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Die mit dem Waldrapp fliegt

Thema des Tages Die mit dem Waldrapp fliegt

Mehr als 350 Jahre lang war der Waldrapp in Deutschland ausgestorben. Die Duderstädterin Anne Schmalstieg trägt dazu bei, dass die seltene Ibisart wieder im Alpenraum heimisch wird. Als Ziehmutter und Flugbegleiterin zeigt die 27-Jährige  Jungvögeln  den Weg über die Alpen ins Winterquartier.

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Quelle: Schmalstieg/Fritz/Esterer

Duderstadt. Den kennen die Tiere aus Aufzuchtprojekten nämlich nicht mehr.  Weltweit gibt es nur noch eine dreistellige Anzahl an Exemplaren, als freilebender Zugvogel ist der Waldrapp nur einen Flügelschlag vom Aussterben entfernt. Um die Wiederansiedlung kümmert sich der österreichische Förderverein Waldrappteam, seit 2014 als institutionalisiertes EU-Projekt mit acht Partnern aus Österreich, Deutschland und Italien. Nicht mehr an Bord ist die Heinz-Sielmann-Stiftung, die das Projekt ebenfalls unterstützt hat.
Über die Sielmann-Stiftung ist auch Schmalstieg auf den Waldrapp gekommen. Dort hat sie nach dem Abi am Eichsfeldgymnasium und einigen Monaten Farmarbeit bei  ihrer  ehemaligen Gastfamilie in Kalifornien ein FJÖ (Freiwilliges Ökologisches Jahr) absolviert. „Den Film ,Amy und die Wildgänse‘ habe ich schon als Kind geliebt, hätte es aber nie für möglich gehalten, dass es so etwas tatsächlich gibt“, sagt die junge Frau: „In das Waldrapp-Projekt habe ich mich sofort verliebt und darauf hingearbeitet, daran mitzuwirken.“ In Osnabrück studierte Schmalstieg Landschaftsentwicklung, schloss das Studium mit einer Bachelorarbeit über Biodiversität und den Waldrapp als Kulturfolger ab. Aus einem Praktikum bei Projektmanager Dr. Johannes Fritz, der bei der Sielmann-Stiftung auf Gut Herbigshagen einen Multimedia-Vortrag über die Wiederkehr des Waldrapps in Europa hielt, wurde ein fester Job als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Seit 2014 ist die Duderstädterin als Vogel-Ziehmutter im Leitungsteam verwurzelt, hat im Herbst zum dritten Mal mit ihren Zöglingen die Alpen überflogen.

„Es ist ein einmaliges Gefühl, im Flug die Vögel anzufassen und von ihnen gegrüßt zu werden.“  
<em>Anne Schmalstieg, Waldrapp-Ziehmutter</em>

Die „menschengeleitete Migration“, die nichts mit Schleuserbanden zu tun hat, steht im Mittelpunkt des Projektes. „Der Waldrapp ist eigentlich ein Zugvogel“, sagt Schmalstieg, die zwei ältere Brüder hat und sich selbst scherzhaft  als „Nesthäkchen mit Zugdrang“ bezeichnet: „Durch seine Ausrottung ist aber die Flugtradition verloren gegangen. Die Jungvögel haben noch Zugdrang, wissen aber nicht mehr wohin.“ Auf den rechten Weg gebracht werden sie deshalb von menschlichen Zieheltern. Dafür ist viel Vorarbeit erforderlich. Von April bis Anfang Oktober hat sich Schmalstieg ganz den kontaktfreudigen Vögeln und ihrer sozialen Prägung verschrieben. Die Küken aus Zoohaltung päppelt sie mit der Hand auf, trainiert ihnen Futterrufe an und spuckt ihnen sogar ins Futter – wegen Vorverdauungsenzymen. Drei Wochen lang muss sie deshalb auf Alkohol, Nikotin, Medikamente und Kaffee verzichten: „Schlimm ist nur der Kaffee, weil man sehr früh raus muss“, sagt Schmalstieg: „Die ersten Wochen haben die Zieheltern immer Augenringe.“

Nicht weníger anstrengend wird es, wenn die Ibisvögel nach 40 bis 45 Tagen flügge werden. Dann folgt der Umzug ins Trainingscamp. Die Ziehmutter schläft im Wohnwagen, verbringt ihre Tage von morgens bis abends in einer großen Voliere. Dort zuppeln die neugierigen Jungvögel intensiv an ihrer Ziehmutter herum – von den Zähnen bis zu den Zehen. Über Wochen hinweg werden Trainingsflüge absolviert und immer weiter ausgedehnt. Bereits im Nestlingsalter bekommen die Vögel Fluggeräusche vorgespielt, um sich an den Ultraleichtflieger zu gewöhnen. Ab Mitte August folgt die „menschengeleitete Migration“ in Richtung Süden. In diesem Jahr starteten die Motorschirm-Trikes bei Salzburg, im kommenden Jahr sollen sie in Überlingen am Bodensee losfliegen. Seit vergangenem Jahr verfügt das Team über zwei Fluggeräte, weil die Zahl der Vögel gestiegen ist.

