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Herr der Steine

Thema des Tages Herr der Steine

200 Stationen listet Deva Manfredo alias Manfred Flucke für seinen Skulpturenpark in der Toskana auf. Seit 30 Jahren schichtet der Duderstädter dort auf einem mehr als zehn Hektar großen Areal Steine zu den fantastischsten Objekten auf. Sein „Traumwald“ ist zu einer Touristenattraktion geworden.

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Duderstadt. Der 67-jährige Stein- und Lebenskünstler ist in Duderstadt aufgewachsen, hat nach dem Abitur zehn Jahre lang in Hamburg gelebt und dort Stadtsoziologie und -geschichte studiert, bevor es ihn nach Italien zog: „Ein kleiner Schritt nach Norden, ein großer Schritt nach Süden.“ Seiner alten Heimat ist Flucke bis heute verbunden geblieben.

Alte Freunde besuchen

Sein Bruder ist Zahnarzt in Duderstadt, Jahr für Jahr kehrt der Exilant ins Eichsfeld - die „Toskana des Nordens“ - zurück, um alte Freunde zu besuchen. „Wieder aufgefischt hat mich Lothar Dinges, den ich seit der Grundschule kenne“, sagt Flucke.

Ratsherr Dinges hat von seinem alten Freund in einer Aktion mit Jugendlichen eine Trockenmauer im ökologischen Lehrgarten an der Duderstädter Stadtmauer anlegen lassen und kennt auch den „Dreamwood“ in Italien: „Die direkte Wirkung ist ganz anders als auf Fotos. Der Traumwald gehört zu den Plätzen in Europa, an denen man sich verzaubert fühlt, Energien und sich selbst spürt.“

Bevor Flucke mit der Arbeit an seiner steinernen Traumwelt loslegte, hat er mit Gleichgesinnten eine auf Selbstversorgung setzende Kommune gegründet, deren Mitstreiter heute ein Seminarhaus mit spirituellen Inhalten betreiben. Aus dieser Gemeinschaft hat er sich vor rund zehn Jahren zurückgezogen, lebt jetzt in einem kleinen Toskana-Dorf und hat sich selbstständig gemacht. Seinen Sannyasin-Namen Deva Manfredo hat der Eichsfelder als Künstler-Pseudonym beibehalten, Bhagwan respektive Osho betrachtet er nach wie vor als „wichtigen Impulsgeber“. Sein Laptop ziert ein Osho-Apple-Logo, das er selbst entworfen hat.

Archaische Werke

Seine steinharte Arbeit auf einer Hügelkuppe im Eichenwald zwischen Siena und der Abtei San Galgano betrachtet der Vegetarier auch als Erziehungsauftrag, zur „physischen Welt Kontakt aufzunehmen statt nur auf Bildschirme zu starren“. Auf jedwede Hilfsmittel verzichtet der „Herr der Steine“, verlässt sich ganz auf Kopf und Hände, Balance, Gleichgewicht und Schwerkraft. Seine archaisch anmutenden Werke, die um den Nukleus „Buddha City“ herum seit Jahrzehnten gewachsen sind, tragen Titel wie „The Fire Inside“, „Steinbrunch“, „Centerlight“, „Individualität“, „Lebensspirale“ und „Mutterschaft“. Mandalas wechseln sich ab mit Treppen und Türmen, Steinkreisen und Skulpturen. In seine ständig wachsende Traumstadt „Mandalandia“ hat er auch Glas, Plastik, Marmor und sogar ein Bidet integriert. „Nietzsche in der Heilung“ ist ebenso Stein geworden wie Berlusconi, dem Flucke mit „Der nackte Präsident“ ein kritisches Denkmal gesetzt hat.

