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Jugendburg mit 600-jähriger Geschichte

Burg Ludwigstein Jugendburg mit 600-jähriger Geschichte

Vom Zeichen der Macht zum Zeichen der Jugend: Burg Ludwigstein.

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Vom Zeichen der Macht zum Zeichen der Jugend: Burg Ludwigstein.

Quelle: Miriam Gerke

Göttingen. Wie ging es auf der Burg Ludwigstein im Mittelalter zu? Das ist eine der Fragen, denen sich ein neues Buch des Göttinger Verlags Vandenhoeck & Ruprecht widmet. Das Buch versammelt Aufsätze zu Themen über die Geschichte der Burg. Herausgeber sind der Marburger Geschichts-Professor Eckart Conze und Susanne Rappe-Weber, die Leiterin des auf der Burg beheimateten Archivs der deutschen Jugendbewegung.

Altertümliche Aura und Schönheit

Die Burg über der Werra ziehe seit ihrer Gründung vor rund 600 Jahren die Blicke der Reisenden auf sich, schreiben die Herausgeber im Vorwort. „Wurden in den ersten Jahrhunderten Macht und Herrschaft mit dem Gebäude verbunden, so änderte sich das seit dem 19. Jahrhundert zugunsten des Empfindens von altertümlicher Aura und Schönheit. Diese allgemein positive Wahrnehmung schlug sich im aufkommenden Wander-Tourismus auch im Werratal nieder und ließ sich seit 1920 für den Ausbau zu einer Jugendburg nutzen, die seitdem eine Vielzahl von Besuchern und Gästen anzieht.“

Das geschichtliche Hauptinteresse habe bisher der Rolle der Burg in der Jugendbewegung im 20. Jahrhundert gegolten. Die frühere Geschichte der Burg sei dagegen weniger erforscht. Und im Bereich der Moderne sei die Einbettung der Burggeschichte in die allgemeine Geschichte der Jugendbewegung noch nicht ausreichend erfolgt. Zu beiden Aspekten stellt der Aufsatzband neue Forschungsergebnisse vor.

Ludwigstein

Eckart Conze / Susanne Rappe-Weber (Hg.): Ludwigstein. Annäherungen an die Geschichte der Burg. V&R Unipress, geb., 500 Seiten mit Abbildungen, 40 Euro.

Dabei wird auch die Deutung in Frage gestellt, nach der die Burg schon bald nach ihrer Gründung an Bedeutung verloren habe und in einen Dornröschenschlaf gefallen sei, aus dem sie erst die Jugendbewegung im 20. Jahrhundert aufgeweckt habe. Eine Analyse des Baubestandes zeige vielmehr, dass es nach der Gründung einen 200 Jahre ausdauernden Ausbau der Burg gegeben habe: „Als Amtssitz an der Grenze bot sie den hessischen Landgrafen die Möglichkeit, gegenüber konkurrierenden Herrschaften innerhalb und außerhalb des eigenen Territorium Präsenz zu zeigen.“ 22 adlige und nichtadlige Amtmänner versahen zwischen 1416 und 1663 im Auftrag des Landgrafen ihren Dienst auf der Burg.

Von der Jugendbewegung übernommen

Einige Aufsätze in dem Buch befassen sich mit den Bewohnern und den Lebensbedingungen während der Frühen Neuzeit bis in das 19. Jahrhundert hinein. Auch die Rolle des Adels an der Werra in diesem Zeitraum wird untersucht. Um die zur Burg gehörigen Äcker und Wiesen zu bestellen, wurden Ende des 15. Jahrhunderts Schäfermeister, Schäfer, Schafsknechte, Kuh- und Schweinehirten, Mägde und ein Eseltreiber beschäftigt. „Ihr Lohn bestand außer in Geld auch aus Kleidung und Schuhen“, schreibt Sven Bindczeck.

Natur und Volkslied: Jugendbewegung

Als Gegenreaktion auf Industrialisierung und Urbanisierung entstand um 1900 die vor allem in bürgerlichen Kreisen verankerte Jugendbewegung.

Ziel war, inspiriert von romantischen Idealen, eine Hinwendung zur Natur und der Rückgriff auf traditionelle Formen der Geselligkeit. Dabei spielten Volkslieder eine große Rolle. In der Jugendbewegung schwang zudem die Rebellion gegen ein als zu eng empfundenes schulisches und gesellschaftliches Umfeld mit.

