Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 6 ° Sprühregen

Navigation:
Tschüss Tüte!

Plastiktüten nur noch gegen Bezahlung Tschüss Tüte!

Seit 1. Juli gilt sie: die Selbstverpflichtung des Handels, den Gebrauch von Plastiktüten zu verringern. Innerhalb von zwei Jahren sollen mindestens 80 Prozent der Plastiktüten kostenpflichtig sein. Teilweise ist der Handel aber schon längst weiter, wie Göttinger Beispiele zeigen.

Voriger Artikel
Dicke Luft auch in Göttingen
Nächster Artikel
Bassam Tibi sieht Göttingen bedroht

Auf dem Rückzug: Plastiktüten.

Quelle: NABU

Göttingen. Bundesweit machen zum Start der Initiative etwa 260 Unternehmen mit, darunter viele großen Ketten, aber auch inhabergeführte Geschäfte. Sie alle zeichnen für etwa 60 Prozent der ausgegebenen Plastiktüten verantwortlich. Wann sie und wie viel Geld sie für die Tüten Geld nehmen, ist jedem Unternehmen selbst überlassen. Doch nicht alle Plastikbehältnisse sind davon betroffen: Tiefkühltragetaschen, wiederverwendbare Plastiktaschen, Kunststoffbeutel für lose Kleinprodukte (Schrauben etc.) und dünne Kunststoffbeutel für Obst und Gemüse sind ausgenommen. Übrig bleibt die klassische Einkaufstüte an der Kasse.

Plastiktüte im Lebensmittelhandel schon länger auf dem Rückzug

Während sich die Plastiktüte im Lebensmittelhandel schon länger auf dem Rückzug befindet und sie, soweit es sie noch gibt, kostenpflichtig ist, wird jetzt auch der Einzelhandel für Bekleidung mit der Bepreisung nachziehen. In anderen Ländern hat sich gezeigt, dass kostenpflichtige Plastiktüten tatsächlich zu einem deutlichen Rückgang des pro-Kopf-Verbrauchs geführt haben. In Irland beispielsweise führte die Einführung einer Tütensteuer direkt nach ihrer Einführung zu einem um 90 Prozent geringeren Verbrauch.

Eine Beobachtung, die auch Saturn in Göttingen schon gemacht hat. „Einwegtragetaschen werden bereits seit März 2015 gegen Gebühr abgegeben“, sagt Geschäftsführer Isa John Jacob. „Wir haben den Verbrauch an Einwegtragetaschen seitdem um circa 90 Prozent reduziert.“ Die Kunden hätten darauf überwiegend positiv reagiert. Alternativ bietet man, wie in vielen anderen Geschäften, stabile Mehrwegtaschen an. Sind diese kaputt, können sie kostenlos gegen eine neue umgetauscht werden.

Demnach verbraucht jeder Bundesbürger jährlich 76 Tüten

Zeitgleich mit der Umstellung hat Saturn auch einen Kundenflyer aufgelegt, der über Umweltfolgen und den Verbrauch von Plastiktüten informiert. Demnach verbraucht jeder Bundesbürger jährlich 76 Tüten, die im Durchschnitt 25 Minuten verwendet werden. Das entspricht einer Gesamtmenge von etwa 6,1 Mrd. Tüten pro Jahr.

Ganz verzichten will man bei Saturn allerdings nicht auf die Plastiktüte. Für umweltfreundliche Innovationen sei man offen, aber Tüten verstehe man auch als Mindeststandard im Kundenservice. Anders beim Lebensmittelhändler Tegut. Der führt bereits seit 2007 keine Plastiktüten mehr – an der Kasse gibt es Mehrwegtaschen aus Kunststoff, Leinenbeutel oder Papiertüten. Inzwischen beobachtet man eine Tendenz zu den Mehrwegtaschen. Und im Obst- und Gemüsebereich setzt Tegut auf Kunststoff, der zu 85 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen besteht.

Der Selbstverpflichtung voraus

Auch die Händlervereinigung der Göttinger Innenstadt, ProCity, war der Selbstverpflichtung voraus. 2015 startete ProCity eine Kampagne, Plastiktüten kostenpflichtig abzugeben. „Das Thema war da noch relativ neu für Händler und Kunden, es gab viele Gespräche“, berichtet Frederike Breyer, Geschäftsführerin von ProCity. Inzwischen sei das Verständnis der Kunden aber gewachsen. Um das Bewusstsein für umweltfreundliche Alternativen zu stärken, wurden 20000 grüne Baumwolltaschen kostenlos verteilt. Inzwischen erlebten es Händler auch, dass Kunden aktiv nach Alternativen verlangen.

Tupperdosen an der Frischetheke?

Es kommt nach Erfahrung von Marktleitern so gut wie nicht vor, dass Kunden an der Frischetheke mit einer Tupperdose für Wurst, Käse oder Oliven erscheinen, um Plastikmüll zu vermeiden. Doch besteht dabei ein Hygieneproblem? Ein Markt sieht dieses insbesondere bei Geflügel und Hackfleisch. Man wisse nicht, wie sauber die mitgebrachte Schale ist. Wenn dann die Ware schneller verdirbt, falle dies trotzdem auf den Markt zurück, der die Ware in den Verkehr gebracht hat. Das Veterinäramt sieht zumindest keine grundsätzlichen Hygieneprobleme für den Markt sowie die Kunden. Idealerweise, so der Hinweis, sollte die Waage, auf der die Tupperdose stand, dann einmal abgewischt werden.

