Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / -3 ° Regenschauer

Navigation:
Jetzt wird das Gleisbett gestopft

Sanierung der ICE-Strecke Jetzt wird das Gleisbett gestopft

Halbzeit bei der Sanierung der Schnellbahnstrecke Hannover-Göttingen-Kassel: Nachdem im Vorfeld die Aufregung und der Ärger auch über die sehr kurzfristige Ankündigung groß war, haben sich die Bahnkunden weitgehend mit den nicht unerheblichen Nachteilen in diesen zwei Wochen arrangiert.

Voriger Artikel
Süßes im OP und der „Waffenschreck“
Nächster Artikel
Viele Baustellen bei der BG Göttingen

Reparatur- statt Schnellzüge auf der Strecke zwischen Kassel und Hannover.

Quelle: Hinzmann

Göttingen/Hannover. Und: Es sieht derzeit nicht so aus, als werde die zweiwöchige Dauer der Gleisbettsanierung überschritten. Die Bahn rechnet damit, dass die Züge im Fernverkehr ab Montag, 9. Mai, um fünf Uhr früh wieder ganz normal über die Schnellfahrstrecke rauschen.Die gute Nachricht: Die Arbeiten liegen im Plan, böse Überraschungen sind ausgeblieben, versichert die Deutsche Bahn. Bereits abgeschlossen ist die Reinigung des kompletten Schotterbettes, erklärt Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis. Derzeit würden die Schienen wieder verschweißt.

In der kommenden Woche werden die sogenannten Stopfarbeiten vorgenommen. In diesem sehr umfangreichen Arbeitsschritt wird der Schotter maschinell so zurechtgerüttelt, dass die möglicherweise noch etwas uneben liegenden Schienen vertikal und horizontal ausgerichtet werden. Am Freitag war die dafür vorgesehene Stopfmaschine im Bereich Northeim im Einsatz.

Auch der Ersatzfahrplan wird eingehalten, erklärt die Bahn. Seit Beginn der Bauarbeiten auf der Schnellfahrstrecke fahren die Züge im Fern- und Nahverkehr nach diesem Fahrplankonzept. Das allerdings bedeutet Nachteile für Bahnkunden: Die Züge des Fernverkehrs werden umgeleitet und haben daher verlängerte Fahrzeiten oder geänderte Abfahrt- und Ankunftszeiten. Die Züge der Linien RB 80 und RB 82 (Göttingen–Northeim/Kreiensen) fallen zwischen  Göttingen und Northeim oder Kreiensen ganz aus. Dafür steht den Reisenden ein stündlicher Ersatzverkehr mit Bussen zwischen Göttingen und Northeim zur Verfügung. Fahrgäste zwischen Göttingen und Kreiensenkönnen die Züge der Linie RE 2 nutzen.

Die Universität Göttingen und Firmen aus der Region wie Sartorius oder Ottobock nehmen die Änderungen gelassen hin. Insgesamt, erklärt Meyer-Lovis, hätten sich die Bahnkunden gut auf die veränderte Situation eingestellt. Um sie bei Laune zu halten, hat sich die Bahn ein kleines Extra einfallen lassen: In den Fernverkehrszügen werden Heftchen mit Geschichten verteilt.

Wie geplant werden die Änderungen, Ausfälle und Einschränkungen am Montag, 9. Mai, ihr Ende finden: Dann werden alle Arbeiten beendet sein, um 5 Uhr morgens soll die gesamte Strecke wieder freigegeben werden, versichert Meyer-Lovis.

Die Kosten für die gesamten Bauarbeiten liegen bei etwa 15 Millionen Euro. Dazu kommen Einnahmeausfälle und Kosten für Kulanzregelungen. Wesentlich teurer wird es 2019: Dann steht eine Grunderneuerung der Schnellbahntrasse an.

