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Im Galopp ins Glück

David Hanke hat Trisomie 21 – und der 14-Jährige liebt Pferde Im Galopp ins Glück

Trisomie 21 heißt eine Gen-Mutation, bei dem das 21. Gen des Menschen (oder Teile davon) dreifach vorhanden sind. Das Syndrom ist auch unter dem Namen „Down“ bekannt. Passend zur Trisomie 21 ist der 21. 03. der weltweite Tag des Down-Syndroms. Ziel ist es, die Menschen, die Trisomie 21 haben, „sichtbar zu machen“, sagt Harald Wolff vom Göttinger Arbeitskreis Down-Syndrom.

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Freude am Reiten: David auf seinem Peppi.

Quelle: Harald Wenzel

Niedernjesa /Göttingen. David ist ein wenig aufgekratzt. Gleich darf er Peppi den Haltegurt anlegen. Erst einmal aber steht das Striegeln des Schimmels an. Bürsten, satteln, David weiß genau, wie das alles geht. Der 14-Jährige freut sich auf seine Reitstunde. David hat das Down-Syndrom.

Ein bisschen hibbelig ist er schon, der junge Reitschüler. Er kann es kaum erwarten, endlich auf Peppis Rücken zu steigen. „Er liebt Pferde“, sagt Claudia Hanke. Sie ist Davids Mutter. Dann geht es auch schon los. Wiebke Mecke, Reittherapeutin auf dem Hof des Reitvereins St. Martini in Niedernjesa, nimmt das Pferd an den Führzügel, dann geht es in die Feldmark. „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“, heißt ein Sprichwort - David strahlt und umarmt Peppi immer wieder.

Der Schüler besucht die 8.Klasse der Schule am Tannenberg in Göttingen. Hanke hat diese Schule gewählt, weil ihr Sohn dort bis 15.30 Uhr betreut wird. Sie zieht ihren Sohn allein auf, die Agraringenieurin ist berufstätig.

„David kann lesen und schreiben, seine Begabung liegt aber eher im sportlichen Bereich“, sagt Hanke. Mit Begeisterung verteidigt David denn auch seinen Lieblings-Fußballverein Borussia Dortmund.

Nach etwa 20 Minuten kehrt die kleine Reitgruppe zurück. „Es ist zu kalt“, sagt David. Er möchte in der Halle weiterreiten. Dort wird getrabt und galoppiert, der junge Reiter freut sich. Und er lässt sich gerne ablenken - für ein Lob aus der Zuschauerbank ist er immer zu haben. „Und jetzt bekomme ich doch auch eine Belohnung“, fragt er seine Mutter nach der Reitstunde. Eine Flasche Fanta, so verrät sie lachend, könne da einiges bewirken.

Ein Kind mit Trisomie 21, das mache genau so viel Freude - oder auch Ärger - wie jedes andere Kind auch, sagt Hanke. Wenn David lacht und aus vollem Herzen „Reiten mach Spaß“ sagt, glaubt man der Mutter sofort. Natürlich brauche ein Down-Kind mehr Betreuung. Als kleines Kind sei er gerne mal weg gelaufen. „Man muss immer ein Auge auf ihn haben“, sagt seine Mutter. David liebt Sport, Star Wars und Musik. Die Wise Guys beispielsweise. Oder Bravo-Hits. Wie andere Teenager auch.

Down-Kinder sind manchmal anders als andere Kinder, manchmal nicht. Down-Syndrom ist nicht gleich Down-Syndrom. „Es gibt Kinder, die können schon in der ersten Klasse lesen und schreiben, welche, die das Abitur machen oder studieren“, sagt Hanke. Sie hofft, dass David einen Schulabschluss schafft. „Spätestens im Alter von 20 Jahren soll er ausziehen“, sagt seine Mutter. Ihr Ziel ist es, dass ihr Kind „so normal wie möglich“ leben kann.

Hanke engagiert sich seit Jahren in der Göttinger Selbsthilfegruppe. „Wenn Eltern nach der Geburt erfahren, dass ihr Kind Trisomie 21 hat, ist das zunächst einmal ein großer Schock“, sagt sie. Für sie ist es eine Herzensangelegenheit, den Betroffenen mit Rat und Tat zu Seite zur stehen. Hanke selbst hat zunächst berufsbedingt am Harzrand gelebt. Als David auf die Welt kam, hat sie aufgehört zu arbeiten. „David hat einen Herzfehler“, sagt sie. Im Alter von sechs Monaten wurde er in der Göttinger Uniklinik erfolgreich operiert. „Heute merkt man ihm das kaum noch an“, sagt seine Mutter. David sollte einen Waldorf-Kindergarten besuchen. Hanke bekam in Göttingen sofort einen Platz für ihr Kind und zog um. Schon damals half auch ihr die Gruppe.

