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Ortsheimatpfleger Herbert Pfeiffer Beobachten, analysieren, weitergeben

Was macht eigentlich ein Ortsheimatpfleger? Das Klischee vom introvertierten Hobbyhistoriker, der sich in seiner Freizeit etwas mit Heimatkunde beschäftigt, scheint nicht zu stimmen. Ortsheimatpfleger haben sich längst als Fachleute etabliert, die sich mit der Geschichte ihres Ortes auskennen wie kaum ein anderer. Ihr Rat wird in vielerlei Gremien gebraucht und ihr Wissen über die Vergangenheit hat unmittelbaren Einfluss auf die Zukunft.

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Beim Anblick des weinroten Schienenbusses Leuchten Pfeiffers Augen.

Quelle: Thiele

Duderstadt. Die Eisenbahn habe es ihm angetan, sagt der Duderstädter Ortsheimatpfleger Herbert Pfeiffer. Beim Anblick des weinroten Schienenbusses und des beige-roten Speisewagens Typ WRmh mit der Aufschrift „Restaurant“ leuchten die Augen des pensionierten Lehrers.

 

„Der war international unterwegs“, weiß der 72-Jährige und zeigt auf eine Buchstabenreihe an der Seite des Speisewagens: Die Abkürzungen für Deutschland, Polen, Tschechoslowakei, Niederlande, Schweiz, Österreich, Italien, Dänemark oder Luxemburg. Und mit solch einem Schienenbus am anderen Ende des Gleises seien Generationen von Eichsfeldern zur Schule oder zur Arbeit gefahren. Die Waggons stehen heute auch dank Pfeiffers Hilfe und Recherche im  Duderstädter Bahnhof. Seit 1974 fahren dort keine Personenzüge mehr, für Güterverkehr wurde die Strecke 1996 stillgelegt.

 
Seine Faszination für die Eisenbahn entdeckte der gebürtige Duderstädter, der in Osterode aufgewachsen ist, in den 1970-er-Jahren bei seiner Examensarbeit für Lehramt im Fach Geschichte zum Thema „Die Verkehrserschließung des hannoverschen-niedersächsischen Eichsfeldes durch die Eisenbahn im 19., 20. und 21 Jahrhundert“. Diese Studienarbeit wurde bereits in mehreren Schriften veröffentlicht.

"Natürlich ist persönliches Interesse erforderlich“

 
Aber auch andere historische Themen ließen den Ortsheimatpfleger aktiv werden: Durch seinen Einsatz läuten heute in St. Cyriakus wieder die Glocken, die im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen wurden, Pfeiffer hat beim Duderstädter Häuserbuch mitgearbeitet, zahlreiche Aufsätze oder Inschriften zu Gedenktafeln verfasst, und er erklärt auch Gästen der Stadt bei Stadtführungen und Exkursionen die Historie seiner Heimat.

 
„Natürlich ist persönliches Interesse für dieses Ehrenamt erforderlich. Aber um unsere Arbeit zu definieren, haben sowohl die Ortsheimatpfleger im Untereichsfeld als auch die Kreisheimatpflege Göttingen Leitlinien zusammengefasst“, erklärt Pfeiffer. Zu solchen Leitlinien gehören zum Beispiel „die Beobachtungen des örtlichen Lebens und das schriftliche Festhalten dieser Beobachtungen“. Auch auf diesem Gebiet schmiedet Pfeiffer, der vor etwa 15 Jahren den Posten des Ortsheimatpflegers von seinem Vorgänger Erich Steffen übernommen hatte, schon umfassende Pläne. In einer Ortschronik will er die aktuellere Geschichte Duderstadts zusammenfassen. „Aus dem Mittelalter bis in die Neuzeit sind die meisten noch vorhandenen Quellen und Dokumente erfasst worden, aber wir müssen dran bleiben“, sagt Pfeiffer, der für seine Recherche zur neueren Stadtgeschichte zu 90 Prozent das Eichsfelder Tageblatt als Quelle nutze. „Eine Heimatzeitung ist eine wertvolle Hilfe, um das Geschehen vor Ort zu dokumentieren“, meint Pfeiffer.

Historische Ansicht des Westerturms von Joseph Heike

Historische Ansicht des Westerturms von Joseph Heike

Quelle: r

Ein weiteres aktuelles Thema für jemanden, der vermeintlich eher in der Vergangenheit kramt, sei die Diskussion um den Erhalt denkmalgeschützter Bauwerke in Verbindung mit zeitgemäßer Nutzung. „Ich möchte als Ortsheimatpfleger nicht der Kontrolleur für den Denkmalschutz sein“, sagt der Duderstädter. Eine denkmalgeschützte Fassade zu erhalten, sei ein wichtiges Anliegen, doch im Inneren eines Hauses müsse moderner Wohnkomfort geboten werden, „sonst will da niemand mehr einziehen“, meint Pfeiffer. Und fehlende Mieter böten eben keine finanzielle Grundlage für Hausbesitzer, um in ihr Eigentum zu investieren.

 
Bei Treffen mit Gleichgesinnten wird Austausch betrieben. „Ein Ortsheimatpfleger beschäftigt sich ja nicht nur mit seinem Ort, es sind immer auch die Verbindungen in der Region mit einzubeziehen, um geschichtliche Entwicklungen zu verstehen“, erklärt Pfeiffer. Auf Tagungen werden Vorträge gehört, Erkenntnisse und Entwicklungen bis zu modernem Strukturwandel und Demografie analysiert und Anregungen geboten.