Die Bahnverbindung Hannover-Göttingen-Kassel ist eine der meistbefahrenen Streckenabschnitte der Bahn in ganz Deutschland. Üblicherweise rollen hier täglich mehr als 150 Fern- und Güterzüge über die Gleise.

Rechte für Fahrgäste

Zusätzlich zu den gesetzlichen Fahrgastrechten bietet die Deutsche Bahn betroffenen Kunden während der Streckensperrung Kulanzregelungen an: Kunden mit einer ICE- oder IC-Zeitkarte im Abo werden aktiv von der DB angesprochen und erhalten eine Teilerstattung. Betroffene Kunden mit einer BahnCard 100 werden gebeten, sich für die Kulanzregelung beim Bahncard-Service zu melden. Zeitkarteninhaber mit IC-Berechtigung können zudem ohne Aufpreis die ICE-Züge nutzen.

Bereits gekaufte Flex- und Sparpreistickets wie auch Reservierungen werden kostenlos erstattet. Außerdem wird für die bisher gekauften Sparpreistickets die Zugbindung aufgehoben.  

„Freiwilliger Zwangsurlaub“ statt Stress mit langsamen Ersatz-Zügen

Viele Pendler ärgern sich über die gesperrte ICE-Trasse und die Folgen, viele nehmen sie aber auch weitgehend gelassen hin

Berufspendler trifft die zweiwöchige Sperrung der ICE-Strecke besonders. Manche sind darüber sehr verärgert und haben spontan Urlaub genommen, andere nehmen es gelassener und stellen sich irgendwie darauf ein – und stehen früher auf.

„Es ist nicht so furchtbar, wie ich befürchtet hatte“, stellt Immo Rühling nach der ersten Woche fest. Der Richter pendelt fast täglich von Groß Schneen nach Hildesheim – eigentlich mit dem ICE um 7.02 mit einer halben Stunde Fahrzeit. Dieser Zug fährt zurzeit nicht, der Ersatzzug um 6.29 Uhr ist ihm zu früh, der Zug gegen 9.30 Uhr zu spät. Rühling ist auf den Metronom um 7.07 Uhr umgestiegen. „Das ist O.K. - mit Einschränkungen.“ Der Zug sei mit Schülern und anderen Kurzstreckenpendlern  „immer rappelvoll, Arbeiten mit Akten geht da gar nicht“. Nach Feierabend nehme er meistens den ICE um 15.25 Uhr - „der fährt, aber eben langsam“. Unterm Strich sei er täglich eine Stunde länger unterwegs, so Rühling. „Nerviger als der Zeitverlust ist es, dass man sich komplett anders organisieren muss, bei der Terminplanung und auch mit der Familie.“

Immo Rühling

Quelle: r

Torsten Lehmann aus Klein Wiershausen pendelt berufsbedingt seit 20 Jahren auf der Strecke Göttingen-Hannover. Die derzeitige Situation „regt mich nicht auf“. „Dafür habe ich schon zu viel erlebt mit der Bahn, dann nimmt man das halt so hin.“ Dennoch sei es schon ärgerlich, dass sich die Fahrzeit je Strecke um bis zu 45 Minuten verlängert - „das ist ein erheblicher Freizeitverlust“. Um pünktlich zur Arbeit zu kommen, nimmt Lehmann zurzeit den Metronom um 6.07 Uhr – fast eine Stunde früher als üblich - und abends kommt er später nachhause.

Torsten Lehmann.

Quelle: r

„Ich bin also eher der Nachtruhe beraubt.“ Noch ärgerlicher sei die Situation für Pendler, die auf Anschlusszüge oder Busse angewiesen seien, ergänzt der Klein Wiershäuser. Ein Arbeitskollege von ihm habe als Göttingen-Pendler spontan zwei Wochen Urlaub genommen. Immerhin zeige sich die Bahn Pendlern gegenüber großzügig, sagt Lehmann: Sie erstatte 20 Prozent der Fahrkarten-Kosten - „macht bei mir 50 Euro“. Verwunderlich sei es allerdings schon, „dass so ein scheinbar dramatischer Streckenschaden nicht früher offenkundig geworden ist und nun in einer Hau-Ruck-Aktion behoben werden muss“.       