Den Auftakt machte ab 1896 die Wandervogel-Bewegung, die zunächst in Berlin entstand und sich dann im deutschsprachigen Raum verbreitete. Innerhalb der Jugendbewegung entstand eine Vielzahl von weltanschaulich unterschiedlich ausgerichteten Gruppen. Ein gemeinsames Merkmal war jedoch, dass selbstorganisiert, meist unter der Führung junger Erwachsener, Wanderungen und Fahrten veranstaltet wurden.

Während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurden die von den Machthabern als zu individuell gebrandmarkten Jugendbünde unterdrückt oder zwangsweise in die Hitler-Jugend eingegliedert. Das Spektrum des Verhaltens der Bünde gegenüber dem Nationalsozialimus reichte von Begeisterung bis hin zum Widerstand. Nach 1945 kam es zur Neugründung von Verbänden aus dem Geist der Jugendbewegung.

Die Burg Ludwigstein war bereits 1920 von Jugendgruppen erworben und als ein Zentrum der Jugendbewegung hergerichtet worden. Heute befinden sich dort eine Jugendherberge, ein Zeltplatz, eine Jugendbildungsstätte und das Archiv der deutschen Jugendbewegung. Nach Angaben der Stiftung Jugendburg Ludwigstein übernachten auf der Burg jährlich rund 15 000 Gäste. Gruppen aus Jugendbünden leisteten noch heute jährlich rund 5000 freiwillige Arbeitsstunden, um die Burg instand zu halten und auszubauen. bar

Während des 17. Jahrhunderts verlor die Burg, auch durch den Dreißigjährigen Krieg, an Bedeutung. Das Amt wurde nach Witzenhausen verlegt. 1812 lebten laut Bindczeck noch zehn Personen auf der Burg. Pächter und Verwalter seien allmählich nach Wendershausen aufs Vorwerk gezogen, wo sich längst der Mittelpunkt der Landwirtschaft befunden habe: „Erst 1920 kehrte mit dem Aufbau des Ludwigsteins als Jugendburg wieder neues Leben zurück auf die Burg.“ Die Ruine wurde von Gruppen der Jugendbewegung übernommen und als Jugendburg wieder aufgebaut. Eine treibende Kraft dabei war der Wandervogel Enno Narten. Weitere Aufsätze in dem Buch beschäftigen sich mit Protagonisten und Gruppen der Jugendbewegung.

Liedtexte: Jugendbewegte Lieder

In Walter Scherfs Zeit auf dem Göttinger Johanniskirchturm 1946-1949 entstanden unter anderem diese beiden Lieder:

Quellen rauschen die ganze Nacht

Und alle Wasser fließen nach Süden,

Quellen rauschen die ganze Nacht.

Wind erzählt uns seltsame Dinge,

Stunde um Stunde am Feuer durchwacht.

Wie der Waldkauz schreit,

wie der Nachtwind weht:

Spät erst dämpft der Schlaf unser Herz.

Fremde Träume stehn in den Gluten,

anderer Welten Zauber und Ruf.

Schimmernde Sterne über den Schläfern,

Traum, den der Berg in der Tiefe erschuf.

Tief in Erz und Stein

sinkt das Herz in Schlaf.

Wandert hell das Silbergestein.

Nebel und Wolken dämmern im Tale,

fremd erwacht der gespenstische Wald.

Spötter narrt einsam hoch in den Erlen,

tot ist die Glut, und der Frühwind geht kalt.

Wie der Nebel weht,

wie der Tag erwacht:

Anders, stiller wird unser Herz.

Die Regenfrau

Der Nebel dämpft das Morgenlicht,

und alles Wesen flüsternd spricht,

das Land verhangen grau,

im Felde singt die Regenfrau.

Der Weg ist lang, der Weg ist weit.

Wir wandern tief am Grund der Zeit.

Der Sommer ist verbrannt,

ein fahler Rauch weht durch das Land.

Das Jahr geht aus, der Regen fällt.

Ein andrer Herr regiert die Welt.

Der Wind ist nass und schwer,

das Land ertrinkt im Regenmeer.

