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Im Trikot in die Kneipe: Nicht erwünscht

Thema des Tages Im Trikot in die Kneipe: Nicht erwünscht

Die Tochter musste das Göttinger Lokal verlassen, nur weil sie ein Deutschland-Trikot trug: Im Anschluss an das erste Deutschland-Spiel am Sonntag hatte eine Mutter in einem Facebook-Beitrag darauf aufmerksam gemacht. Der Post und die darauf folgenden Kommentare wurden gelöscht. Dennoch diskutieren viele Göttinger über das Thema.

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Siegesfeier in der Lokhalle.

Quelle: Wenzel

Göttingen. Die Tochter musste das Göttinger Lokal verlassen, nur weil sie ein Deutschland-Trikot trug: Im Anschluss an das erste  Deutschland-Spiel am Sonntag hatte eine Mutter in einem Facebook-Beitrag darauf aufmerksam gemacht. Der Post und die darauf folgenden Kommentare wurden gelöscht. Dennoch diskutieren viele Göttinger über das Thema.

Auch die Jugendorganisation der Grünen hatte bundesweit dazu aufgerufen, auf Fahnen bei der Fußball-Europameisterschaft zu verzichten. Die Grünen-Organisation hatte über soziale Medien erklärt „Patriotismus=Nationalismus. Fußballfans Fahnen runter!“Die Grüne Jugend Göttingen stehe prinzipiell hinter dieser Forderung. „Man muss aber differenzieren“, so ein Mitglied. Verbieten könne man die Fahnen natürlich nicht, aber man solle den Fußball und nicht den Patriotismus feiern.

Ist das Mädchen, das in ihrem Trikot das Café verlassen sollte, ein Einzelfall? „Bei uns wird niemand weggeschickt, weil er ein Deutschland-Trikot anhat“, stellt Dots-Geschäftsführer Hendrick Oberwinter klar. Entsprechend gekleidete Gäste werden aber gebeten, etwas überzuziehen. Grund: „Wir wollen ganz entspannt im Hof in netter Atmosphäre die Spiele zeigen. Ohne Fanblöcke, Fahnen und Trikots. Dabei geht es nicht um eine Weltverschwörung, die Deutschland zerstören soll, denn für Trikots und Symbole anderer Länder gilt ebenso, dass sie nicht gern gesehen sind.“

„Vereinsfußball ist etwas ganz anderes“

Göttingen. Die Fußballfans der „Supporters Crew 05“ setzen sich gegen Rassismus und Homophobie im Fußball ein und wurden dafür bereits mehrfach ausgezeichnet. Gehören Nationalsymbole für die Göttinger Fußballfans zur EM dazu? „Mir persönlich ist das identitäre Konstrukt Nation fremd, daher kann ich wenig mit Deutschland-Trikots und -Fahnen anfangen.

Über diesen Party-Patriotismus kann ich alle zwei Jahre immer wieder innerlich nur den Kopf schütteln“, sagt Supporter Philipp Rösener. Nur folgerichtig, dass ihm und die kontinentalen Titelkämpfe „total egal“ seien. Sein 05-Trikot zieht Rösener dagegen gerne an. „Vereinsfußball ist etwas ganz anderes, weil man als Teil des Klubs an dessen Entwicklung mitwirken kann.“  fab

Die Reaktionen der Gäste der Bar im Börnerviertel seien überwiegend verständnisvoll gewesen. „Von zehn Betroffenen beim Ukraine-Spiel haben sechs etwas übergezogen, und vier sind gegangen, ohne Theater zu machen“, so Oberwinter, der den Dresscode nicht so hoch hängen möchte: „Ins Savoy kommst du auch nicht in Jogginghose.“

Dots-Mitbetreiberin Marie Kollenrott, zugleich Vorstandssprecherin des Kreisverbands der Grünen, geht einen Schritt weiter. „Bei uns soll sich kein Gast durch nationale Symbole angegriffen und bedroht fühlen. Im Sinne der Nachbarschaft mit ausländischen Mitbürgern verzichten wir auf die Zuspitzung auf Nationalitäten“, sagt Kollenrott. Trage jemand aber beispielsweise ein Armband in Nationalfarben, sei dies kein Problem. Es gebe schließlich kein dogmatisches Verbot. Kollenrott aber meint, dass mit Trikots und Fahnen ausgestattete Fans besonders häufig ein nationalistisch unterstützendes Gebahren an den Tag legen, das oft „Hand in Hand mit Rassismus“ gehe. „Dagegen wollen wir ein Zeichen setzen.“