Aufgaben der Ortsheimatpfleger

Die Kreisheimatpflege Göttingen hat umfassende Leitlinien für die Arbeit in der Heimatpflege herausgegeben. Einige Zusätze haben zudem die Ortsheimatpfleger im Untereichsfeld formuliert. Zusammenfassend gehören zu den wichtigsten Aufgaben der Heimatpfleger:

  • Beobachtungen des örtlichen Lebens und das schriftliche Festhalten dieser Beobachtungen als Chronist
  • Forschen, sammeln und bewahren
  • Bemühungen darum, die Geschichte des Ortes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen
  • Vernetzung mit Kollegen, Stadtarchiven, Heimatmuseen, Denkmalschützern, Heimatvereinen, dem Kreisarchiv, der Kreisheimatpflege, dem Kirchenkreisarchiv und dem Institut für historische Landesforschung der Universität Göttingen
  • Fortbildung
  • Zusammenarbeit mit Ortsräten und Gemeindeverwaltungen, Beteiligung an Planungen im Rahmen der Ortsgestaltung sowie im Natur- und Landschaftsschutz, wo der Heimatpfleger seine Kenntnisse einbringen kann
  • Ansprechpartner und Berater für Interessierte, einschließlich der Schulen, Einbindung der Bürger in die Geschichtsforschung, Referate beispielsweise in Seniorenkreisen oder Heimatvereinen
  • Fachgerechter Umgang mit Achivalien und historischen Gegenständen
  • Öffentlichkeitsarbeit

Folgen der Vergangenheit entschlüsseln

Wer offenen Auges durch die Duderstädter Altstadt spaziert, wird bemerken, dass manche Straßenzüge von ganz unterschiedlichen Baustilen und -epochen geprägt sind, bei anderen scheinen alle Gebäude zur gleichen Zeit entstanden zu sein und sehen sich recht ähnlich. Warum findet man nur wenige Steinhäuser in der Innenstadt? Welche Rückschlüsse lassen sich aus der Vergangenheit in die Gegenwart ziehen? Mit solchen Fragen beschäftigen sich Ortsheimatpfleger und Historiker. Um das heutige Stadtbild zu verstehen, ist ein Blick in die Vergangenheit erforderlich.

 
Der Duderstädter Stadtarchivar Reinhard Fricke hat auf der Frühjahrstagung der Ortsheimatpfleger im Landkreis Göttingen im Duderstädter Rathaus anschaulich dargestellt, wie die Bebauung der Innenstadt über Jahrhunderte durch Großbrände geprägt wurde. „Die älteste Nachricht von einem Brand haben wir von 1424“, begann Fricke den chronologischen Stadtrundgang am Westertor. Aus diesem Jahr erinnert eine Inschrift an die Brandkatastrophe, die fast die Hälfte des damaligen Duderstadts zerstörte. Viele Menschen seien verbrannt, weil sie im Abschnitt vom Westertor bis zum Obertor nicht über die Stadtmauer fliehen konnten. In den Folgejahren wurde beim Wiederaufbau das Neutor in die Stadtmauer eingefügt, um einen weiteren Fluchtweg zu haben. Mit dem Neutor ist eine bis heute existierende weitere Straßenverbindung zur Marktstraße geschaffen worden. Außerdem sei ebenfalls im 15. Jahrhundert eine Verordnung verfasst worden, dass die Häuser nicht mehr mit Stroh, sondern mit Ziegeln gedeckt werden sollten.

Zahlreiche Brände prägen das Stadtbild

 Stich von 1852, nachdem die Duderstädter St.-Cyriakus-Kirche durch einen Brand zerstört wurde.

Stich von 1852, nachdem die Duderstädter St.-Cyriakus-Kirche durch einen Brand zerstört wurde.

Quelle: r

Zwischen 1720 und 1731 habe es sieben Brände gegeben. Folge nach dem schnellen Wiederaufbau seien ähnliche Baustile der Häuser in den Straßenzügen gewesen, erläuterte Fricke anhand zahlreicher Fotos und Zeichnungen.

 
Nachdem ein anonymer Verfasser nach dem Brand 1848 über die Presse empfohlen hatte, doch lieber massiv zu bauen, statt beim leicht brennbaren Fachwerk zu bleiben, seien tatsächlich ein paar Steinhäuser in Duderstadt entstanden. Jedoch mangelte es an Baustoffen, und so blieb Fachwerk weiterhin die typische Bauweise. Erst als nach den Großbränden zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Berliner Architekt Wilhelm von Tettau mit der Gestaltung ganzer Straßenzüge beauftragt wurde, setzte sich zunehmend auch Stein durch.

 
Beim anschließenden Stadtrundgang unter der Leitung des Duderstädter Ortsheimatpflegers Herbert Pfeiffer konnten die ehrenamtlichen Heimatkundler soeben Gehörtes nochmal mit dem aktuellen Stadtbild vergleichen und bekamen parallel dazu Infos zu einem weiteren historischen Schwerpunkt der Stadtgeschichte: der Bedeutung der Eisenbahn im Eichsfeld.

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Der Wochenrückblick vom 3. bis 9. Dezember 2016