Diese Texte finden sich in dem Buch: „tejos Lieder“, herausgegeben von Helmut König und Paul Rode unter Mitwirkung von Rainer Kurtz. Verlag der Jugendbewegung, gebunden, 263 Seiten, 29 Euro. Das Buch enthält insgesamt 132 Lieder und Liedsätze. 35 davon werden Scherfs Zeit auf dem Johanniskirchturm zugeordnet.

Lieder für die Jugend aus Göttingen: Walter Scherf wohnte von 1946 bis 1949 im Johanniskirchturm

Die Burg Ludwigstein ist es bis heute, der Nordturm der Göttinger Johanniskirche war es zumindest für einige Jahre: ein Zentrum der Jugendbewegung.

Die ehemalige Türmerwohnung wurde von 1921 bis 2001 vermietet. Nach 1945 wurde die hoch gelegene Behausung von der Akademischen Freischar genutzt. Ein Freischar-Mitglied machte den Johanniskirchturm zu einem Zentrum der Jugendbewegung: Walter Scherf. Er wohnte damals im Turm und wurde Bundesführer der deutschen Jungenschaft. Später trat er als Übersetzer und Märchenforscher hervor.

Scherfs Göttinger Anschrift: „tejo, Göttingen, Johanniskirchturm“.

Quelle: Christina Hinzmann

Scherf wurde 1920 in Mainz geboren und starb 2010 in München. Von 1946 bis 1949 studierte er unter anderem Physik, Mineralogie und Musikwissenschaft an der Universität Göttingen. Zu dieser Zeit wohnte er in der Türmerwohnung. Er gründete und leitete Jugendgruppen und war 1949 Bundesführer der deutschen Jungenschaft. Sein Fahrtenname lautete tejo.

Zentrum der Jungenschaften in Norddeutschland

Scherf schrieb damals Lieder für die Jugendbewegung. Werke dieser Zeit finden sich beispielsweise in der von ihm im Selbstverlag herausgebrachten Zeitschrift „Unser Schiff“. Weitere Veröffentlichungen aus dem Geist der Jugendbewegung wie „Tipi, Zelt und Kothe“ oder „Das große Lagerbuch“ entstanden. Vor einigen Jahren brachte der Verlag der Jugendbewegung „tejos Lieder“ noch einmal als Buch heraus. Im Vorwort wird Scherfs herausragende Rolle in der Jugendbewegung betont: Seine Wohnung im Johanniskirchturm sei binnen kurzer Zeit zu einem Zentrum der Jungenschaften in Norddeutschland geworden: „Die Postanschrift ‚tejo, Göttingen, Johanniskirchturm‘ war auch für die Post ausreichend.“ Durch neue Ideen und durch eine neue Art der Musik habe tejo der Jugendbewegung gegenüber der Zeit vor 1933 neue Impulse gegeben.

Studium nach der Pension

In späteren Jahren entwickelte sich Scherf zu einem renommierten Märchenforscher. Im Anschluss an das Studium arbeitete er zunächst als Setzer, Zeitschriften-Redakteur, Lektor und Verlagsleiter. 1957 wurde er Direktor der Internationalen Jugendbibliothek in München. Daneben war er auch als Übersetzer aus dem Englischen tätig. Neben „Der kleine Hobbit“ von J.R.R. Tolkien übersetzte er weitere Klassiker der Jugendliteratur wie „Gullivers Reisen“, „Die Schatzinsel“, „Robinson Crusoe“ oder „Tom Sawyer“. Scherf erzählte auch Volksliteratur nach, so etwa Perraults „Gestiefelten Kater“ oder Hermann Botes „Till Eulenspiegel“.

Nach seiner Pensionierung im Jahr 1982 setzte er sein in den sechziger Jahren begonnenes Studium der Pädagogik, Psychologie und Volkskunde an der Universität München fort. 1986 promovierte er mit einer Arbeit über „Form und Funktion grausiger Kindermärchen“. Danach war er bis 2001 Lehrbeauftragter für Volkserzählforschung in Innsbruck und München. Scherf wurde mehrfach für sein Werk ausgezeichnet. Er publizierte zu Themen im Bereich Märchen sowie Kinder- und Jugendliteratur. Zu seinen Veröffentlichungen zählen unter anderem das Lexikon der Zaubermärchen und das zweibändige Märchenlexikon, das 1995 erschien. bar

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