Kaum Plastik auf dem Wochenmarkt

Göttingen. Auf dem Wochenmarkt herrscht unter Beschickern und Kunden weitestgehend Einigkeit: Umweltschutz ist wichtig, darum sind Plastiktüten out. Alle befragten Standbetreiber nehmen für eine Plastiktüte zehn Cent, wobei die Nachfrage äußerst gering ist – fast alle Marktbesucher bringen eigene Taschen und Beutel mit. Auffällig: Es sind nicht nur junge Menschen, denen ihre Umwelt wichtig ist, im Gegenteil. Gerade die Senioren zeichnen sich durch ein starkes Ökologiebewusstsein aus.

Und so wird der Markt bevölkert von adrett gekleideten betagten Herren, die einen Jutebeutel in der Hand tragen, sowie Damen mit schlohweißem Haar, die am Gemüsestand eine Mehrwegtasche aus ihrem Rollwagen hervorholen. Wobei es nicht ganz ohne Plastik gehe, wie Diana Koop sagt.

„Im Stoffbeutel lässt sich Fisch, da er feucht ist, nun mal nicht gut transportieren.“ Viele Kunden verzichteten allerdings auf eine Plastiktüte, so die Inhaberin der „Fischkiste“– stattdessen würden sie ihren Dorsch und Kabeljau in eine mitgebrachte Kühltasche tun. Das hohe Maß an Umweltbewusstsein, das den Göttinger Markt kennzeichnet, finde sich allerdings nicht überall, so Doris Burchard von der Eichsfelder Gemüsescheune.

„Auf dem Land denken die Leute noch anders, da fragen sie nicht nur nach einer Plastiktüte, sondern lassen sich auch jedes Gemüse einzeln einpacken.“ Etwas, was Anja Koop nicht verstehen kann: „Das zahlt man als Kunde indirekt doch mit“, sagt die 33-jährige Pädagogin, „im Endeffekt profitieren nur die Hersteller der Tüten und die Verpackungsmittel-Industrie.“

Es gibt auch Kunden, die betonen, sich nicht vor einen ideologischen Karren spannen zu lassen. So wie Achim Schubert (64), der Rad und Eisenbahn dem Auto vorzieht, fast immer Stoffbeutel und Rucksack dabei hat und deshalb von sich sagt, durchaus umweltbewusst zu sein: „Aber eins bin ich nicht: fundamentalistisch und besserwisserisch.“ Jessica Frank (51) gibt ihm Recht: „Ich nehme zum Einkaufen eine Tasche mit, aber wenn ich sie mal nicht dabei habe und deshalb eine Tüte kaufe, habe ich nicht gleich ein schlechtes Gewissen.“

Von Hauke Rudolph

Das sagen Göttinger zur Plastiktüte

Onyeka Oshionwu

Onyeka Oshionwu

Quelle: r

Onyeka Oshionwu: "Ich nehme nur dann eine Plastiktüte, wenn ich Ware kaufe, die nass ist. Aber dann benutze ich die Tüte nochmal."

Achim Schubert

Achim Schubert

Quelle: r

Achim Schubert : "Ich bevorzuge nicht eingepackte Lebensmittel. Aber wenn sie eingepackt sind, nehme ich sie trotzdem – ich bin kein Ideologe."

Wolfgang Müller

Wolfgang Müller

Quelle: r

Wolfgang Müller: "Normalerweise benutze ich einen Leinenbeutel. Aber nicht für Kartoffeln – da wird der Beutel dreckig und ihn zu waschen, wäre umweltschädlicher als ausnahmsweise mal eine Plastiktüte zu nehmen."

Anja Koop

Anja Koop

Quelle: r

Anja Koop: "Wenn schon eine Plastiktüte, dann nur eine, die biologisch abbaubar ist."

Mehl kam in die Papiertüte, Sirup ins mitgebrachte Glas

Göttingen. Ein Kaufmann und eine Kundin berichten vom Einkaufen aus einer Zeit, als es noch keine Plastiktüten gab. „Ich habe von 1945 bis 1948 Einzelhandelskaufmann gelernt“, erinnert sich Kurt Höfert (85).

Kurt Höfert

Kurt Höfert

Quelle: r

„Damals haben wir die Marmelade mit Schöpfkellen aus großen Metalleimern in Gefäße gefüllt, die die Kunden mitgebracht hatten. Likör und Schnaps haben wir aus Fünf- und Zehnliterfässern in mitgebrachte Flaschen abgefüllt. Ende der 50er Jahre habe ich in Hamburg ein Seminar mit dem Thema Selbstbedienung besucht – wir wussten ja nicht, wie das funktionierte. Ein paar Jahre später wurde dann die Plastiktüte eingeführt. Die ganzen modernen Vorschriften, die besagen, dass Lebensmittel nicht in selbst mitgebrachte Behälter gefüllt werden dürfen, sind Quatsch. Wir haben damals sehr auf Hygiene geachtet. Und ein bisschen zurück zur Natur schadet niemandem.“

Hannelore Lingen

Hannelore Lingen

Quelle: r

„Ich kann mich noch gut an den Kauf von Sirup  erinnern“, erzählt Hannelore Lingen (87). „Die Verkäuferin stellte meinen Behälter auf die Waage, zog das Gewicht ab, und ließ anschließend die köstliche Flüssigkeit von einem großen Löffel in das Glas laufen. Und wenn man Mehl wollte, ging die Verkäuferin zum Regal, machte die Schublade auf und füllte die gewünschte Menge in eine Papiertüte. Als es dann später abgepackte Ware gab, hab ich – wie alle anderen auch –  Plastiktüten benutzt, wir wussten es ja nicht besser. Heute kaufe ich mit einer Stofftasche ein, um die Umwelt zu schonen.“ 

Von Hauke Rudolph

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Vor 25 Jahren erhielt der Göttinger Wissenschaftler Erwin Neher den Nobelpreis