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„Wie aus zwei Leben“

Inge Wettig-Danielmeier feiert ihren 80. Geburtstag „Wie aus zwei Leben“

Inge Wettig-Danielmeier, Kämpferin für die Gleichstellung der Frau und langjährige SPD-Schatzmeisterin, feiert heute ihren 80. Geburtstag. Das Tageblatt-Interview.

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Blickt auf eine bewegte politische Karriere zurück: Inge Wettig-Danielmeier im Tageblatt-Gespräch.

Quelle: Wenzel

Göttingen. Die SPD hat bei den jüngsten Kommunalwahlen in ihrer politischen Heimat gut abgeschnitten. Sie stellt den Landrat im neuen Großkreis, hält die Mehrheit im Kreistag, in dem Sie 1968 bis 1973 auch saßen. Sind Sie zufrieden mit ihrer Partei?

Ich bin natürlich nicht nur zufrieden mit meiner Partei, aber das Wahlergebnis kann sich sehen lassen. Ich war ja immer mittendrin, habe Partei genommen für die eine oder andere Seite. Was die Kreis- oder Kommunalpolitik angeht habe ich mich in letzter Zeit mehr um einzelne Projekte gekümmert. Damals war ich ziemlich engagiert. Und wir hatten ja eine ähnliche Situation. Als ich im Kreistag saß, musste der sich mit der Kreisreform auseinandersetzen. Das war mit unendlichen Kämpfen verbunden. Ich erinnere mich, dass einzelne Abgeordnete die Landtagsfraktion regelrecht erpresst haben. Einer wollte einen Sportplatz für seine Gemeinde, dann erst wollte er zustimmen. Aber damals waren wir nicht allein im Land, überall gab es Zusammenschlüsse, was teilweise zu großen Verwerfungen geführt hat. Dagegen verläuft die Kommunalreform heute wesentlich ruhiger.

Sie waren elf Jahre als Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) Vorkämpferin für die Chancengleichheit. Anschließend 16 Jahre Schatzmeisterin ihrer Partei. In welcher Funktion haben Sie aus heutiger Sicht politisch mehr bewegen können?

Das kann man nicht vergleichen. Das ist wie aus zwei Leben. Mein Kampf für die Gleichstellung der Frau in der Partei und von da ausgehend in der Gesellschaft war mir eine Herzensangelegenheit. Er entzündete sich an den autoritären Strukturen in der Partei und auch des Frauenverbandes in der SPD. Es gab damals keine selbstständige Frauenorganisation. Der Vorstand bestimmte eine Genossin zur Frauen-Frau.

Gerhard Schröder als ständiger politischer Weggefährte.

Quelle: R

Die konnte eine bestimmte Anzahl an Kongressen im Jahr organisieren. Die wurden dann gemacht und gut. 1970 haben wir dagegen den Aufstand geprobt. Ich habe immer wieder gefragt, wie sollen wir glaubhaft die Gleichstellung in die Republik tragen, wenn wir das nicht mal in der Partei hinkriegen. Das war echte Missionsarbeit. Ich erinnere mich, dass nach einem Vortrag bei der Göttinger Delegiertenversammlung ein Vertreter des linken Flügels zu mir kam und sagte: „Der Vortrag war gut, aber ich werde niemals den Abwasch machen. Ich mache keine Hausarbeit.“ So war das. Viele dachten so. Sie hörten mir zu und dachten, lass sie reden. Auf dem Parteitag 1988 in Münster, als wir die Quote und die innerparteiliche Gleichstellung beschließen wollten, hat man mir eine große Niederlage prophezeit.Tatsächlich haben mehr als 80 Prozent für die Quote gestimmt.

Konnte die Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier ähnliche Erfolge verbuchen?

Das war dann eine Tätigkeit, bei der ich sicher nicht weniger zu tun hatte, die aber eigentlich nicht meine Lebensperspektive gewesen war (lacht). Dazu gehörte zum Beispiel die Bautätigkeit in Berlin und in den neuen Bundesländern. Ich habe aber trotzdem Spaß daran gefunden. Mein Vater war Architekt. So war mir die Tätigkeit nicht völlig fremd. Und mit dem Bau des Willy-Brandt-Hauses waren wir die erste Partei in Berlin. Wir bauten ein Haus, in dem auch demokratische Strukturen möglich wurden. Wir bauten zügig und mit geringer Verzögerung, weil wir in dem Winter heftig Bodenfrost hatten.

