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Zahl der Wildunfälle steigt weiter

Wie wirksam sind Reflektoren? Zahl der Wildunfälle steigt weiter

Die Zahl der Wildunfälle steigt. Bundesweit kommt es alle zwei Minuten zu einer Kollision. Für den Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Göttingen liest sich die Statistik ähnlich alarmierend. In den vergangenen zwei Jahren sind die erfassten Fälle von 702 auf 860 heraufgeschnellt.

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In der Dämmerung überschneiden sich Wildwechsel und Berufsverkehr – die Unfallwahrscheinlichkeit steigt.

Quelle: dpa

Göttingen . Der Trend auf den Kreis-, Landes- und Bundesstraßen der Region ist für 2016 gleichbleibend: „Wildunfall endet in Leitplanke“ – „Reh flieht nach Unfall ins Feld“ – „Kollision mit Wildschwein“. So oder ähnlich lauten in den vergangenen Wochen die Überschriften von Polizeimeldungen. In der dunklen Jahreszeit ist Hauptsaison für das Zusammentreffen von Wildtier und Auto. Speziell nach der Zeitumstellung steige das Risiko, erklärt Jörg Arnecke, Verkehrssicherheitsexperte der Polizei Göttingen. Wildwechsel und Berufsverkehr überschneiden sich in dieser Zeit.

In der Regel verlaufen die Zusammenstöße für den Menschen glimpflich, für die Tiere seltener. In den Jahren 2013 bis 2015 kam es nach Angaben der Göttinger Polizei zu insgesamt sieben Unfällen mit schwerverletzten Personen. Bundesweit wurden bei 263 000 PKW-Unfällen mit Wildtieren 600 Menschen schwer verletzt, 13 starben, meldet das Statistische Bundesamt.  Unter die Räder kamen bei den Unfällen hingegen mehr als 200 000 Rehe, Hirsche und Wildschweine.

Unfallschwerpunkte lassen sich im alten Landkreis Göttingen nur schwer ausmachen, sagt Göttingens Kreisjägermeister Axel Eichendorff. Das hänge stark von den jeweiligen Witterungs-, Vegetations- und Verkehrsbedingungen ab. „Wenn beispielsweise der Wald auf der einen und die Äsungsstelle auf der anderen Straßenseite liegt, haben wir an der Stelle verstärkten Wildwechsel.“ Die Situation könne sich nach der Ernte allerdings schon wieder ganz anders darstellen.

 Auch das Verhalten des jeweiligen Jagdpächters sei ausschlaggebend für die Unfallhäufigkeit, sagt Eichendorff. Wenn sich beispielsweise ein Rehbock sein Territorium in unmittelbarer Nähe zur Straße gesucht hat, empfehle er seinen Kollegen verstärkte Bejagung. „Die Tiere sind standorttreu, das Risiko wäre zu hoch. Dann doch lieber erschießen als von der Straße kratzen.“ Aber mit diesem Appell erreiche er nicht alle Jäger.  

Nicht nur durch Bejagung lässt sich das Risiko von Wildunfällen beeinflussen. Man kann das Wild auch vergrämen, wie es in der Jägersprache heißt. Bereits vor zehn Jahren hatte die Jägerschaft Duderstadt in Zusammenarbeit mit der Heinz-Sielmann-Stiftung und der Polizei einen Geräuschzaun als Pilotprojekt im Waldstück an der Roten Warte installiert. Die Warngeräte schlugen mit 100 Euro pro Stück zu Buche und zeigten ihre Wirkung erst bei engmaschiger Verwendungen. Somit waren sie nur auf kürzeren Teilstrecken eingesetzt.

Seit 2014 kommen in den Jagdrevieren der Region außerdem blaue Wildwarnreflektoren zum Einsatz. Allerdings längst nicht in allen. Durch die vom Landkreis bezuschussten Wildspiegel entsteht ein Lichtzaun, der die Tiere am Überqueren der Straße hindern soll. Laut einer Studie des Institus für Wildbiologie sei diese Abschreckung besonders effektiv. Bei den Teststrecken mit blauen Reflektoren sei die Zahl der Wildunfälle um 63 Prozent, bei Duftzäunen um mehr als 50 Prozent gesunken, sagt der Göttinger Forstwirt Christian Trothe. Eine weitere Langzeitstudie der Fakultät für Forstwissenschaften und Waldökologie der Uni Göttingen läuft noch bis 2018.

