juno die Göttinger Firma Stage Cell Therapeutics und bleibt mit etwa 25 Mitarbeitern am Göttinger Standort. Gemeinsam verfügt man über die Technologie, weiße Blutkörperchen zu selektieren, zu vervielfältigen und genetisch zu verändern.

Evotec

Zu den Gründern der Hamburger Evotec AG gehörte 1993 unter anderem der Göttinger Nobelpreisträger Manfred Eigen. 2010 übernimmt das Wirkstoffforschungsunternehmen mit Standorten in Frankreich und England die Göttinger DeveloGen AG. 2015 bezieht die Evotec das eigenfinanzierte Gebäude Science-Park IV. Hier arbeiten aktuell 69 Mitarbeiter.

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