Da konnte dann auch die SPD nichts gegen machen. Zur Arbeit der Schatzmeisterin gehörte aber der gesamte Umzug nach Berlin. Dazu gehörte auch der Kampf um die Rückgabe der Parteihäuser in der ehemaligen DDR und deren Instandsetzung. Es gehörte dazu die Auseinandersetzungen um das Parteiengesetz. Und es gehörte dazu der Unternehmensbereich. Da die SPD im 19. Jahrhundert verfolgt, sogar verboten wurde, hat sie aus dieser Zeit Häuser und Druckereien für die Parteiarbeit aufgebaut und pflegt sie bis heute.

Sie mussten sich immer wieder gegen Männer-Dominanz behaupten. Sie kamen zum Beispiel 1972 als zweite weibliche Abgeordneten der SPD in den niedersächsichen Landtag. Müssen Frauen in der Politik heute noch kämpfen?

Die schwierigste Zeit hatte ich im Rückblick tatsächlich im Landtag. Die Auseinandersetzungen waren manchmal happig. Aber es gab glücklicherweise  immer eine Truppe, die hielt durch dick und dünn zu mir. Das waren aber nicht viele. Frauen, die einigermaßen aussahen, waren eigentlich immer beliebt. Aber nicht, wenn sie solche Vorstellungen hatten wie wir (lacht). Das hat sich heute schon geändert, und ich glaube, dazu haben wir beigetragen. Ich blicke nicht mit Bitterkeit auf diese Zeit zurück, aber es war im politischen Alltag schon lästig. Heute haben wir mehr als 40 Prozent Frauen in der Bundestagsfraktion. Aber auch die dürfen nicht aufhören, für die Gleichstellung zu kämpfen.

Gerhard Schröder, mit dem Sie gemeinsam die ersten politischen Schritte in Göttingen gemacht haben, wollte Sie 1986 in sein Kabinett holen und soll mehrfach gesagt haben: „Inge wäre eine hervorragende Wissenschaftsministerin geworden.“ Hat sie das nicht gereizt?

Mit Gerhard Schröder hatte ich früh Konflikte. Er wollte damals Ortsvereinsvorsitzender in Göttingen werden, und ich habe ihm gesagt „Gerhard, ich glaube nicht, dass Du das schon kannst.“ Ich habe ihm zugesagt, dass ich nicht gegen ihn aber auch nicht für ihn arbeite. Das hat er mir übel genommen. Schließlich war ich Mitglied in seinem ersten Wahlkampfteam in Niedersachsen. Aber die Wahl ging verloren, Schröder gab u.a. mir die Schuld. Das ist dann aber auch der Grund gewesen, weshalb ich gesagt habe, ich verlasse den Landtag. Ich hätte wirklich gerne weiter Bildungspolitik gemacht. Aber dann habe ich mir gesagt, mit dem wirst Du Dich nie einigen und bin gegangen. Später haben wir uns dann gut verstanden. So ist das manchmal.

Im Bundestag warteten dann ganz andere Herausforderungen auf Sie.

Die Bildungspolitik musste ich ganz hinter mir lassen. Dafür kam ziemlich bald der Paragraph 218 auf die Tagesordnung, um den ich mich kümmern sollte. Ich erinnere mich: Wir haben in Göttingen auf dem Marktplatz eine Unterschriftenaktion gemacht. Was mich sehr berührt hat, es kamen überwiegend ältere Frauen, die sagten: „Wenn ihr das hinbekommt, wäre es großartig. Ihr glaubt ja gar nicht, wie viel leichter unser Leben gewesen wäre.“

Dann habe ich das Thema sehr ernsthaft angefasst, gerade weil der Gegenwind wirklich aus allen Ecken kam. Als kurze Zeit später Alice Schwarzer mit ihrer Aktion „Ich habe abgetrieben“ kam, nahm das Fahrt auf. Mir ging es nie darum, die Zahl der Abtreibungen zu steigern. Ich wollte Frauen die Freiheit geben selbst zu entscheiden. Und schließlich haben wir mit der deutschen Einheit auch eine gute Lösung gefunden, bei der vor allem viel Hilfen bereitgestellt werden, viel Beratung angeboten wird.

Politische Gegner aber auch Parteigenossen beschrieben Sie als anstrengend, unerbittlich, lästig aber im selben Atemzug häufig auch als überzeugend, liebenswert und ermutigend. Welches dieser Adjektive ist völlig falsch?

Das stimmt alles. Es stimmt nur nicht immer zur gleichen Zeit. Ich war für einige sicher eine harte Gegnerin. Aber gleichzeitig war ich nie hart zu denen, die von mir abhängig waren. Ich habe nie Untergebene angeblafft – gestritten habe ich mit Schröder und Müntefering.

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