Petition gegen illegale Abschüsse

Felsenbrüter vor der Flinte: Der Waldrapp (Geronticus eremita) ist eine gänsegroße Ibisart und zählt zu den weltweit am stärksten bedrohten Vogelarten. In Mitteleuropa war der Waldrapp seit dem 17. Jahrhundert aufgrund intensiver Bejagung ausgestorben. Die Jagd beeinträchtigt auch heute wieder das von der EU geförderte Wiederansiedlungsprogramm. Das Waldrappteam hat deshalb eine internationale Petition gegen die illegale Jagd auf Waldrappe und andere geschützte Vogelarten in Italien gestartet. Vom Europäischen Parlament wird die Umsetzung konkreter Maßnahmen gefördert, um Abschüsse der in Kolonien lebenden Felsenbrüter zu verhindern.

Steil hinauf geht es für Schmalstieg, wenn sie in dem motorisierten Doppelsitzer mit Para-Schirm hinter dem Piloten Platz nimmt. Trotz nur fünf bis sechs Flugtagen dauert die Alpenüberquerung mit Ziel Toskana je nach Wetterverlauf mehrere Wochen. Nach jedem Flugtag seien einige Tage Pause nötig, berichtet Schmalstieg. Sonst wäre es zu anstrengend für die Jungvögel. Von der Flugformation bis zur Flügelfrequenz und dem Energiehaushalt wird alles dokumentiert. Nach Zwischenlandungen auf kleinen Flugplätzen baut ein Bodenteam dort Volieren zum Übernachten auf. Flugangst hat Schmalstieg nur einmal bei Windböen über den Dolomiten bekommen. Ansonsten überwiegt die Freude: „Es ist ein einmaliges Gefühl, im Flug die Vögel anzufassen und von ihnen gegrüßt zu werden. Die Waldrappe fliegen im Pulk um den Flieger herum oder integrieren ihn in ihre V-Formation.“
Endziel der Reise ist ein Schutzgebiet in der Toskana. Dort bleiben die menschlichen Begleiter noch für eine Eingewöhnungsphase, bevor sie Abschied nehmen. Die Vögel lernen in dem Wintergebiet, selbstständig Futter zu suchen und sich anderen Waldrappen anzuschließen. Bis zur Geschlechtsreife bleiben sie drei Jahre lang in der Toskana, sagt Schmalstieg. Wenn sie dann im Frühjahr zu ihrer Aufzuchtstation zurückfliegen, müssen sie nicht mehr begleitet werden. Anschließend werden die Felsbrüter auf Brutgebiete verteilt, ihr eigener Nachwuchs folgt den Eltern beim Vogelzug.
Inzwischen habe es elf begleitete Flüge gegeben, sie selbst habe 63 Vögel großgezogen, berichtet die 27-Jährige. Zurzeit gebe es 95 Projektvögel, Ziel bis 2019 seien 120 Tiere. Dann könnten die von Menschen begleiteten Flüge eingestellt oder reduziert werden. Erhebliche Verluste gibt es immer wieder durch die illegale Vogeljagd in Italien. „Im September haben wir wieder drei Vögel dadurch verloren, nachvollziehbar durch GPS-Sender“, beklagt Schmalstieg, die sich auch schon mit Jägern angelegt hat: „Wir haben jetzt einen Präzedenzfall erwirkt, in dem ein Jäger schuldig gesprochen wurde.“
Bereut hat die Duderstädterin ihren ungewöhnlichen Job noch nie, obwohl man „auf vieles verzichten muss“. Von April bis August drehe sich alles um die Vögel, von frühmorgens bis zum späten Abend. Auch einen Sonnenstich hat Schmalstieg bei ihrer Arbeit im Freien schon davongetragen. Und gelernt, wieder „den Luxus fließenden Wassers zu schätzen“.

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Der Wochenrückblick vom 26. November bis 2. Dezember 2016