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Historiker Rainer Diever über den Widerstand

Göttingen Historiker Rainer Diever über den Widerstand

Die Stadt Göttingen gedenkt stärker des Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Dazu soll ab März ein Gedenkstein an der Stadtbibliothek aufgestellt werden.

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Historiker Rainer Diever will seine Forschungen zum Göttinger Widerstand fortsetzen.

Quelle: CH

„Zum Gedenken an die Menschen, die zwischen 1933 und 1945 trotz aller Bedrohungen mutig Widerstand gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime geleistet haben“, soll die Inschrift des Steines lauten. 2,20 Meter soll er hoch und aus schwarzen, schwedischen Granit sein. In dem  Gebäude der Stadtbibliothek in der Gotmarstraße 8, das heute den Namen des  amerikanischen Juristen und ehemaligen Göttingers Thomas Buergenthal trägt und vor dem der Stein stehen soll, war zur Zeit des Nationalsozialismus die Polizeiwache samt Gefängnis untergebracht. Auch Schutzhäftlinge waren hier inhaftiert. Mit einem QR-Code, der mit dem Smartphone eingescannt werden kann, sollen Interessierte künftig die Internetseite des Stadtarchivs erreichen.

Info

Mehr im Internet unter stadtarchiv.goettingen.de/widerstand

Dort ist seit einiger Zeit der Abschlussberichts des Göttinger Historikers Dr. Rainer Driever über den „Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Göttingen“ zu lesen. Zweieinhalb Jahre hat Driever zu diesem Thema geforscht. Herausgekommen ist die erste umfassende Arbeit dazu. Schon 1933 kam es in Göttinger zu einer Schutzhaftwelle und Terror, schreibt Driever. Die gesamte Infrastruktur der Arbeiterbewegung sollte zu zerschlagen werden. Auf der anderen Seite sollten Haft und Terror Angst verbreiten.

 

Mit Akribie stellt Driever den Widerstand in Göttingen zwischen 1933 bis 1945 dar und widmet den verschiedenen Gruppen – etwa den Kommunisten und Sozialdemokraten, den Eisenbahnern oder Zeugen Jehovas – detaillierte Kapitel. Herzstück dieser Kapitel sind die teils sehr ausführlichen Biographien der im Widerstand aktiven Göttinger.

 

Stein und Abschlussbericht sind Teil eines Konzeptes der Erinnerungskultur an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Göttingen.

Im Interview: Rainer Driever

Rund zweieinhalb Jahre hat der Göttinger Historiker Rainer Driever an dem Projekt „Widerstand in Göttingen“ gearbeitet. Im Interview spricht er über die Eigenheiten des Göttinger Widerstandes und die Wichtigkeit des Erinnerns.

Sie haben sich zweieinhalb Jahre lang mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Göttingen befasst. Warum gerade jetzt?

Es war an der Zeit, die Thematik für Göttingen aufzuarbeiten. Die Arbeit geht auf zwei politische Anträge im Rat der Stadt zurück. Zum einen wollten die Fraktion der Linken eine Gedenktafel für den Kommunisten und von den Nationalsozialisten verfolgten Gustav Kuhn und zum anderen gab es einen Antrag der SPD zur „Erinnerungskultur an die nationalsozialistische Gewaltherrschaft“.

SK-Jugend vor 1933, Gruppenfoto im Stadtpark.

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Welche Forschungen dazu gab es bereits? 

Es gab zuvor zu dem Thema nur einen Überblick von dem Mitarbeiter des Städtischen Museums Rainer Rohrbach von 1999. Wichtig war auch Cordula Tollmiens Dissertation zum Nationalsozialismus in der Stadt Göttingen von 1995 und Günther Siedbürgers Arbeit zum Göttinger Eisenbahner. Auch die Göttinger Antifa hat eine Broschüre mit Biografien aus dem Göttinger Widerstand erarbeitet.

 

Gab es noch Zeitzeugen aus der Zeit?

Nein. Höchstens Zeitzeugen aus zweiter Hand. Also etwa Kinder von Menschen, die in den Widerstand involviert waren. Bei denen etwa auch die Erzählungen über den Widerstand zur Familientradition gehörten.

 

Wie lässt sich der damalige Widerstand in Göttingen charakterisieren?

Hier muss man unterscheiden zwischen dem organisierten Widerstand von Parteien und Gruppen und dem spontanen und individuellen Widerstand. Für Göttingen ist charakteristisch, dass es hier für den Widerstand schwierig war, Strukturen aufzubauen und auch zu halten. Es gab in Göttingen aber keine spektakuläre Großaktion. Es war oft eher eine Form der Selbstbehauptung, um zu zeigen: "Wir sind noch da". 

 

Worum ging es dem Göttinger Widerstand?

