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„Ich war mir nicht sicher, ob ich das schaffe“

Kinder zur Pflege „Ich war mir nicht sicher, ob ich das schaffe“

Kinder zur Pflege: Christine und Stefan haben vor neun Jahren die Geschwister Maria und Leon bei sich zuhause aufgenommen. Jetzt berichten Sie aus Ihrem Alltag.

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Auf dem Weg in ein normales Familienleben: Claudia Schmitz-Hertzberg im Gespräch berät Pflegeeltern beim Pflegekinderdienst der Stadt.

Quelle: Wenzel

Göttingen. Von Katrin Westphal

„Ich war mir nicht sicher, ob ich das schaffe“, sagt Christine (alle Namen von der Redaktion geändert). Sie sitzt nachdenklich auf einem Stuhl im Beratungsraum vom Pflegekinderdienst der Stadt Göttingen. Dort hat sie zum ersten Mal ihre Pflegekinder Maria und Leon gesehen. Das war vor neun Jahren. Jetzt leben sie ein normales Familienleben.

Ein und drei Jahre waren die Geschwister alt, als sie zu ihren Pflegeeltern kamen, jetzt sind sie zehn und zwölf. „Den Moment, an dem die Tür aufging und ich die beiden zum ersten Mal gesehen habe, werde ich nie vergessen“, erzählt Pflegevater Stefan.

Die Geschwister lebten sich sofort ein, sagten plötzlich „Mama“ und „Papa“ zu den Pflegeeltern und fühlten sich schnell wohl. Doch Maria und Leon waren traumatisiert, hatten Ess- und Sprachstörungen. Während der ersten Monate schrie das Mädchen nachts. Mit der Zeit wurde vieles einfacher. Maria und Leon sind sehr kreativ und sportlich, entsprechend gestalten die Pflegeeltern den Alltag. Die Geschwister fahren Ski, schwimmen, klettern, spielen Handball, Maria macht außerdem Ballett. Leon spielt Trompete, Maria lernt Flöte und Klavier.

Doch durch die frühzeitige Traumatisierung haben beide Kinder schulische Probleme wie Dyskalkulie, Legasthenie oder Anstrengungsverweigerung aus Angst vor Versagen. „Da muss man sich von Anfang an drauf einstellen“, sagt Stefan. Es käme darauf an, „die Begrenzung der Kinder zu akzeptieren und sie trotzdem zu fördern“, erklärt der Pflegevater. Außerdem dürfe man nicht seine eigenen Wünsche auf die Kinder projizieren. Auch nicht die eigene Biografie.

Der Kontakt zu den leiblichen Eltern ist inzwischen unkompliziert. Doch das brauchte Zeit und viel Verständnis. „Mit den Menschen zu tun zu haben, die einem die Kinder weggenommen haben – da habe ich Hochachtung“, sagt Stefan. Doch Maria und Leon waren damals dramatisch unterversorgt und bereits zweimal in Bereitschaftspflegefamilien untergebracht, bis das Familiengericht den leiblichen Eltern Sorgerecht und Aufenthaltsbestimmungsrecht entzog und beides dem Jugendamt übertrug.

Die ersten Treffen waren nicht einfach, die leiblichen Eltern reagierten wütend. „Doch jetzt lächelt er“, sagt Christine über den Vater. Sie treffen sie sich alle drei Monate. Maria und Leon tut das gut: „Sie gehen sehr klar damit um“, erzählt Christine. „Sie fühlen sich auch ihrer Herkunftsfamilie zugehörig und wissen, wem sie ähnlich sehen.“
Christine und Stefan bereuen nicht, diesen Weg gegangen zu sein. „Wir profitieren von diesen Kindern und lieben sie, als wären sie unsere eigenen“, sagt Christine. Die Pflegeeltern konnten keine eigenen Kinder bekommen. Stefan findet es allerdings traurig, dass den beiden Geschwistern durch ihre frühkindlichen Erfahrungen auch zukünftig viele Türen verschlossen bleiben. 

200 Pflegekinder im Landkreis

Etwa 200 Kinder sind im Landkreis Göttingen aktuell in Pflegefamilien untergebracht. Sie können meist durch äußere Umstände wie Todesfälle, Erkrankungen, Trennung oder wirtschaftliche Notsituationen nicht von ihren leiblichen Eltern versorgt werden. „Der Bedarf an Familien und Paaren, die junge Menschen unterstützen und aufnehmen wollen, ist aber wesentlich größer“, heißt in einer aktuellen Mitteilung des Landkreises Göttingen.

Auf der langen Liste der Bedingungen, die Pflegeeltern erfüllen sollten, steht Freude am Umgang mit Kindern an erster Stelle. Zudem sollte eine stabile familiäre Beziehung, Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen vorhanden sein. Sie sollten körperlich und seelisch belastbar sein, über ausreichend Wohnraum verfügen und bereit sein, Kontakt zur Herkunftsfamilie und dem Pflegekinderdienst des Landkreises zu halten.

Interessierte können Kontakt zum Landkreis herstellen über Tanja Kux, Telefon 05 51 / 5 25 29 25 oder Mail kux@landkreisgoettingen.de

„Damit das Kind eine Chance hat“

„Wir suchen Eltern für Kinder“, sagt Claudia Schmitz-Hertzberg vom Pflegekinderdienst der Stadt Göttingen. Der gehört zum Fachbereich Jugend und Besondere Dienste. Das vierköpfige Team führt Pflegeeltern mit Pflegekindern zusammen und begleitet die Pflege- und Herkunftsfamilien.

Fachbereich Jugend und Besondere Dienste: (v.l.) C. Hallming, C. Schmitz-Hertzberg, C. Schnorrenberg, D. Soltwedel, M. Grote.

Quelle: Pförtner

„Unsere Kunst muss es sein, alle Beteiligten in Harmonie zu verbinden. Dann kann ein Pflegeverhältnis gelingen“, erklärt Schmitz-Hertzberg. Nach einem Informationsgespräch folgen Biografiegespräche. Dabei soll herausgefunden werden, welches Kind zu welcher Pflegefamilie passt. An Gruppenabenden werden die angehenden Pflegeeltern auf ihre neue Rolle vorbereitet.
Erst nach einem Hausbesuch und einem Abschlussgespräch müssen sich die angehenden Pflegeeltern entscheiden, ob sie ein Pflegekind aufnehmen wollen. Ob sie verheiratet sind oder nicht, eine gleichgeschlechtliche Beziehung führen oder alleinstehend sind, spielt dabei keine Rolle.

Es gibt unterschiedliche Pflegeformen: Während bei der Bereitschaftspflege die Kinder nur für einen bestimmten Zeitraum betreut werden, bietet die Dauerpflege die Perspektive, dass das Kind bei den Pflegeeltern aufwachsen kann. Wenn die Pflege nur vorübergehend geplant ist, weil das Jugendamt von einer Stabilisierung der leiblichen Eltern ausgeht, wird das Kind von Bereitschaftspflegeeltern betreut, die darauf spezialisiert sind. Auch die leiblichen Eltern werden in dieser Zeit unterstützt. Doch letztendlich gehe es immer um die Kleinen: „Damit das Kind eine Chance hat“, sagt Schmitz-Hertzberg.

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