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Keine Grenzen sind Formen und Farben gesetzt. Deva Manfredo arbeitet mit Kieselsteinen, Felsbrocken und Findlingen. Sein größter Turm ist fünfeinhalb Meter hoch. Auf einer Waldlichtung hat er sich ein Steinlaboratorium eingerichtet und kann auf ein riesiges, nach Farben geordnetes Steinmagazin zurückgreifen. Bei den Naturfarben, die er verwendet, lässt er sich von Mittelmeerstränden inspirieren. Überwiegend an mediterranen Stränden sammelt er auch seine Steine, kehrt mit schwer beladenem Auto von Suchtouren auf Sardinien oder Sizilien in seine Toskana-Steinzeit zurück. Dort hat er unter anderem eine Sammlung mit Hunderten von „Steingesichtern“ angelegt, betreibt eine „Steinschule“ und hat für Überflieger auf das Dach seiner Rezeption den Schriftzug „Dream Woods“ gelegt. Ein Labyrinth von Wegen führt an Seerosenteichen vorbei zu den von Ameisen und Eidechsen bevölkerten Exponaten.

Den Anstoß zu seiner Steinkunst hat das sogenannte „stone balancing“ gegeben - die gestapelten Türmchen, die man überall dort antrifft, wo es steinige Touristen-Hotspots gibt. Fluckes Steinkunst, die er Bäumen und Landschaft anpasst, ist schnell darüber hinausgewachsen. Steinreich ist Deva Manfredo, dessen Freiluftdomizil Touristen ebenso wie Schulklassen besuchen, mit seiner Kunst nicht geworden, kann aber inzwischen davon leben und könnte steinalt damit werden. Die Sonne der Toskana und die kontemplative Tätigkeit waren jedenfalls seiner Gesundheit zuträglich, seine Rückenbeschwerden sind verschwunden. In jedem Frühjahr stehen Instandsetzungsarbeiten in seinem Traumwald an, dessen bizarre Objekte auch ohne Mörtel seit Jahrzehnten Sturm, Wind und Wetter trotzen.

Steinwall in Duderstadt als Wunschziel

Im Eichsfeld gibt es zwar einen Druiden-Orden, viel Fachwerk und ein West-Östliches Tor, aber kein Stonehenge. Steinkunst in weniger monumentaler, aber ebenso bleibender Form will Manfred Flucke seiner Heimatstadt Duderstadt angedeihen lassen. Der Weg dorthin ist allerdings steinig. Eher spärliche Steinspuren hinterlassen hat Flucke bereits. Im Klostergarten der Ursulinen war er ebenso aktiv wie im ökologischen Lehrgarten an der Stadtmauer. Seine Ausstellung Stein(t)räume vor 13 Jahren war mit knapp 9000 Besuchern eine der am besten besuchten Kunstausstellungen im historischen Rathaus und hat auch Bürgermeister Wolfgang Nolte (CDU) begeistert.Als Relikt geblieben ist eine Skulptur in einer Nische des Rathaussaales.

Bislang ein Luftschloss geblieben ist allerdings der Wunsch, sich mit einem Mandala, Skulpturenpark oder anderem Kunstwerk in Duderstadt zu verewigen. Nolte habe sich offen für das Projekt gezeigt, sagt Flucke. Für den „Traumwall“, der ihm inzwischen auf dem Stadtwall oder im Stadtpark vorschwebt, rechnet der Steinkünstler allerdings mit Kosten in fünfstelliger Höhe. Dafür bräuchte er einen Mäzen oder Sponsoren. „Ich habe ein sehr affektives Verhältnis zu meiner Heimatstadt“, sagt der Tüftler aus der Toskana und gibt sich lokalpatriotisch: „Der Stadtwall war mein erster Kindheits-Playground mit meiner Westertor-Bande. Bevor ich meine irdische Laufbahn beende, würde ich Duderstadt gerne bereichern.“ Sein alter Schulfreund Lothar Dinges pflichtet ihm bei: „Es gibt schon viel Kunst in Duderstadt, es dürfte aber gerne noch mehr sein. Kunst und Kultur sind wesentliche Elemente für die Attraktivität einer Region.“ ku

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