Die Göttinger SPD-Landtagsabgeordnete Gabriele Andretta nimmt die Trassensperrung ebenfalls  weitgehend gelassen hin: „Statt um 7.41 nehme ich den Zug um 7.22 ab Göttingen, die längere Fahrtzeit nutze ich zum Arbeiten.“ Ärgerlicher als das seien die ständigen generellen Verspätungen der Züge - „offenbar hat sich die Bahn aufgegeben“.

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann zeigt „großes Verständnis dafür, dass vor allem tägliche Pendler von dem veränderten Fahrplan genervt sind“. „Auch ich bin davon betroffen – die Fahrzeiten sind länger und es gibt weniger Züge“. Er versuche das gelassen anzugehen, „es hilft ja nichts, die Gleisarbeiten sind nun einmal nötig“. Die zusätzliche Zeit im Zug nutze er wie sonst auch zum Arbeiten.

Thomas Oppermann.

Quelle: r

Martin Willing, der täglich nach Hannover pendelt, hat sich wegen der Streckensperrung einen „freiwilligen Zwangsurlaub“ verordnet: „Den Stress tu ich mir nicht an“, sagte der Rosdorfer Gemeindebrandmeister, der beim Niedersächsischen Innenministerium im Referat Brand- und Katastrophenschutz arbeitet. „Vorher brauchte ich 45 Minuten hin und 45 Minuten zurück, jetzt wären es jeweils 80 Minuten. Dann könnte ich meine Dienstzeit nicht planen, sondern hinge auf irgendwelchen Bahnhöfen herum. Das Theater mache ich nicht mit, hier habe ich wenigstens meine Ruhe.“ Allein sei er mit seiner Zwangspause nicht: „Ein Kollege von mir macht haargenau das gleiche.“

Kolumne

Vom ICE zum Literarischen Salon

Wenn es den größtmöglichen Gegensatz zu schönen Überraschungen und Karneval in Rio gibt, kann es sich bestenfalls um das Finanzamt Hannover handeln, wahlweise eine beliebige KFZ-Zulassungsstelle in dieser Republik oder die Deutsche Bahn. Dachte ich. Man lernt nicht aus. Opper-man-n auch nicht.

Erster Streich: Als "Entschädigung für die Unannehmlichkeiten" bietet mir der Zugbegleiter Lektüre an. Feiner Zug. Die Unannehmlichkeiten durch die Streckensanierung zwischen Hannover und Kassel: Statt er üblichen 32 Minuten dauert die Fahrt im ICE nun regelmäßig mehr als eine Stunde. Die Entschädigung: Seneca. Titel: "Das Leben ist kurz" - Humor haben sie auch noch bei der Bahn. Man staunt.

Aber es kommt noch besser: Zweiter Tag, anderer Zugbegleiter, und auch der läuft mit einem Tablett voller Reclam-Sonderausgaben durch den Wagen. Dazu die wie selbstverständlich und fast bei- und weltläufig vorgetragene Frage: "Darf's eine Novelle sein?" Zum Niederknien schön. Zwar wäre der alte Pony-Express leicht imstande, jeden ICE auf der Strecke Hannover - Göttingen während der Bauarbeiten zu schlagen, aber in diesem Fall kann man sich die Bummelbahn schönlesen.

   

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Wochenendkolumne

Halbzeit bei der ICE-Streckensperrung Hannover - Kassel. Da wird die DB-App mit dem aktuellen Fahrplan zu besten Freund, selbst wenn ich fürchten muss, mir nach zwei Wochen einen Tennisarm geklickt zu haben.

  • Kommentare
mehr
Weihnachtsdeko in Göttingen und Umgebung