Neben der Konditionierung der Tiere setzen die Verantwortlichen weiter auf die Erziehung der Autofahrer. So stehen an der Bundesstraße 27 zwischen Gieboldehausen und Herzberg – einem der Schwerpunkte im Landkreis – seit Jahren rot lackierte Dreibeine. Sie markieren Stellen, an denen es bereits zu Unfällen gekommen ist. Es bleibt abzuwarten, wann sich diese Maßnahmen in der Unfallstatistik bemerkbar machen.

Polizei warnt Tierquäler und Wilderer

Warum die Zahl der Unfälle nicht nur saisonal, sondern auch absolut bundesweit ansteigt, ist umstritten. Nach Aussage des Deutschen Jagdverbands sei Faktor Nummer eins für die vielen Unfälle das hohe Verkehrsaufkommen. Hier macht man die Rechnung auf, dass sich die Zahl von Autos und die der Unfälle in den vergangenen Jahrzehnten gleichermaßen vervielfacht haben. Der ADAC hält dagegen, dass die Zahl der Tiere gestiegen sei. „Es gibt mehr Wilschweine, deswegen haben die Unfälle vermutlich zugenommen“, sagt Jürgen Berlitz, Fachreferent für Verkehr.

Für die Tiere endet die Kollision mit einem Auto oft tödlich.

Quelle: dpa

„Vermutlich haben beide recht“, sagt Kreisjägermeister Axel Eichendorff. Es gebe mehr Autos und mehr Tiere. Zwar ließe sich keine Aussage über deren Anzahl treffen. Die Jagdstrecke, also die erlegten Tiere pro Jahr, lasse jedoch einen Rückschluss auf die Gesamtzahl zu. Und danach ist ein deutlicher Anstieg vor allem bei den Wildschweinen zu verzeichnen. „Und Sauen arbeiten großräumig“, sagt Eichendorff. Das heißt, es lässt sich nicht vorhersagen, ob und wo sie Straßen kreuzen.

Eichendorff geht zudem wie die meisten Experten davon aus, dass es bei Wildunfällen eine große Dunkelziffer gibt. Weder bei der Jägerschaft noch bei der Polizei würden alle Fälle erfasst. Nicht jeder Autofahrer habe Interesse daran, seinen Wildunfall zu melden. Das Problem dabei: Nur wenn die Polizei zum Unfallort gerufen wird, kann sie den zuständigen Jagdpächter informieren, der sich wiederum um ein eventuell verletztes oder getötetes Tier kümmert.

Wer auf den Anruf bei der Polizei verzichtet, mache sich der Tierquälerei schuldig, erklärt Hauptkommissar Jörg Arnecke Wer ein getötetes Tier sogar mitnimmt, erfüllt den Tatbestand der Wilderei. Außerdem wird die Versicherung einen möglichen Schaden am Fahrzeug nicht begleichen. Die Teilkasko zahlt in den meisten Fällen nur dann, wenn ein Wildunfall nachgewiesen werden kann. Diese sogenannte Wildbescheinigung stellt der Jagdpächter aus.

Tipps der Polizei

Besser langsam als wild:

  • - Beachten Sie das Verkehrszeichen „Wildwechsel“

- Fahren Sie in Waldgebieten stets mit angepasster Geschwindigkeit
- Seien Sie stets bremsbereit
- Besondere Vorsicht gilt in der Morgendämmerung, insbesondere bei erfolgter „Sommerzeit-Umstellung“
- Wildwechsel und Berufsverkehr überlappen sich
- Vergrößern Sie zum vorausfahrenden Pkw Ihren Sicherheitsabstand
- Rechnen Sie bei Wildwechsel generell mit Nachzüglern - ein Tier kommt selten allein
Wenn Wild auftaucht
- Bremsen Sie stark und kontrolliert ab
- Weichen Sie nicht aus
- Blenden Sie unbedingt das Fernlicht ab
- Hupen Sie
- Schalten Sie Warnung des nachfolgenden Verkehrs die Warnblinkanlage ein
Verhalten nach dem Unfall
- Sichern Sie die Unfallstelle ab und warnen Sie andere Verkehrsteilnehmer vor dem eventuell auf der Fahrbahn liegenden Tier
- Schalten Sie die Warnblinkanlage ein und stellen Sie ein Warndreieck auf
- Halten Sie von verletzten Tieren ausreichend Abstand – diese reagieren panisch und können Sie verletzen
- Wird ein verletztes Tier seinen Qualen und Leiden überlassen, kann dies den Tatbestand der Tierquälerei erfüllen.
- Merken Sie sich die Fluchtrichtung des möglicher Weise verletzten Tieres
- Entfernen Sie sich nicht vom Unfallort
- Informieren Sie die Polizei
- Die verbotswidrige Mitnahme des tödlich verletzten Tieres vom Unfallort erfüllt den Tatbestand der Jagdwilderei.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016