Es ging darum, Informationen zu verbreiten, an die man sonst nicht gekommen wäre. Die nicht anders hätten verbreitet werden können. Also Infos, die nicht aus dem Informationsmonopol der Nationalsozialisten stammten.  Gleichzeitig wurden Informationen aus dem Reich nach draußen geschmuggelt, während des Krieges etwa Schäden an deutscher Infrastruktur durch alliierte Luftangriffe.

 

Welche Widerstandsgruppen gab es in Göttingen?

Da ist als erstes die KPD zu nennen, deren Mitglieder zu den üblichen Verdächtigen gehörten. Eine andere Gruppe waren die Zeugen Jehovas, die sehr gute Verbindungen in die Region unterhielten. Sie verteilten Flugschriften in der Öffentlichkeit, in denen etwa Hitler als Satan dargestellt worden war. Dann gab es den in Göttingen gegründeten Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK). Auch die Eisenbahner leisteten Widerstand. Es gab eine enge Zusammenarbeit zwischen dem ISK und der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF).

 

Wie sah diese Zusammenarbeit aus?

Die ITF organisierte den Schmuggel über Landesgrenzen, auch den von Informationen. So kamen etwa die Schriften des ISK aus dem Ausland nach Deutschland. Auch Geld kam aus dem Ausland.

Welche Konsequenzen hatte der Widerstand für die Beteiligten?

Verglichen mit den späteren Jahren waren die Haftstrafen zu Beginn relativ gering, wenngleich zweieinhalb oder drei Jahre Haft für das Verteilen von Flugblättern oder das Hören von ausländischen Radiosendern sehr viel ist. Haftstrafen für KPD- und ISK-Mitglieder waren klare Disziplinierungsmaßnahmen. Später radikalisiert sich die NS-Justiz, dramatisch wird es mit Kriegsbeginn. Die Einzelschicksale hinter den Inhaftierten sind oft sehr dramatisch. In Göttingen gab es zwei bis drei Todesfälle, bei denen die Häftlinge an Entkräftung oder harter Arbeit gestorben sind. Für viele, die wegen Hochverrats eine Gefängnisstrafe abgesessen hatten, war die Haft nicht zu Ende. Für viele folgte eine Schutzhaft in Konzentrationslagern. Aus dieser Haft entstandene Entschädigungsansprüche in den 1950er Jahren haben dann etwa bei Kommunisten in der Bundesrepublik nicht besonders gut funktioniert. Sie wurden als unwürdig angesehen.

Beim Widerstand gegen den Nationalsozialismus sind die Widerstandsgruppen des 20. Juli und der Weißen Rose die bekanntesten. Sie nennen das "erinnerungskulturelle Großerzählungen". Was meinen Sie damit?

Ich will die Leitung der Weißen Rose nicht schmälern, aber sie unterscheidet sich  in ihrem Tun nicht von anderen Widerstandsgruppen. Aber sie waren christlich-humanitär und nicht an eine politische Partei gebunden. Das passte gut in das Klima der Nachkriegszeit. So hat es in Deutschland schon früh eine Rückbesinnung auf die Weiße Rose gegeben. Und die Mitglieder der Weißen Rose taugen zur Ikonographie: Sie waren jung, sie wurden hingerichtet, und sie haben Tagebücher hinterlassen.

Und die Widerstandsgruppen des 20. Juli?

Die Gruppe galt noch Anfang der 1950er Jahre als Verräter. Das änderte sich nur langsam, auch mit der Errichtung des Gedenksteins im Bendler-Block. Die Gruppe sollte zeigen, dass es in Nazi-Deutschland noch etwas anderes gab als Hitler und seine Schergen. Erst Ende der 1970er, Anfang der 80er beginnt in der deutschen Wohlstandsgesellschaft die "Geschichte von unten". Ab diesem Zeitpunkt befassen sich etwa Stadtteilgruppen kleinteilig mit dem Widerstand gegen das NS-Regime.

Wieso ist es wichtig, sich mit dem Widerstand zu beschäftigen?

Weil es uns lehrt, unsere heutige Freiheit, insbesondere die Informationsfreiheit, zu würdigen. Diese sollten wir nutzen und alles tun, sie zu erhalten. Gleichzeitig sollten wir die Biografien der Menschen im Widerstand würdigen und sie nicht dem Vergessen übergeben. Es geht um den Respekt und darum, wie wir die Menschen würdigen. Erinnern funktioniert am besten über Biografien. Diese Geschichten sind sehr anrührend.

Fotos und Infos gesucht

Der Historiker Rainer Diever will seine Forschungen zum Göttinger Widerstand fortsetzen: "Weitere Informationen zu auf Fotos abgebildeten Personen oder Akteuren des Widerstands sind willkommen, ebenso zusätzliches Dokumenten- oder Bildmaterial", sagt er. Per E-Mail unter  widerstand-in-goettingen@gmx.de zu erreichen.

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