Diskriminierungen im Alltag haben die Hankes bereits erlebt. „Die Menschen gucken schon oft komisch“, sagt sie. Und wenn jemand frage, ob sie “das denn nicht vorher gewusst“ habe, sei das schon befremdlich.

Bei der Bewältigung des Alltags helfe Mutter und Sohn die Routine. „Mit unerwarteten Situationen und fremden Menschenmengen kommt David nicht gut klar“, sagt seine Mutter. Wie genau die Zukunft ihres Sohnes aussehen soll, steht noch nicht fest. Nur eines ist sicher: „Er soll glücklich sein“, sagt sie.

Erfahrungen an andere Eltern weitergeben

„So normal leben wie möglich“ lautet das Motto des Göttinger Arbeitskreises Down-Syndrom. Seit etwa 20 Jahren besteht diese Selbsthilfegruppe, in der sich rund 30 Familien austauschen.
„Viele Eltern machen nach der Geburt des Kindes die Erfahrung, nicht ausreichend oder kompetent informiert zu werden“, sagt Harald Wolff vom Arbeitskreis. Obwohl sich in den vergangenen Jahrzehnten viel zum Positiven verändert habe, sei das Bild, das in der Gesellschaft vorherrscht, immer noch „deutlich negativ“ gefärbt. Fast alle Eltern, die vor der Geburt von einer Trisomie 21 bei ihrem Baby erfahren, entschieden sich gegen das Kind, so Wolff.  Für die Betroffenen sei es daher hilfreich, bei anderen Eltern zu sehen, wie normal und bereichernd das Leben mit einem Kind mit Down-Syndrom sein kann. „Diese Erfahrungen wollen die Eltern des Arbeitskreises weitergeben“, so Wolff.

Er selbst ist Vater einer einjährigen Tocher, hat sich ganz bewusst für die kleine Greta entschieden. Viele Ängste und Sorgen konnten die Mitglieder der Down-Gruppe ihm und seiner Frau nehmen. Einmal im Monat treffen sich Eltern mit ihren Kindern zum Spielen, Kaffeetrinken und Informationsaustausch. Von einem Jahr bis hin zum Erwachsenenalter reicht die Bandbreite der Trisomie-Kinder. Zusätzlich organisiert die Gruppe einmal im Monat einen Elternstammtisch, wo es um Erfahrungsaustausch, Rat und Hilfe bei aktuellen Fragen geht. „Welche Therapeuten helfen den Kindern, welche Therapien sind sinnvoll, welche Ärzte haben Erfahrung mit der Diagnose Down-Syndrom?“, nennt Wolff als Beispiele. 

Natürlich gehe es auch um das Leben und den Alltag mit einem „besonderen Kind“. Integration sei ebenfalls ein wichtiges Thema. „In Göttingen ist die Versorgung mit integrativen Krippen- oder Kitaplätzen gut“, sagt Wolff. Je weiter weg von der Geburt, desto schwieriger werde es aber, die Kinder bestmöglich zu fördern. „Jedes Down-Kind profitiert ungemein vom Besuch einer Regelschule“, sagt der Vater. Auch eine passende Berufsausbildung oder Beschäftigung, möglicherweise im ersten Arbeitsmarkt, zu finden, sei schwer. Wichtig sei den Mitgliedern, sich gegenseitig zu unterstützen und in schwierigen Phasen füreinander da zu sein.

„Es tut jedem gut zu wissen, ich bin nicht allein“, sagt Wolff. Der Tag des Down-Syndroms am 21. März sei wichtig, um die Trisomie 21 in die Öffentlichkeit zu bringen. „Wir wollen die Menschen in der Gesellschaft sichtbar machen“, sagt er.  Ein weiteres Anliegen der Selbsthilfegruppe ist es auch, Informationen für Eltern schon beim Arzt bereitzustellen. „Flyer von uns sollten in den entsprechenden Arztpraxen zur Verfügung stehen“, sagt Claudia Hanke. Gerne liefern die Mitglieder Informationsmaterial zum Auslegen aus.

Arbeitskreis Down-Syndrom Göttingen, Ulrike Cherouny, Telefon 0551/ 488 5996

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