Trittin: „Nationalisten nicht das Fußball-(feld) überlassen“

Göttingen. Das sagen die Göttinger Bundestagspolitiker: Thomas Oppermann (SPD) hält die Forderung der Grünen Jugend für „total deplatziert“. Fans dürften sich privat und auch öffentlich dazu bekennen, Fans zu sein. Er bescheinigt der Grünen Jugend, in der Schule nicht aufgepasst zu haben. „Schwarz-Rot-Gold ist kein Symbol für Nationalismus, sondern steht für Freiheit und Demokratie. Darauf können wir stolz sein.“ Nationalismus und Gewalt, Ausgrenzung und Feindschaft sollten allerdings keinen Platz haben. Symbole der  Nation sollte man nicht denen überlassen, „die sie missbrauchen und beschmutzen“. „Auch mit unserer Flagge grenzen wir uns klar vom Nationalsozialismus in Deutschland ab.“

Fritz Güntzler

Quelle: r

Thomas Oppermann

Quelle: r

Für Fritz Güntzler (CDU) geht der Vorschlag der Grünen Jugend „ völlig an der Realität“ vorbei, der zu Recht Unverständnis erzeuge. Er selbst habe das erste Deutschland-Spiel bei der aktuellen EM in der Lokhalle verfolgt, „fast wie alle Fans dort, natürlich im Deutschland-Trikot“. Als Zeichen der Unterstützung und Verbundenheit mit der Nationalmannschaft gehören nach Güntzlers Ansicht schwarz-rot-goldene Fahnen an Balkons und Autos zum Straßenbild. „Fußball verbindet eben - ich finde das sympathisch. Für mich stehen die Farben schwarz-rot-gold für Freiheit und Demokratie“, sagte Güntzler.

Jürgen Trittin

Quelle: Archiv

Jürgen Trittin (Grüne): „Wenn deutsche angebliche Fußballfans in Frankreich im Nationaltrikot mit der Reichskriegsflagge posieren, oder in einem Fahnenmeer auf der Fanmeile in Berlin der Hitlergruß gezeigt wird – dann freu ich mich über jeden, der die deutsche Fahne nur deshalb schwenkt, weil er Fußball liebt und unsere Nationalmannschaft unterstützen will“. Die vielen Hass-Kommentare gegen die Grüne Jugend zeigten aber, dass der Patriotismus vielerorts eben nicht besonders unverkrampft ist. „Gleichzeitig dürfen wir den Rassisten und Nationalisten nicht das (Fußball-)feld überlassen. Wenn Jerome Boateng oder Mesut Özil im Deutschlandtrikot spielen, dann sind sie ein gutes Symbol für ein weltoffenes Deutschland“.  mib

Ähnlich wird das Thema im Salamanca an der Gartenstraße gehandhabt. Ein offizielles Verbot von Nationalsymbolen gibt es im Lokal an der Gartenstraße nicht. Dennoch würde es Geschäftsführerin Henrike Feigenspan einem ins Trikot gehüllten Gast nahelegen, sich umzuziehen oder die Bar zu verlassen. „Wenn ich ihn nicht darauf aufmerksam mache, würden es bestimmt bald andere Gäste tun. Erfahrungsgemäß gibt es nämlich schnell Deutschland-Gegröle, was zu Problemen und unangenehmen Situationen mit unserer Stammklientel führt“, sagt sie. Auch Feigenspan lehnt Nationalismus im Salamanca ab. „Gerade in der aktuellen Situation und im Hinblick auf die AfD finde ich Nationalfarben unangebracht.“ An einem Fußballspiel könne man auch ohne solch ein Trikot Spaß haben. Es sei aber eine schwierige Situation, denn viele Fans im Trikot sind ganz normale, nette Leute.“

„Nationalismus finden wir nicht gut“, sagt auch ein Mitarbeiter des Juzi, der anonym bleiben möchte. Aus seiner Sicht lasse sich Fußball problemlos schauen, ohne vorher ein Trikot überzustreifen. Zu den Fragen, wie im Juzi mit jemandem umgegangen werde, der ein Deutschland-Trikot trägt, und ob Länderspiele generell abzulehnen sind, kann er „nichts sagen“ – darüber müsse erst diskutiert werden. Ähnlich das Café Kabale: „Nationalsymbole sind im gesamten Haus unerwünscht. Über die Begründung muss die Geschäftsführung allerdings noch im Kollektiv diskutieren“, heißt es dort. Ähnlich das „Stilbrvch“ an der Uni: „Ob wir mit dem GT darüber sprechen wollen, müssen wir erst in unserem Plenum klären“, so die schriftliche Antwort.

