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Jodeln auf dem Campus

App für Uni-Anekdoten Jodeln auf dem Campus

Mit der App „Jodel“ können lustige Uni-Anekdoten ausgetauscht werden – aber es kann auch über Dozenten gelästert werden. Tageblatt-Mitarbeiterin Hannah Scheiwe hat sich angesehen, warum der Hype um die Studenten-App anhält.

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Quelle: r

Göttingen.  In die Bierwirtschaft – kurz Biwi genannt – kann man eigentlich immer gehen. Wenn die Eltern mal zu Besuch sind, oder die Freunde aus der Heimatstadt. Sogar zum ersten Date. Der Eindruck entsteht zumindest, wenn man auf dem Campus der Universität Göttingen steht und die Messenger-App „Jodel“ öffnet.

„Biwi“ ist dort häufig die Antwort, wenn nach Tipps zum Ausgehen gefragt wird. Oder danach, wo man am besten Freunde findet. „In Wirklichkeit geht niemand dort hin“, sagt BWL-Student Robert Hahne, der die Biwi als eher ranzig beschreibt. Bestimmt nicht geeignet für das erste Date. Aber die Biwi ist ein Running Gag in Göttingens „Jodel“-Community.

"In Göttingen wird viel mehr gejodelt als in meiner Heimatstadt Hamburg – und es wird nicht nur über Dozenten gelästert, sie werden auch mal gefeiert, wenn sie etwas Witziges machen", Robert Hahne (20). BWL-Student.

Quelle: Scheiwe

Sowieso wird die App, die standortbasiert ist, – das heißt: die anonymen Nachrichten können nur im Umkreis von zehn Kilometern gelesen werden – viel zum Teilen von Witzen und kleinen, manchmal peinlichen Alltagsanekdoten genutzt. Schließlich weiß keiner, von wem die Nachricht kommt. So muss man beim Posten nicht so viel über den korrekten Inhalt nachdenken wie bei einer WhatsApp-Nachricht oder einem Facebook-Beitrag.

Amüsiert wird von einem Nutzer beispielsweise über eine Statistik-Vorlesung gejodelt: „Da hat doch heute tatsächlich der Dozent Statistik mit Verteidigung gegen die dunklen Künste verglichen.“ Es werden Ersti-Witze gemacht – vor allem über Johannes (17), Ersti, der von Jodlern erfunden wurde: „Kann mal bitte der Jahrgangssprecher ins Dozentenzimmer gehen und den Prof holen? Johannes, 17, Ersti“. Neben Unithemen werden aber auch Liebeskummer oder die Party letzte Nacht diskutiert.

"Ich jodel immer, wenn ich gerade Zeit und nix zu tun habe – vor allem über Dinge aus dem alltäglichen Leben", Becky Wille, BWL-Studentin.

Quelle: Scheiwe

„Ich jodel häufig, wenn etwas Witziges in der Vorlesung passiert“, erzählt Student Hahne – und bezeichnet Göttingen als die „Jodelhauptstadt“ in Deutschland. Der Erfinder der bei Studenten so beliebten App, Alessio Avellan Borgmeyer, will das nicht kommentieren, aber er sagt: „In Studentenstädten wird am meisten gejodelt und Göttingen hat eine sehr gute Community.“

Trotz der guten Gemeinschaft ist es im vergangenen Jahr zu einem Zwischenfall gekommen, der strafrechtlich verfolgt wurde. Eine Dozentin wurde über die App sexuell belästigt. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. „Es wären über 100 000 Daten gewesen, die hätten ausgewertet werden müssen“, sagt Frank-Michael Laue, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Göttingen. Dieses Vorgehen habe das Amtsgericht als unverhältnismäßig eingestuft und das Verfahren deshalb eingestellt. Eine Problematik, die aus der Anonymität der App resultiert.

"Ich habe in Vorlesungen mehr Zeit mit Jodel verbracht als mit der Vorlesung selbst. Deswegen habe ich die App jetzt gelöscht", Paul (39), Student der Ethnologie und Politikwissenschaft.

Quelle: Scheiwe

Das schätzt Gründer Borgmeyer anders ein: Er sieht den Grund für Lästereien eher im gemeinsamen Standort der Nutzer. „Wenn viele Menschen aus einer Umgebung zusammenkommen, gibt es immer schwarze Schafe“, sagt Borgmeyer und vergleicht die Situation mit einer öffentlichen Versammlung, wo auch mal wer dazwischen schreie oder handgreiflich werde. Nur dass dabei die Täter meist leichter ermittelt werden können.

Dass es sich bei den Beleidigungen um schwarze Schafe handelt, und nicht um die Mehrheit der Nutzer, sehen auch viele Göttinger Studenten so. „Die meisten Nachrichten sind echt freundlich“, findet die 20-jährige Minke Preckel. Negative Posts seien oft in fünf Minuten weggevotet. Der 29-jährige Paul hat damals die belästigenden Nachrichten auf Jodel mitgekriegt, hält diese aber für einen Einzelfall. „Die App gibt ein gutes Community-Gefühl“, sagt der Ethnologie- und Politikstudent, auch wenn er sie wieder gelöscht hat. Seine Begründung: „Jodel ist zu ablenkend“.

Die gemeinsame Umgebung und die Anonymität sind eben nicht nur wegen der Lästereien problematisch, sondern auch das, was die App so erfolgreich macht. Das bemerkte Borgmeyer, als er eine andere Messenger-App namens „TellM“ in den USA mitentwickelte, in der Freunde anonym kommunizieren können – der Inhalt sollte zählen, nicht wer der Verfasser ist. Dabei stellte er fest, dass es für sein Ziel, viel relevanten Inhalt an die Leute zu bringen, eher auf die gemeinsame Umgebung als auf die gemeinsamen Freunde ankommt. Was am eigenen Campus los ist, interessiert schließlich fast jeden Studenten. Genauso wie bestimmt fast jeder Student schon einmal in der Biwi war.

Von Hannah Scheiwe

Wie funktioniert Jodel?

Gejodelt wurde früher nur in den Bergen, von Alm zu Alm. Seit 2014 wird auch virtuell gejodelt, auf der Messenger-App „Jodel“. Die von Alessio Avellan Borgmeyer erfundene App startete zuerst in Aachen – mittlerweile gibt es sie in ganz Deutschland und anderen europäischen Ländern. Das Prinzip ist einfach: Man braucht kein Profil und keinen Benutzernamen, sondern schreibt anonym Nachrichten, sogenannte Jodel. Diese werden dann allen Nutzern im Umkreis von zehn Kilometern angezeigt.

„Man jodelt etwas in die Welt hinaus und es wird in der Umgebung gehört“, erklärt Jodel-Gründer Borgmeyer so den App-Namen. Die Jodel können von den anderen Nutzern hoch- oder heruntergevotet werden. Hat ein Jodel fünf Minus-Votes wird er gelöscht. Außerdem können unangemessene Beiträge gemeldet und vom Jodel-Team gelöscht werden. Bei mehrmaligen Verstößen können Nutzer blockiert werden.

Für die Upvotes eigener Jodel gibt es Karmapunkte. Damit kann man sich zwar nichts kaufen, die Jodel mit den meisten Upvotes werden aber unter der Katgeorie „Lauteste Jodel“ angezeigt. Und ein bisschen gutes Karma schadet ja nie. hsc

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