Von Rupert Fabig und Britta Bielefeld

Kein Platz für Idioten

Kein Platz für Idioten

Mir fehlt die Phantasie, mir vorzustellen, ich könnte in einem Deutschland-Trikot auf einer Fan-Meile oder in einer Kneipe ein EM-Spiel ansehen oder dabei Schwarz-Rot-Gold schwenken. Warum? Meine Sache. Es könnte allerdings passieren, dass aus Anlass der EURO 2016 an meinem "Mini Cooper" (made in Oxford, UK) das St-Georgs-Kreuz weht, in meinem Büro der Union Jack hängt oder ich in der Lokhalle mit "Three Lions on the Shirt" auftauche. Das hat nun wirklich nicht viel mit Patriotismus zu tun und noch weniger mit Nationalismus.

Christoph Oppermann

Quelle: Hinzmann

Die Diskussion ist viel zu kompliziert, als dass sie sich in simple Formeln wie "Patriotismus = Nationalismus" pressen ließe. Und es irrt übrigens, wer glaubt, dass ausnahmslos jede Form von Nationalismus immer zu einem schlechten Ende führen muss. Ohne eine Nationalbewegung , die erst wieder ein Bewusstsein für die ureigene Sprache und eigene gälische Identität geschaffen hat, gäbe es bis heute keine freie Republik Irland. Wie gesagt: Mit simplen Formeln kommen wir nicht weiter.

Vielleicht sollten wir es uns nicht zu schwer machen. Wir haben die Chance auf eine hübsche Fußballparty, die mehrere Wochen dauert. Wenn wir dabei nicht vergessen, dass es noch niemals klug war, Krawallmachern und anderen Idioten die Deutungshoheit über Symbole und Sprache zu überlassen, wenn wir nicht jedes äußere Zeichen zum Anlass für Grundsatzdiskusionen nehmen und ganz simpel die Toleranz walten lassen, die wir selbst erwarten, und den Idioten die Räume dichtmachen, steht dem Fußballfest nichts im Wege. Und ganz ehrlich: Eine Europameisterschaft ohne Nationalmannschaften wäre doch nicht mal der halbe Spaß.

Christoph Oppermann

 

Sie sind anderer Meinung? Dann schreiben Sie mir. E-Mail: c.oppermann@goettinger-tageblatt.de. Twitter: @tooppermann

Stimmen aus dem Netz

❱ „Dummheit und Stolz wachsen auf einem Holz“, schreibt Fionn Pape über Patriotismus im Fußball und zitiert damit ein altes deutsches Sprichwort. Mehr als 50 Kommentare zu der Frage, ob Fahnen und Deutschland-Trikots ein Zeichen für Nationalismus oder einfach völlig in Ordnung sind,  sind auf der Tageblatt-Facebook-Seite zu lesen. Dort schreibt beispielsweise
❱ Maximin Schneidereit: „Diese Frage stellt sich eigentlich nicht! Das ist die Fahne der deutschen Republik! Weder ein Zeichen von Nationalismus noch Patriotismus und schon gar nicht zur EM-Zeit“.
❱ Noch deutlicher wird Klaus Oppermann: „Die Grünen Spinner haben ihr Ziel erreicht. Es wird drüber diskutiert und in ihren Kreisen werden die Urheber noch lange gefeiert. Hätte keiner ein Wort drüber verloren wäre es eine Blamage für die Verfasser geworden. Wir leben in einem freien Land, jeder kann denken was er will. Sogar grüne, linke und rechte Spinner.“
❱ Martin Wittwar schreibt: „Ich benutze das Ding nicht, weil ich Sorge habe, mit den Pegidioten und Wir-sind-das-Volk-Schreiern in einen Topf geworfen zu werden. Und dieses Gefühl ist beileibe nicht den Grünen oder sonst einer etablierten Partei zu zuschreiben. Die Flagge der Bundesrepublik hat einen Makel. Der ist aber nicht in der Vergangenheit zu suchen sondern im Hier und Jetzt.“
❱ Christopher Raabe findet: „Es kommt halt auf den Kontext an – feiernde Fußballfans die sich für die Mannschaft freuen und gemeinsam feiern. Aber Menschen die durch Straßen ziehen und ‚wer Deutschland nicht liebt soll Deutschland verlassen‘ oder ‚wir sind das Volk‘ skandieren und dabei voller Begeisterung die Fahne schwenken sehe ich schon als kritisch.
❱ Simona Engelhardt meint: „Was ist denn so schlecht daran auf sein eigenes Land stolz zu sein und das auch zu zeigen. Nur wer sich selbst liebt kann auch Andere Lieben, das weiß doch jedes Kind.“
❱ Natta Rockwell schreibt: „Ich bin Asiate und trage Schwarz-Rot-Gold mit Stolz. Zuhause ist da, wo dein Herz sich wohl fühlt!“
❱ Karsten Epler meint: „Sie sind nicht nur einfach nur in Ordnung, sie sind die Farben des Landes in dem wir leben! Sie gehören zu Deutschland wie die Kirche zum Papst.“

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